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Camping an der Adria

Es fing damit an, dass bei einer feuchtfröhlichen Karnevalsparty ein befreundetes Ehepaar die Idee hatte, dass wir alle gemeinsam im Sommer nach Italien zum Campen fahren könnten. Dieses Ehepaar hatte einen Wohnwagen und beide waren bereits begeisterte Camper. Alle anderen hatten keine Ahnung davon, doch die Idee wurde begeistert aufgenommen und die Vorbereitungen fingen umgehend an. Das Ziel war schnell klar, wir wollten nach Lignano. Der Ort war schon damals eine Touristenhochburg an der Adria.

Wir waren vier Ehepaare, zwei davon hatten bereits Kinder im Alter von sechs und acht Jahren.

Der ADAC arbeitete uns die Reiseroute aus und in den Sommerferien 1965 ging es los.

Mit einem Wohnwagengespann und zwei Pkws fuhren wir nach Süden Richtung Innsbruck und dann über den Brenner. Nein, nicht über die Brennerautobahn, die gab es noch nicht, sondern mit dem ganzen Konvoi über die alte Passstraße nach Italien. In Bruneck/Südtirol übernachteten wir in einem kleinen Gasthof.

Wir wollten auch gleich typisch italienisch essen und bestellten Spaghetti Bolognese. Fragende Blicke der Bedienung. Nach einigem Gestikulieren kam plötzlich die Erkenntnis: Ah, Spaghetti Ragù, und wir wurden aufgeklärt, dass es in Italien kein Gericht mit dem Namen Spaghetti Bolognese gibt. Als das Essen kam, warfen wir uns fragende Blicke zu, denn es waren nur Miniportionen. Nach umständlicher Reklamation beim Kellner radebrechte er in Deutsch-Italienisch, dass Spaghetti nur eine Vorspeise sei und was wir nun als Hauptgericht möchten. Ein Blick in die Speisekarte zeigte uns, dass die Fleisch- und Fisch-Hauptgerichte unser preisliches Limit überstiegen und deshalb bestellten wir alle als Hauptgericht nochmals Spaghetti Ragù. Der Koch hatte ein Einsehen und machte den zweiten Teller randvoll.

Am nächsten Tag kamen wir auf unserem Campingplatz in Lignano an. Wir bekamen eine große Fläche in der Nähe des Strandes zugewiesen. Mit unseren Pkws, dem Wohnwagen und den Zelten bauten wir eine Art Wagenburg. Der Aufbau der Zelte gestaltete sich recht schwierig, da wir alle Neulinge waren. Doch irgendwie hatten wir dann doch alle Heringe eingeschlagen und die Zelte standen aufrecht. Ein Ehepaar schlief auf Luftmatratzen auf der Ladefläche des Opel Caravan, der auch das Zugfahrzeug für den Wohnwagen war. Die kleine Tochter hatte ein kleines, dreieckiges Einmannzelt.

Es wurde eine tolle Zeit. Herrliches Wetter, schöner Strand, und das Meer war wunderbar warm zum Baden. Statt die Gemeinschaftsduschen aufzusuchen, sprangen wir morgens gleich ins Meer, das Salz wurde anschließend unter der Stranddusche weggespült. Handtücher waren überflüssig, denn die Sonne trocknete uns sofort und das Badezeug trugen wir bis zum Abend. Die Männer probierten aus, ob ihnen ein Vollbart steht, mit dem Ergebnis, dass einer von ihnen ihn nie mehr abrasierte und sein Leben lang Bartträger blieb. Auch die Kinder genossen es, einmal aus dem Zivilisationskorsett herauszukommen. Wer Hunger hatte, machte sich eine Konserve von unseren mitgebrachten Lebensmitteln im Wohnwagen warm oder versorgte sich am Campingkiosk, an dem man alles Lebensnotwendige kaufen konnte. Abends war Party mit den Zeltnachbarn oder wir gingen in den Ort und besuchten die Vergnügungen, die für Touristen angeboten wurden.

