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Pakete in die Ostzone

Nicht alle ostpreußischen Freunde und Verwandten meiner Eltern und Großeltern sind, als sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden, bis in den Westen Deutschlands gekommen. Meine Mutter erzählte mir, als ich noch ein Kind war, wie sie mit meiner vier Jahre älteren Schwester im Säuglingsalter und ihrer an spinaler Kinderlähmung leidenden Mutter, meiner Großmutter, im Januar 1945 vor den heranstürmenden russischen Soldaten mit dem Osteroder Krankenhaustransport aus ihrer Heimat geflüchtetLesen Sie auch: Unsere Flucht aus Ostpreußen oder, wie wir unsere Heimat verloren… von Ursula Kennhöfer. war. Nach tagelangen Zugfahrten auf den wenigen unzerstörten Zugstrecken wurde den Flüchtenden erst in Bärenstein im Erzgebirge, später im Leipzig Unterkunft gewährt. Erst im Sommer 1946 gelang es meiner Mutter, mit Mutter und Tochter aus der russisch besetzten Zone nach Reinfeld in Holstein in die britische Besatzungszone zu entkommen. Bei Walkenried im Südharz gelang nachts der illegale Grenzübertritt in den Westen und die Weiterfahrt nach Hamburg und Reinfeld.

Durch die Kriegswirren wurden die Familie, die Freunde und Bekannte in ganz Deutschland zerstreut, Verbindungen gab es zunächst nur durch Briefe. Erst später, als die ersten öffentlichen Telefonzellen aufgebaut wurden, waren auch Ferngespräche miteinander möglich. Einen privaten Telefonanschluss erhielten wir erst spät in den 50er Jahren. Als die Teilung Deutschlands sich 1949 mit Gründung der DDR verfestigte und die Grenze der Sowjetischen Besatzungszone zur Staatsgrenze ausgebaut wurde, gab es zwischen den Menschen nur noch wenige Kommunikationsmöglichkeiten. Telefonverbindungen gab es nur als handvermittelte Gespräche mit Voranmeldung und die wenigen Verbindungsleitungen waren ständig überlastet. Private Gespräche wurden aber kaum vermittelt, wenn überhaupt, dann spät nachts. So blieb dann nur der Brief, der von Ost nach West und umgekehrt Nachrichten zwischen Familien und Freunden transportierte. Natürlich unterlag der Briefverkehr strengen Regeln und der Zensur der Besatzungsmächte.

Während sich im Westen nach der Währungsreform 1948 allmählich die Versorgungslage der Bevölkerung entspannte und auch mehr Wohnraum zur Verfügung stand, demontierten die russischen Besatzer in der Ostzone, so sagten wir, weiterhin Schienenstrecken und Fabriken. Während im Westen Deutschlands die Hilfe durch den Marshallplan Wirkung zeigte, litten die Menschen im Osten unter der Mangelwirtschaft.

Es gab aber eine Möglichkeit, den Verwandten in der DDR zu helfen: Pakete in den Osten zu schicken, die in der Regel das enthielten, was es in der DDR nur gegen Devisen zu kaufen gab. Allerdings hatte 1954 die DDR-Führung strenge Reglementierungen erlassen. Die Verordnung über den Geschenkpaket- und -päckchenverkehr auf dem Postwege mit Westdeutschland, Westberlin und dem Ausland regelte, was, wieviel und an wen ein Paket verschickt werden durfte. Das Maximalgewicht der Pakete betrug anfangs sieben Kilogramm und durfte nur von Privat an Privat versendet werden. In der Verordnung wurde auch festgelegt, in welchen Mengen welche Handelswaren versandt werden durften, was sehr streng durch die Post der DDR kontrolliert wurde. Ausgeschlossen waren Zahlungsmittel jeglicher Art, Briefmarken, schriftliche oder gedruckte Mitteilungen, kriegerische oder antidemokratische Literatur, Schallplatten, Tonbänder, Bilder und militaristisches Kinderspielzeug. Aber auch die Anzahl der Pakete war beschränkt, ein Beschenkter durfte nur ein Paket pro Monat bekommen, später wurde die Verordnung auf 12 Pakete pro Jahr abgeändert, wodurch theoretisch alle 12 erlaubten Pakete in einem Monat hätten empfangen werden können.

