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Südafrika 1982 — Urlaub während der Apartheid

VORWORT:

Von 1949 bis 1994 war die Politik in Südafrika von der Rassentrennung bestimmt, der Apartheid. Dieses Wort steht für die systematische Unterdrückung von circa 90 Prozent der farbigen Bevölkerung durch eine Minderheit der weißen.

In Südafrika wurden die Menschen damals folgendermaßen unterteilt:

In Weiße, Farbige (engl. coloureds) sogenannte Mischlinge mit europäischen, als auch afrikanischen Vorfahren. Coloureds genossen den Schwarzen gegenüber Privilegien, da sie als kulturell höherstehend galten. Sie waren aber gegenüber den Weißen auch stark benachteiligt. Und Schwarze (Afrikaner)

Aus diesem Grund habe ich die schwarzen Afrikaner als Schwarze und nicht als Farbige bezeichnet. Das soll keinesfalls als abwertend verstanden werden.
Ich werde hier meine ganz persönlichen, subjektiven Eindrücke während einer Reise in dieses Land schildern.
Meine Tochter Sabine hat mit ihren 12 Jahren einige Erlebnisse noch viel stärker empfunden. Ihre persönliche Wahrnehmung habe ich in den folgenden Reisebericht eingebunden.

Geht das eigentlich? Urlaub in einem Land, in dem der Rassismus Staatspolitik ist?

Ja, es geht, um es vorweg zu sagen. Es war ein wunderschöner und beeindruckender Urlaub, denn Südafrika ist ein Paradies ‑ für Weiße. Nach mehreren Reisen in dieses Land nach dem Ende der Apartheid muss ich leider sagen, dass diese Aussage zum großen Teil auch noch heute gilt.

Nach vorangegangenen Reisen in die USA hatten wir erlebt, dass auch dort die Rassendiskriminierung stark ausgeprägt ist. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass es noch schlimmer geht.
Da wir unbedingt nach Afrika reisen wollten, aber gerne individuell unterwegs waren und Pauschalreisen und Gruppenzwang ablehnten, erschien uns unter den afrikanischen Ländern Südafrika am sichersten zu sein.

Touristisch war dieses Land damals kaum angesagt. Wir hatten die Adresse eines Deutschen, der als Lehrer am Goethe-Institut in Johannesburg unterrichtete und sich im Ruhestand an der Ostküste niedergelassen hatte. Dieser vermietete ein Cottage, also ein einfaches Häuschen nur mit Erdgeschoss ohne Keller. Wir mieteten dieses Cottage zu einem, nach deutschen Verhältnissen Spottpreis, für drei Wochen in den Sommerferien.

Anfang Juli 1982 ging unsere abenteuerliche Reise los. In Südafrika ist zu diesem Zeitpunkt Winter. Das bedeutet in dieser Region der Erde: Das Thermometer übersteigt tagsüber nie die 30 Grad-Marke, abends wird es mit einem Temperatursturz bis auf 18 Grad empfindlich kalt.

Mein Mann, unsere Tochter Sabine, die in diesem Urlaub ihren 13. Geburtstag feierte, und ich flogen mit der Lufthansa über Nairobi nach Johannesburg und dann weiter mit der SAA nach Durban.
Bei dem Zwischenstopp in Nairobi, bei dem viele Passagiere ihr Ziel erreicht hatten und ausstiegen, durften die Transitreisenden das Flugzeug nicht verlassen. Wir standen fast zwei Stunden auf dem Flugplatzgelände. An den geöffneten Türen stand Militär mit Maschinenpistolen im Anschlag. Südafrika wurde damals von den meisten Ländern boykottiert und ich nehme an, dass diese Demonstration ein Zeichen dafür war.

