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Der Postführerschein

Am 10. Oktober 1966 wurde mir mein Führerschein ausgehändigt. Ich durfte ab sofort am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen, wie es im Amtsdeutsch hieß. Zuvor habe ich allerdings, wie alle Führerscheinanwärter den Fragenkatalog mit den Verkehrsregeln studieren müssen. Das konnte ich damals bequem zu Hause machen, denn ich musste mich nicht in einer Fahrschule anmelden, hatte aber bereits einen Termin zur schriftlichen Prüfung. Die fand am 10. Oktober in den Schulungsräumen der Kfz-Zulassungsstelle in der Süderstraße statt, gemeinsam mit vielen anderen Anwärtern.

Am Nachmittag hatte ich das begehrte Dokument in der Tasche, welches allerdings nicht makellos aussah, denn es war mit dem sogenannten Säuferbalken verunziert. Da ich für die Führerscheinklasse vier nur eine schriftliche Prüfung abzulegen hatte, wurde der amtliche Vermerk nach Ablegen einer Prüfung im Führerschein gestrichen, das war der berüchtigte Säuferbalken. Denn wer einmal den Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer auf Zeit verloren hatte, bekam ihn dann nach Ablauf der Straffrist wieder, ohne erneut eine Prüfung ablegen zu müssen, was im Führerschein mit der Streichung Nach Ablegen einer Prüfung dokumentiert wurde und den Inhaber der Fahrerlaubnis für alle Zeit diskriminierte.

Mit diesem frisch erworbenen Führerschein konnte ich nun mit meiner NSU-Quick 50, die ich in den Monaten zuvor wieder fahrbereit gemacht hatte, am Straßenverkehr teilnehmen und brauchte nicht mehr mit der Bahn in die Lehrwerkstatt am Holstenhofweg zu fahren. (Siehe meine Geschichte: Moped-Träume oder Traum-MopedsNSU Quick 50Mit einem zinslosen Darlehen von 20,-DM, das ich bei meinen Eltern aufnahm, konnte ich dieses rostige Gebilde kaufen.).

Am 20. August 1969 wurde der Lappen, wie er im Gespräch mit Anderen bezeichnet wurde, wenn man als cool gelten wollte, um die Führerscheinklasse drei, der Fahrerlaubnis für Pkw und Lkw bis 7,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht erweitert. Dafür gab es auf der Rückseite des Lappens die Spalte Raum für weitere Eintragungen und der Säuferbalken blieb mir erhalten. Soviel zur Vorgeschichte.

Im Oktober 1968 hatte ich ausgelernt und einen kombinierten Gesellenbrief als Elektromonteur und Fernmeldehandwerker in der Tasche. Als solcher war ich im Fernmeldebau, in der Kabelmontage eingesetzt. Jeder Bautrupp hatte ein eigenes Fahrzeug, mit dem Männer und Material zur jeweiligen Baustelle transportiert wurden. Fahrzeuge waren genügend vorhanden, nur an qualifizierten Fahrern fehlte es. Das wurde begünstigt durch eine Selbstbeschränkung, die der Post auferlegt wurde. Als staatlicher Betrieb und Selbstversicherer bezahlte die Post alle durch ihre Fahrer verursachten Schäden aus einem eigens dafür angelegtem Fond. Aus diesem Grund durfte nicht jeder ein Postfahrzeug fahren, man benötigte eine besondere Fahrerlaubnis, einen sogenannten Postführerschein.

Mein Dienstherr versüßte mir die Entscheidung, zukünftig auch als Fahrer eines Postfahrzeugs tätig zu sein, mit der für mich kostenlosen Fahrausbildung zum Führerschein der Klasse drei und später auch mit Gehaltszulagen, die allerdings recht bescheiden ausfielen. So wurde ich zum Lehrgang Führerschein Klasse Drei vom täglichen Dienst freigestellt und meldete mich bei der Fahrschule der Deutschen Bundespost, die in der Kieler Straße in den Räumen der BwKw, der Bezirkswerkstatt für Postkraftwagen untergebracht war.

Der Lehrgang wurde von Fahrlehrer T. geleitet, drei Kollegen sollte er in den nächsten vier Wochen umsichtiges Fahren und sorgfältigen Umgang mit einem grauen Postfahrzeug beibringen. Dazu wurde erst einmal an einem Modell theoretisches Wissen zum Umgang mit der Schaltung, dem Getriebe und der Kupplung vermittelt. Wir hatten ganz normalen Dienst, das heißt: die Dienstzeit betrug acht Stunden zuzüglich der Pausen. Am Nachmittag drehten wir dann bereits auf dem Betriebsgelände unsere ersten Runden in einem VW-Käfer Standard, Grau, Dreispeichenlenkrad und mit unsynchronisiertem Getriebe. Anfahren, ohne den Motor abzuwürgen brauchte etwas Übung, aber das Schalten ohne Geräusch war schwierig und musste erst erlernt werden. Und das ging so: Ersten Gang einlegen und Anfahren, Kupplung treten, Schalthebel in den Leerlauf, Kupplung lösen, gefühlvoll Gas geben, Kupplung treten und mit dem Schalthebel den zweiten Gang einlegen. Hatte man es gefühlvoll genug gemacht, ließ sich der nächste Gang butterweich und geräuschlos schalten. Hatte man zuviel oder zu wenig Gas gegeben, krachte es gehörig im Getriebe, Fahrlehrer T. bekam einen puterroten Kopf und schimpfte: Schalten ist kein Geheimnis, kann jeder hören.

