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Konrad Lorenz

Ein großer See, mit Schilf umrundet, verschmutzt vom Kot ungezählter Vögel, Ställe, Unterstände, Wohn- und Arbeitsgebäude, Wiesen. Hier residierte das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie. Man könnte sagen, Seewiesen war ein Wallfahrtsort, ein Mekka für alle jene Geister, die sich dem Studium des tierischen Verhaltens widmeten und bereit waren, unter dem als schwierig und patriarchalisch geltenden Professor Konrad Lorenz zu dienen. Aber er war eben ein begnadeter Lehrer, der mit seinem Beispiel den jungen Leuten zeigte, was Tiere uns zu sagen haben und wie man das in unsere Sprache übersetzt.

Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder das Institut besucht. Ich lernte interessante Mitarbeiter kennen, wie Dr. Helga Fischer, die nahezu alles über Gänse wusste, weshalb man sie Gänseliesl nannte. Manchmal durfte ich den Professor auf seinem Gang zu den grünen Wiesen am Seeufer begleiten. Dort stellte er den Futtereimer ab und rief mit Stentorstimme koooom — kooom! und wo man vorher kaum einen Vogel sah, rauschte auf einmal eine Hundertschaft herrlicher Graugänse herab, und versammelte sich um den bärtigen Meister, des Futters gewärtig. Ein schöner Anblick, unvergesslich. Auch dies gehörte zum Phänomen Lorenz, diese enge Bindung eines Menschen an das Tier.

An den Abenden versammelten sich statt der Gänse Studenten und Mitarbeiter um den Professor und lauschten seiner Rede. Darin ging es oft um die Maulbrüter im Aquarium, deren Verhalten ein beliebtes Forschungsthema im Hause war. Oder Lorenz erzählte lebhaft von seinen Abenteuern beim Tauchen unter tropischen Fischen in der Südsee. Waren Gäste da, dann war wohl auch die Rede vom a priori (vor der Erfahrung liegend) und vom Lehrstuhl Kants in Königsberg, den Lorenz während des Krieges kurze Zeit innehatte, bevor er als Motorradmelder eingezogen wurde und in russische Gefangenschaft geriet, die er zum Verfassen langer philosophischer Sentenzen benutzte.

Eine Pfeife wurde gestopft, Frau Gretl legte sorgend einen wollenen Schal um den Hals des Gatten gegen die empfindliche Kühle vom See her. Und dann bat vielleicht schüchtern eine Studentin, ach bitte, die Geschichte von Martina. Und der Alte ließ sich nicht lange bitten, war doch die Prägung eines seiner hobby horses, wie Freund Tinbergen zu sagen pflegte.

Die Geschichte spielt in unserem Haus in Altenberg, etwa 1935, natürlich gab es auch Gänse bei uns. Als das erste Gänsekind geschlüpft und trocken war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, das reizende Wesen unter der Amme hervorzuholen und näher zu betrachten. Währenddessen schaute es mich an und stieß nach einiger Zeit das laute einsilbige Pfeifen des Verlassenseins aus, das ich nach meiner Vorbildung durch Hausenten richtig als Weinen zu deuten wusste. Daher antwortete ich mit einigen beruhigenden Tönen. Daraufhin wandte sich das Gänschen mir ganz zu, streckte den Hals vor und sagte ein mehrsilbiges Wiwiwi. Wer hätte den Übergang vom verzweifelten Weinen zum freudigen Grüßen nicht nochmals beobachten wollen? So wartete ich stumm und unbeweglich, bis das Gänsekind aufs Neue zu weinen begann, um es wieder durch freundliche Laute zu trösten. Schließlich aber hatte ich genug vom Babysitting, steckte das Gänschen zurück unter den Flügel der brütenden Hausgans und wollte weggehen. Ich hätte es besser wissen müssen. Kaum hatte ich mich einige Schritte entfernt, ertönte unter der Weißen heraus ein fragendes leises Wispern, auf das die Hansgans programmgemäß mit einem Stimmfühlungslaut gangganggang antwortete. Doch anstatt sich daraufhin zu beruhigen, wie jedes Gänsekind getan hätte, kam diese entschlossen unter dem Bauch ihrer Amme hervorgekrochen, sah mit schiefgestelltem Kopf mit einem Auge zu mir empor und lief laut weinend von ihr weg. Mit emporgerecktem Hals und ununterbrochen laut pfeifend stand das arme Kind auf halbem Wege zwischen der Hausgans und mir selbst. Da machte ich eine kleine Bewegung — schon verstummte das Weinen, und das Gänschen lief mit vorgestrecktem Hals wiwiwiSehen sie meine Geschichte Wiwiwi vom 18. Januar 2009, in der ich genau dieselben Erlebnisse mit einer Hausgans im Jahr 1942 beschreibe.Günter Matiba grüßend, auf mich zu.

Und so wurden Martina und Konrad Freunde fürs Leben. Und Lorenz lehrte seine Schüler, die Prägung sei ein irreversibler Lernprozess, das heißt, sie kann nicht rückgängig gemacht werden, sie ist nicht Gegenstand von Korrektur und Revision. Durch Lorenz und seine Erfahrungen ist Prägung zu einem Schlüsselbegriff geworden und von Seewiesen um die Welt gegangen. Jeden Morgen sahen wir die freundlichen jungen Frauen mit ihren verschieden bunt gemusterten Stiefeln (zum Erkennen durch die Gänsekinder) laufen — hinter sich eine piepsende Schar emsiger Gössel, die unverdrossen ihrer Mutter folgten, wohin sie auch ging. Es wurde gemunkelt, manche der jungen Frauen hätte die Gänseeier gar auf dem eigenen Busen gewärmt vor dem Schlupf. Und eine der Damen verließ unter äußerstem Protest den Speisesaal, als Ganter Neugrün, der eines Unfalls wegen geschlachtet werden musste, braun gebraten auf den festlichen Tisch kam. Das war zuviel — die heilige Graugans, schnöde auf dem Tablett? Die Dame sei nie wiedergekehrt, sagte man.

Drei Jahre nach unserem Besuch in Seewiesen bekamen sie den Nobelpreis: Konrad Lorenz, Niko Tinbergen, Karl von Frisch. Bei der Zeremonie hielt der Präsident des Nobelpreis-Komitees, Professor Börje Cronholm, die Festansprache auf die drei Laureaten und spielte auf Lorenz’ bekanntestes Buch an: Er redete mit dem Vieh…, das englisch King Salomon’s Ring heißt: Sie sind die Erben König Salomons insofern, als Sie in der Lage gewesen sind, Informationen zu entziffern, welche Tiere unter sich vermitteln, und Sie können tierisches Verhalten deuten. Beim Festessen saß Margarete Lorenz fröhlich neben König Karl Gustav und Konrad neben der Frau des schwedischen Ministerpräsidenten, Lisbeth Palme. Zwei Tage später hielt Lorenz die obligatorische Nobelvorlesung mit dem Thema Analogie als Quelle der Erkenntnis. Seinem Freund Otto Koehler berichtete Lorenz in einem Brief: Zum ersten Mal in der Geschichte des Nobelpreises hat der König einer Nobelvorlesung zugehört, nämlich unserer. Es waren drei Hörsäle mit TV angeschlossen, und es waren lauter junge Leute da, und alle waren begeistert.

Konrad Lorenz war eins mit seinem Werk gewesen, er verkörperte, was er schrieb. Er war ein begnadeter wissenschaftlicher Moderator mit dem Talent für die Motivation der Menschen. Er gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die den Film und das Fernsehen nutzten, um seine Erkenntnisse weit über den engen Kreis der Fachkollegen hinaus bekannt zu machen. Lorenz’ Entdeckungen, wie die Tinbergens, gingen auf das geduldige, ausdauernde, langwierige Beobachten der Tiere zurück. Das machte die Freunde zu den vielleicht letzten großen Naturforschern.