Meine Eltern waren sicherlich nicht reich und haben das Wenige, was mein Vater als Beamtenanwärter in Hamburg verdiente, in das Haus und den Garten investiert, um sich hier eine neue Heimat aufzubauen. Aber die ostpreußische Lebensart ist eine gebende und so wurden auch die Verwandten in der DDR nicht vergessen. Meine Mutter packte mehrmals im Jahr Pakete mit allerlei Lebensmitteln, um sie ihren Verwandten zu schicken. Da es nicht erlaubt war, schriftliche Mitteilungen in die Pakete zu legen, hatte meine Mutter eine Idee: Sie schrieb grundsätzlich einen Brief, der ihren Namen und die Anschrift enthielt, das Absendedatum, eine Inhaltsangabe und natürlich ein paar persönliche Zeilen an die Verwandten. Diesen Brief versteckte sie in der Mehl-, Zucker- oder Kaffeetüte, die sie danach wieder so sorgfältig verschloss, dass ihre Manipulation kaum zu bemerken war. Wenn dann ein Dankschreiben der Verwandten Wochen später bei ihr ankam, wurde in einer verklausulierten Sprache beschrieben, in welchem, oft regelrecht zerfledderten, Zustand die Pakete ausgeliefert wurden und was darin alles fehlte.

Als wir im Oktober 1962 während der Kubakrise den Atem anhielten und die Welt am Abgrund eines Dritten Weltkrieges sahen, kamen keine Dankschreiben mehr von den Verwandten aus der DDR, obwohl meine Mutter weiterhin Pakete schickte. Stattdessen kam eines Tages ein seltsamer Brief mit sehr seltenen Briefmarken bei ihr an. Der Brief enthielt einen Text in einer unbekannten Sprache, war aber an meine Mutter adressiert. Meinem Vater war es im Dienst gelungen, jemanden aufzutreiben der Spanisch lesen konnte und der den Brief übersetzte. Allgemeines Erstaunen herrschte, als mein Vater abends den Inhalt des Briefes vorlas. Er enthielt die überschwängliche Danksagung einer kubanischen Familie, die sich über all die schönen Sachen, vor allem über den Kaffee so sehr gefreut hatte. Der Dank galt der Familie des sozialistischen deutschen Brudervolkes, die bereit war, die Not der kubanischen Bevölkerung mit ihren milden Gaben zu lindern.

War meine Mutter schon enttäuscht und verärgert, wenn wieder einmal einige Sachen nicht mehr im Paket waren, wenn es den Empfänger erreichte, so empfand sie dies doch als den Gipfel staatlichen Diebstahls. Offensichtlich wurden ganze Ladungen von Geschenkpaketsendungen in der DDR nach Kuba umgeleitet und erreichten ihre rechtmäßigen Empfänger nie.

Die Deutsche Post der DDR als Teil des Überwachungsstaates

Die Nichteinhaltung des Briefgeheimnisses war in der DDR formal in § 135 StGB (DDR) unter Strafe gestellt. Dennoch erfolgte eine systematische Kontrolle aller Postsendungen aus oder in den Westen durch die Abteilung M des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Diese arbeitete mit der Deutschen Post der DDR zusammen. Innerhalb der Post firmierte die Postkontrolle unter der Tarnbezeichnung »Abteilung 12« bzw. »Dienststelle 12«.

Die Postkontrolle des MfS begann 1950 mit drei Referaten und einigen Dutzend Mitarbeitern und wurde kontinuierlich ausgebaut. Am Ende verfügte der Bereich 1989 über zehn Abteilungen mit knapp 2.200 Mitarbeitern. Die Bedeutung, die die SED der Briefkontrolle beimaß, zeigte sich daran, dass der Leiter des Bereichs, Rudi Strobel, ein Generalmajor war und seit 1982 einem Verantwortungsbereich unterstand, der von Erich Mielke selbst geleitet wurde.

Vergleichbares galt für den Fernmeldebereich. Auch die Nichteinhaltung des Fernmeldegeheimnisses war in der DDR formal in § 202 StGB (DDR) unter Strafe gestellt. Dennoch erfolgte eine systematische Kontrolle aller Telefongespräche aus oder in den Westen sowie vieler Gespräche innerhalb der DDR durch die Abteilung 26 des MfS. Diese arbeitete mit der Deutschen Post der DDR zusammen.

Die Telefonüberwachung des MfS begann 1950. Die Hauptabteilung S (Technische Sicherheit) bestand am Anfang aus zwei Einheiten mit weniger als 20 Mitarbeitern. Mitte der 80er Jahre waren ca. 1000 Mitarbeiter beschäftigt. 1986 wurden 2.030.130 Gespräche abgehört.Quelle: Wikipedia.de