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Die Schulschwänzer

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Wie oft habe ich diesen Satz während meiner Lehrzeit gehört.

Das Berufsbildungsgesetz, in dem die Rechte und Pflichten der Ausbilder und Auszubildenden geregelt sind, wurde erst 1969 erlassen. Das Wort Lehrling wurde daraufhin in Auszubildende/r geändert.
Berufsbildungsgesetz (BBiG) vom 14. August 1969 (BGBl. I S. 1112).

Meine Lehrzeit begann 1960 in einem großen Autohaus in Offenbach. Mit mir waren noch vier weitere kaufmännische Lehrlinge im gleichen Lehrjahr.

Die Arbeitszeit begann morgens um 8.00 Uhr und endete um 17.30 Uhr. Wer mit dem Postdienst an der Reihe war, musste anschließend noch die Tagespost direkt zum circa zwei Kilometer entfernten Postamt bringen, sich in die Schlange einreihen und die Einschreibebriefe aufgeben. Oft war ich dann erst nach 19.00 Uhr zu Hause. Abwechselnd mussten wir auch samstagvormittags erscheinen. Dann wurden die Wochenendausgaben der großen Tageszeitungen durchgesehen und alle Anzeigen, die irgendwie mit Auto zu tun hatten, herausgeschnitten und auf DIN A3-Bögen geklebt. Diese wurden dann dem Chef vorgelegt.

Wir haben sozusagen damals die Funktion von Google News vorweggenommen und für den Suchbegriff Auto ausgeführt.

Montags und donnerstagvormittags war Berufsschule. Nach Schulschluss mussten wir höchstens eine Stunde später an unserer Arbeitsstelle sein. Es reichte gerade für ein schnelles Mittagessen in der Kantine, dann ging es weiter. Alle Lehrlinge bekamen kostenloses Mittagessen, mussten dafür aber abwechselnd in der Kantine als Küchenhilfe beim Abräumen und Geschirrspülen helfen.

In der noch verbleibenden Freizeit mussten die Hausaufgaben für die Schule gemacht und das Berichtsheft geführt werden. Es blieb also kaum Zeit für private Freizeitaktivitäten.

Da kam uns folgender Glücksfall ‒ wie wir glaubten ‒, gerade recht: In der Berufsschule hatten wir montags einen Lehrer und donnerstags eine Lehrerin, die zu dieser Zeit schwanger war. Eines Montags verkündete uns der Lehrer, dass die Lehrerin nun in Mutterschaftsurlaub wäre und leider keine Lehrkraft als Vertretung gefunden werden konnte. Wir hätten deshalb bis auf Weiteres donnerstags keinen Unterricht mehr. Auf unsere Frage, wie wir denn den Stoff bis zur Prüfung schaffen sollten, antwortete er lakonisch: Das packt ihr schon.

Eigentlich hätten wir dann vormittags in die Firma gehen müssen, aber wir waren uns ohne Absprache alle einig, das wir weiterhin erst am Nachmittag dort erscheinen.

Den nächsten Donnerstag trafen wir uns frühmorgens alle – ohne Ausnahme ‒ am nahegelegenen Goetheturm, an dem vormittags kaum Besucher waren. Dieser hölzerne Aussichtsturm liegt mitten im Stadtwald und ist noch heute ein beliebtes Ausflugsziel. Unmittelbar daneben ist ein großer Spielplatz mit Liegewiesen. Die Stadt mussten wir ja meiden, denn es könnte uns jemand aus der Firma sehen.

Es war ein wunderschöner Herbsttag, wir lagen auf den mitgebrachten Decken und einer brachte sogar in der Schultasche ein Kofferradio mit. Wir hörten hauptsächlich AFN, den amerikanischen Soldatensender, der die Negermusik spielte, die zu Hause verboten war. Wir sangen, oder besser grölten mit dem Radio um die Wette, versuchten es aber auch mit deutschen Schlagern:

Kalkutta liegt am Ganges.
Und wir am Goetheturm…

Es war einfach herrlich und auch der Flirtfaktor kam nicht zu kurz.