Drei Wochen gingen um wie um Fluge. Wir reizten die Zeit bis zur letzten Minute aus, sodass wir erst am späten Sonntagabend zu Hause ankamen und am Montagmorgen war schon der erste Arbeitstag nach dem Urlaub.

Jetzt waren wir vom Campingvirus infiziert. Unsere Freunde mit dem Wohnwagen hatten einen Dauerstellplatz auf dem Campingplatz am Kahler See, der auch heute noch sehr beliebt ist. Der große Badesee liegt am Rande der Gemeinde Kahl am Main, am Fuße des Spessarts. Er hat einen schönen langen Sandstrand und ist mit Waldgebiet umgrenzt. Hier mieteten wir auch einen Dauerplatz.

Unser Platz war etwas abseits vom See an einem Seitenweg. Die Anrainer hatten ein Straßenschild mit dem Namen Bembelstraße aufgestellt, an dem ein großer Apfelweinbembel (Krug) hing. Wir stellten unser neues Steilwandzelt auf, aber überwiegend standen hier bereits Wohnwagen. Die Nachbarn waren allesamt nett und sehr gesellig. Einer war Metzgermeister und hatte die Daueraufgabe, für den Sonntagsbraten der ganzen Bembelstraße zu sorgen. Die Zubereitung war Männersache. Die mehrere Kilo schweren Braten oder auch manchmal Spanferkel wurden auf einen großen, selbstgebauten Drehgrill gespießt, den die Männer ständig drehen mussten. Neben ein paar Gewürzen war die Hauptzutat ein Fass Bier, mit dessen Inhalt die Herren das Bratenstück von außen und sich selbst von innen begossen. Zum Essen steuerte jede Familie noch Beilagen oder leckeren Nachtisch bei und wir aßen alle zusammen in großer Runde, die sich oft erst am späten Abend auflöste.

Die Idylle änderte sich jedoch langsam. Nachdem auf dem Platz die Zelte nach und nach verschwanden, die Wohnwagenbesitzer sich einen noch größeren und komfortableren Wohnwagen kauften, verabschiedeten wir uns von unserem Zelt und schafften uns auch einen Caravan an. Er hatte ein großes Vorzelt mit festem Unterboden. Hier standen eine Eckbank mit Tisch und Stühlen und ein großer Kühlschrank. Es gab auch einen tragbaren Fernseher, damit man je nach Wetterlage drinnen oder draußen das Programm verfolgen konnte. Nach und nach baute sich nun ein zweiter Haushalt auf und auch das ungezwungene Beisammensein, bei dem man auf Meins und Deins nicht so genau achtete, denn das Geben und Nehmen hielt sich ziemlich die Waage, war vorbei. Der Platz wurde, genau wie bei allen Anderen, eingezäunt. Wenn man die Nachbarn besuchen wollte, meldete man sich jetzt außerhalb des Zauns durch Zurufen an.

Wir waren allerdings nicht allzu häufig in Kahl, da mein Mann aufgrund seiner Arbeit bei der Tageszeitung meistens sonntags arbeiten musste. Das änderte sich jedoch für mich, als unsere Tochter zur Welt kam. Nach der Geburt gab ich die ersten Jahre meine Berufstätigkeit auf und so konnte ich, bei schönem Wetter, die ganze Woche mit dem Kleinkind auf dem Campingplatz bleiben.

Jetzt zeigte es sich, dass es ein Glück war, den Platz nicht so nahe am See zu haben. So schön der Badesee auch war, es gab auch immer wieder Tote durch Ertrinken zu beklagen. Oft waren es alkoholisierte Jugendliche, die überhitzt ins Wasser sprangen, aber immer wieder waren es auch kleine Kinder. Deshalb ließ ich meine kleine Tochter niemals aus den Augen.

