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Trümmer

Noch viele Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, haben die Trümmer der Bombardierung, das Stadtbild Hamburgs bestimmt. Wenn man durch die Straßen der Stadt ging, war es angesichts der Ruinen und der Trümmer einfach nicht vorstellbar, dass diese Unmengen Schutt irgendwann weggeschafft werden konnten.

Die Stadtteile Hammerbrook, Rothenburgsort, Hamm, Borgfelde und St. Georg hatte es besonders hart getroffen. Dort hatte der Feuersturm getobt und radikal alles verwüstet. Ich werde nie vergessen, eines Tages stand ich mit meiner Großmutter am Rande von Hammerbrook, noch heute kann ich mich an die grausame Stille und an den Chlorgeruch erinnern, der über diesem toten Stadtteil lag! Keine Menschenseele war in diesem Gebiet zu sehen. Nur Trümmer und Ruinen! Weil man die vielen Leichen noch nicht so schnell hat bergen können und dadurch die Seuchengefahr groß war, hatte man Hammerbrook zum Sperrgebiet erklärt. Einige Straßenzüge wurden zugemauert. Trotzdem hat es viele verzweifelte Menschen immer wieder in diesen Teil der zerstörten Stadt gezogen, um in den Trümmern nach ihren vermissten Angehörigen zu suchen.

Wir wohnten bis zur Ausbombung im März 1945 in der Nähe des Altonaer Fischmarktes.

Ich war ein zehnjähriges Mädchen, als das Haus, in dem ich bis dahin mit meiner Familie gelebt hatte, in Schutt und Asche fiel. Für mich, wie wohl für jedes Kind etwas Unbegreifliches. Wir sind bei einer Schwester meiner Mutter in Ottensen unter gekommen. Von da war es ein weiter Weg bis zu den Ruinen unten am Fischmarkt. Aber ich weiß noch, dass ich mir ganz allein, -zig mal den weiten Weg gemacht habe - die Straßenbahn fuhr damals noch nicht - um dort in den Trümmern zu buddeln, nur um irgendetwas Vertrautes zu finden, oder vielleicht sogar noch etwas Brauchbares. Irgendwann bin ich bei meiner Buddelei auf kleine Indianer, kleine Krieger und anderes Spielzeug gestoßen, das meinem damaligen Spielkameraden Heinzi gehörte, der zwei Etagen über uns wohnte. Wir haben öfter bei ihm zu Haus in der Küche gespielt. Seine Spielsachen, die für mich etwas ganz Neues waren, befanden sich in der Küchenbank unter dem Sitz.

Heinzi Petersen, etwas jünger als ich! Wo war er zu dem Zeitpunkt, als ich in den Trümmern grub? War er noch am Leben? Konnte er mit seiner Familie das Haus noch rechtzeitig verlassen? Sind sie alle überhaupt in einen Luftschutzraum gegangen, denn es waren nur Rückflüge angesagt, die oftmals von der Bevölkerung nicht so ernst genommen wurden. Man vertrat die Meinung, dass dann die Bomber ihre grausame Fracht schon anderweitig abgeworfen hatten.

Wie gerne hätte ich meinem kleinen Spielkameraden seine Schätze übergeben, die ich nun an mich genommen hatte.

Ich habe noch Kochtöpfe, Emailleschalen und Bestecke, die uns gehörten gefunden, die ich alle mit nach Ottensen geschleppt habe, und die für uns in der ersten Zeit sehr nützlich waren. Wie die meisten Kinder spielte ich sehr gerne in den Trümmern, was aber verboten war, denn es passierte zuviel z. B. durch das Zusammenfallen von Restmauern. Wir Kinder bauten uns Höhlen, die richtig gemütlich waren. Wir schleppten Kissen und Decken an und wenn jemand eine Taschenlampe organisieren konnte, war das das Größte. Aber wir haben auch in den Trümmern getobt und Versteck, gespielt. Ein Spielkamerad von mir, fiel dann auch ein paar Meter tief in einen Schacht. Er kam mit einem Milzriss ins Krankenhaus. Ich als Stadtkind hatte zu der Zeit den ersten Kontakt zu einem Blumenbeet, das ich mir mit einer Freundin zusammen in den Trümmern angelegt hatte. Sie war irgendwie an Samen für Blumen und Petersilie gekommen. Ansonsten hatten wir uns irgendwelche Pflanzen ausgegraben, die wir fanden, um sie dann einfach in unser Beet wieder einzupflanzen.

Aber es gab auch ein wirkliches Leben in den Trümmern. Man sah manchmal alte Ofenrohre, aus denen Qualm empor stieg, vom Kochen oder Heizen, oder Wäsche, die im Winde flatterte. Das waren Hinweise auf selbst erbaute Höhlen, in denen Obdachlose sich eingerichtet hatten. Sie lagen sehr versteckt, denn das war nicht erlaubt. Aber wo sollten die armen Menschen denn auch hin? Oft hörte man, dass diese primitiven Notunterkünfte eingestürzt waren und so zum Grab für die Bewohner wurden.

Kittelschürze und einen Schal zum Turban gebunden. So sahen sie aus, die Trümmerfrauen! Überall in den Trümmern der Stadt sah man sie. Sie haben die Steine gesammelt und mit einem Hammer glatt geklopft. Diese wurden dann in einer Kette, die die Frauen bildeten, von Hand zu Hand weiter gereicht, um sie am Straßenrand, nach einem bestimmten System zu stapeln. Es waren tapfere Frauen, die zum großen Teil ihre Kinder allein durch diesen Krieg bringen mussten, weil der Vater an der Front, oder auch gefallen war. Den Trümmerfrauen hat unsere Stadt viel zu verdanken.

Bei Hans Brunswig, Autor und Augenzeuge, habe ich nach gelesen, 55.000 Menschen sollen dem Luftkrieg in Hamburg zum Opfer gefallen sein. Dreiviertel Hamburgs war zerstört, es waren 43 Millionen Kubikmeter Trümmer und Schutt bei Kriegsende übrig geblieben. Eine Zahl, unter der ich mir allerdings gar nichts vorstellen kann. 5 Jahre soll es gedauert haben, bis von den Trümmern nichts mehr zu sehen war. Danach ging es mit dem Wohnungsbau sehr schnell voran.

Wenn ich heute durch meine Heimatstadt gehe, bin ich mit meinen Gedanken oft in jenen Jahren, in denen Hamburg die schlimmste Zeit durchmachte und kann es kaum glauben - diese unverzagte Stadt ist wunderschön aus Ruinen wieder auferstanden!

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Operation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen, die von der britischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg beginnend Ende Juli 1943 auf Hamburg ausgeführt wurden. Es waren die damals schwersten Angriffe in der Geschichte des Luftkrieges. Befohlen wurden diese Angriffe von Luftmarschall Arthur Harris, dem Oberbefehlshaber des Britischen Bomber-Command.