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Hollywood in Norddeutschland
Zweiter Teil:
Filmproduktion auf Super-8

Welch eine Enttäuschung, als begeisterte Hobbyfilmer und Fotografen hatten wir gehofft, im Haus der Jugend in Eidelstedt die Jugendlichen für die Idee begeistern zu können, dort eine Filmgruppe zu etablieren, wie sie schon einmal am Stintfang existiert hatte. Wir, mein Nachbar Erwin und ich, wohnten im gleichen Haus und hatten das gleiche Hobby. Erwin hatte bereits Erfahrungen mit dem Medium Film sammeln können, als er noch in der Filmgruppe am Stintfang aktiv war. Diese Filmgruppe gab es nicht mehr, die damals jugendlichen Filmschaffenden waren alle berufstätig, einer von ihnen hatte aus dem Hobby einen Beruf gemacht und war beim Werbefilm gelandet. Über ihn habe ich das Hollywood in der NordheideLesen Sie auch den Ersten Teil: Filmstudio Bendestorf kennenlernen dürfen, worüber ich im ersten Teil berichtete.

Die Idee, einen eigenen Film zu drehen war schon älter und wurde nun während der Pausen wiederbelebt, die wir gemeinsam in den Filmstudios Bendestorf verbrachten, wenn gedreht wurde und es für uns als Helfer nichts zu tun gab. Das Skript nahm Gestalt an und unsere Notizen hatten fast schon Drehbuchreife. Wie schafft es unser Kollege sich jeden Morgen durch den Berufsverkehr der Großstadt zu kämpfen, und trotzdem immer pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen? Das war die zentrale Frage und wir hatten jede Menge kreativer Ideen, dieses Thema filmisch umzusetzen.
Als technisches Equipment standen uns zwei Kameras zur Verfügung, mein Nachbar besaß eine Super-8-Kamera der Marke Bauer. Ich hatte mich Mitte der 1970er Jahre für eine Kamera eines Herstellers entschieden, dessen Geräte im minimalistischen Design ohne Schnickschnack einen großen Käuferkreis fanden. Technikbegeisterte Puristen kauften die Nizo 801 Macro der Marke Braun. Diese Kamera habe ich damals in Hamburg, in der Spitalerstraße, im technischen Kaufhaus Brinkmann für meine beim Werbefilm verdiente Gage gekauft. Außerdem hatte ich einen Super-8-Tonfilmprojektor, dessen Motor sich mit meiner Tonbandmaschine Revox A77 synchronisieren ließ, sodass Bild und Ton synchron liefen, was für die spätere Vertonung unseres Filmes eine wichtige Voraussetzung war. Für die Außenaufnahmen war diese Maschine aber viel zu groß und zu sperrig, für draußen gab es noch das weitverbreitete Reportertonbandgerät Uher-Repord 4200 Stereo IC. Auch dieses Gerät hatte ich umbauen lassen, damit die Bandgeschwindigkeiten mit dem Projektor synchron liefen. Der Zusatz IC in der Typenbezeichnung deutete damals auf eine technische Sensation hin, nach der Erfindung des Transistors war es gelungen, viele Transistoren in ein einziges winziges Bauteil zu integrieren, dem integrierten Schaltkreis, oder kurz IC. Allerdings war diese Typenbezeichnung etwas irreführend, es wurden lediglich zwei integrierte Schaltkreise in der Niederfrequenz-Verstärkerstufe verbaut, der Rest der Elektronik bestand weiterhin aus den guten alten Transistoren.

Im Kollegenkreis meines Nachbarn, der beim Fernmeldeamt 1 in der Schlüterstraße Dienst machte, fanden sich ein paar Kollegen, die engagiert und fotogen genug waren, um die Haupt- und Nebenrollen zu besetzen. Viel Text war nicht zu lernen, es sollte aber viel Aktion und Bewegung in den Film kommen. Wir wollten zeigen, was alles passieren kann, wenn man sich morgens durch den Berufsverkehr quält. Mit dem Auto, der Bahn, dem Fahrrad, auf Rollschuhen und zu Fuß, um immer pünktlich am Arbeitsplatz zu sein.