Die nächsten Tage vergingen ähnlich, morgens Theorie und Verkehrsregeln lernen, nach der Mittagspause auf dem Betriebsgelände Runden drehen und das Schalten mit Zwischengas üben. In der folgenden Woche ging es dann auf die Straße und mitten hinein in den morgendlichen Berufsverkehr. Ganz besonderen Wert legte unser Fahrlehrer auf den Blick in den Rückspiegel und vor allem über die Schulter beim Rechtsabbiegen. Hatte einer von uns Fahrschülern vor dem Abbiegen den Kopf nicht deutlich genug nach hinten gedreht, schlug T. mit der Faust gegen die rechte Türverkleidung, dass es knallte: So, und wieder wurde ein Radfahrer erlegt, war sein bissiger Kommentar. Die Fahrt ging durch die ganze Stadt bis hinunter zum Hafen. An der Stelle, wo die Große Elbstraße nach Altona hinauf führt wurde dann das Anfahren am Berg geübt. An der steilsten Stelle wurde mit angezogener Handbremse gehalten und wieder angefahren, wobei das Fahrzeug keinen Zentimeter zurückrollen durfte. Hatte man zweimal hintereinander gepatzt, musste man den Platz wechseln und einer der Kollegen fuhr weiter. Aber es gab auch kleine Hilfestellungen, die während der Fahrprüfung ganz versteckt vom Fahrlehrer angewandt wurden, damit wir nicht wegen zu schnellen Fahrens durch die Prüfung rasselten. Das speziell ausgerüstete Fahrschulfahrzeug hatte ein doppeltes Pedal. Das erste Mal bekam ich von Herrn T. Hilfestellung, als ich in den Wallringtunnel hinunterfuhr. Der graue VW-Käfer wurde immer schneller, weil ich nicht vom Gaspedal gegangen war. Mein Fahrlehrer drückte nun mit dem Fuß unter sein Gaspedal und ich spürte es deutlich, sah auf den Tacho und stellte fest, dass ich schon fast 70 Sachen drauf hatte.

Eine Woche später war unser dauernörgelnder Fahrlehrer mit unseren Fahrleistungen wohl schon etwas zufriedener, denn jetzt wechselten wir das Gefährt und fuhren in die Nordheide. Ein VW-Bus mit Doppelkabine und Pritsche, natürlich in grau und mit Posthörnchen an den vorderen Türen bot uns etwas mehr Platz, zumal wir jetzt acht Stunden jeden Tag auf den Landstraßen in der Nordheide unterwegs waren. Unser Fahrlehrer hatte so seine Ziele, die wir in dieser Woche abklappern sollten. Hier kaufte er beim Bauern Frühkartoffeln, gleich für die gesamte Kollegenschaft, die dann auf die Pritsche unter die Plane gehievt wurden. Dort war eine gute Landschlachterei, bei der er sein Grillfleisch für das Wochenende besorgte. Und an einer Stelle, wo es nichts zu kaufen gab, mussten wir lange auf ihn warten…

Drei Tage in dieser Zeit waren für die Ausbildung in Erster Hilfe vorgesehen, die beim DRK am Behrmannsplatz absolviert wurden, dann, nach vier Wochen Fahrausbildung, kam der Tag der Prüfung. Wieder quetschten wir uns in einen grauen VW-Käfer, diesmal zu fünft, denn der Prüfer fuhr mit. Zum Glück handelte es sich um ein Export-Modell mit synchronisiertem Getriebe, das sich ohne Zwischengas schalten ließ. Die theoretische, schriftliche Prüfung hatten alle drei Prüflinge bereits bestanden, es stand nur noch die Fahrprüfung an. Wieder war ich im Wallringtunnel zu schnell und bekam Hilfestellung per Gaspedal. Auch das Anfahren am Berg gelang ohne zurück zu rollen. Einem von uns dreien gelang es tatsächlich durchzufallen, ich erhielt nach der Prüfung meinen Führerschein der Klasse drei ausgehändigt. Der Postführerschein war auf blaugrauem Leinen gedruckt und trug keinen Säuferbalken mehr, denn ich hatte ja eine Prüfung abgelegt. Als ich aber beim zuständigen Verkehrsamt in Bad Oldesloe die Klasse drei in meinen privaten Lappen umschreiben ließ, bekam ich nur einen Eintrag mit Stempel, Listenummer und Unterschrift. Der Säuferbalken blieb mir erhalten.

