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Marens Munki

Unsere Tochter war gerade fünf Jahre alt, als sie sich ein Kaninchen wünschte.
Was willst du damit, fragte ich sie. Spielen. gab sie mir zur Antwort. — Ein Kaninchen ist kein Spielzeug, das ist doch etwas zum Essen. Ich wollte davon nichts wissen und wimmelte ihren Wunsch ab mit: Wir haben ja gar keinen Kaninchenstall. — Den baut Opa Heinrich mir. — Sieh an, den hatte sie also schon auf ihre Seite gezogen. — Also, wenn du ein Kaninchen bekommst, das wird im Herbst geschlachtet und gebraten. — Das macht nichts.

Sie war nicht davon abzubringen. Ich versuchte ihr zu erklären, dass man mit einem Hund oder einer Katze spielen kann, aber ein Kaninchen genau wie Schwein, Schaf oder auch Hühner irgendwann im Kochtopf oder der Bratpfanne landen würde.
Was soll ich lange darüber reden, unsere Tochter bekam ihr Kaninchen.

Ein schwarz-weißes Wollknäuel war es am Anfang und hieß Munki. Es war niedlich anzusehen. Unsere Maren und ihre Freundin Corinna spielten mit ihm auf dem Rasen. Sie fuhren es im Puppenwagen spazieren — es ließ sich alles gefallen. Das Kaninchenfutter musste ich meist pflücken, aber das tat ich gern in Erinnerung an die Zeiten nach dem Krieg, als wir teilweise 35 Kaninchen hatten, und so wusste ich noch, was Kaninchen gern fressen.

Als es Herbst wurde, nahm ich mir unsere Tochter vor und sagte: Munki muss nun zum Schlachter, ich habe ihm schon Bescheid gesagt. — Ich will mit. gab sie zur Antwort. Am anderen Morgen brachten wir es hin. Es saß im Korb und hatte mit seiner letzten Mahlzeit zu tun. Im Schlachthaus von Edwin Schröder hingen geschlachtete Schweine, Schafe und eine Kuh. Ich zeigte Maren alles und erklärte ihr, was Lunge Leber, Nieren und was ein Herz war. Das dort wird ein Schinken, das sind Speckseiten und daraus wird Gulasch gemacht. Sie sah sich alles genau und interessiert an. Dann streichelte sie Munki noch mal und danach gingen wir nach Haus. Am anderen Tag bekamen wir Munkí wieder — pfannenfertig. Am Sonntag wollten wir ihn essen.

Als das ganze Haus nach Kaninchenbraten roch, klingelte es an der Haustür. Draußen stand Corinna, sie wollte mit Maren spielen. Sie kam rein und schnupperte und fragte dann: Das riecht hier so gut, was esst ihr denn?Munki. — Oh, darf ich mitessen? — Darauf war ich nicht gefasst, ich war baff. Dann habe ich den beiden Mädchen den Braten gezeigt. Schade, sagte Corinna, nun kann es nicht mehr mitspielen. Als es fertig auf dem Tisch stand, haben die beiden das Kaninchen fast allein aufgegessen — mein Mann und ich waren nur am Rande mit von der Partie.

Vierzehn Tage später brachte der Schlachter Munkis gegerbtes Fell, darum hatte ich ihn gebeten. Ein bisschen verändert spielte Munki wieder mit.

Vor einigen Tagen fand ich das Fell und dachte, das ist eigentlich eine Geschichte zum Aufschreiben. Ich denke, wenn man Kindern erklärt, wozu solche Haustiere da sind, dann begreifen sie das auch. Allerdings muss man selbst so denken — sonst findet man die richtigen Worte nicht. Heute gibt es keinen Hunger mehr hier bei uns und darum wird diese Geschichte auch oftmals abgelehnt. Wir haben als Kinder oft Hunger gehabt — ich weiß, wovon ich rede.