© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Den Finger zu hoch gehoben…

Als ich vor ein paar Tagen in der Garage einen alten Lappen suchte, um die Autoantenne abzuwischen, guckte ich in den alten Küchenschrank, der dort steht. Was ich fand, war kein Lappen, das waren unsere beiden Jagdhunde. Nein, keine lebendigen - zwei aus Porzellan… Ich holte die Figur hervor und besah sie mir einmal näher. Sie war sehr schmutzig und brauchte dringend Wasser und Seife. Viele Jahre stand sie nun schon hier und ich musste grinsen, als ich daran dachte, wie sie bei uns gelandet war.

Ich sehe meinen Mann noch deutlich vor mir, als er eines Tages mit einem Paket in Zeitungspapier eingewickelt aus Hamburg kam. Er stellte es im Wohnzimmer auf den Tisch. Du weißt doch, dass ich schon immer  neugierig auf eine Auktion war, und da bin ich heute gewesen in meiner Mittagszeit. Da war es vielleicht voll, ich kam gerade noch in den Auktionsraum hinein. So von weitem konnte ich kaum sehen, was gerade unter den Hammer kam.

Als nun diese Hunde an der Reihe waren, und der Auktionator erzählte, dass das eine Form aus Meißen sei, die aber in der Tschechoslowakei genutzt wurde, habe ich ein bisschen den Finger gehoben, und bums hatte ich sie an der Backe. Dreißig Mark hat das gekostet und noch 15% für den Auktionator.
Ich sah mir die beiden Hunde an, die dicht an dicht die Nasen auf der Erde einer Spur im Lauf folgten. So sah das aus. Ich hätte am liebsten die Hände überm Kopf zusammen geschlagen. Wie kann man dafür so viel Geld bezahlen? Ich bekam dann aber doch einen Lachanfall, weil meiner Meinung nach mein Mann so reingefallen war, und sagte: Eins sag ich Dir - in die Stube kommt mir das Dings nicht. Du kannst es im Eingang auf die Fensterbank stellen. Aber wenn du genau wissen willst, was ich denke — denn kann ich nur sagen Zu schön zum Fallenlassen.

Und so kam es dann. Am nächsten Morgen habe ich sie abgeseift und sie bekamen ihren Platz im Eingang. Alle Leute bekamen die Geschichte zu hören und amüsierten sich. Aber mit den Kindern hatte ich nicht gerechnet,  sie mochten die Hunde. Sie standen davor und sahen sie sich genau an. Manche sprachen mit ihnen und streichelten sie über ihr Porzellanfell. Sie hatten ein ganz positives Verhältnis zu den Jagdhunden.

Eines Tages putzte ich das Eingangsfenster und stellte die Figur in meine Spüle. Sie brauchten mal wieder Wasser uns Seife. Mein Schwiegervater stand in der Tür und sah mir dabei zu. Als ich sie abspülen wollte, drehte ich den Schwenkhahn mit einem Schwung rum- das machte knacks und beide Schwänze waren ab. ich guckte ganz geschockt auf mein Werk und mein Schwiegervater sagte ganz trocken: Nun sind sie echt — nun sind sie kupiert. Und dann haben wir beide gelacht, dass uns die Tränen kamen. Ich habe sie wieder angeklebt- man kann es kaum sehen - und sie wieder auf die Fensterbank gestellt.

Viele Jahre sind vergangen und irgendwann sind sie hier im Schrank gelandet. Ich werde sie noch mal gründlich abseifen und ihnen noch auf irgendeiner Fensterbank einen Platz suchen - aber nicht im Wohnzimmer.