Unser Hauptdarsteller fuhr mit seinen Rollschuhen auf der Straße herum und ich mit meinem giftgrünen VW K70Der VW K 70 war der erste Volkswagen mit einem Front-Reihenmotor sowie Wasserkühlung und der erste in Serie gebaute Volkswagen mit Frontantrieb. Entwickelt wurde er von NSU. Er kam im Sommer 1970 auf den Markt und markierte den ersten großen Umbruch in der Fahrzeugtechnik bei Volkswagen.Siehe auch Artikel in Wikipedia.org vor ihm her, während mein Nachbar mit Filmkamera und Stativ im Kofferraum hockend die Szene drehte. Da unser Budget recht bescheiden war, konnten wir jede Szene höchstens drei Mal drehen, dann musste sie im Kasten sein, denn das Filmmaterial war teuer.

Eine Einstellung wollten wir auf der Autobahn drehen. Bei der morgendlichen Fahrt sollte laut Drehbuch das Auto kaputt gehen, der Protagonist musste nun aus dem Kofferraum die Rollschuhe holen und mit ihnen den Rest der Strecke auf der Autobahn zurücklegen. Unter einer Brücke sollte es dann zu einem weiteren Unglück kommen, den Zusammenstoß mit einem anderen Verkehrsteilnehmer konnte unser Darsteller aber unbeschadet überstehen, während ein Reifen und das Lenkrad aus der Unterführung rollten. So wollten wir unser Filmpublikum mit überraschenden und unerwarteten Begebenheiten fesseln. Das Problem bestand nun aber darin, dass wir diese Szenen kaum auf der Autobahn drehen konnten, obwohl Mitte der 1970er Jahre auf den Schnellstraßen lange nicht so viel Verkehr herrschte wie heute. Die neue A7 und der Elbtunnel waren im Dezember 1974 gerade dem Verkehr übergeben worden und die halbe Hamburger Einwohnerschaft hatte zuvor den Tunnel zu Fuß durchwandert. Das hatte uns zu der Autobahnszene inspiriert, die jetzt an ihrer Undurchführbarkeit zu scheitern drohte.

Der rettende Einfall kam von einem Kollegen aus Bergedorf, der uns daran erinnerte, dass es da noch die nach dem Kriegsende stillgelegte Autobahntrasse nach Berlin gab, mit Brücken und ohne Verkehr, genauso wie wir uns die Lokalität vorstellen würden. An einem Samstag, mit entsprechend guten Lichtverhältnissen, machten wir einen Familienausflug in Richtung Bergedorf, die Kinder durften mit und natürlich die gesamte Film- und Tonausrüstung. Eine passende Stelle hatten wir uns vorher bereits angeschaut und wir wussten auch, wie wir diese mit drei Autos erreichen konnten. Zwei der Fahrzeuge simulierten Autobahnverkehr, der dritte Wagen war wieder für die Kamerafahrten vorgesehen und der Kollege rollte dazwischen mit seinen Rollschuhen, bis auch diese Einstellung im Kasten war. Spannend wurde es, wenn die Filmrollen zur Entwicklung zu Kodak eingeschickt wurden und ein paar Tage später abends den Briefkasten verstopften. Mit klopfendem Herzen schauten wir uns dann die einzelnen Szenen an, berieten, welche brauchbar waren und welche nachgedreht werden mussten und begannen mit dem Filmschnitt. Als Klebepresse hatten wir ein Gerät von Hähnel mit einer kleinen Lupe und Klebefolien von HAMA.

