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Die ersten Jahre nach der Währungsreform in Hamburg.

Es herrschte allgemeine Nachkriegsarmut und eine große Arbeitslosigkeit. Man konnte wieder vieles kaufen, wenn man genügend Geld hatte.

Die Menschen waren ausgehungert, man konnte ihnen das Vater unser durch die Rippen blasen. (So nannte man es damals.) Unsere schöne Hansestadt war immer noch eine Trümmerlandschaft.

Wir lebten noch in unserem Leyhaus, aber nur noch zu fünft, denn mein Opa war gestorben. Meine Mutter war arbeitslos, meine Oma bezog eine Minirente, meine Tante hatte ein kleines Gehalt von Oetker und mein Bruder war Zimmerer-Lehrling. Also war bei uns Schmalhans Küchenmeister.

Ich ging noch zur Volksschule. Weil ich stark unterernährt war, bekam ich in der Schule das Schwedenessen vom DRK. Von der vollwertigen Kost aber bekam ich Schweinsbeulen am ganzen Körper, weil mein Stoffwechsel mit der guten Kost nicht zurechtkam. Die Beulen waren sehr schmerzhaft, wenn sie am Gesäß oder im Nacken saßen. Ich konnte dann meinen Hals nicht bewegen oder nicht sitzen. Wenn die Beulen reif waren, gingen sie von selber auf, wenn nicht, mussten sie vom Arzt aufgeschnitten werden. Vom DRK wurde ich verschickt in ein Schullandheim an der Ostsee. Die Frauen dort meinten es zu gut mit uns Kindern und schmierten die Butter fingerdick aufs Brot. Daraufhin litten wir alle an schlimmen Durchfällen. Auf Anordnung des Arztes wurden wir mit Zwieback und Tee wieder aufgepäppelt, danach kam ich noch ausgehungerter wieder nach Hause.

Wieder in der Schule wurden wir alle geimpft. Weil ich so dünne Arme hatte, stach die Ärztin die Nadel in den Oberarmknochen und brach sie ab. Ich bekam davon eine starke Entzündung und eine schwere Blutvergiftung und landete daraufhin im Krankenhaus. Als ich nach Wochen wieder im Hause ankam, war meine erste Aufgabe, die Versäumnisse in der Schule aufzuarbeiten. Das war sehr schwer, weil wir uns zu dritt das Rechen- und Deutschbuch teilten. Das ging folgendermaßen: Der Erste musste, im Hause angekommen, gleich die Hausaufgaben machen und dann sofort die Bücher zum nächsten Klassenkameraden bringen. Obendrein mussten wir die Bücher wie rohe Eier behandeln, weil die ein Jahr lang halten mussten. Meine Mutter sorgte dafür, dass ich als letzter die Bücher bekam, weil ich viel nachzuholen hatte. Also saß ich manchmal bis spät abends bei meinen Hausaufgaben. Besonders schwer war es, wenn wir nachmittags Unterricht hatten, was wegen Lehrermangel des Öfteren vorkam.

Meine Mutter bekam Arbeit bei der Woolworth am Rathausmarkt. Es kam also mehr Geld ins Haus und ich wurde neu eingekleidet. Bis dahin trug ich Jacken und Hosen aus Wolldecken genäht. Die waren zwar gefärbt, aber nach mehrmaligem Waschen kam an einigen Stellen das Wolldeckenmuster zum Vorschein. Die Stiefel waren aus rohem, ungefärbtem Leder gefertigt und die Gummisohlen mit Holzstiften ans Oberleder genagelt. Ein Tritt gegen eine Blechdose und der Stiefel hatte ein Haifischmaul. Solange es noch einigermaßen warm war, ging ich barfuß in die Schule.

Mein Bruder lernte aus und fing beim Realfilm als Bühnenarbeiter an. Weil er mit den Filmleuten ständig unterwegs war, wurde unsere Hausgemeinschaft wieder kleiner. Oma war die Hausfrau, meine Mutter und meine Tante gingen zur Arbeit und brachten Geld ins Haus. Von meiner Oma wurde ich verwöhnt und bekam langsam etwas auf die Rippen. Wenn ich für Oma ein Brot holen musste, war es am Ende immer stark angenagt. Ich hatte immer Hunger, aber Oma schalt mich nicht und sah darüber hinweg.