In Johannesburg gelandet hatten wir ein paar Stunden Aufenthalt bis zum Weiterflug nach Durban. Wir nahmen ein Taxi in die Innenstadt, um uns auch Johannesburg anzusehen. Ich habe mich selten an einem Ort so mulmig gefühlt wie in dieser Stadt. Wir waren im Schwarzen Kontinent gelandet. Den Unterschied zwischen theoretischem Wissen und praktischem Erleben habe ich nirgends stärker empfunden als hier.

Ich wusste zwar, dass die Mehrzahl der Einwohner schwarze Hautfarbe hat und nur weniger als 10 % Weiße hier leben, aber wir waren inmitten dieser hektischen Stadt fast allein unter Schwarzen. Die Menschen machten fast ausnahmslos einen gehetzten und feindseligen Eindruck. Die Türen und Fenster der Häuser waren vergittert oder mit hohen Mauern umgeben. Auf den einladenden Parkbänken waren Schilder mit der Aufschrift WHITES ONLY (Nur für Weiße). Obwohl kaum Weiße zu sehen waren. Wir fuhren auch gleich wieder zum Flughafen und nahmen unseren Anschlussflug nach Durban.
Am Flughafen hatten wir ein Auto gebucht, mit dem wir zu unserem 130 km entfernten Urlaubsort Marina Beach an der KwaZulu-Natal Coast fuhren und das wir auch während des Urlaubs benutzen wollten.

Da wartete schon die erste schlechte Nachricht auf uns: Die Autovermietung wollte üblicherweise für das Fahrzeug ein Deposit (Kaution) hinterlegt haben, akzeptierte dafür aber nur Bargeld oder Kreditkarten. Reiseschecks, die wir genügend dabei hatten und die uns bei anderen Reisen gute Dienste erwiesen hatten, wurden nicht anerkannt. Eine Kreditkarte hatten wir noch nicht. Also mussten wir wohl oder übel unser Bargeld auf den Tisch legen, was ein großes Loch in unser Budget riss.

Dann konnten wir endlich das Ziel unserer Reise ansteuern. Mein Mann kam gleich gut mit dem Linksverkehr zurecht, aber als wir aus der Stadt herauskamen, wurde es plötzlich dunkel. Ohne großen Übergang und Dämmerung setzt hier um circa 18 Uhr die Dunkelheit ein. Wir fuhren die Küstenstraße südwärts, immer geradeaus. Es waren wenige Autos auf der Straße, aber an den unbefestigten Seitenstreifen liefen unzählige Menschen. Aufgrund der dunklen Hautfarbe waren sie in der Nacht schwer zu erkennen. Wir sahen Frauen, die große Bündel auf dem Kopf trugen und dabei noch Babys auf dem Rücken und Kleinkinder an der Hand hatten. Männer liefen meist ohne Gepäck und oft tänzelnd ihres Weges. Es waren aber ausschließlich Schwarze, die zu Fuß gingen. Mir ging so durch den Kopf: Am ganz unteren Ende der Diskriminierung stehen wohl die schwarzen südafrikanischen Frauen.

Kurz vor dem Ziel ging es links ab, in Richtung Indischer Ozean, zu unserem Ferienhaus. Die Ortschaften an diesem schmalen Streifen zwischen dem Meer und der Küstenstraße wurden ausschließlich von Weißen bewohnt und die Villen reihten sich aneinander – eine schöner als die andere – nur unterbrochen von Golfplätzen. Alle rechts abbiegenden Straßen ins Inland führten in die Wohnsiedlungen der schwarzen Bevölkerung.

Wir fanden schnell das Wohnhaus unserer Vermieter, der Familie Krause, anhand der guten Beschreibung und wurden von diesen herzlich begrüßt. Es war ein Anwesen inmitten eines illuminierten tropischen Gartens, wie ich es so noch nicht gesehen habe. Wir bekamen eine Erfrischung und ein kleines vorbereitetes Abendessen angeboten und dann brachte man uns zu unserem Cottage. Ich erwartete ein einfaches kleines Häuschen, in dem wir es uns die nächsten drei Wochen gemütlich machen wollten. Es erwies sich aber als ein großes Haus mit drei Schlafzimmern – jedes mit eigenem Bad, einem geräumigen Wohnzimmer mit großen Türen zur Terrasse und einer gut eingerichteten Küche. Eigentlich viel zu großfür uns drei. Zum Abschied sagte uns die Vermieterin noch, dass morgens die Maid kommt und sauber macht. Wir sollten immer Frühstück für sie bereithalten. Für den nächsten Morgen sei aber schon alles im Kühlschrank.

Obwohl wir von der langen Reise sehr müde waren, inspizierte ich aber zuerst mal unser neues Zuhause. Vor allem die Küche war bis ins kleinste Detail komplett ausgestattet. Im Unterschrank der Spüle, direkt neben dem Putzzeug und dem Mülleimer, standen zwei Blechschüsseln. Nett dachte ich, auch an Hunde ist gedacht. Als ich nach unserer ersten Nacht die Fenster und die Türen zur Terrasse öffnete und bei Tageslicht die Umgebung sah, stockte mir fast der Atem: Wir waren auf einem Hochplateau, den Hang hinunter erstreckte sich ein tropischer Garten mit Palmen und rot blühenden Korallenbäumen. Danach kam der kilometerlange helle, fast menschenleere Stand und dann, einmalig schön, der Indische Ozean. Die Sonne schien am wolkenlosen Himmel, es war fast windstill und hohe, schaumgekrönte Wellen rollten donnernd an den Strand. Nie zuvor habe ich das Meer in dieser Schönheit gesehen.

Dann kam eine kleine Horde Affen über die Bäume auf uns zu, machte vor unserer Terrasse halt und begutachtete uns neugierig. Aus dem gefüllten Obstkorb in unserem Wohnzimmer nahm ich ein paar Bananen und warf sie ihnen zu. Die Affen schälten sie fein säuberlich, hinterließen uns den Abfall und kletterten wieder auf die Palmen um ihre Mahlzeit zu verspeisen. Sie sollten jetzt jeden Tag von uns ihr Frühstück bekommen. Im Haus war bereits die Maid angekommen, eine schwarze Frau mittleren Alters in bunter afrikanischer Kleidung. Sie begrüßte uns eher gleichgültig und sagte, dass sie für uns das Frühstück macht. Ich wollte ihr helfen, was sie aber entschieden ablehnte. Ich bat dann mehrfach, dass sie mit uns zusammen frühstücken solle, wogegen sie aber fast feindselig protestierte.

Ich bin keine Haushaltshilfe gewohnt und fühlte mich entsprechend unwohl, mich bei alltäglichen Dingen bedienen zu lassen. Als ich noch eine Kleinigkeit aus der Küche holen wollte, stand unsere Maid am Küchentisch und frühstückte gerade selbst. Oh Schreck, ich sah, dass sie eine der Blechschüsseln benutzte, die ich für einen Hundenapf gehalten hatte.
Verstört ging ich, ohne ein Wort zu sagen wieder zum Frühstückstisch, denn ich wollte die gespannte Stimmung nicht noch verstärken. Die Hilfe, die ich nicht angefordert hatte, wollte ich dann bei unserer Vermieterin wieder abbestellen, aber sie meinte, dass die Frau auf die paar Rand und das tägliche Frühstück angewiesen wäre. Ich solle sie und auch die anderen Schwarzen gar nicht beachten, denn das seien sie so gewohnt.

