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Franz Pein und sein Hof am Schwarzen Weg

Früher gehörte der Hof einem Bauern Serenslow. Woher der kam, weiß ich nicht — der Name ist auch hier in Garstedt nicht bekannt. Er hatte einen Knecht, der hieß Franz Pein und kam aus Hemdingen. In Stellung, wie es früher hieß, war da auch eine Magd Maria, die war Vollwaise und war in Nützen aufgewachsen. Beide bekamen nie Geld auf die Hand, also keinen Lohn ausbezahlt.

Als Franz Pein eines Tages kündigen wollte, weil er heiraten musste, denn Maria war von ihm schwanger, da hat der Bauer ihm die Hofstelle angeboten mit der Auflage, ihn und seine Frau bis zum Tode zu pflegen. Sie hatten selbst keine Kinder, also keine Erben. Das war im Jahre 1878. Franz Pein hat auch die Schulden, die auf dem Hof waren, übernommen. Sein Onkel aus Bilsen (heute Mohr) hat ihm langfristig das Geld geliehen, sodass er den Vertrag eingehen konnte.

Im November 1898 hat ein Sturm das Reetdach zerstört und auch Dachbalken beschädigt. Mit großen Planen haben sie es notdürftig abgedichtet. Im nächsten Frühjahr hat die Firma Holz-Behrmann aus der Niendorfer Straße das Dach saniert und ein Pappdach draufgesetzt und gleichzeitig die Seitenwände hochgemauert. Die Frontseite hat das Fachwerk behalten.

Von dem wenigen Land, das zu dem Hof gehörte, konnte man nicht leben. So machten sie in den zwanziger Jahren einen Krämerladen auf und stellten in einem kleinen Haus einen Steinofen auf. Hier ließen damals die Bauern ihr selbst angerührtes Brot backen. Die Peinschen selbst backten auch Brot für ihren Laden und lieferten es auch an andere Krämer. Gelernt hatten sie das Bäckerhandwerk nicht — das hatten sie sich selbst beigebracht.

Der Sohn Hinrich Pein hatte im ersten Weltkrieg eine Ferse verloren und ist nie wieder danach gesund geworden. Er hat auch nicht immer auf dem Hof gelebt. Seine beiden Söhne Wilhelm und Franz bewirtschafteten den Hof mit Mutter und Großmutter, die, so lange sie lebte, das Regiment führte.

Wilhelm ging dann bei Hermann (Hatje) Bäcker in die Lehre. Franz wollte gern auf die Landwirtschaftsschule gehen, aber das ließ die Mutter nicht zu. Sie besorgte ihm stattdessen alle Lehrbücher, die er dort gebraucht hätte. Er könnte ja abends studieren, meinte sie. Das hat er auch getan.

1938 haben sie das Haus mit Laden an der Ecke Ochsenzoller Straße gebaut. Das Land hatten sie von Twieten-Behrmann übernommen, der damit seine Schulden bezahlt hat. Wilhelm bekam den Laden und Franz den Bauernhof.

Franz Pein ist heute 93 Jahre alt und kann noch viel erzählen. Als ich ihm ein Bild von der Bäckerei Hatje an der Niendorferstraße zeigte, wo auch die alte Kate von Mende auf der anderen Straßenseite zu sehen war, fing er an, aus der Schule zu plaudern:

1917 gab es nur drei Lehrer in Garstedt: Rektor Haseloff, Lehrer Stephan und Fräulein Böhnke, die die drei untersten Klassen unterrichtete. Haseloff und Stephan gingen von Klasse zu Klasse, um den Kindern etwas beizubringen.

Inzwischen gab es so viele Kinder, dass neue Lehrer eingestellt werden mussten. Ivan, Lange, Dall und Wegener kamen nach und nach dazu und die Schule bekam 1924 einen Anbau. Den haben sie 1929 wieder abgerissen, denn der war viel zu klein. Die Schule bekam nun einen Anbau, der heute noch steht, mit acht Klassenräumen und einem Musiksaal unterm Dach.

Damals wohnte Haseloff noch in dem alten Strohdachhaus, das zur Schule gehörte. Das Haus hatte auch Ställe für Vieh. Sogar Haseloff hatte anfangs noch eine Kuh, die er selbst versorgte und molk. Eine große Koppel gehörte ebenfalls zur Schule. Das ist heute der Sportplatz an der Ochsenzollerstraße.