Ein befreundetes Paar, ebenfalls Dauercamper, bekam zur gleichen Zeit Nachwuchs und die Frau blieb mit dem Kind auch oft wochentags auf dem Platz und ich dachte, wir könnten zusammen mit den Kindern eine schöne Zeit gemeinsam verbringen.
Jedoch hatten wir unterschiedliche Erziehungsmethoden. Das andere Paar praktizierte die gerade in Mode gekommene antiautoritäre Erziehung. Wenn ihr Kind nicht zu sehen war, sagte die Mutter nur die kommt schon wieder und ging weiter ihrer jeweiligen Beschäftigung nach. Ich fühlte mich deshalb auch für dieses Kind verantwortlich und musste jetzt zwei quirlige Kleinkinder einfangen, wenn sie in Richtung See liefen.

Wir brachten unserer Tochter die Zauberwörter Bitte und Danke bei und versuchten von Anfang an, sie an Tischmanieren zu gewöhnen. Bei dem anderen Mädchen wurde darauf keinen Wert gelegt. Während der Mahlzeiten durfte das Kind auf dem Stuhl stehen und auch unter dem Tisch essen, gleichgültig ob zu Hause oder im Restaurant. Dort wuselte die Kleine unter fremden Tischen herum, griff in fremde Teller und krabbelte in die Restaurantküche. Die Eltern waren auch noch stolz über den Wissensdrang ihres Nachwuchses. Meine kleine Tochter sah mich oft fassungslos an und fragte, warum die das alles darf und sie selbst nicht. Mehrere Diskussionen mit den Eltern über die Erziehung gingen ins Leere. Uns wurde das allmählich zu anstrengend, sodass wir uns von der Familie zurückzogen. Ich werde den Verdacht noch immer nicht los, dass die früher oft angewandte antiautoritäre Erziehung reine Bequemlichkeit der Eltern war.

Trotz allem verbrachten wir im Sommer immer wieder viele schöne Tage auf dem Campingplatz.
Ich vergesse nie die Nacht vom Sonntag, den 20. auf Montag, den 21. Juli 1969. Ich war allein mit meiner schlafenden Tochter im Wohnwagen. Bis zum frühen Morgen saß ich wie gebannt vor dem Fernseher und sah die Liveübertragung der Landung von Apollo 11 auf dem Mond. Als ein paar Stunden nach der Landung Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, sagte er den berühmten Satz: Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer für die Menschheit.

Der große Schritt für die Menschheit fand aber, wie viele damals dachten, in unserer unmittelbaren Nähe statt.
Hier in Kahl ging ein paar Jahre zuvor das erste AtomkraftwerkLesen Sie auch:
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Die Lichter gehen aus…Autor: Hartmut Kennhöfer
in Deutschland ans Netz. Ich und die meisten meiner Bekannten waren zu dieser Zeit noch vollkommen begeistert von dieser Anlage. Wir empfanden es als großen Fortschritt, dass die Atomkraft, die so schreckliche Auswirkungen im Zweiten Weltkrieg hatte, jetzt nur noch zu friedlichen Zwecken genutzt wird. Das Kraftwerk war sehr sauber, ganz anders als die Kohledreckschleudern, die die Luft verpesten. Vom Campingplatz aus machten wir anfangs Fahrradtouren zu dem schönen, weißen Gebäude und dachten, mit Hilfe dieser modernen Technik gehen wir goldenen Zeiten entgegen. Wir wussten es damals noch nicht besser, aber die ersten Zweifler meldeten sich bereits zu Wort. Sie wurden in den Medien als Spinner dargestellt und ich dachte noch einige Zeit genauso, denn man verabschiedet sich ja nicht gerne von einem schönen Traum. Doch die Wirklichkeit holte uns bald ein.

Wir ehemaligen Italiencamper waren endgültig erwachsen geworden und unsere persönliche Entwicklung lief in verschiedene Richtungen, die Partyzeit war vorbei.

Mit dem Saisonende 1972 endete meine Campingzeit für immer.
Alles hat seine Zeit…Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde… Prediger Salomo, 3. Kapitel, Prediger Salomo, 3. Kapitel