Frau Krause fuhr dann mit uns zum Einkaufen nach Margate, der nächstgelegenen Stadt. Wir gingen in einen riesengroßen Supermarkt, wie ich ihn bisher nur aus den USA kannte. Dort kauften wir für einen Bruchteil des Preises, den wir zu Haus zahlten, die nötigen Lebensmittel und vor allem Fleisch. Wir hatten einen großen, gemauerten Grill mit Kamin auf unserer Terrasse, den wir abends benutzen wollten. Neben der Truhe mit den appetitlich verpackten Fleischwaren stand eine Truhe mit weniger gut verpacktem und undefinierbarem Fleisch. Hundefutter dachte ich wieder. Auf dem Plakat stand BOY’S -FOOD. Boy wurden alle schwarzen Männer genannt, egal wie alt sie waren. Frau Krause sagte, das wäre für die Arbeiter, die tagsüber im Ort arbeiteten.

Tatsächlich wurden morgens auf den Laderampen mehrerer LKW’s Schwarze in den nur von Weißen bewohnten Ort gefahren und abends nach getaner Arbeit wieder zurück in ihre Wohnorte gekarrt. Nachts durfte sich kein Schwarzer mehr im Ort aufhalten. Man hatte Angst und traute ihnen nicht. Für die nächtliche Bewachung war eine weiße Bürgerwehr mit scharfen Waffen und Hunden eingeteilt.
Am Sammelplatz für diese Arbeiterbusse standen einfache Verkaufsbuden, bei denen sich die Arbeiter mit Grundnahrungsmitteln eindecken konnten. Mehr, oder gar Alkohol war nicht erlaubt. Damit können die nicht umgehen sagte man.

Am ersten Abend gingen wir zum Essen in das kleine Hotel, das unterhalb unseres Hauses lag. Es war wenig besucht, da wir ja außerhalb der Saison dort waren. Es kamen gleich drei(!) schwarze Kellner auf uns zu, schoben jedem den Stuhl zurecht und platzierten die Servietten. Auf der Speisekarte standen ungefähr ein Dutzend Gerichte, bei denen wir meistens nicht wussten, was sich dahinter verbarg. Wir bestellten auf Wunsch von Sabine die bekannten Burger, das schien auch für uns, im Hinblick auf unsere jetzt knappe Reisekasse, die richtige Wahl. Später erfuhren wir, dass wir für den gleichen Preis die Speisekarte rauf- und runter hätten essen können. Zur Feier des Tages bestellten wir noch eine Flasche des ausgezeichneten südafrikanischen Weins. Hinter jedem unserer Stühle stand während des ganzen Essens der persönliche Kellner, der nach spätestens drei Schlucken nachschenkte, auch Sabines Cola.

Sabine:

Dies war auch für mich eine sehr skurrile Situation. Ich war als Kind kein großer Esser, doch an jenem Tag blieb mir tatsächlich fast jeder Bissen im Halse stecken. Ich war noch ein Kind – mein 13. Geburtstag stand kurz bevor – und um uns herum standen drei ältere Kellner, von denen einer zu jeder Sekunde nur um mein Wohl bemüht war. Für mich war das eine verdrehte Welt, die nicht meine war.

Nach dem für uns sehr befremdlichen Service verzichteten wir in Zukunft darauf, nochmals dort zu essen. Wir sahen jedoch am Eingang eine Einladung für eine Kinoaufführung, die im Hotel stattfinden sollte.
Zuerst fuhren wir aber noch einmal zurück nach Durban, denn man sagte uns, dass die großen Banken dort unsere Reiseschecks einlösen würden. Das funktionierte auch problemlos. Dann sahen wir uns die lebhafte, drittgrößte Stadt Südafrikas an. Obwohl wir mehrfach vor der Kriminalität in dieser Stadt gewarnt wurden, fühlten wir uns da viel wohler als in Johannesburg. Es waren hier sehr viele Asiaten, vor allem Inder zu sehen. In der großen Markthalle war die gesamte Farbpalette ausgebreitet in Form von Obst, Gemüse und vielen großen, offenen Säcken mit verschiedenen Gewürzen. Der Geruch war entsprechend intensiv, aber nicht unangenehm. Auf den Straßen fuhren reich verzierte Rikschas, die wir bestaunten, aber keinen Gebrauch davon machten. Für Sabine gab es einen schönen Freizeitpark mit verschiedenen Fahrgeschäften und einer Seilbahn über das Gelände und einen Teil des Hafens.

Wieder zurück an unserem Ferienort wollten wir dann nur noch das Meer und den Strand genießen. Baden in Meer war aber unmöglich, denn die Brandung war viel zu hoch. Es gab aber mehrere Tide-Pools. Das sind künstlich gemauerte und auch natürliche Pools direkt am Strand, die während der Flut mit frischem Meerwasser überspült werden. Bei Ebbe, die nur ganz geringfügig ausfällt aber die Pools freigibt, kann man herrlich und ganz ungefährlich im frischen Meerwasser schwimmen. Aber natürlich hießes wieder: WHITES ONLY. Die farbige Jugend hatte trotzdem ihren Spaß, denn sie surften mit selbstgebastelten Surfbrettern sehr geschickt in den hohen Wellen. Obwohl es an der Küste von KwaZulu-Natal sehr viele Haie gibt, muss man keine Angst vor ihnen haben, denn die Küste ist über viele Kilometer durch Unterwasser-Hainetze geschützt. Diese Methode war und ist aber von Tierschützern sehr umstritten, da auch andere Tiere in die Netze gehen und verenden.

Wir machten tagsüber Ausflüge in das nahe gelegene, traumhaft schöne Naturreservat Oribi Gorge mit mehreren Wasserfällen und einem spektakulären Ausblick auf eine große Schlucht. Hier leben verschiedene Wildtiere wie Antilopen, Paviane und Zebras. Wir haben allerdings den Fehler gemacht mit einer nagelneuen Spiegelreflexkamera, die wir noch nicht richtig bedienen konnten zu verreisen. So war das tierische Fotomodell oft bereits verschwunden, bevor die Kamera richtig eingestellt war.

Kristallklares Wasser plätscherte über ausgewaschene Steine, über die wir auch den Fluss zu überqueren versuchten. Plötzlich hörten wir ein ziemlich lautes Geräusch, eine Art Grunzen. Es war klar, es stammte von einem großen Tier. Wie von einer Tarantel gestochen rannten wir sofort zurück zum Auto. Was war das? Wir einigten uns schließlich darauf, dass es ein Waran gewesen sein musste, denn das Geräusch kam vom Wasser unterhalb eines Felsens. Der Waran wuchs mit jedem Erzählen, inzwischen ist er bereits größer als der Komodowaran, der größte seiner Art.

Im Markt

In der großen Markthalle war die gesamte Farbpalette ausgebreitet - Foto: Fam. Bintig

Wir fuhren durch die Orte der Zulus und durch das Homeland Transkei, in der die Xhosa leben, sahen ihre mit Stroh bedeckten Rundhütten und die Wasserstellen, aus denen die Frauen das Wasser schöpften und in Gefäßen auf dem Kopf nach Hause trugen. Wir gingen durch kleine Ansiedlungen der Einheimischen. Hier, fern von den Weißen lachten uns vor allem die Kinder fröhlich an und auch die Erwachsenen nickten uns freundlich zu. Die Kinder spielten mit kunstvoll gebasteltem Spielzeug aus Abfall wie zum Beispiel einer leeren Konservendose, die mit Rädern zum Tankwagen wurde. Die Nachbarstadt Margate bot vor allem Sabine mit verschiedenen Veranstaltungen Unterhaltung, unter anderem eine Misswahl, die sie mit großem Interesse verfolgte.
In der kurzen Zeit der Dämmerung sammelten sich hier auf einer bestimmten Baumart Unmengen von Vögeln, sodass man meinte, die Äste krachen von der Last zusammen. Sie zwitscherten und machten einen riesigen Spektakel. Mit Einsetzen der Dunkelheit war schlagartig Ruhe. Man musste allerdings vermeiden, unter diesen Bäumen spazieren zu gehen, denn ein Kleiderwechsel wäre dann dringend nötig gewesen.

Abends saßen wir meistens vor unserem Haus beim Braai, wie in Südafrika das Grillen genannt wird. Zu uns gesellten sich häufig Nachbarn und ein älterer Herr, den man nur den Colonel nannte. Er war mit einer Safariuniform bekleidet und hatte immer einen Stock und ein Gewehr bei sich. Als Gastgeschenk brachte er frischen gekochten Hummer und Whisky mit. Er konnte interessant erzählen und gab uns auch gute Tipps. Vor allem: Wenn wir abseits der Straße sind, sollten wir Stiefel anziehen und ein Gewehr dabei haben, was sich leider beides nicht in unserem Koffer befand. Aber dann mindestens einen großen Stock, mit dem wir ständig auf die Erde schlagen sollten, wegen der Schlagen, die dann Reißaus nehmen. Für Sabine war er ein sehr interessanter Gast und wenn sie auch nicht alles verstand was er erzählte, beobachtete sie ihn doch fasziniert.

Auch wenn wir in unserem Haus sehr komfortabel eingerichtet waren, gab es doch keinen Fernseher. Wir vermissten ihn auch nicht. Wir hatten aber eine gute Stereoanlage. Als wir das Radio einschalteten, waren wir sehr überrascht gleich deutsche Musik zu hören. Es war Heino. Sein Repertoire von Schwarzbraun ist die Haselnuss bis Karamba, Karacho, ein Whisky wurde rauf und runter gedudelt. Wir erfuhren, dass er trotz des Kulturboykotts gegen Südafrika eine Tournee durch das Land geplant hatte.

Um Sabine etwas Abwechslung zu bieten, gingen wir auch zu der Kinoaufführung in das Hotel nebenan. Ich weißnoch, es wurde der Film Flash Gordon gezeigt, eine aktuelle Comicverfilmung. In der Hotelhalle war eine große Leinwand aufgespannt und hinten stand der Filmprojektor. Es waren viele Kinder mit ihren Eltern da. Natürlich wieder Nur für Weiße. Schwarze Kellner durften aber bedienen. Noch bevor alle Zuschauer ihre Getränke hatten, ging das Licht aus und die Vorstellung begann. Da ging doch tatsächlich der alte schwarze Kellner auf allen Vieren, um die Vorführung nicht zu stören, mit einer kleinen Taschenlampe im Mund zu den Sitzen und bediente die Gören weiter. Sabine regte sich dermaßen darüber auf, dass sie dem Film kaum folgen konnte. Noch heute schildert sie das als ihre schlimmste Erinnerung an die Apartheid. Ich hatte persönlich den Eindruck, dass die Kinder extra mit der Bestellung warteten, um dieses Schauspiel zu erleben.

Sabine:

So ist es. Denke ich heute noch nach über 33 Jahren an Südafrika ist das Erste was mir in den Sinn kommt die Kinovorstellung. Vieles der schönen Natur – außer dem phantastischen Meer und den Hütten der Einheimischen – ist nicht mehr in meinem Gedächtnis. Kein Wasserfall, keine wilden Tiere – alles wie weggelöscht. Diese Szene neben der Bedienung im Restaurant wird jedoch niemals in Vergessenheit geraten.
Wir sitzen im Kino, das Licht geht aus, der Film (den ich bereits kannte) beginnt und den Gang entlang kommt – ich sehe es im schummrigen Licht – ein alter farbiger Mann mit weißem Haar. Er kommt auf allen Vieren, die Taschenlampe zwischen den Zähnen und in der rechten Hand ein Tablett mit Getränken balancierend von Gast zu Gast gekrochen.
Mir blieb die Spucke weg. Ich konnte nicht glauben, was ich da sehe. Wo bin ich hier?? Ich kann mich nicht mehr an schreiende Kinder im Publikum erinnern, ich war viel zu sehr auf den Kellner fokussiert. Ich wusste schon einiges über Apartheid, zum einem aus dem Schulunterricht oder auch von Gesprächen im Elternhaus. In diesem Moment wurde mir jedoch klar – ich wusste gar nichts. Es ist so entwürdigend – so beschämend – so sehr, dass es unserem Vokabular eigentlich an Worten fehlt, um diese Situation so zu beschreiben, wie ich sie empfunden habe.

Tja, es wäre einfach traumhaft schön gewesen, wenn da nicht immer wieder dieses hässliche Südafrika, mit den Schildern WHITE PERSONS ONLYNET BLANKES (afrikaans) gewesen wäre. Einmal sahen wir sogar ein Schild, auf dem – wieder zweisprachig, englisch und afrikaans, stand: Zutritt für Hunde und Nicht-Weiße verboten.

Hotel mit Kino

Wir gingen auch zu der Kinoaufführung in das Hotel nebenan
Foto: Fam. Bintig

Wir waren mehrmals zu Gast bei unseren Vermietern, die sich freuten, wieder mal deutsch sprechen zu können und deren Nachbarn. Die Gastfreundschaft war ausgesprochen herzlich. Es waren eigentlich sehr freundliche und gebildete Menschen. Wir sprachen auch über das Thema Rassentrennung. Sie versuchten uns klarzumachen, dass die Schwarzen nicht fähig seien sich selbst zu verwalten. Das würde man ja an den anderen afrikanischen Staaten sehen. Wenn die Weißen das Land verlassen würden, gäbe es ein Chaos und fürchterliches Elend bei den Schwarzen. Bei uns verhungert kein Schwarzer, so wie in den anderen afrikanischen Ländern. Sie sind wie Kinder. Wir kaufen auch Medizin für sie, wenn sie krank sind, das gebietet auch schon unsere christliche Nächstenliebe. Ja, das Christentum wurde, jedenfalls theoretisch, sehr hochgehalten. Man ging ja mehrmals in der Woche in die Kirche. Mit Rücksicht auf Sabine und den Altersunterschied zu unseren Gastgebern verzichteten wir auf eine Konfrontation. Aber das hätte auch nichts gebracht, denn ich bin sicher, dass das Gesagte ihre volle Überzeugung war und sie nichts davon hätte abbringen können.

Nach unserer Rückkehr verfolgte ich stark die politische Entwicklung Südafrikas, vor allem den Weg Nelson Mandelas von der Entlassung aus dem Gefängnis im Februar 1990 bis zu seiner Wahl 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes und demEnde der Apartheid.

Sabine:

Trotz der wunderschönen Landschaft, ist mir jedoch von diesem Urlaub viel mehr noch die dunkle Seite dieses grässlichen Rassismus in Erinnerung geblieben. Kein Buch, kein Lehrer oder sonstiges wäre jemals in der Lage gewesen mir diese Welt so nahe zu bringen. Man musste es einfach selbst erlebt haben. Genau aus diesem Grund ging es mir auch verdammt nahe. Ich habe mir um meine Herkunft und auch Hautfarbe vorher nie großGedanken gemacht, doch es gab etliche Situationen in Südafrika, in denen ich mich in meiner Haut mehr als unwohl fühlte. Von allen Urlauben in ferne Länder mit meinen Eltern – und wir unternahmen viele – war dieser jedoch für mich der lehrreichste mit seinen krassen Gegensätzen von wunderschöner Landschaft und der unglaublich großen Ungerechtigkeit unter den Menschen, die dort lebten.

Bereits 1976 wurde die Apartheid in der internationalen UN Konvention als Verbrechen gegen die Menschlichkeit definiert.

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Südafrika – Land der Kontraste 2006, von Michael Malsch.

Im Lande der Apartheid Südafrika 1974, von Kurt Jürgen Voigt