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Das Chemisette

In einer Geschichte fand ich das Wort Chemisette. Das Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Heute habe ich mein Lexikon hergeholt und gesucht, wo das eigentlich herkommt und wie man das richtig schreibt. Das war gar nicht so leicht. Zuletzt fand ich es im Fremdwörterlexikon von Duden. Da stand: Chemise ist französisch und bedeutet eigentlich das Hemd, aber es ist auch das Kleid aus Batist oder Mull, das unter der Brust hochgebunden wird. Das Chemisette ist ein Vorkleid mit Spitzen und Biesen. Das Chemisette, das ich aber suchte, ist eine gestärkte Hemdbrust für Frack und Smokinghemden, ist das nicht prima erklärt? Stellen sie sich einen großen Mann vor — wie einen Kleiderschrank, so sagt der Volksmund,  - und unter dem Kinn ein Chemisette mit Spitzen und Biesen, das aus dem Jackett herausguckt. Das sieht doch nach etwas aus — oder nicht?

Nun bin ich langsam da, wo ich hin will. Mein Großvater hat immer ein Chemisette nur mit Biesen versehen getragen, nicht täglich aber doch wenn er als Rendant der Garstedter Sparkasse unterwegs war und auch später, als es nach dem Kriege gar nicht mehr Mode war. Dazu gehörte auch noch der steife Kragen, der  mit zwei Kragenknöpfen vorn und hinten an das Hemd fest geknöpft wurde.

Als ich nun mal bei meiner Tante war, wo unser Opa lebte, klagte sie,  dass sie kein Chemisette mehr kaufen könnte und die alten mürbe wären. Da habe ich mir eines als Muster ausgeliehen. Ich wollte es wenigstens versuchen, eins zu nähen. Damit hatte ich mir eine Geduldsarbeit angelacht.

Ich habe es mir aber auch nicht leicht gemacht und habe erstmal Biesen genäht — eine nach der anderen im Abstand von 1 cm und das auf unserer alten Nähmaschine  noch mit Fußbetrieb. Das war eine Arbeit — heute würde ich das nicht noch mal machen. Das heißt, heute stellst du die Maschine ein, und dann näht die die Biesen fadengrade, wie das sein muss. Das Chemisette musste ich auch abfuttern, damit es auch brettsteif gestärkt werden konnte. Dann bekam es auch noch einen schmalen Stehkragen rund um das Halsloch und Knopf und Knopfloch dazu. Das Ganze sieht aus wie ein Lätzchen für Kinder. Drei Stück habe ich fertig bekommen und danach war ich fix und fertig von dem ganzen Fummelkram. Mein Großvater hat sich gefreut und meine Tante erst recht, Diese konnte sie kochen, stärken und bügeln, sie hielten alles aus.

Das ist nun sechzig Jahre her. Daran merke ich mal wieder, wie alt ich bin, ist doch so — keiner wird jünger. --