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Seefahrtszeiten

Kapitel 5 — Rockefeller weint

Nach drei Wochen Liegezeit war unser Schiff mit 3000 Tonnen Äpfeln und Südfrüchten beladen. Für mich als Kühlmaschinist jetzt eine anstrengende Zeit.
Die Temperatur musste auf 11° Grad Celsius gehalten werden. Kein Grad weniger oder mehr. Da die Seewassertemperatur sich ständig änderte, war ein Nachregulieren der Kühlwasserflüssigkeit laufend erforderlich.

Alle vier Stunden musste ein Kontrollgang zu den Verdampfern in den Laderäumen gemacht werden. Hierfür war zwischen der Schiffsbeplankung und den Laderäumen ein schmaler Gang vorhanden. Eisbildung durch hohe Luftfeuchtigkeit an den Lüfter- Stationen musste entfernt werden und eimerweise heraus getragen werden. Es war also für mich ein ständiger Temperaturwechsel zwischen 40° Grad im Maschinenraum und Minusgraden an den Lüfterstationen.

Aber es ging ja Richtung Heimat. Endlich mal wieder Hamburg?? In der Deutschen Bucht wurde die Sache spannend. Gerüchte alle Augenblicke erneuert, dann Richtung Feuerschiff Elbe I, Schuhe putzen, habe ich noch ein neues Hemd, wie habe ich Wache in Hamburg??

Dann der Hammer, abdrehen — wir gehen nach Stockholm, in Hamburg sind gestern schon zwei Schiffe mit Südfrüchten angekommen und da unsere Ladung, was wir natürlich nicht wussten, schon in der Deutschen Bucht versteigert wurde, hatte ein Händler aus Stockholm den Zuschlag erhalten.
Na gut, Seemann, dein Haus ist dein Schiff und dein Land ist die See, und in Stockholm war ich auch noch nicht. Es war Sommer und wir fuhren bei Tage durch die Scheren vor Stockholm, die meisten bewohnt mit Urlaubern, die vollkommen unbekümmert splitternackt badeten und uns zuwinkten.

Erstmal zum Funker, mal sehen was der an Geld von unserer Heuer herausrückte. Leider hatten wir Assistenten keine guten Karten bei ihm wegen eines Zwischenfalls vor 14 Tagen. Er hatte in der Offiziersmesse mal wieder ausgiebig von seinen Heldentaten im Krieg schwadroniert und schon zum xtenmal damit angegeben, dass er das Ritterkreuz bekommen habe. Einer unserer Assistenten hat dann laut und deutlich gefragt: und wieviele Soldaten mussten dafür sterben?
Eisiges Schweigen in der Messe, einige Offiziere verschwanden ganz schnell und dann wieder das bekannte Gebrüll: Idioten, keine Ahnung usw. aber keine sachliche Diskussion.

Ja, leider hatte der Funker unsere Abrechnung für die Bordausgaben noch nicht gemacht und konnte uns daher nur 20 Kronen für unseren Landgang geben. Nun ist der Sommer in Schweden wunderschön, bis in den späten Abend hell und warm. Überall kleine Lokale und Hotels mit Tanzveranstaltungen, Mädchen mit langen, blonden Haaren und himmelblauen Augen sehr begehrlich auf Seeleute, hatten die doch meisten eine geschmuggelte Flasche Schnaps in der Tasche. Wir suchten uns also ein schönes Hotel mit Tanzveranstaltung auf dem Balkon. Ein Blick in die Getränkekarte ließ uns erschrecken. Eine Flasche Bier sollte 5 Kronen kosten und das war nicht alles. Wenn man ein Bier bestellte, musste man auch ein Smörrebröd dazu nehmen, was noch einmal 5 Kronen kostete. Ein Zurück gab es nicht, es hatten sich schon drei junge Mädchen an unseren Tisch gesetzt, die fleißig Cola bestellten und mit unserem Schnaps auffüllten. Wir mussten nun zur Tarnung natürlich Bier bestellen, jedes mal mit Smörrebröd. Irgendwann war nun der Tisch voll mit Smörrebröd, die Mädchen stinkbesoffen und wir mit einer Riesen-Rechnung.