Die letzten Einstellungen drehten wir auf der Freitreppe des Postamts 13 in der Schlüterstraße, die uns genügend Platz für die Kameras und die Scheinwerfer ließ. Natürlich hatten wir vorher von den Häuptlingen des Post- und Fernmeldeamtes Drehgenehmigungen erhalten, die auch gern erteilt wurden, als wir erzählten, dass dieser Film auf der nächsten Weihnachtsfeier die Überraschung werden sollte.

Im Herbst hatten wir dann alle Einstellungen abgedreht und der Film wurde in den nächsten Wochen geschnitten. Die Gesamtlaufzeit sollte dabei eine halbe Stunde nicht überschreiten, die Story sollte möglichst kurz und knackig rüberkommen, ein Gähnstreifen sollte es auf keinen Fall werden. Der Schere fiel dabei alles gnadenlos zum Opfer, was nicht unmittelbar zur Geschichte gehörte, vom Licht nicht passte, oder sonst irgendwie nicht schlüssig war. Hatten wir doch an vielen Wochenenden mit sehr unterschiedlichen Lichtverhältnissen gedreht. Außerdem fiel während des Filmschnitts auf, dass unser Hauptdarsteller an verschiedenen Drehtagen unterschiedliche Socken getragen hatte. Die ließen sich nun beim besten Willen nicht in einer Szene kombinieren, eine Einstellung mussten wir deshalb noch einmal nachdrehen. Ende Oktober waren dann alle Filmsequenzen im Kasten und geschnitten, eine Vorführung der Stummfilmfassung innerhalb der beteiligten Familien brachte uns Filmschaffenden bereits viel Beifall ein, doch fertig war der Film noch lange nicht.

Im Dezember, jetzt bereits unter Zeitdruck, begannen Erwin und ich mit der Nachvertonung. Voraussetzung war aber die Ausrüstung des Films mit einer Magnettonspur. Wir legten zusammen und kauften uns am Grindelhof bei der Firma Industrie-Foto-Service ein Tonspurklebegerät von Bolex. Eine hauchdünne Magnetspur von einem Millimeter Breite wurde von einer filigranen Rolle über Rädchen geführt, mit flüssigem Kleber benetzt und dort, wo Film und Tonspur zusammenliefen, untrennbar miteinander verklebt und dann auf einer Filmspule aufgewickelt. Das hört sich einfach an, wir hatten aber Angst um unser wertvolles Original und übten mit Teilabschnitten und altem Filmmaterial, bis wir diese Technik zu beherrschen glaubten. Dann wurde die Tonspur aufgebracht und es klappte tatsächlich gleich auf Anhieb. In der folgenden Woche wurde der gesamte Ton unter Zuhilfenahme verschiedener Tonquellen und eines Mischpults abgemischt, mit der Revox Tonbandmaschine aufgenommen und probeweise synchron zum Film mit dem Projektor wiedergegeben. Das klappte recht gut, die Dialoge hatten wir auf der Spur eins, die Atmosphärengeräusche, Musik und Toneffekte auf der zweiten Spur aufgezeichnet. Zugute kam uns jetzt, dass sowohl die Revox, als auch das Uher Report mit dem Projektor synchron liefen und Musik und Sprache ohne Zeitversatz an der richtigen Stelle aus den Lautsprechern ertönte.

Der Rest ist schnell erzählt, gerade rechtzeitig zur Weihnachtsfeier des Fernmeldeamts 1 fertig gestellt, wurde unser Film in der Kantine des ehrwürdigen Gebäudes einem staunenden und begeisterten Publikum gezeigt, erntete Applaus und Anerkennung für die Filmschaffenden.

Ich habe seither Hochachtung vor der Arbeit von Filmleuten, weiß ich doch, wie viel Arbeit und Schweiß in so einem Streifen steckt, bis er einmal fertig ist. Allerdings entgehen mir auch gravierende Fehler nicht, die auch in professionell hergestellten Produktionen manchmal enthalten sind – verschiedenfarbige Socken zum Beispiel.