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100 Jahre Altonaer Volkspark

1954, ich war gerade neun Jahre alt geworden, zog unsere Familie nach Groß Flottbek in die Feuerbachstraße. Der Altonaer Volkspark, nur eineinhalb Kilometer entfernt, existierte bereits seit 40 Jahren. 1913 hatte der Magistrat der preußischen Stadt Altona unter Oberbürgermeister Bernhard Schnackenburg beschlossen, den Volkspark anzulegen und beauftragte den Gartenbaudirektor Ferdinand Tutenberg mit der Planung. Zwischen 1914 und 1920 wurde der Park gestaltet. 1925 wurde der Park um das Stadion ergänzt, das ich heute noch penetrant Volksparkstadion nenne, weil ich keine Lust habe, mir die wechselnden Sponsorennamen zu merken.

Mein Bruder und ich waren in den Jahren oft im Volkspark und im Schwimmbad des angrenzenden Stadions, wo unsere Schule die Bundesjugendspiele durchführte. Meine Frau wohnte damals an der Bahrenfelder Chaussee, nur einen halben Kilometer vom Volkspark entfernt. Da sie mit ihrer Familie auch oft den Volkspark besucht hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir uns damals schon über den Weg gelaufen sind.

60 Jahre später (2014) machten meine Frau und ich einen Spaziergang durch unsere Vergangenheit. Wir fuhren von Norderstedt aus über die A7 bis zur Ausfahrt Bahrenfeld. Direkt an der Ausfahrt liegt, ganz versteckt in einem schmalen Grüngürtel, der Bahrenfelder See (Foto 1). Natürlich kannten wir ihn von früher, lange bevor die Autobahn gebaut wurde. In den 1950er Jahren war er noch größer — ein Teil ist leider der Autobahn zum Opfer gefallen — und besser zugänglich. Neben dem See, wo jetzt die A7 verläuft, stand ein Bauernhof (Foto 6). Damals, als es noch richtige Winter gab, war der Baansche, wie wir Kinder ihn in breitem Hamburgisch nannten, die Pilgerstätte zum Schlittschuhlaufen. Dick eingepackt und mit Fausthandschuhen, die mit einem Band miteinander verbunden waren, das durch die ärmel der Jacke geführt wurde, zogen wir dort hin. Dort mussten wir unsere Schlittschuhe unterschnallen. Auf den Stiefelabsatz war ein Metallknopf genagelt. An den mussten die Greifarme des Schlittschuhs angedockt werden, indem man die Bügel des Schlittschuhs mit einer kleinen Handkurbel, die am Band um den Hals getragen wurde, zusammenkurbelte. Das war ein Fummelkram, weil man die Augen gleichzeitig auf beiden Seiten des Schlittschuhs haben musste. Aber noch schlimmer war später das Lösen der Schlittschuhe. Die Finger waren kalt und klamm und die Kurbelwelle war voller Eis und Schnee und eingefroren. Zuhause angekommen setzten wir uns vor die Heizung, an die wir dann die Füße stellten. Dazu machte uns unsere Mutter einen heißen Kakao. Heute ist der Bahrenfelder See eine idyllische Oase und ein Schutzraum für Wasservögel und anderes Getier.

Anschließend fuhren wir zum Volkspark weiter und stellten das Auto auf der Rückseite der Trabrennbahn beim Haupteingang des Parks an der August-Kirch-Straße ab. In den 1950er Jahren hieß sie noch Schnackenburgallee, benannt nach dem Altonaer Oberbürgermeister. Heute verläuft die Schnackenburgallee weiter östlich auf der anderen Seite der Autobahn durch das Industriegebiet, wo früher die Straße Am Winsberg war, und mündet in den Bornkampsweg.

Die damalige Schnackenburgallee, heute August-Kirch-Straße, hatte ein enormes Gefälle. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, was für einen Spaß es machte, im Sommer mit dem Fahrrad die Straße zum Stadion-Schwimmbad, von uns Kindern Stadsche genannt, runterzusausen, wo ich damals meinen Freischwimmer gemacht habe. — Der Rückweg war dann aber umso mühsamer.

Zuerst führte unser Weg durch den uralten Eichenbestand auf die Volksparkwiese (Foto 2), eine große Freifläche mit nur wenigen einzelnen Bäumen. Dort ließen wir im Herbst unsere selbstgebauten Drachen steigen. Sie bestanden aus einem Kreuz aus leichten Holzlatten. Die Spitzen des Kreuzes verbanden wir mit einem Faden der Drachenschnur. Dann bespannten wir diese Fläche mit Drachenpapier, das wir um die Schnüre knickten und dann verklebten. In den Schwanz knoteten wir gefächertes Zeitungspapier. Der Schwanz hatte den Zweck, den Drachen durch sein Gewicht in der Senkrechten zu stabilisieren. Zu lang durfte er aber nicht werden, denn sonst wurde der Drachen zu schwer. Zum Start hielt einer den Drachen hoch, der andere lief mit der Drachenschnur gegen den Wind und zog so den Drachen hoch. Dann konnten wir Bott geben, das bedeutete, die kreuzweise auf einen Stab gewickelte Schnur abzuwickeln. Oft konnten wir die 100 Meter Bott, die wir auf der Rolle hatten, bis zum hoffentlich vorhandenen Knoten voll abwickeln. Trotz der großen Freifläche kam es leider vor, dass sich ein Drachen in den riesigen Bäumen verfing, die die Wiese ringsum begrenzten. Das war frustrierend, denn wir hatten uns beim Drachenbau große Mühe gemacht.

Aber die Volksparkwiese wurde nicht nur zum Drachensteigen genutzt. Die Bahrenfelder feierten dort ihre Familienfeste, insbesondere natürlich Kindergeburtstage. Ich erinnere mich noch, dass dort die FalkenDie Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken (SJD - Die Falken) ist ein eigenständiger Kinder- und Jugendverband, der aus der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung hervorgegangen ist. jedes Jahr ein internationales Kinderfest ausrichteten, mit Eierlaufen, Ballspielen usw. Es endete mit einem großen Laternenumzug von der Wiese die Bahrenfelder Chaussee hinunter, begleitet von Spielmannszügen, und von der Feuerwehr abgesichert. Damals sangen alle noch laut die Laternenlieder mit.

Unser Weg führte meine Frau und mich weiter durch den Park runter zum Dahliengarten (Foto 3). Er existiert seit 1920 und beherbergt über 600 verschiedene Dahlienarten auf einer Fläche von eineinhalb Hektar. Fast jedes Jahr im August besuchen wir den Dahliengarten, und ich frage mich dann immer, wo die elftausend Dahlienknollen wohl im Winter frostsicher gelagert werden. Auch in diesem Jahr standen die Dahlien wieder in voller Blüte: Kugeldahlien, Asterndahlien, Halskrausendahlien, pompöse Schmuckdahlien und ganz schlichte Dahlien, die wir besonders mögen, weil sie uns seit den 1950er Jahren vertraut sind. (Foto 4)

Anschließend schlugen wir einen Bogen nach Osten. Hier irgendwo verlief damals die Todesbahn, eine sehr lange und gefährliche Rodelbahn. Der Auslauf kreuzte die Stadionstraße und eines Tages bekamen wir mit, dass dort ein Rodler mit einem Auto kollidierte und dabei zu Tode kam. Meine Frau konnte sich erinnern, dass einem mal mit dem Schlitten ein Ohr abgefahren wurde.

Dann wanderten wir rüber zu einem der Aussichtspunkte im Volkspark, dem Tutenberg. Da er nach dem Gartenbaudirektor benannt wurde, müsste er eigentlich Tutenbergberg heißen, aber da ich bei der Namensgebung noch nicht lebte, konnte man mich nicht befragen. Von dort aus gingen wir an der Minigolfanlage vorbei rüber zum Schulgarten. Der Schulgarten war damals ein beliebter Ausflugspunkt für Volksschulklassen, denn dort gab es einiges zu entdecken.

Da war der sichelförmige Ententeich und gleich daneben das Schleswig-Holstein-Modell, das bereits in den 1920er Jahren angelegt worden war. Früher war die Struktur Schleswig-Holsteins gärtnerisch aus Blumen und Pflanzen gestaltet und die Städte waren mit kleinen Städtewappen gekennzeichnet. Aber es war nicht mehr wie früher, denn Schleswig-Holstein ist jetzt aus Stein nachgebildet. Ich konnte später nachlesen, dass das Modell 1998 aus finanziellen Gründen einfach untergepflügt worden war. Aber aufgrund von Bürgerprotesten musste es wieder hergestellt werden, nun allerdings in einer erheblich pflegeleichteren Form.

Gleich hinter dem Modell und dem Ententeich musste die Schlangengrube kommen. Wir erinnerten uns beide lebhaft: eine kreisrunde Mauer, etwa einen halben Meter hoch, mit einem Durchmesser von etwa acht Metern. Die Grube selbst war mehr als einen Meter tief. Der Boden war mit Heidekraut und anderen anspruchslosen Pflanzen bepflanzt, und über die Grube war ein Netz gespannt. Und zwischen diesen Kräutern schlängelten sich Ringelnattern und Kreuzottern. Die Schlangengrube war für uns Kinder immer eine kleine Sensation, denn die Schlangen erhielten Lebendfutter. Wenn man den richtigen Tag erwischte, konnte man die eine oder andere Maus dort unten herumlaufen sehen. Unsere Sensationslust war größer als das Mitleid mit den Mäusen. Aber ich habe dort nie erlebt, dass eine Schlange eine Maus gefressen hat.

Inzwischen hatte sich der Himmel geöffnet und ein Platzregen prasselte auf uns nieder. Wir sahen schon von weitem, dass unsere Schlangengrube zugeschüttet worden war. In der Mitte prangte eine riesige AraukarieDie Chilenische Araukarie (Araucaria araucana Syn., A. imbricata, A. chilensis, Dombeya chilensis), auch Andentanne, Schlangenbaum, Schuppentanne, Affenschwanzbaum oder Chilenische Schmucktanne genannt, ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Araukariengewächse (Araucariaceae) gehört.Quelle: Wikipedia.de (Foto 5), ihrer Größe nach bestimmt schon ein Vierteljahrhundert alt. Ob es ein bewusster Akt war, die Araukarie, die man auch ‚Schlangenbaum‘ nennt, dort in Erinnerung an die Schlangen einzupflanzen?

Der zweite Wolkenbruch gab uns den Rest und wir rannten durch den Staudengarten und an der Schrebergartenkolonie entlang zurück zu unserem Auto.

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