Oh Lord, was nun? Warten auf den letzten Tanz wo die Kapelle noch mal ordentlich einheizte. An die Balkonbrüstung schleichen, einen Blick nach unten, könnte gut gehen, und alle drei einen Satz nach unten. Es ging gut, und nun laufen, schneller als die Kellner. An Land konnten wir sowieso nicht mehr mangels Masse (Kronen). Der Funker wurde zu unserer Freude noch in Stockholm abgelöst. Aber der Kellner tut mir noch heute leid.

Wieder war unsere Order Buenos Aires. Auf Gran Canaria, in Las Palmas wurde für die Reise Diesel gebunkert, weil er hier zollfrei war. Der Brennstoff musste für die ganze Reise, Gran Canaria,Buenos Aires,Europa und wieder Gran Canaria reichen. Es waren also alle Tanks bis in die Peilrohre zu füllen. Das Problem war für uns war, dass die Tanks im Doppelboden des Schiffs waren, das heißt: 10 Meter unter Deck. Mit einem Maßband, welches im Peilrohr heruntergelassen wurde, mussten wir die Füllhöhe im Tank feststellen. Die Füllhöhe der Tanks war so ungefähr 2 Meter, die Länge der Peilrohre aber 10 Meter. Man konnte das Maßband also gar nicht so schnell hochkurbeln, wie der Brennstoff aus dem Peilrohr hochschoss und man in Diesel duschen musste. Dafür aber vier Mal, denn wir hatten vier Bodentanks. Der Brennstoff aus den Peilrohren floss natürlich an Deck und ins Hafenwasser, von Umweltschutz hatte 1960 noch keiner was gehört! Wasser wurde dagegen in Gran Canaria nicht gebunkert, viel zu teuer. Wasser hatten wir zuletzt in Stockholm genommen.

Auf der sehr ruhigen Überfahrt nach Buenos Aires war es angenehm warm, im Südatlantik nachts 30 Grad, in den aufgeheizten Kammern auch schon mal 40 Grad, so dass viel geduscht wurde. Sechs Tage vor Buenos Aires wurde dann auch prompt das Wasser knapp. Die Wasserversorgung wurde abgestellt, nur der Koch und der Kapitän hatten noch eine Leitung. Beim Koch bekam nun täglich jeder einen Eimer Wasser für seine persönlichen Bedürfnisse. Zähneputzen, Füße waschen, durchgeschwitzte Arbeitskleidung waschen usw. oder umgekehrt, das war dem Kapitän egal. Hauptsache er hatte auf Gran Canaria ein paar Dollar für Wasser gespart.

Das war sowieso vom Reeder ganz geschickt eingefädelt, Der Kapitän bekam für die schnellste Reise einen Bonus, der 1. Ingenieur bekam für den geringsten Brennstoffverbrauch einen Bonus, da das nicht zusammenpasste (mehr Drehzahl, mehr Verbrauch) hatten sich die beiden ständig in den Haaren. Obwohl sie im Salon nur zu dritt speisten, Kapitän, erster Offizier und erster Ingenieur mit Rockefeller als erstem Stewart, waren die Auseinandersetzungen ein Deck tiefer bei uns in der Offiziersmesse noch zu hören.

Unser Bootsmann, Herr Schulz, hatte aber an Deck ein kleines Becken aus Holzbohlen und Persenning gebaut, in das über die Deckwaschanlage ständig Seewasser gepumpt wurde, dass man sich wenigstens waschen konnte. Allerdings hatte man dann nachts ein Problem, wenn das Salz auf der Haut zu jucken anfing.

Nun ist die Gelegenheit; etwas über die Besatzung zu sagen.
Zuerst Mal über den wichtigsten Mann an Bord; den Koch. Herr Reimers war so ca. 60 Jahre alt, ein gelernter Hotelkoch, der keine Lust mehr auf die Hektik in einem Hotel hatte. Hier hatte er seine 32 Leute zu bekochen und das machte er mit großer Leidenschaft. Besonders wir spindel-dürren jungen Leute hatten seine ganze Aufmerksamkeit. Zum Frühstück gab es neben Brot, Marmelade, Wurst und Käse auch immer eine Milchsuppe und Steaks oder Bratwurst oder Ei nach Wahl, gekocht, Rührei oder Spiegelei so viel man konnte. Mittags dann ein Drei-Gänge-Menü. Und abends wieder Suppe, Fleischgericht, Brot, Käse und Wurst, wobei Herr Reimers in den Tropen nicht einfach die Wurst servierte, sondern schöne Salate machte.

