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Opa Degen

Heute habe ich im Hamburger AbendblattZitat Margot Bintig, lesen Sie ihre Geschichte:
Kulturschock
, das morgens erscheint
, in einer kleinen Meldung gelesen, dass in der S-Bahn ein sechsundsiebzigjähriger Mann gestorben ist und es wurde stundenlang von keinem der anderen Fahrgäste bemerkt. Der Artikel erinnert mich sofort an den etwa achtzigjährigen Opa Degen, in ganz Quickborn bekannt, als es noch ein Dorf war.

Jeden Morgen zwischen sechs und neun Uhr fuhr er mit seinem Fahrrad, an dem er vorn einen Holzkasten angebaut hatte, kreuz und quer durch den Ort und lieferte Brötchen und Milch an die Haustür seiner Kunden. Sieben Tage die Woche! Am Mittwochnachmittag konnte man Opa Degen auf dem Quickborner Bahnhof sehen. In seinem wohl schon etwas abgetragenen dunklen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte fuhr er nach Hamburg zu seiner Dame in die Herbertstraße auf St. Pauli, wovon er auch gar kein Geheimnis machte. Aber sonst erzählte er nicht viel und wenn einmal, dann von seiner Soldatenzeit unter dem Kaiser, von seinen Pferden, der schicken Uniform und dem verzierten Degen. Darum nannten ihn alle Opa Degen. Er muss wohl Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen sein, aber darüber schwieg er.

In der Waldstraße, die von Quickborn nach FriedrichsgabeSeit 1.Januar 1970 ein Stadtteil Norderstedts.
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führt, gab es damals am Ortsausgang noch eine kleine Kneipe, den Eulenkrug. Heute unvorstellbar, aber es gab zu der Zeit weder Internet noch Handy und auch kein Fernsehen! In solchen Kneipen spielte sich das Nachbarschaftsleben ab, zumindest das der Männer. Hier wurde das Feierabendbier getrunken, wenn sie von ihrer schweren körperlichen Arbeit auf dem Bau oder im Hafen aus Hamburg zurückkamen. Dazu kam noch der Weg vom Ochsenzoll bis nach Quickborn mit dem Fahrrad, denn die U-Bahn endete in Ochsenzoll und die AKN gab es noch nicht. Die Frauen tauschten sich eher in den Tante Emma-Läden aus, den kleinen Geschäften mit persönlicher Bedienung und ohne Hektik an der Kasse oder beim Kaffeeklatsch, der mal bei der Einen oder der Anderen stattfand.

In den Eulenkrug ging Opa Degen dreimal die Woche zum Frühschoppen und spielte dort mit drei andern Rentnern Skat. Am Vormittag waren die Vier hier die einzigen Gäste. Beim Vierer-Skat setzt ja nun bei jeder Runde einer aus. Opa Degen war der älteste der Vier und hatte ja auch schon ein paar Stunden Radfahren hinter sich, sodass es nichts Ungewöhnliches war, wenn er sich zwischendurch mal zurücklehnte und die Augen schloss. Aber an diesem Tag machte er sie für immer zu. Ganz ruhig, ohne eine Regung. Die anderen drei Freunde merkten es erst, als sie zum Mittagessen nach Hause wollten.