Mittags erschienen wir dann gutgelaunt in der Firma. Das Ganze wiederholte sich noch ein paar Mal, aber dann zeigte der Herbst seine unangenehme Seite.
Es wurde kalt, nass und ungemütlich. Der Goetheturm fiel also aus und die anfängliche Euphorie fiel in sich zusammen.

Einige aus unserer Klasse gingen dann doch in die Firma und sagten, dass die Lehrerin erst ab jetzt im Mutterschaftsurlaub sei. Andere hatten das Glück, dass beide Elternteile arbeiteten. Sie gingen früh aus dem Haus und schlichen sich wieder zurück in die warme, trockene Wohnung, wenn alle das Haus verlassen hatten. Einigen Eltern war es auch egal, ob ihre Kinder die Schule oder besser gesagt die Arbeit schwänzten.

So blieb nur ein kleines Grüppchen übrig, das sich auf der Straße herumdrückte. Ich gehörte dazu.
Wir fünf Lehrlinge vom Autohaus waren die größte Fraktion und es herrschte Fraktionszwang: Entweder geben alle auf oder keiner. Da zwei von uns aus obengenannten Gründen zu Hause bleiben konnten, kam ein Abbruch nicht in Frage.
Wir fanden eine Kneipe, die auch vormittags geöffnet hatte. Diese hatte zwar einen zweifelhaften Ruf, aber dort ließman uns eine Cola für zwei Personen bestellen und längere Zeit sitzen.
Das Taschengeld war sehr knapp und eine halbe Cola und ein paar Groschen für die Musik-Box waren schon viel Geld.
Ich selbst bekam fünf DM Taschengeld die Woche. Davon gingen fast drei DM für Haarspray drauf. Das war unbedingt notwendig, um die aufwändige Turmfrisur in Form zu halten ‒ diese Frisur war damals der letzte Schrei, man nannte sie Farah Diba-Frisur, nach der Kaiserin von Persien, die diese Hochsteckfrisur an ihrem Hochzeitstag trug.

Manchmal gingen wir auch früher zurück in die Firma und nuschelten was von: Letzte Stunde ausgefallen und Lehrerkonferenz.
Wir schlugen die Zeit tot, indem wir auf den nahe gelegenen Friedhof und ohne fromme Absicht in die Kirche gingen. Auf der Straße durften wir uns ja nicht blicken lassen. Besonders wir vom Autohaus mussten aufpassen, denn die Monteure machten ständig Probefahrten in der Stadt.

Die Stimmung wurde immer depressiver. Wir hatten allesamt Angst vor den Konsequenzen, die wir tragen müssten, wenn wir erwischt würden. Wir malten uns die schlimmsten Szenarien aus. Es galt als sicher, dass das Lehrverhältnis sofort aufgelöst würde. Ein Mitschüler meinte: Wenn ich die Lehre nicht zu Ende machen kann, gehe ich zur Fremdenlegion.
Ich selbst hatte große Angst, dass ich entlassen würde. Mit viel Mühe hatte ich erkämpft, dass ich überhaupt eine Lehre machen durfte, denn mein Stiefvater war der Meinung: Ein Mädchen heiratet sowieso. Vorher kann sie in die Fabrik gehen und Geld für die Aussteuer verdienen.

Was war es für uns eine Freude und Erleichterung, als an einem Montag der Lehrer mitteilte, dass unsere Lehrerin nicht mehr wiederkommt und eine neue Lehrkraft gefunden wurde. Ab dem folgenden Donnerstag fand der Unterricht wieder statt. Von unserem Schul- oder besser Arbeitsschwänzen hat nie jemand etwas erfahren. So blieb mir die Arbeit in der Fabrik und meinem Mitschüler die Fremdenlegion erspart.

Aber wie es manchmal im Leben so ist: Schlimmer geht immer. Es kam der Studienrat Dr. B.. Nachzulesen im letzten Kapitel meiner Geschichte: Goethe, Schlesien und die faulen SäckeWalle, walle manche Strecke, daß, zum Zwecke, Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße….