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Der Schatz in Omas Kramschublade

Angeregt zu dieser Geschichte hat mich Herrn Fritz Schukats Artikel Meine Briefmarkengeschichte. Er beschreibt dort, wie ihm ein angeheirateter Verwandter — wenn auch in kindlicher Unwissenheit und Unvernunft, aber dadurch nicht minder schlimm — seine erste Briefmarkensammlung sozusagen entwendete und damit auch die Freude an der Philatelie gründlich vergällte. Im Kern geht es bei mir um das gleiche Thema, nur der Rahmen ist anders.

Ich war 13 Jahre alt, die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Reichsregierung vom 8. Mai 1945 lag ungefähr 1 Jahr hinter uns, als in unserem Ort bei den Jungen das Briefmarkenfieber ausbrach. Eine jener rätselhaften Erscheinungen, im Laufe derer alle Kinder in der Gegend auf einmal für irgendetwas eine nicht zu übersehende Vorliebe zeigten, wie z.B. Aquariumfische züchten, sich Hunde oder Katzen anschaffen, Pinnchen kloppen, Fahrräder mit irgendeinem bunten oder Lärm erzeugenden Firlefanz bestücken usw. Diese Erscheinungen kamen und gingen.

Hier ging es um Briefmarken. Jeder Junge — seltsamerweise kein Mädchen — wollte so viel wie möglich von ihnen besitzen. An jeder Ecke und in jeder freien Minute wurde gekauft und verkauft, meistens getauscht und regelrecht geschachert. Wer eine Markenserie sein eigen nennen konnte, strahlte vor Glück.

Natürlich ließ auch mich diese neue Masche nicht kalt, aber ich stellte überrascht fest, dass mich deutsche Briefmarken so gut wie nicht interessierten, außer wenn es ganz alte waren. Ausländische Marken reizten mich dagegen sehr, und ganz besonders diejenigen von Übersee, und das kam so:

Meine Großmutter führte einen sehr ordentlichen Haushalt, in dem alles seinen bestimmten Platz hatte. Aber manche weniger wichtige oder wertlos scheinende Dinge ließen sich nicht so richtig zuordnen. Wegwerfen wollte man sie auch nicht, vielleicht könnte man sie ja noch eines Tages gebrauchen, besonders in jener Zeit, in der in Deutschland an allem Mangel herrschte.

Für so etwas hatte Oma eine Sammelschublade, ich nannte sie Kramschublade, weil ich darin so richtig nach Herzenslust kramen konnte. Unter diesem Krimskrams fand ich Dinge, die mir sehr interessant vorkamen: Abgerissene Wäsche- und Kleiderknöpfe unterschiedlichster Herkunft, uralte Brillengestelle, Stoff- und Wollreste, Strick-, Stopf- und Häkelnadeln, ein Stopfpilz und ein Stopfei, beides aus Holz und bunt bemalt, diverse leere Holzröllchen, auf denen vorher Garn oder Zwirn aufgewickelt waren und aus denen man allerhand basteln konnte, alte Kalenderblätter mit besonders gelungenen Sprüchen und Anekdoten, ein masurisches Gesangbuch, das ich nicht lesen konnte, ein Zukunftsroman von Hans Dominik, den Titel weiß ich nicht mehr, aber er hat mich sehr fasziniert, usw. , usw. Ganz unten, wohl noch aus der Backfischzeit meiner beiden jüngsten Tanten, lag ein ganzer Stoß Fotos von jungen und wunderschönen Schauspielerinnen und Schauspielern wie Ruth Leuwerik, Zarah Leander, Willy Fritsch, Victor de Kowa, Will Quadflieg und andere mehr. Als ich älter geworden war und ins Kino gehen durfte, bewunderte ich sie auf der Leinwand. Künstler mit ausgefeilter Sprechtechnik, die nicht wie viele der heutigen Generation leider oft daherbrabbeln, schnell und unverständlich. Die nicht nur mit ihrer Stimme sprachen, sondern mit ihrem ganzen Körper. Ein Zucken ihrer Augenbraue sagte mehr aus als ein Kitschroman, ein Lächeln von ihnen versetzte eine ganze Nation in Verzückung.

Der Fund aller Funde aber war ein Exemplar des reichlich illustrierten Deutschen Flottenkalenders der Kaiserlichen Marine von 1914. Den verschlang ich sofort, weil er spannende Berichte und Bilder aus deutschen Kolonien in Afrika enthielt. Afrika war für mich ein Zauberwort. In jener Zeit las ich alle verfügbaren Bücher über Afrika in einem Zug durch. Nach meinem Berufswunsch gefragt, antwortete ich mit den drei Fs in dieser Rangfolge: Forscher in Afrika, Flieger oder Förster. Aus dem Flottenkalender sprach in heroischen Worten stolz der Geist einer Großmacht, die das Kaiserreich wohl auch verkörperte.

Und nun wird’s richtig spannend. — In diesem Flottenkalender entdeckte ich einen Briefumschlag voller Briefmarken, sehr gut erhalten und mit Aufdrucken, die ich noch nie gesehen hatte. Anstatt langweiliger Kunstwerke oder der üblichen Köpfe von Feldherren, oder Staats- und Geistesgrößen trugen sie fröhlich stimmende, farbenprächtige Motive aus Togo und Kamerun mit kaffeebraunen Menschen und exotischen Pflanzen. Die Aufschriften waren in deutscher Sprache, also eindeutig aus deutscher Kolonialzeit. Mir war zumute, als hätte ich einen Schatz geborgen. Der Flottenkalender musste dort schon lange unbeachtet gelegen, den ersten und zweiten Weltkrieg, sogar den Bombenkrieg überstanden haben. Oma und Opa konnten mir seine Herkunft nicht erklären, obwohl Opa den gesamten ersten Weltkrieg gedient hatte, aber nicht bei der Marine, sondern bei der Feldartillerie. Briefmarkensammler kamen in meiner gesamten Verwandtschaft nicht vor.

Ich hütete diese Marken wie meinen Augapfel. Für keinen Preis hätte ich sie verkauft oder getauscht. Im Gegenteil, ich wollte mehr davon in dieser Art. Aber leider hatte niemand Ähnliches anzubieten damals, so kurz nach dem Krieg. Nur einige wenige ausländische Briefmarken erwarb ich dazu und hoffte auf bessere Zeiten. Von der blauen Mauritius konnte ich nur träumen, sie kostete damals schon eine oder zwei Millionen Reichsmark.

Meinen Markenschatz klebte ich in ein neues Schulheft ein. Was das bedeutet, kann nur der ermessen, der diese Zeit als Schulkind miterlebt hat. Neue Hefte waren damals vor der Währungsreform (Juni 1948) kostbare Güter, weil nicht oder nur mit viel Glück und Vitamin B (B=Beziehungen) käuflich zu erwerben und dann auch nur in holziger Qualität. Die Briefmarken waren mir aber ein neues Heft wert. Dafür schrieb ich dann meine schulischen Texte auf die leeren Rückseiten oder andere freie Stellen eines alten Abrechnungsbuches, das ich in den Trümmern einer Firma gefunden hatte.

Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell. weissagte schon Friedrich von Schiller in seinem großartigem Gedicht Das Lied von der Glocke. Mein Unglück als Philatelist begann seinen Lauf an einem schönen Sonntagnachmittag mit dem Besuch der Frau eines Bruders meines späteren Stiefvaters und ihrer beiden Jüngsten, die damals um die sechs Jahre alt gewesen sein müssen. Die Bengel konnten Unmengen von Essen in sich hineinstopfen und waren als Rowdys bekannt und gefürchtet. Von ihrer Mutter wurden sie jedoch fast abgöttisch geliebt.

Der Ältere lenkte die Erwachsenen durch Flegeleien ab, derweil der Jüngere Schränke und Schubläden durchwühlte, nur so aus Spaß. Bald entdeckte er auch mein Heft mit den Briefmarken und fand sie höchst interessant. Er rannte damit zu seiner Mutter und forderte lautstark, dieses Bilderbuch geschenkt zu bekommen. Sie verwies ihn an meine Mutter und diese wieder an mich. Beide Frauen glaubten wohl, ich würde das Heft dem kleinen Quälgeist überlassen, weil ich doch schon bald dem Kindesalter entwachsen sei. Selbstverständlich machte ich allen unmissverständlich klar, dass es ganz seltene und kostbare Briefmarken und keine Spielzeuge seien und dass ich aus Sammelleidenschaft nicht daran dächte, sie herzugeben und welche Unmöglichkeit sie von mir verlangten. Doch ich fühlte, dass die Gegenseite meine Auffassung zwar formal zur Kenntnis nahm, aber innerlich keineswegs davon überzeugt war und für einen Spleen hielt.

Als der Junge weiter schrie und mit dem Fuß stampfte, schlug ich den beiden Wildlingen als Ausgleich vor, sie im Garten und Park auf die Bäume klettern zu lassen, was sie auch mit Freuden annahmen. Zwar wurden mehrere Äste und Kronen der meist jungen Zierbäume geknickt, aber ich glaubte, damit meine Briefmarkensammlung gerettet zu haben.

Leider hatten die beiden Brüder die schönen Bildchen im Heft nicht vergessen.

Eines Tages suchte ich mein Lieblingsheft vergebens. Auf meine bange Frage gestand meine gutmütige Mutti — Gott hab sie selig — dass in meiner Abwesenheit die Frau und die beiden Lümmel sie wieder besucht und so lange genervt hätten, bis sie es ihnen nur zum Anschauen geliehen hätte.

Sie ahnen sicher schon, liebe Leserin, lieber Leser, was dann geschah. Meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Die Briefmarkensammlung habe ich nie wiedergesehen. Denn als ich sie zurückforderte, antwortete meine spätere Tante mit einem Achselzucken, dass das Heft kaputt gegangen und verschwunden sei. Ihre Jungen seien eben noch kleine Kinder und es gäbe ja sonst keine Bilderbücher so kurz nach dem Krieg zu kaufen für die armen Blagen.

Über so viel Banausentum bekam ich eine Stinkwut, und mein Spaß am Briefmarkensammeln war mir vergangen. - Aber nur der Spaß, nicht das Sammeln. Ich schneide nämlich immer noch die Marken von Briefumschlägen aus und bringe sie in ein Behindertenheim. An den dankbaren Gesichtern habe ich dann doch wieder in anderer Weise etwas Spaß.