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Erfahrungen aus der Luftfahrt

Ich war in den 1950er Jahren als Chef der Division für Technische Dokumentation in der Material-Direktion der Argentinischen Luftwaffe tätig und musste in dieser Eigenschaft öfters Inspektionsreisen zu den verschiedenen Stützpunkten antreten, um dort den Bestand und die korrekte Anwendung der von der Zentrale versandten Handbücher und Rundschreiben zu überprüfen.

Dafür stand mir natürlich der Flugbereitschaftsdienst zur Verfügung, der täglich alle Stützpunkte an flog, die im ganzen Land weit auseinander lagen. Leider hatte ich auf diesen Flügen keinen Anspruch auf eine Lebensversicherung, selbst für den Fall, dass doch etwas passieren sollte, ich war ja nur Zivilbeamter! Also entschloss ich mich, die Bahnverbindung zu benutzen und fuhr bequem in der ersten Klasse, und wenn nötig, auch im Schlafwagen meinen Zielen entgegen.

Das bedeutete, dass ich während meiner Amtszeit bei der Luftwaffe viele Erfahrungen mit dem Flugmaterial gemacht habe, aber nie geflogen bin. Das änderte sich aber, als ich mein Amt kündigte, um mich voll meiner Tätigkeit als Verleger der Zeitschrift NAVITECNIA und anderer Aktivitäten im Bereich des Schiffbaus zu widmen.

Natürlich besaß ich zur der Zeit einen offiziellen Presseausweis, der mich berechtigte, auf allen staatlichen Verkehrsmitteln nur den halben Fahrpreis zu bezahlen. Da dieses Privileg auch für Auslandsflüge mit der Aerolineas Argentinas galt, habe ich in Ausübung meines Berufs selbstverständlich davon ausgiebig Gebrauch gemacht. Es gab jedoch auch Gelegenheiten, bei denen die Kunden oder Verbände mich auf eine Auslandsreise einluden.

So geschah es etwa in den 1960er-Jahren. Eines Tages rief mich mein Freund Oscar an und fragte: Hast Du für nächsten Samstag schon etwas vor? Oscar war ein angesehener Bootsbauer und war gerade dabei, seine Schnellbootsproduktion auf der von seinem Vater geerbten Werft massiv zu vergrößern, wozu er jede Menge von Außenbordmotoren brauchte. Zuerst dachte ich, sein Anruf würde sich auf eines der üblichen Treffen unserer Familien beziehen und antwortete: Nein, wo wollen wir uns denn treffen? Er sagte daraufhin: Würdest Du mich auf einer Reise in die USA begleiten? Ich bräuchte Dich als Dolmetscher und Berater. Selbstverständlich übernehme ich alle Kosten und Du hättest dann auch Zeit, wenn Du willst, Deine eigenen Angelegenheiten in den USA zu erledigen. Nach kurzer Absprache mit meiner Frau, die dann in der nächsten Woche unsere Geschäftsführung übernehmen sollte, stimmte ich zu. Schon am selben Abend kam Oscars Sekretär in unsere Wohnung, um meinen Reisepass abzuholen und weitere Formalitäten für die Reise zu besprechen. Im Eilverfahren wurde dann das Visum in der Amerikanischen Botschaft besorgt, und bereits am Samstag flogen wir mit einer Maschine der Braniff Airlines unserem Ziel entgegen.

Die Maschinen dieser US-amerikanischen Luftlinie fielen wegen ihres ungewohnten Anstrichs auf. Der gesamte Flugkörper war monochrom mit zarter Farbe (gelb, hellblau, rosa oder grün) beschichtet, die alle äußerlichen Konturen unerkennbar machte. Das Ganze sah wie eine bunte Leberwurst aus. Nichts für meinen Geschmack! Zu dieser Zeit bediente Braniff die Pazifik-Küste des südamerikanischen Kontinents, während PanAm die Atlantik-Küste beflog.

Am Flughafen von Lima (Peru) machten wir eine Zwischenlandung, um Brennstoff zu tanken und einige Passagiere aufzunehmen. Die Langstreckenpassagiere sollten an Bord bleiben, denn nach etwa einer Stunde würde der Flug weitergehen. Als es soweit war, wurden die Triebwerke routinemäßig gestartet. Als erstes die äußere Turbine am linken Flügel. Als diese die erwünschte Drehzahl erreicht hatte, startete der Pilot die zweite, um sie mit der vorigen zu synchronisieren. Die Turbine Nr. 3 befand sich direkt an meinem Fenster, am rechten Flügel. Kaum war sie gezündet worden, sah ich, wie eine dunkle Rauchwolke nach hinten heraus schoss. Bald verwandelte sich diese in eine bedrohliche Stichflamme. Plötzlich ein lauter Knall und das ganze Triebwerk fiel aus. Ein zweiter Versuch die Motoren zu starten, endete mit demselben Ergebnis. Bangende Stille unter den Passagieren...

Schließlich meldete sich der Flugkapitän, um zu verkünden, dass es einige technische Probleme gäbe, die aber bald vom Flughafenpersonal behoben sein würden.

Nach einer Weile beobachtete ich von meinem Fenster aus, wie ein schläfriger Mechaniker eine Aluminium-Leiter gegen den defekten Motor lehnte und mit einem Schraubenzieher, unterstützt von einer Taschenlampe an der Turbinenhaube herumfummelte. Nach wenigen Minuten schloss er die geöffneten Klappen und betrachtete seine Aufgabe offenbar als beendet. Wie ich schon ahnte, verlief der nächste Startversuch vergebens!