Als Unterstützung hatte der Koch noch einen Bäcker in der Kombüse, der am Sonntag und Donnerstag Brötchen und Kuchen buk. Sonntag ist klar, aber Donnerstag geht auf eine alte Tradition zurück. Bis ca. 1930 gab es nämlich noch kein Gesetz über die Proviantrationen für Seeleute, es lag also im Ermessen des Kapitäns, was an Proviant ausgegeben wurde. Alles was teuer war, gab es daher nicht. Zum Beispiel Salz, Zucker, Tabak und weißes Mehl. Man konnte es aber beim Kapitän kaufen und zwar immer donnerstags. Die Mannschaft legte dann einen Teil ihrer Einkäufe zusammen, sodass der Koch am Donnerstag Kuchen backen konnte.

Der Bootsmann, Herr Schultz, so um die 60 Jahre alt, klein, aber ein Muskelpaket. Herr Schultz hatte die Decksmannschaft unter sich. Vom Schiffsjungen bis zum Matrosen hörte alles auf sein Kommando. Er hatte seine Lehrjahre und die meiste Zeit seines Lebens noch auf Segelschiffen verbracht. Ein makellos in Farbe gehaltenes Schiff war für ihn selbstverständlich. Ein echter Seemann, sein Land ist die See, sein Schiff ist sein Haus und die Besatzung seine Familie. Ein väterlicher Freund für uns Jungen mit unendlichen Geschichten über alle Häfen der Welt.

Die Matrosen und Leichtmatrosen waren ebenfalls in die gleichen Wachen eingeteilt wie wir in der Maschine. Nur war ihr Arbeitsplatz natürlich die Brücke. Es gingen jeweils ein Offizier und zwei Decksleute Wache. Einer als Rudergänger, der andere als Läufer oder Ausguck. Jede Stunde wurde gewechselt, da das Steuern nach Kompass eine hohe Konzentration erforderte. Automatiksteuerung gab es noch nicht. Der Läufer hatte Kaffee zu holen, die nächste Wache zu wecken oder sonstige Anordnungen des Offiziers zu befolgen.

Die Schiffsjungen, auch Mosesse genannt, waren am schlechtesten dran und haben mir manchmal richtig leid getan. Zu ihrem Glück waren sie zu zweit an Bord und der Bootsmann passte auf, dass es nicht allzu schlimm für sie wurde. Sie waren doch erst 15 Jahre alt. Zu ihren Aufgaben gehörte der gesamte Service für die Unteroffiziersmesse und die Mannschaftsmesse, sowie das Bettenmachen und Reinigen der Kammern von Bootsmann, Zimmermann und Storekeeper. Also drei Mal am Tag die Tische für 20 Mann eindecken, Essen aus der Küche holen, Kaffee kochen und abwaschen. Zu meckern gab es natürlich immer was.

Der Ausdruck Moses für den Schiffsjungen kommt aus der Überlieferung der langen Segelschifffahrten. Der Schiffsjunge musste damals auch in der Offiziersmesse bedienen, dadurch hörte er die Gespräche mit und wusste immer die neusten Nachrichten. Nach der Bibel war ja Moses der Allwissende und somit an Bord der Moses.

Nun zur Maschinenbesatzung. Der zweite Ingenieure, Herr Meier, stammte aus einer Blankeneser Seefahrerfamilie. Wenn uns auf der Fahrt über den Atlantik ein deutsches Schiff entgegen kam, raste Meier zum Funker hoch, mit Sicherheit war auf dem andern Schiff jemand, den Meier kannte. Wir Assis mussten einmal im Monat Berichte über ein Thema aus der Maschinenanlage bei ihm abgeben. Wenn man aber zum Beispiel über die Seewasser-Rohranlage eine Zeichnung an die Tafel malen konnte, war das auch in Ordnung. Dazu musste man natürlich unter die Fußbodenplatten kriechen und deren Verteilung genau verfolgen. Meier war so um die 40 Jahre alt, sein Markenzeichen die weiße Mütze. Bei einem Feueralarm im Maschinenraum, nachts um 1 Uhr 30 stürzten wir alle in die Maschine. Meier zuerst, mit Hausschuhen, Unterhose und weißer Mütze.

