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Freischwimmer

Es wird im Sommer 1954 gewesen sein, als ich zum ersten Mal ein Gewässer erblickte, das vom Ufer bis an den Horizont reichte. Bis dahin kannte ich vom wöchentlichen Badetag, meistens am Sonnabend, nur den Badezuber aus Zinkblech, denn eine Badewanne oder ein Waschbecken gab es in der Waschküche, die der Familie als Bad diente, nicht. Dort gab es nur den mit Kohle und Holz befeuerten großen Waschkessel aus Feuerbeton, Schamottsteinen und einem Einsatz aus verzinktem Blech zum Erwärmen einer größeren Wassermenge für die große Wäsche oder den wöchentlichen Badetag.

Dass meine Eltern einen Ausflug nach Scharbeutz mit uns Kindern machten, war wegen der immer knappen Kasse und auch wegen der umständlichen Anreise eine einmalige Angelegenheit. Ein Auto besaßen wir damals nicht und die Reise begann morgens früh an der Bushaltestelle in der Nähe des elterlichen Hauses. Mit der Hochbahn ging es dann zum Hauptbahnhof und von dort mit dem Bummelzug, der von einer mächtigen Dampflokomotive gezogen wurde, über Bad Oldeslohe nach Scharbeutz an die Ostsee. Es gab damals noch Wagen dritter Klasse, die mit Holzbänken ausgestattet waren, und Raucherabteile mit übergroßen Aschenbechern.

Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob auch meine Schwester diesen Ausflug mitmachte, doch aber an den weißen Sandstrand, in dem Vater sogleich eine Burg aus Sand für die Familie errichtete, mit Muscheln schmückte und damit diesen Strandabschnitt als besetzt deklarierte. Das Wetter war an diesem Tag nicht gerade strahlend schön, es zog ein Gewitter mit dunklen Wolken auf, aus denen in der Ferne hin und wieder ein Blitz zu sehen war. Aber es blieb an diesem Tag warm und trocken. Beeindruckend fand ich die weiß gestrichene Bäderbrücke, von der man nach tief unten in das herrliche grün-blaue Wasser sehen konnte. Da ich aber noch nicht schwimmen konnte, blieb es beim Planschen in den Wellen am seichten Ufer.

Nach diesem prägenden Ereignis wollte ich schwimmen lernen, doch fehlte es an entsprechenden Möglichkeiten, bis zwei Jahre nach meiner Einschulung auch Sport und Leibesertüchtigung auf dem Stundenplan stand. Üblicherweise fand der Sport an der Heidbergschule auf dem Schulhof statt, denn eine Turnhalle wurde erst sehr viel später dort gebaut. In erster Linie wurden dort Wettläufe und Ballspiele wie Völkerball veranstaltet. Wenn aber im Sommer die Freibäder eröffnet wurden, ging unser Turnlehrer Herr M. mit uns in das nahe gelegene Naturbad Langenhorn zum Schwimmen. Bei uns hieß das Bad nur Moorbad, denn das Wasser war keineswegs so schön grün-blau wie in Scharbeutz, sondern eher dunkelgrün von Algen. Es gab ein ummauertes Planschbecken von nur geringer Wassertiefe für die Kleinsten, ein Nichtschwimmerbecken, in dem man stehen konnte und, von einer hölzernen Brücke getrennt, das tiefe Freischwimmerbecken. Dort bekam unser Turnlehrer Herr M. fachkundige Unterstützung vom dortigen Schwimmmeister Herrn S. mit zwei t, wie er die Schreibweise seines Namens betonte.

Herr S. war ein kleiner, untersetzter aber sehr kräftiger Mann, der immer mit langer weißer Hose, einem ärmellosem Unterhemd und einer weißen Schirmmütze bekleidet war. Aus seinem Gerätehaus versorgte er uns mit Schwimmgürteln aus Kork, die wir in den ersten Schwimmunterrichtsstunden tragen sollten. Damit zu schwimmen stellte sich aber als unmöglich heraus, Arme und Beine tauchten kaum ins Wasser, während der Kopf so tief lag, dass man zwangsläufig Wasser schlucken musste. Der Schwimmmeister S. hatte aber noch eine weitere Schwimmhilfe in Form einer ungefähr fünf Meter langen Stange, an deren Ende ein eiserner Ring angebracht war. Der Schwimmlehrling sollte nun mit seiner Korkweste in das tiefe Wasser steigen, während der Bademeister ihm den eisernen Ring über den Körper streifte und ihn damit an der Taille hielt. Nun sollte der Schwimmlehrling die trocken geübten Schwimmbewegungen machen, geschützt und geführt vom Turnlehrer M. oder dem Schwimmmeister. Dabei stellten sich meine Klassenkameraden mehr oder weniger tölpelhaft an, was von den anderen Schülern und den Schwimmlehrern entsprechend kommentiert wurde.

Als ich an der Reihe war, konnte ich am eigenen Leibe diese sinnlose Konstruktion aus Korkschwimmgürtel und eiserner Haltestange erleben. Weil der Schwimmgürtel Arme und Beine so aus dem Wasser hob, dass man die Schwimmbewegungen nur an der Luft ausführen konnte, drückte mich der Schwimmlehrer mit seiner Stange so tief unter Wasser, bis der Auftrieb des Korks wieder ausgeglichen war. Dabei schwimmen zu lernen war fast unmöglich. Kritisierte man aber Korkweste oder Schwimmstange, wurde man vom Bademeister nur umso stärker unter Wasser gedrückt. Das Ganze hatte wenig Sinn und ich erlernte bei dieser Art Unterricht das Schwimmen nicht. Auch das begehrte Freischwimmerabzeichen, das man sich von Mutter an die Badehose nähen ließ, bekam ich deshalb nicht. Später hatten die beiden Schwimmlehrer aber doch ein Einsehen und die Schwimmweste aus Kork musste nicht mehr umgelegt werden, sie diente dann nur noch zum Stützen für Arme und Hände und man konnte sich auf die Schwimmbewegungen der Beine konzentrieren, die nun endlich unter Wasser bewegt werden konnten. Mir war der Schwimmunterricht aber gründlich verleidet worden.

Allerdings ließ es mir keine Ruhe, dass ich nicht wie viele meiner Schulkameraden während dieser Stunden das Schwimmen erlernte und so ging ich auf eigene Faust immer wieder in das Moorbad Langenhorn und übte im tiefen Freischwimmerbecken Schwimmen und Tauchen, bis ich es tatsächlich schaffte, eine viertel Stunde lang ohne Hilfsmittel im Becken zu schwimmen. Dabei durfte ich mich aber nicht vom Bademeister erwischen lassen, der sehr aufmerksam seine Augen überall hatte. Er kannte mich vom Schulsport und hätte mich sofort aus dem Freischwimmerbecken gejagt. In der Nähe des elterlichen Hauses gab es aber noch andere Möglichkeiten, um schwimmen zu gehen. Mit dem Fahrrad fuhr ich des Öfteren über Volksdorf zum Bredenbeker Teich. Auch dort gab es ein Naturbad und das Wasser im Teich war herrlich warm und weich. Allerdings erschrak ich immer, wenn Wasserpflanzen meinen Körper streiften und ließen mich in Panik geraten. Am Ende des Sommers machte dann auch ich meinen Freischwimmer bei Turnlehrer M. und erhielt ein weiß-blaues Freischwimmerabzeichen, das Mutter mir an die Badehose nähen musste. Ich war stolz wie Oskar.

Der Sommer 1959Lesen Sie auch: Sommer 1959 war ganz außergewöhnlich heiß und in den großen Ferien waren meine Cousine und mein Cousin aus Wuppertal bei uns in Hamburg zu Besuch. Das Naturbad Langenhorn war nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt und der Eintritt war nicht teuer. So waren wir fast jeden Tag dort und haben gebadet, bis die Lippen blau wurden und wir vor Kälte bibberten, denn sehr warm wurde das Wasser dort nie. Das mag daran gelegen haben, dass Bornbach und Tweeltenbek die Becken ständig mit Frischwasser versorgten.

Als wir aus dem Wasser kamen und zurück auf der großen Liegewiese bei unseren Sachen waren, nahm ich mir mein Handtuch und wollte mich abtrocknen. Aus einem kleinen Erdloch, auf das ich mein Handtuch gelegt hatte, kam nun ein ganzer Schwarm Wespen hervor und stürzte sich wütend summend auf mich. Mit dem Handtuch wedelte ich um meinen Kopf herum und rannte gleichzeitig so schnell ich konnte Richtung Freischwimmerbecken. Mit einem Kopfsprung rettete ich mich vor den wütenden Insekten. Einige Stiche habe ich aber doch abbekommen. Als ich vorsichtig wieder auftauchte, bereit sofort wieder unter Wasser zu verschwinden falls notwendig, stand der Bademeister am Beckenrand und hielt mir eine Standpauke, Es ist verboten, vom Beckenrand zu springen und ob ich dass nicht wüsste, und bei Wiederholung würde er mir den Besuch der Badeanstalt verbieten, schimpfte er. Von meiner Notlage wollte er nichts hören, hielt das für eine Notlüge.

Auf jeden Fall habe ich danach auf zwei Sachen besser aufgepasst, dass ich mein Handtuch nicht auf verdächtige kleine Löcher im Rasen legte und wo sich gerade der Bademeister befand.

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