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Von links nach rechts

Hätte ich in meiner Jugendzeit das Autofahren gelernt, hätte ich mich später einer Umschulung unterziehen müssen, um mich an die neuen Fahrregeln anzupassen — nämlich auf der rechten Fahrspur zu fahren. Dagegen kam ich erst in den 60er Jahren dazu meinen Führerschein zu machen und brauchte mich um keine weitere Umschulung zu kümmern, (siehe meine Story Argentinische Autogeschichten) weil das Rechtsfahrgebot in Argentinien bereits seine volle Geltung hatte.

In meinem Geburtsland Argentinien wurde tatsächlich erst im Juni 1945 das Fahren auf der rechten Seite eingeführt. Bislang galten die noch von den Briten eingeführten Regeln, links zu fahren. Die meisten Autos, die in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires verkehrten, waren ausländischer Herkunft und mit dem Lenkrad auf der rechten Seite ausgerüstet. Der Beifahrer und die Passagiere auf den hinteren Sitzplätzen konnten also ohne Probleme das Auto vom Bürgersteig aus besteigen oder verlassen.

Das betreffende Regierungsdekret wurde schon im Oktober 1944 unterzeichnet, bestimmte aber den 10. Juni 1945 als den Stichtag, ab welchem alle Fahrzeuge in Argentinien — mit Ausnahme der Eisenbahnen, U-Bahnen und Straßenbahnen — auf der rechten Seite zu fahren hatten. In der Zwischenzeit mussten ja sämtliche Verkehrszeichen und Hinweisschilder geändert werden. Auch den Autofahrern sollte genügend Zeit gelassen werden, um sich an die neue Fahrweise anpassen zu können.
Die genannten Ausnahmen wurden aufgrund von technischen Schwierigkeiten eingeräumt und gelten noch bis heute — alle Schienenfahrzeuge fahren in Argentinien immer noch links.

Am Heck von Lastwagen und Bussen mussten kleine Schilder angebracht werden mit einem Pfeil, der nach links zeigte, um die Überholrichtung klar zu verdeutlichen. Auch an vielen Pkws konnte man anfangs diese Pfeile sehen.

Die Einführung des Rechtsfahrgebots in Argentinien geschah gerade noch zum rechten Zeitpunkt, nämlich gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Zu dieser Zeit fuhren in Lateinamerika nur wenige Autos. Die Gründe dafür waren die wirtschaftliche Lage, die es kaum jemanden erlaubte, sich ein Auto anzuschaffen, und der Mangel an importierten Fahrzeugen und Ersatzteilen. Immerhin pendelten damals täglich etwa eine halbe Million Autos von der Umgebung der Hauptstadt ins Stadtzentrum. Diese Ziffer verfünffachte sich in den nächsten zehn Jahren, als die Industrialisierung unter Peróns Regierung begann. Heute leben im sogenannten Groß-Buenos Aires etwa 14 Millionen Menschen, da kann man sich schon vorstellen, wie ein Wechsel der Fahrrichtung heute ausgefallen wäre.

Da die in Großbritannien gebauten Autos nur für den Linksverkehr entworfen waren, fiel der Import dessen gänzlich aus. Dagegen nahm die Einfuhr der amerikanischen Fahrzeuge bedeutend zu und Marken wie Ford, Chevrolet und Chrysler belebten die Straßen und Autobahnen Argentiniens. In den 50er Jahren startete Industrias Kaiser Argentina (IKA) ihre eigene Produktion, und später kamen Marken wie Fiat, Daimler-Benz und Volkswagen dazu.

Seinerzeit war das Eisenbahnnetz Argentiniens mit fast 100.000 km Schienen-Länge eines der größten der Welt. Es wurde jedoch hauptsächlich von den Briten betrieben und bedeutete für die Einheimischen eine ständige Machtbehauptung des Königreichs. 1946/1948 wurden alle Eisenbahnlinien verstaatlicht, was trotz des darauf folgenden Effizienzverlustes von der Bevölkerung als ein weiterer Triumph über die britische Herrschaft empfunden wurde.

Heutzutage bleibt den Argentiniern nur noch ein Dorn im Auge: Auf den Falkland Inseln (Islas Malvinas) läuft der Verkehr immer noch auf der linken Seite. (Rule, Britannia).