Weil meine Mutter Kriegerwitwe war und zwei Söhne hatte, konnte sie mich nach Vollendung des achten Schuljahres von der Schule nehmen, weil ich eine Lehrstelle hatte. Das war am 23. Februar 1951 der Fall. Regulär fing das Lehrjahr erst am 1. April an, aber meine Mutter sagte: Hier im Hause bei Oma rumfaulenzen kommt nicht in Frage, du gehst arbeiten, damit Geld ins Haus kommt! Also stand ich am 26. Februar morgens um 6:45 Uhr in der Lehrwerkstatt, um das Schlosser-Handwerk zu erlernen. Die Werkstatt befand sich in Altona. Mein Arbeitstag fing morgens um 5:15 Uhr an. Von der Endstation Billstedt fuhr ich mit der Straßenbahn Linie 31 um 6:00 Uhr los nach Altona, Und das sechs Tage in der Woche. Meine Wochenarbeitszeit betrug 48 Stunden, wir arbeiteten auch am Sonnabend. Dafür bekam ich 7,50 DM Wochenlohn. Sonnabends nach Feierabend mussten wir noch ca. 2 Stunden die Werkstatt sauber machen und die Maschinen putzen.

Von meinen 7,50 DM Lohn musste ich 2,50 DM Kostgeld meiner Mutter geben, 2,50 DM kostete die Wochenkarte für die Straßenbahn. Die letzten 2,50 DM verprasste ich am Wochenende, eine Kinokarte, ein Glas Cola und ein Salzbrezel, die anderen Wochentage war ich pleite, wenn Oma mir nicht heimlich die eine oder andere Mark in die Tasche schob.
Besonders zu erwähnen ist noch die morgendliche Fahrt mit der Straßenbahn. Wenn ich morgens in die Bahn stieg, war mein Platz immer freigehalten, ich sagte dann laut: Guten Morgen! Setzte mich und schlief sofort ein. Eine Haltestelle, bevor ich in Altona aussteigen musste, wurde ich geweckt, obwohl kein Billstedter mehr in der Bahn saß.

Ich nahm jeden Tag zwei Brotdosen mit zur Arbeit mit je 8 Scheiben, eine fürs Frühstück und eine fürs Mittagessen.

Unsere Arbeit war Knochenarbeit und viel hatte ich nicht in den Knochen. Wir arbeiteten nur mit Lehrlingen, wenn einer auslernte, flog er raus und ein neuer Anfänger wurde eingestellt. Unsere schweren Eisenkonstruktionen transportierten wir immer mit einer Schiebkarre, egal wie weit und beschwerlich der Weg auch war. Wenn wir dann mal völlig entkräftet waren, schrie uns der Meister an: Ihr hättet Damenschneider oder Konditor lernen sollen!

Der Meister legte großen Wert auf einen korrekten Haarschnitt, wenn wir zu seinem Friseur gingen, bezahlte er den Haarschnitt. Aber dann hatten wir nur noch eine schmale, behaarte Insel auf dem Kopf. Beklagte ich mich bei meiner Mutter, hieß es immer: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Langsam fing ich an, mich für Mädchen zu interessieren. Aber die gingen immer mit Jungen, die ein Fahrrad hatten. Ich hatte keins und ging leer aus. Also kaufte ich mir für mein wöchentliches Fahrgeld auf Raten ein Rad. Musste dann aber immer nach Altona zur Arbeit fahren, ob Sommer oder Winter. Aber mit den Mädchen wurde es wieder nichts, weil dann die ersten Mopeds unterwegs waren und die Mädchen saßen dann auf den Dingern. So hinkte ich immer hinterher, es kam die Zeit der Motorräder und danach die der ersten Autos. Ich kenne noch den Werbespruch von dem Moped-Hersteller (Das ist kein Scheinbild, sondern eine Quickli mit Beinschild).

