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Die letzten Jahre des Krieges

Erlebt von einem kleinen Hamburger Jungen

Am 24. Juli 1943Lesen Sie auch, wie Hamburg ausradiert werden sollte. Die Operation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen, die von der britischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg beginnend Ende Juli 1943 auf Hamburg ausgeführt wurden. wurde unser Wohnhaus in Hamburg Eimsbüttel von Fliegerbomben zerstört. Elf Tage vorher feierte ich meinen siebten Geburtstag. Wir bewohnten eine geräumige Fünfzimmerwohnung in der ersten Etage. Unsere Familie setzte sich zusammen aus Oma und Opa, meiner Mutter, meinem fünf Jahre älteren Bruder, meiner Tante und mir. Mein Vater verstarb kurz nach meiner Geburt, danach gründeten meine Mutter und meine Großeltern die Großfamilie.

Wir fanden erstmal Zuflucht in einer Wohnung genau gegenüber, wir konnten also mit ansehen, wie unser Haus von oben nach unten ausbrannte. Einen Tag später saßen wir auf einem LKW und wurden zum Sammelplatz auf die Bürgerweide gefahren. Jeder von uns hatte etwas Gerettetes zu tragen, meine Oma trug Butje, unseren Wellensittich. Von dort brachte man uns nach Tornesch. In Güterwagen transportierte man uns von dort nach Groß Wusterwitz, Mark Brandenburg. Bei Nacht und Nebel kamen wir dort an. Wir wurden gleich von unseren Großeltern und meiner Tante getrennt, denn eine so große Familie konnten sie nicht unterbringen.

Ein Soldat brachte uns zu unserer Nobelherberge. Die bestand aus einem gläsernen Windfang vor dem Hauseingang. Darin standen ein eisernes Feldbett und ein Ständer mit einer Waschschüssel. Darin also sollten wir drei unser Dasein fristen, nach allem, was wir bis dahin schon durchgemacht hatten. Meine Mutter bemühte sich beim Bürgermeister um eine bessere Bleibe für uns und wurde dort gleich als Mitarbeiterin eingestellt. Unser neues Zuhause war ein Kleinbauernhof, die Familie nahm uns herzlich auf. Mit den Kindern und den Tieren hatte ich viel Spaß und fühlte mich richtig wohl.

Mein Bruder aber reiste nach Tirol, dort hatte er Pflegeeltern. Die kannte er von der Kinderlandverschickung (KLV)Rundschreiben des Reichsleiters M. Bormann an die obersten Reichsbehörden und Parteidienststellen vom 27. September 1940 her. Er ging dann gleich auf die Oberschule in Kitzbühel. Er hatte es dort sehr gut und war wie Sohn im Hause untergekommen. Auch meine Tante verließ uns nach kurzer Zeit, sie wurde von ihrem Arbeitgeber Oetker in die Tschechei geschickt, die hatten dort eine Niederlassung. Nun waren wir mit Oma und Opa nur noch zu viert, meine Mutter hielt Verbindung nach Hamburg. Wir nahmen das erste Angebot, wieder nach Hamburg zu ziehen, Anfang 1944 an und zogen in die Fettstraße. Dort bewohnten wir eine Teilwohnung, Zweizimmer mit Küchenbenutzung.

Ich ging wieder in die Schule am Moorkamp und in den Kindergarten am Weidenstieg. Aber es fielen immer wieder Bomben auf unsere Stadt. Jeden Abend gingen die Blockwarte durch die Straßen und schrien Licht aus!. Wir hatten alle dunkle Rollos vor den Fenstern, die an den Seiten in einer Art Deckleiste liefen, damit kein Lichtschein nach draußen gelangen konnte.

In der Schule lehrte man uns bis zur Perfektion den Hitlergruß. Wir saßen in Sechser-Bänken. Die hatten eine schwere Klappe, damit man aufstehen konnte. Wenn jemand in die Klasse kam, mussten die beiden Außensitzenden die Klappe mit ihrer Hand abfangen, damit es kein Geräusch machte beim Hochklappen. Alle sechs schossen kerzengerade in die Höhe und schrien mit gestrecktem Arm: Heil Hitler! Unsere Mütter nähten uns Ehrenzeichen der Hamburger Regimenter auf unsere Kleidung und alle sprachen voller Überzeugung vom Endsieg.