Alles, was ich über Schiffsmaschinen-Anlagen und Seefahrt weiß, habe ich im ersten Jahr bei Meier-Blankenese gelernt. Er hat viel Arbeit von uns verlangt aber auch immer erklärt, warum das so sein muss. Herr Meier hat in einem Jahr einen Seemann und Maschinisten aus mir gemacht. Immer hart, aber gerecht. Zur Maschinen-Crew gehörten außer dem 2. Ing. noch zwei 3. Ingenieure, vier Assie's, der Storekeeper und zwei Schmierer. Die hatten aber mit den Wachen nichts zu tun, sondern hatten mit dem Storekeeper Reinigungsarbeiten zu erledigen.

Dann war da noch der 1. Ingenieur, genannt der Chief. Zirka 65 Jahre alt, hager mit grauen Haaren. Er kam einmal die Woche nach Voranmeldung in die Maschine. Voranmeldung, damit wir nochmal die Treppen putzen konnten, er kam nämlich in weißer Hose und wehe, wenn an der Bügelfalte anschließend ein schwarzer Fleck war. Was der Mann an Bord sollte, habe ich nie verstanden. Er wusste noch nicht einmal, dass wir ein Zweikreis-Kühlsystem für die Maschinen hatten.

Bleibt noch der Kapitän, er schwebte sozusagen über dem Ganzen. Außer der Brückencrew hat ihn kaum einer gesehen. Obwohl er erst 36 Jahre alt gewesen sein soll, wurde er doch der Alte genannt. Wenn es hieß der Alte hat gesagt, dann war das Gesetz. Eben Master next God.

Rockefeller, ja Rockefeller war der interessanteste Mann an Bord. So ca. 60 Jahre alt, schlank mit vollen, grauen Haaren. Erster Steward, er hatte den Salon mit Kapitän, erstem Offizier, 1. Ing. und deren Kabinen zu betreuen. Seine Pantry, wo das Geschirr für den Salon war und wo er die Speisen für die Herren im Salon verfeinerte, war aber ein Stock tiefer. Sodass er mit jeder Tasse und jedem Stück Geschirr oder Essen einen Stock hochlaufen musste.

Rockefeller hieß aber in Wirklichkeit gar nicht Rockefeller, sondern Rockmann. Rockmann war der letzte deutsche Steward, der Privatkantine fuhr. Er hatte so was wie ein kleines Geschäft. Bei ihm gab es Schnaps, Zigaretten, Bier, Schokolade, Hemden, Socken und das tolle war, man musste nicht bezahlen, nur seinen Einkauf auf einen kleinen Zettel schreiben und in einen Briefkasten stecken. Der Hammer kam dann am Monatsende, Rockmann rechnete nämlich mit dem Funker ab, der ja unser Bordguthaben verwaltete. Der Gewinn wurde natürlich mit dem Kapitän geteilt.

Über Rockmann war nun folgende Story bekannt: In Rotterdam hatte man ihn beim Schmuggeln erwischt, er sollte 20 000 Gulden Strafe bezahlen. Rockmann soll ganz cool gefragt haben: In welcher Währung hätten es die Herren denn gerne? Seitdem heißt Rockmann Rockefeller! (Rockefeller war 1900 mit einer Milliarde Dollar der reichste Mann der Welt.) Obwohl er zu uns sehr nett war, war der alte Herr doch recht einsam. Darum hatte er sich einen Wellensittich zugelegt. Mit Käfig und Vogel kam er jeden Abend an Deck und wenn es nicht allzu windig war, ließ er ihn hinter den Aufbauten auch Mal fliegen. Sein kleiner Pip-Pip kam auch immer zurück, bis er sich eines Tages verschätzte und etwas zu weit hinter die Aufbauten geriet. Nun war er in den Fahrtwind gekommen und konnte das Tempo gerade noch so halten. Es war abzusehen, dass er das nicht lange durchhalten konnte. In seiner Verzweiflung rannte Rockefeller auf die Brücke und bat den Kapitän, doch mal einen Augenblick etwas langsamer zu fahren. Der lehnte natürlich ab, was geht mich dein Vogel an.

Rockefeller kam wieder runtergestürzt und rannte mit dem Käfig zum Achterdeck, wo der Vogel inzwischen angekommen war. Mit jämmerlichem Piepsen und verzweifelten Rufen von Rockefeller geriet der Vogel aber immer mehr achteraus, bis er vor Erschöpfung ins Wasser fiel. Da haben wir einen lieben alten Herren bitterlich weinen gesehen.
An seiner Stelle hätte ich dem Alten Rattengift ins Essen getan.