Dienstlich wurde für mich nun einiges anders. Ich bekam ein Fahrzeug zugeteilt und hatte ab sofort als Fahrer die Verantwortung für meine mitfahrenden Kollegen, Material und Fahrzeug zu tragen. Dafür gab es eine Fahrerzulage von 2,- DM monatlich. Mit zu meinen Aufgaben gehörte es, das Fahrzeug aufgeräumt und sauber zu halten, was manchmal zu Konflikten mit Kollegen führte, die ihre Sachen einfach nur auf die Ladefläche warfen, wo sie während der Fahrt hin und her polterten. Hatte ich mich auf einen VW-Bus gefreut, mit Doppelkabine und Pritsche, wie ich ihn bereits gewohnt war, gab es bei der Zuteilung der Fahrzeuge eine Überraschung. Ich bekam einen uralten Opel Blitz, mit geschwungenen Kotflügeln und Trittbrettern. Die Breite war vom durchgesessenen Fahrersitz aus kaum abzuschätzen, dafür hatte das Auto rechts und links gefedert angebrachte Drahthörner, auf denen je eine weiße Kugel angebracht war. So konnte man ungefähr abschätzen, wie weit man sich vom Kantstein entfernt auf der Straße befand. Die Unzulänglichkeit des durchgesessenen Fahrersitzes glich ich durch ein altes Kissen aus. Ansonsten bot das Auto viel Platz. Ich gewöhnte mich schnell an die Dimensionen und fuhr es sehr gerne. Die Gänge des alten Blitz ließen sich mit dem S-förmigen Schalthebel nur langsam und gemütlich einlegen; war ich dabei zu hektisch, krachte es gewaltig und ich musste an den Spruch des Fahrlehrers denken: Schalten ist kein Geheimnis… Ebenso einprägsam wie sein Knallen mit der Faust in die Seitenverkleidung, begleitet von: Da haben wir wieder einen Radfahrer erlegt.

Als ich einmal wegen einer notwendig gewordenen Reparatur in die Bezirkswerkstatt für Postkraftwagen (BwKw) nach Hamburg-Stellingen musste, erlebte ich eine ärgerliche Geschichte. In der Werkstatt angekommen, meldete ich den Blitz zur Reparatur an und sollte ein Ersatzfahrzeug zugeteilt bekommen. Ärgerlich, denn das für den Tag benötigte Material und Werkzeug musste umgeladen werden. Ich hatte für diese Arbeit keine Hilfe und stand unter Zeitdruck. Aber 2.- DM monatliche Fahrerzulage –was tut man nicht alles dafür. Als ich den Blitz in die Halle fuhr, stand dort der Werkstattleiter mit wutverzerrtem Gesicht auf seiner eigenen Unterlippe, so weit riss er den Mund auf und brüllte mich an: Ihr jungen Schnösel macht immer alles kaputt und wir müssen das immer wieder reparieren. Das führte zwischen uns zu einem heftigen und lauten Wortwechsel, der auch außerhalb der Halle zu hören war. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und ging zum Chef der Werkstatt, beschwerte mich über das Auftreten des Werkstattleiters, zerknüllte meinen Postführerschein und warf ihn mit den Worten: Ich bin die längste Zeit hier Fahrer gewesen! in seinen Papierkorb.

Am nächsten Tag rief mich mein Chef, Bezirksbauführer des Baubezirkes zu sich. Bei ihm war der Leiter der Bezirkswerkstatt. Er war ein Herrenfahrer, so nannte man damals distinguierte Herren, die schweinslederne Handschuhe zum Autofahren trugen. Er war mit seinem privaten Karmann Ghia Cabrio gekommen, um mir den Postführerschein wiederzubringen, den seine Frau am Abend glattgebügelt hatte. Ich wurde gebeten, doch wieder den Fahrdienst aufzunehmen und meine Entscheidung zu überdenken, was ich dann auch tat. Ja – Fahrer waren knapp zu jener Zeit, später hätte man wohl meine Entscheidung akzeptiert und ein anderer hätte das Fahrzeug bewegt.

Ein Nachspiel hatte die Geschichte jedoch noch für mich, meinen inzwischen geliebten Opel Blitz hatte man nicht mehr repariert, sondern ausgemustert und ich bekam einen VW-Bus, Kastenwagen mit geteilter Frontscheibe. Und der Werkstattleiter, mit dem ich damals aneinandergeriet, wurde sehr viel später mein Schwiegervater.