Mehr Glück hatte ich dann in der Tanzschule. Ich war ein guter Tänzer und die Mädels wurden auf mich aufmerksam.

Im Jahre 1954 hielt ich überglücklich meinen Gesellenbrief in der Hand. Aber das Handwerk habe ich erst in den Firmen nach der Lehre gelernt. Denn ab da begann für mich der Ernst des Lebens. Manchmal war ich auch arbeitslos, dann musste ich zweimal in der Woche zum Arbeitsamt. Einmal in die Kieler Straße, zum Facharbeitsamt für Metallberufe und einmal aufs Arbeitsamt in Billstedt, dort bekam ich mein Stempelgeld. Auf den Ämtern wurden wir streng in Augenschein genommen. Man musste sauber gewaschen und gekleidet sein und sich ordentlich benehmen. Sonst hagelte es Verweise. Wie zB: Sprich laut und deutlich! Oder: Stell dich mal ordentlich hin, wenn ich mit dir spreche!

Inzwischen lebte ich mit meiner Mutter allein in unserem LeyhausDr. Robert Ley – Nach ihm wurden der Siedlungstyp Ley-Siedlung und das Passagierschiff Robert Ley benannt.
Im Bereich des Wohnungswesens konnte Dr. Robert Ley, der am 15. November 1940 von Adolf Hitler zum Reichskommissar für den sozialen Wohnungsbau und im Frühjahr 1942 mit erweiterten Kompetenzen zum Reichswohnungskommissar ernannt worden war, seine führende Stellung halten. Gegen den Widerstand von Reichsarbeitsminister Franz Seldte und Martin Bormann (Leiter der Parteikanzlei der NSDAP) und mit strategischer Unterstützung von Albert Speer erhielt er den Auftrag zu Einrichtung des Deutschen Wohnungshilfswerks, mit dem ab Herbst 1943 die Luftkriegsopfer mit behelfsmäßigem Wohnraum versorgt werden sollten.
, denn meine Tante bezog mit meiner Oma eine Neubauwohnung von der Firma Oetker. Als Handwerker war ich immer der Erste nach Feierabend im Hause, also musste ich einholen und kochen. Es lag immer ein Zettel auf dem Küchentisch wie und was ich kochen sollte und es gelang mir auf Anhieb. Meine Mutter hat sich nie überdas Essen beklagt.

Dann bot uns die Stadt das Grundstück, auf dem das Leyhaus stand, zum Kauf an. Mein Bruder, der inzwischen bei der Polizei gelandet war, hatte große Rosinen im Sack und malte Baupläne, aber bezahlen sollte meine Mutter und die hatte kein Geld. In der Nähe von uns boten Bauwillige uns ihre Mietwohnung zum Tausch an. Meine Mutter willigte ein und wir waren Leyhaus und Grundstück los. Aus heutiger Sicht, war es ein Riesenfehler, aber ich war zu jung und meiner Mutter fehlte der Mut.

Und dann ging es los in unserer Stadt, es roch überall nach Aufbruch. Es wurde gebaut, an allen Ecken und Enden schossen die Häuser wie Pilze aus dem Boden. Nach und nach verschwanden die Trümmerlandschaften. Es entstand die Vollbeschäftigung, Arbeit gab es in Hülle und Fülle. Schied man heute aus einer Firma aus, konnte man schon morgen woanders anfangen. Die Arbeitgeber gingen vorsichtig mit den Arbeitnehmern um, weil sie Angst hatten, sie zu verlieren.

Im Jahre 1956 arbeitete ich auf der Baustelle der Augenklinik in Barmbek, und da geschah es. Eines Morgens kamen die beiden Gipser jeder mit einem hellblauen Loyd auf die Baustelle. Den Tag habe ich bis heute nicht vergessen, weil es für uns anderen Handwerker ein Zeichen war, dass wir kleinen Leute uns all unsere Träume erfüllen konnten, wenn wir in unserem Beruf sehr gut und fleißig waren.