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Haggis oder Häggis

Was das ist, fragst du mich. das wusste ich auch nicht, als ich mit dem Hamburger Ingenieur-Verein nach Edinburgh geflogen bin. Aber der Reihe nach. Wir waren 27 Leute — mehr Frauen als Männer- wie das heute so üblich ist auf solchen Reisen. In Edinburgh auf dem Flughafen standen zwei Dudelsackspieler zu unserem Empfang. In ihren Kilts sahen sie schick aus. Dann erwartete uns dort Morag Marshall, die uns auf unserer Reise durch und um Edinburgh herum alles erklären sollte. Das konnte sie ganz prima, zumal sie ausgezeichnet Deutsch sprechen konnte. Sie hatte auch viel Humor, das merkte man gleich. Vom Flughafen zum Hotel war es nicht weit und sie gab uns einige Tipps, wo wir schnell etwas essen konnten, denn eine Stunde später sollte es schon auf Stadtrundfahrt gehen.

Edinburgh ist eine handliche Stadt. Nicht so groß- mit viel Grün  dazwischen. Wir sahen das Schloss, wo die Queen acht Tage im Jahr residiert, und auch das Castle, wo Maria Stuart lebte. Es gab viel zu sehen und mit Morags Hilfe bekamen wir einen Begriff von dieser schönen Stadt. Als wir abends wieder im Hotel waren, hatten wir alle Hunger und waren auch sehr müde. Morag hatte uns wieder gesagt, wo wir essen sollten oder konnten- und alles klappte. 

Am anderen Morgen ging es wieder auf Tour und da fiel das erste Mal das Wort Häggis. Einige hatten es gegessen, denn Häggis ist das Nationalgericht der sparsamen Schotten. Morag erklärte uns, dass es in Schottland zwei Millionen mehr Schafe als Einwohner gibt und davon wird alles genutzt. Die Wolle, das ist die Hauptsache, das Fleisch und die Innereien kommen danach. Und gerade die Eingeweide werden für Häggis benötigt. Leber, Lunge und Nieren werden durch den Wolf gedreht und mit Blut und gekochter Hafergrütze vermengt und kräftig abgeschmeckt. Dann kommt alles in den Schafsmagen und wird gekocht im Wasserbad. Wie lange weiß ich nicht. Dazu gibt es Kartoffel- und Rübenmus. Als ich das hörte, musste ich an Schwarzsauer denken. So viel anders ist das ja nicht, allerdings wird es nicht im Schafsmagen gekocht.

Wir fuhren ins Hochland. Die Heide blühte wunderschön und der Regen störte uns eigentlich nicht. Morag erzählte uns etwas über die Kilts und die verschiedenen Muster. Jeder Clan hat dort sein eigenes. Heute tragen die Männer ihre Kilts nicht mehr täglich nur noch an Festtagen oder bei besonderen Ereignissen. Und sie meinte, dass es sehr schön aussehe, wenn beim Tanzen die Röcke fliegen. Und dann kam die alte Frage, was trägt der Schotte denn nun unter dem Kilt? Wollt ihr das wirklich wissen? fragte Morag. Klar- das wollten wir alle. Sie antwortete darauf: Ich habe eine feine Antwort gefunden. Unterm Kilt trägt der Schotte die Zukunft Schottlands. Das gab ein großes Gelächter. Fein hatte sie das gesagt und ehrlich, das stimmt sicher auch. Als wir uns wieder beruhigt hatten, fragte Morag uns, ob wir denn auch die deftige Aussage hören wollten. Ja, das wollten wir auch. Ein alter Dudelsackspieler hat auf die Frage geantwortet: zwei Bomben und ein Spitfire. erzählte sie uns. Na, das Gelächter hättet ihr hören sollen. Aber der alte Schotte hatte bestimmt Recht, er muss es ja wissen.

Als wir am nächsten Abend Abschiedsessen hatten, gab es als Zwischengericht Häggis. Mir hat es geschmeckt. Aber es gab einige Mitreisende, die es ablehnten, es zu probieren. Das habe ich überhaupt nicht begriffen. Es muss wohl auch solche Menschen geben. Danach bekamen wir ein Rumpsteak  von den besten freilaufenden Rindern. Das schmeckte — so eins hatte ich noch nie gegessen. Als wir später satt und müde ins Bett fielen, waren wir schnell eingeschlafen.
Mitten in der Nacht wurde ich wach und konnte nicht wieder einschlafen. In Gedanken liefen die schönen Tage an mir vorbei und ich dachte auch an unser Essen. Und dann kamen mir Zweifel. Was hatte Morag gesagt, das Häggis wird im Schafsmagen gekocht? Das Schaf ist doch ein Wiederkäuer, das hat aber vier Mägen. In welchem wird das Häggis denn nun gekocht? Im Pansen wohl nicht und auch nicht im Blättermagen. Hat sie sich vielleicht geirrt? Wird es vielleicht in der Blase gekocht?  Die Haut um das Häggis herum war sehr dünn gewesen, das hatte ich gesehen. Und ein Magen ist doch ein Muskel — ich glaube es war die Blase. Hin und her gingen meine Gedanken. Blase — Magen — Magen — Blase  - und dann schlief ich wieder ein.

Am anderen Morgen waren meine Gedanken immer noch bei diesen Gedanken. Morag fragen — das könnte helfen. Als ich ihr am Bus von meinen Zweifeln erzählte, versprach sie mir, ihren Schlachter zu fragen. Wissen sie auch, was eine Blase ist? fragte ich. Sie nickte. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich verstanden hatte und erklärte ihr: Die Blase ist die Tankstelle des Spitfires. Da lief sie laut lachend weg.

Und nun weiß ich immer noch nicht, war das der Magen oder die Tankstelle — ich meine die Blase, worin das Häggis gekocht wird.