Wenn ich am Abend ins Bett ging, hing mein Zeug griffbereit über dem Stuhl und ein grauer Pappkarton stand daneben. Den musste ich allabendlich bei Voralarm immer mit in den Bunker nehmen. Was darin war, das wusste ich nicht. Im Bunker angekommen, mussten wir Kinder auf die oberste Etage der hölzernen Etagenbetten klettern. Wenn dann keine Bomben in der Nähe einschlugen, war es dort oben immer ganz lustig für uns. Schlugen aber in der Nähe Bomben ein, das Licht flackerte und der Putz rieselte von der Decke, dann roch es auf unserer Empore nach vollgemachten Hosen. In den Gängen wimmerten einige Frauen vor sich hin, bis der Bunkerwart sie beruhigte. Gingen wir nach Entwarnung wieder heim, lag immer der Geruch von verkohltem Holz, das mit Wasser abgelöscht war, in der Luft. Hätte man mich am nächsten Morgen gefragt, ob wir letzte Nacht im Bunker waren, so manches Mal hätte ich das nicht mit Sicherheit bejahen können. Denn die ganze Bunkerrennerei lief zu mechanisch ab.

Drei Eimsbüttler Kindergärten taten sich zusammen und organisierten ein Jugendlandheim im Erzgebirge bei Grünhein. Ausgebombte Kinder konnten, wenn die Eltern es genehmigten, dort hinreisen. Meine Mutter sagte ja und ich reiste mit ins Erzgebirge. Dort war es herrlich, kein Alarm, keine Bomben und keine Angst. Wir gingen dort nicht in die Schule, die Kindergartentanten, so nannten wir sie, veranstalteten eine Art Hilfsunterricht. Durch meine Kriegserlebnisse bin ich Bettnässer geworden. Jede Nacht hatte ich mich von oben bis unten vollgepinkelt. Die Tanten stellten nachts alles Mögliche mit mir an, aber gebracht hatte es nichts. Ich erhielt dann den Namen Pinkelmann.

Als Anfang 1945 der Russe vorrückte, machten wir uns auf den Weg zurück nach Hamburg. Was die Tanten da geleistet haben, bewundere ich heute noch. Es gab keine festen Zugverbindungen mehr, wir Kinder lagen auf den Bahnsteigen in unseren Kofferburgen streng bewacht, dass keiner ausbrach. Kleine Trupps wurden zu den Toiletten geführt. Verpflegung hatten wir reichlich vom Heim mitbekommen. Fahren konnten wir nur nachts, weil die Züge bei Tageslicht von den Fliegern beschossen wurden. Schließlich kamen wir dann doch heil in Hamburg an und ich mal wieder in nassen Hosen.

Während ich im Erzgebirge war, hatte meine Mutter ein LeyhausDr. Robert Ley – Nach ihm wurden der Siedlungstyp Ley-Siedlung und das Passagierschiff Robert Ley benannt.
Im Bereich des Wohnungswesens konnte Dr. Robert Ley, der am 15. November 1940 von Adolf Hitler zum Reichskommissar für den sozialen Wohnungsbau und im Frühjahr 1942 mit erweiterten Kompetenzen zum Reichswohnungskommissar ernannt worden war, seine führende Stellung halten. Gegen den Widerstand von Reichsarbeitsminister Franz Seldte und Martin Bormann (Leiter der Parteikanzlei der NSDAP) und mit strategischer Unterstützung von Albert Speer erhielt er den Auftrag zu Einrichtung des Deutschen Wohnungshilfswerks, mit dem ab Herbst 1943 die Luftkriegsopfer mit behelfsmäßigem Wohnraum versorgt werden sollten. Quelle: Wikipedia.de
erworben, das musste man in Einzelteilen vom Bahnhof abholen und selber aufbauen. Dazu bekam man ein Stück Pachtland in Billstedt. Meine Mutter organisierte einen Trupp russischer Kriegsgefangene, die halfen ihr beim Aufbau des Hauses. Bedingung war, die Männer nebst Posten mussten täglich verpflegt werden. Da war meine Oma in ihrem Element. Die Russen haben sie vergöttert und nannten sie Madga. Zu der Zeit konnte man noch Essbares ergattern. Wenn ich später mit meiner Oma zum Einholen ging, kamen wir immer am Drahtverhau der Russen vorbei, meine Oma hatte immer etwas Essbares für die Russen dabei und wenn es nur dicke Kartoffelschale war. Denn wir hatten selber kaum noch satt zu essen.

Unser Haus maß fünf mal fünf Meter. Der große Raum maß drei mal fünf Meter und der kleine zwei mal fünf Meter. Der große Raum war Küche, Wohnzimmer und Schlafraum für Opa und Oma. Im kleinen Raum standen drei Betten und ein kleiner Kleiderschrank, auch meine Tante war wieder heimgekehrt.

Hinter dem Haus stand das Toilettenhaus mit dem Plumpsklo. Der Goldeimer musste regelmäßig geleert werden und zwar ganz hinten am Ende des Grundstückes welches ca. 500 qm hatte. Im Winter waren die Goldeimer gefroren und hinten standen dann immer die kleinen verschneiten Pyramiden. Und genau dort pflanzte mein Opa seinen Tabak, den er gegen uns tobende Kinder streng verteidigte. Die natürlich riesigen Blätter schmückten, auf Fäden gezogen, unsere Zimmerdecken zum Trocknen.

Im Garten gab es keinen Rasen, es wurde nur Essbares angepflanzt, Kartoffeln, Bohnen Wurzeln und Erbsen. Wenn die Leute in ihren Gärten arbeiteten, machten die Tiefflieger Jagd auf sie. Unserer Nachbarin schoss einer durch den Spaten. Den ausgefransten Durchschuss zeigte sie der ganzen Gemeinde. Alle Wege waren so schmal wie möglich angelegt, damit kein Ackerland verschwendet wurde. Aber der Ertrag reichte nicht, um uns zu ernähren. Es fing das Hamstern und Organisieren an. Zuerst tauschten wir Wertsachen, die gerettet waren, gegen Essbares um. Das geschah bei Hamsterfahrten ins Bauernland und das wenige, was die Bauern hergaben, wurde einem, wenn man Pech hatte, von den GrenzpostenAnmerkung der Redaktion: Es handelte sich um inländische Polizeikontrollen, vorwiegend an und auf den Bahnhöfen; keine Grenzkontrollen. G.M. abgenommen. Es entstanden überall Tauschzentralen, dort konnte man Gegenstände gegen etwas anderes, das man dringend brauchte, eintauschen.

Das Kriegsende rückte immer näher. Anfang Mai mussten wir eine Liste ins Fenster heften, auf der alle Einwohner des Hauses mit Alter und Geschlecht aufgeführt wurden. Durch die Gräueltaten der Russen im Osten, von denen wir erfahren hatten, machten die jungen Frauen sich als alte Frauen zurecht. Sie trugen Kopftücher und malten sich Falten und Pusteln ins Gesicht. Aber die Tommies, wie wir die Engländer nannten, waren nicht wie die Russen.

Im Sommer stand plötzlich mein Bruder vor der Tür, er trug nur eine Lederhose, ein zerschlissenes Hemd und war barfuß. Gegen Kriegsende wurden die Österreicher deutschfeindlich und die deutsche Schule in Kitzbühel ging in die Tschechei; Kubitzen hieß der Ort. Aber nicht für lange, weil auch dort der Russe anrückte. Eines Morgens schrien die Lehrer: Lauft was ihr könnt nach Westen, denn dort ist der Ami. Also machte sich mein Bruder allein auf den Weg nach Hamburg. Er ist durchgekommen bis zum Berliner Tor in Hamburg. Aber dort wurde er von einer englischen MP-Streife aufgegriffen. Mit seinen Englisch-Kenntnissen konnte er den Leuten schildern, dass er nicht wisse, wo seine Mutter wohne, aber er wusste, wo unser Vormund (Vaters Bruder) wohnte. Die Leute brachten ihn zu unserem Onkel und dort hat er nach langer Zeit wieder in einem Bett geschlafen. Mein Onkel wusste unsere Adresse und setzte ihn am anderen Morgen in die Straßenbahn nach Billstedt. Auf der langen Fahrt durch Hamburg hat er die Zerstörung unserer schönen Stadt erschüttert das erste Mal gesehen. Er wollte dann in Hamburg wieder auf die Oberrealschule gehen, aber meine Mutter konnte das Schulgeld nicht aufbringen. Also suchte er sich eine Lehrstelle bei einem Zimmermeister.

Die Lebensverhältnisse wurden immer schlechter. Auf Marken gab es kaum noch etwas Essbares zu kaufen und der Winter stand vor der Tür. Ich wurde zum Kippensammler ausgebildet. Die Tommys spielten auf unserm Sportplatz Kricket und rückten mit Verpflegungswagen an. Wenn sie dann ihr Weizenbrot mit Butter und Käse aßen, verkrampfte sich unser Magen. Sie rauchten viel und schnippten ihre langen Kippen in Richtung Kippensammler. Es gab aber auch welche, die zeigten uns Kindern die lange Kippe, traten sie aber mit der Hacke in die Grasnarbe und beschimpften uns sehr übel.

Meine Mutter und mein Bruder gingen Kohlen klauen, dass wir es warm hatten. Meine Tante stahl bei Oetker Gustin, Backpulver, Puddingpulver und Vanillezucker. Die Frauen taten es wegen der Leibesvisitation beim Pförtner auf gewitzte Weise. Sie packten aus den erwähnten Nahrungsmitteln einen rechteckigen Klotz, den wickelten sie in ein Leinentuch, platzierten ihn zwischen den Beinen und befestigten ihn mit einer Sicherheitsnadel, vorn und hinten am Korsett. Zwischen den Beinen durften sie von den Direktricen nicht abgetastet werden.

Mein Bruder und seine Freunde fanden heraus, dass in Hamm einige Straßen mit Teakholz-Klötzen gepflastert waren. Darüber war eine Teerschicht gezogen. Die Klötze brannten in unserem Ofen vorzüglich und wir hatten es warm. Aber die Straße war nicht mehr befahrbar. Mit dem Diebesgut hielten wir uns über Wasser, denn in der Not frisst der Teufel Fliegen. Viele unserer Mitbürger, die die Möglichkeiten nicht hatten, sind erfroren oder verhungert.

Im Herbst 1945 fing für mich die Schule wieder an. Ich kam auf Grund meines Alters gleich in die dritte Klasse und hatte es sehr schwer am Anfang mitzukommen, weil ich bis dahin kaum Schulunterricht hatte. Aber meine Tante half mir, wo immer sie konnte und meine Zensuren wurden nach und nach besser. In der Schule herrschte strenge Zucht, kleinste Vergehen wurden mit Prügel bestraft. Die Lehrer hatten da so ihre Eigenheiten, der eine schlug mit dem Lineal über die Fingerspitzen, ein anderer hob mit dem Zeigefinger das Kinn und schlug blitzschnell ins Gesicht. Auch vom Rohrstock wurde reichlich Gebrauch gemacht. Entdeckte meine Mutter am Badetag blaue Striemen auf meinem Hintern, bekam ich von ihr auch noch Senge, wie wir es nannten.

Mein Opa starb 1946 im Alter von 79 Jahren. Zu der Zeit wurden die Menschen in Leihsärgen beigesetzt. Der Leichnam lag in einer Papiertüte und wenn die Hinterbliebenen weg waren, wurde der Sargboden wie eine Klappe geöffnet, der Leichnam fiel heraus, der Sarg wurde entfernt und wieder verwendet.
Mein Bruder aber bekam Holz von seinem Lehrmeister und er konnte für unseren Opa einen anständigen Sarg bauen.

Meine Mutter ging in die Trümmer zum Steine klopfen, mit denen wir unser Holzhaus ummauerten. Das war eine Aufgabe der ganzen Familie. Onkels und Tanten waren dabei behilflich. Weil es so gut lief, bauten wir noch eine Küche, einen Windfang mit Toilette und einen Schuppen an. Gleichzeitig legten wir eine Wasserleitung ins Haus. Wir fühlten uns wie die Könige, denn bis dahin mussten wir das Wasser von Hydranten in Eimern nach Haus schleppen. Das war auch so eine Sache, den Schlüssel für den Hydranten hatte ein Stadtangestellter von der Stadtreinigung und der hatte die Macht über das Wasser. Kam man nicht rechtzeitig, mussten wir das Wasser aus unserer Regentonne nehmen.