Zum Heizen haute ein Mann Soden im Scharpenmoor und machte Torf im Ohemoor. Die Schulkinder mussten diese zum Trocknen ringeln und danach in Diemen setzen. Im Herbst mussten sie den Torf auf Bauernwagen auf — und am Haus wieder abladen und ins Haus tragen. Die Wagen mussten die Bauern kostenlos zur Verfügung stellen — natürlich auch die Pferde dazu.

Zurück zum Peinschen Hof. Franz Pein hat am 4.11.1939 Gerda Jarchow geheiratet. Sie war bei der Firma Plambeck in Stellung und wohnte damals gegenüber. Sie hatten drei Kinder. Werner ist heute Bauer in Glashütte, Franz-Gerd hat Chemie studiert und Eva-Maria lebt in Bordesholm.

Franz‘ Eltern lebten in einem kleinen Haus, das seine Großmutter von einer Witwe Thieß gekauft hatte. Sie konnte das Haus nicht halten, nachdem ihr Mann verstorben war. Ihr damals vier Jahre alter Sohn Hans wurde später Schuldiener an der Volksschule Niendorfer Straße.

Großmutter Pein hat immer versucht, den Bauernhof zu vergrößern. Einmal hat sie Land gekauft von einer Besitzerin, der das Land gar nicht gehörte. Einen Vertrag hatten die beiden nicht gemacht. Das ist später bekannt geworden, und da stellte sich heraus, dass es der Gemeinde gehörte. Das wurde dann zu Recht getauscht und ins Grundbuch eingetragen. Zuletzt hatte Franz Pein einen Hof mit 25 Hektar Land und davon konnte er leben.

Bis 1978 hat er den Hof gehabt, danach hat Werner die Landwirtschaft weiter geführt neben seinem Hof. Die Wiesen wurden verpachtet. Heute ist die Bauernstelle abgemeldet. Das Haus aber sollte stehen bleiben und wird erst umgebaut, wenn Franz Pein nicht mehr lebt. Werner Pein sagt: Das ist mein Elternhaus, das bleibt stehen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Franz Pein eingezogen und hat den ganzen Feldzug in Frankreich mitgemacht. Dort hatte er auch immer mit Pferden zu tun. Einmal hat ein Pferd ausgeschlagen und ihn am Kopf getroffen. Er hatte einen komplizierten Kiefernbruch und lag lange in Brüssel im Lazarett. Danach wurde er nach Norwegen versetzt. Seine Kompanie bestand nur aus plattdeutschen Kameraden. Sie mussten damals im Eilmarsch von KristiansandFrüher Christianssand nach Stavanger und hatten dabei große Verluste bei den Pferden, die große Kanonen (Adolfkanonen)lesen Sie von dieser Autorin: »De Adolf-Kanoon« auf Plattdüütsch oder Hochdeutsch dorthin ziehen mussten. Ersetzt wurden die Pferde durch Beschlagnahme der norwegischen Pferde. Dass das böses Blut gab, ist wohl verständlich. Die Norweger hatten sowieso kein gutes Verhältnis zu den Deutschen. Zuletzt haben sie die Pferde durch 25 Motorfahrzeuge ersetzt — das waren 23 verschiedene Typen.

1944 sollten sie an der Ostfront eingesetzt werden. Mit Alarm und feldmarschmäßig raustreten ging es Hals über Kopf nach Italien und wieder zurück nach Österreich und dann an die Ostfront.

Nach der Kapitulation hat ein amerikanischer Offizier ihnen nach ihrer Gefangennahme ihre Wehrpässe ausgehändigt und sie alle entlassen. Mit drei amerikanischen Lastwagen wurden sie in drei Tagen von Linz an der Donau nach Hamburg-Harburg gebracht. Dort stiegen sie einfach in die Straßenbahn und waren wenig später wieder zu Haus. Der Amerikaner wollte von Hamburg aus in die USA fliegen, denn er hatte Urlaub. Dies ist eine fast unglaubliche Geschichte, aber so war es, sagt Franz Pein.

1945 ist Franz Pein von den Engländern als Gemeindevertreter eingesetzt worden. 1946 wurde er durch die erste Wahl bestätigt und blieb es bis 1970. Er hat viel getan für sein Dorf in all den Jahren. Als dann 1970 Norderstedt gegründet wurde sagte er: Nun ist es genug, nun müssen Jüngere ran.

Heute, 2004, hat er mir dies alles erzählt und ich habe alles aufgeschrieben. Das ist seine Geschichte.

Mag sein, dass es doch noch Leute gibt, die sich für solche Geschichten interessieren — und auch Geschichten über andere Garstedter kennen — dann sollen sie sie aufschreiben, sonst sind sie für immer verloren.