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Kinderlandverschickung

Im Oktober 1940 wurde ich 6 Jahre alt und im darauf folgenden Monat wurde ich mit der K.L.V. nach Schneeberg ins Erzgebirge verschickt. Es reisten immer mehr Kinder, die in den vom Bombenterror bedrohten Städten lebten, in weniger gefährdete Gebiete Deutschlands. In meiner Erinnerung waren es hauptsächlich Sachsen und Bayern, wohin die Transporte fuhren. Es ging auf dem Bahnhof Altona los, wo es nur so von Kindern wimmelte. Alle hatten eine Karte an einem Bindfaden um den Hals. Darauf standen die eigenen Personalien sowie der Name und die Adresse der Familie, der man zugewiesen wurde. Ich weiß, dass ich im Zug schon erste Heimwehtränen vergossen habe. Als wohlbehütetes Einzelkind, das hauptsächlich mit dem Großvater zusammen war, hatte ich es natürlich schwer, Kontakt zu anderen Kindern zu bekommen. Deshalb war die Fahrt für mich endlos.

Da ich schon etwas lesen konnte, habe ich auf meiner Karte den Namen Oswald Meier entdeckt und mich wohl hundertmal gefragt, was das für ein Mensch war und ob auch eine Frau dazu gehörte. Als wir endlich am Ziel waren, wurde ich einem Mann zugewiesen, also Onkel Oswald, der mich an die Hand nahm - von einer Frau war nichts zu sehen. Ich weiß noch genau, dass ich nur geweint habe.

Als wir dann mein neues Zuhause betraten, kam eine Frau auf mich zu, in deren ausgebreitete Arme ich sofort flüchtete. Sie nannte mich Mein Häsel - Schäfel! (Hase und Schaf). Das war Tante Gretel! Sie hatten beide keine Kinder. Es gab am Anfang einige Sprachschwierigkeiten, aber schon bald - da ich auch mit anderen Kindern zusammen kam - babbelte ich im Sachsen-Dialekt.

Die Liebe, die mir diese beiden Menschen entgegen brachten, hat ganz schnell mein Heimweh vertrieben. So habe ich ein unvergessliches Weihnachten bei ihnen erlebt, dessen Höhepunkt die Weihnachtspyramide war, die ich selbst mit aufbauen durfte. Es gab Räucherkerzen, einen Schwippbogen und damit ich nichts vermisste, einen Tannenbaum - nur für mich! Onkel Oswald machte den Weihnachtsmann, dem ich aber ganz schnell auf die Schliche kam. Sie schenkten mir unter anderem einen Schlitten. Am nächsten Tag trafen sich alle Nachbarskinder zum Rodeln. Für mich etwas ganz Neues. Auch soviel Schnee hatte ich bis dahin nicht erlebt.

Inzwischen fühlte ich mich in Schneeberg so wohl, dass ich von einer Rückkehr nach Hamburg nichts wissen wollte. Aber ich wurde im Herbst 7 Jahre und meine Einschulung stand bevor. Meine Mutter wollte, dass ich in Hamburg zur Schule ging. Ein bisschen Glück hatte ich, da im September 1941 erstmalig die Einschulungen nicht mehr zu Ostern, sondern im Herbst stattfanden. So hatte ich noch eine Galgenfrist, bis es dann im August Ernst wurde und ich wieder nach 10 Monaten zu meiner Mutter zurückkehrte. Natürlich habe ich mich ganz schnell wieder zu Hause eingewöhnt. Meine Mutter hatte die erste Zeit mit meinem Dialekt einige Schwierigkeiten und die Kinder meiner Umgebung haben mich ausgelacht. Ich muss ganz schlimm gesächselt haben. In meinen ersten großen Ferien 1942 bin ich für 6 Wochen nach Schneeberg gefahren. Ich habe gebettelt, dass Onkel und Tante mit mir die Weihnachtspyramide aufbauen. Man stelle sich das vor - mitten im Hochsommer! Aber sie haben mir diese Freude gemacht. Wir hatten verabredet, dass ich meine Sommerferien im nächsten Jahr wieder in Schneeberg verbringen würde. Aber dann kam der Sommer '43, in dem Hamburg im Bombenhagel unterging. Wir hatten andere Sorgen. Auch wollte meine Mutter sich in diesen unruhigen Zeiten nicht mehr von mir trennen.

Nach Kriegsende gingen viele Briefe hin und her und später, als es bei uns langsam wieder bergauf ging, haben wir Lebensmittel geschickt. Aber leider haben wir uns nie wieder gesehen, was ich zutiefst bedaure. Wenn ich heute voller Wehmut an die Zeit in Schneeberg denke, steht immer die Liebe im Vordergrund, die mir diese beiden Menschen geschenkt haben.