Mein Bruder, der angehende Zimmermann, baute in den neuen Schuppen einen Hühnerstall und meine Oma bekam von ihrer Schwester eine Glucke mit zwölf Eiern. Es war eine Riesenfreude mit anzusehen, wie die Glucke nach 21 Bruttagen mit den Küken durch den Garten spazierte. Aber einer von uns musste sie immer bewachen, sonst hätte man sie uns gestohlen.

Mein Bruder baute danach einen großen Kaninchenstall mit zehn Boxen. Der Futtermeister war ich. Täglich musste ich nach der Schule Gras pflücken und Löwenzahn stechen. Das war aber mit großen Schwierigkeiten verbunden. Jeder bewachte sein Fleckchen Erde, auf dem Gras wuchs für seine Tiere.
Ein großes Problem war auch das Absichern der Stallungen. Alles musste man verrammeln und verriegeln. Sonst wären am nächsten Morgen die Ställe leer. Mein Bruder verlegte eine dünne Schnur, an deren Ende hing eine Glocke. Wenn dann der Riegel vom Kaninchenstall bewegt wurde, bimmelte es in der Küche, wo sein Bett stand.

Trotz aller Widrigkeiten hatte ich eine gute Jugendzeit. Unser Haus stand am Rande der Feldmark. Immer, wenn ich Zeit hatte, war ich mit meinen Freunden in Wald und Flur unterwegs.

Die Mutter des einen Freundes hatte eine Brutanstalt und wir Jungen sammelten im Frühjahr Eier aus den Nestern in Feld und Flur und er schob die gesammelten Eier bei seiner Mutter unter. Ja und eines Tages kam ich mit 3 kleinen Stockentenküken an. Meine Oma setzte sie zum Füttern in eine Schüssel mit warmem Wasser und streute dann fein gehacktes Grünzeug und Brotkrümel hinein. Sie lebten in einem Pappkarton in der Küche und Oma hatte sie immer im Auge. Daraus wurden dann 3 prächtige Erpel, die wurden dann so fett und groß, dass sie nicht mehr fliegen konnten.

Langsam ging es in unserm Land aufwärts, man konnte wieder einiges an Lebensmittel kaufen. Es war zwar nicht das Allerfeinste, aber man musste nicht verhungern, zumal wir so etwas wie Selbstversorger waren. Wir hatten Eier, Hühnerbraten, Kaninchenbraten und an Feiertagen Entenbraten.

Es gab Brötchen aus Roggenmehl, die waren so hart, da konnte man die Scheiben mit einschlagen. Diverse Brotaufstriche waren im Handel, was darin war, wusste man nicht. Vor den Läden standen riesige Schlangen, wenn vorher angekündigt war, dass es Wurst oder Butter zu kaufen gab. Aber es waren immer begrenzte Mengen und oft hieß es ausverkauft. Dann stand man stundenlang umsonst. Alle Nahrungsmittel erhielt man nur auf Marken. Jeder, ob Erwachsener oder Kind, erhielt pro Monat einen Markenbogen. Wenn man etwas kaufte, schnitt der Verkäufer die für die Ware zuständigen Abschnitte aus dem Bogen aus. Es gab Schwerarbeiter-, Kindermarken und Marken für Schwerkranke. Bei solchen Marken waren die Fett und Fleischanteile etwas höher.

Das ging bis zum 20. Juni 1948, dem Tag der Währungsreform. Am Tag danach konnte man alles kaufen und ohne Marken. Man fragte sich, wie konnte das geschehen? Einen Tag vor der Reform musste man noch anstehen für einen Liter Brühe beim Schlachter und einen Tag nach der Reform bogen sich die Ladentische.

Bei uns wurde erstmal ein Kuchen gebacken und dazu tranken die Erwachsenen Bohnenkaffee und verdrehten dabei vor Verzückung die Augen.

Wir Kinder drückten uns an den Schaufensterscheiben der Spielzeugläden die Nasen platt.

Ja, so war es vom 24. Juli 1943 bis zum 20. Juni 1948, heute bin ich mit meinen 76 Jahren der Letzte jener damals ausgebombten Familie. Es war eine schlimme Zeit, aber die Achtung voreinander und der Zusammenhalt in den Familien war wesentlich besser als heute.