Wieder eine Durchsage: Alle Fluggäste sollten sich nun doch in die Wartehalle des Flughafens begeben, da der Weiterflug mit der defekten Maschine nicht möglich wäre. Ein Ersatzflugzeug sei schon unterwegs. Das Gepäck wäre bereits ausgeladen worden.

Inzwischen war es jedoch weit über Mitternacht geworden. Die Hallenbeleuchtung war abgeschaltet und die Betreiber der Verkaufsläden waren längst nach Hause gegangen. Schnell verschwanden auch unsere Flugbegleiter und vom Flughafenpersonal war nichts zu sehen. Also standen wir im Dunkeln. Die wenigen Sitzplätze in der Halle reichten natürlich für die vielen Menschen nicht aus und die meisten mussten sich auf dem Boden, neben ihren Koffern setzen.

Einige Passagiere versuchten es, mit lautem Geschrei und gegen die verschlossenen Türen klopfend, einen Verantwortlichen herbeizurufen. Das Resultat war, dass eine Gruppe Polizisten einmarschierte und im Saal Stellung nahm. Ihr Anführer verkündigte, dass sie zu unserer Sicherheit und um für Ordnung zu sorgen, gekommen wären. Im Klartext also: Klappe halten und ruhig ausharren!

Mein Freund und ich standen in der Nähe einer großen Glaswand, die uns von der Außenwelt trennte. Diese Wand hatte eine kleine Tür, die aber von innen nicht zu öffnen war. Auf der Straße saß ein kleiner Schuhputzjunge, der offensichtlich noch auf späte Kunden wartete. Ich klopfte gegen die Scheibe und gab ihm durch Handzeichen zu verstehen, er sollte es doch versuchen, von draußen die Tür zu öffnen. Es klappte tatsächlich und flugs befanden wir uns samt Koffern auf der Straße, ohne von den Wächtern entdeckt worden zu sein.

Wir hielten ein vorbeifahrendes Taxi an und ließen uns zum nächstliegenden Hotel fahren. Hier bezogen wir für die Nacht ein Zimmer und gaben dem Concierge ein fettes Trinkgeld, denn er sollte periodisch den Tower des Flughafens anrufen, um sich über die Ankunft unserer Ersatzmaschine zu erkundigen.

Nach ein paar Drinks aus der Mini-Bar fielen wir in einen tiefen und erholsamen Schlaf, aus dem wir leider viel zu früh geweckt wurden. Am Telefon meldete uns der Portier, dass ein neues Flugzeug aus Buenos Aires im Anflug sei.

Wir eilten zum Flughafen, den wir durch unsren geheimen Eingang betraten, und stellten uns zu den anderen Fluggästen. Diese machten auf uns einen erschöpften und erbitterten Eindruck. Wir waren jedoch froh, unsere nächtliche Entscheidung getroffen zu haben…

Nach den üblichen Formalitäten setzten wir dann ohne weitere Zwischenfälle den Flug nach Miami fort.  

Zwei Sachen hatten wir uns jedoch geschworen: Nie wieder mit Braniff zu fliegen und wenn immer möglich, den unfreundlichen Flughafen von Lima zu meiden.

Übrigens, Braniff International Airlines ging 1982 Pleite und stellte weltweit alle ihre Flüge ein.

Ein anderer Fall

Als Gründungsmitglied des Pan Amerikanischen Instituts für Schiffbautechnik (Pan American Naval Engineering Institut — IPEN) nahm ich regelmäßig an den Fachkongressen, die alle zwei Jahre in den verschiedenen Großstädten der Region stattfanden, teil. In den 1970-Jahren war Rio de Janeiro als Treffpunkt bestimmt worden.
Ich lebte damals in Buenos Aires und begab mich mit meiner Frau zum Flughafen Ezeiza, um nach Rio de Janeiro zu fliegen. Es war am Spätabend und wir warteten im Abflugraum, als sich plötzlich ein gewaltiges Gewitter entfaltete. Die Hallen wurden von den grellen Blitzen erleuchtet und das Gebäudedach vibrierte mit jedem Donnerschlag. Die An- und Abflugtafeln zeigten andauernd neue Verspätungen oder Stornierungen an.

Ich zweifelte schon an unserer heutigen Abreise. Inzwischen wurden die Passagiere eines längst rückständigen Fluges aufgerufen, umgehend ihre Maschine zu besteigen, und kurz danach hörten wir schon, wie diese abflog. Später erfuhren wir, dass dieser Flug der letzte war, der noch die Sturmebene durchbrechen konnte, um auf über 10.000 m Höhe nach Rio zu fliegen.

Überraschend wurden dann auch wir aufgefordert, sofort unsere Sitzplätze im Flugzeug einzunehmen. Der Pilot unser Air France Maschine hatte sich entschieden, auf niedriger Höhe erst einmal nach Montevideo zu fliegen, um von dort aus den Sturm zu umgehen.

Die Hauptstadt von Uruguay liegt östlich von Buenos Aires, quer über den Rio de la Plata, etwa 200 km entfernt. Ein moderner Jet kann diese Distanz bequem in einer halben Stunde zurücklegen - Aufstieg und Anflug eingeschlossen.

Bald flogen wir auf Sicht über die aufgepeitschten Wogen des Rio de la Plata, die im grellen Licht der Blitze noch drohender erschienen. Das Flugzeug wackelte gewaltig, und wir hielten uns an unseren Sitzen fest.

Wie üblich, hatte ich auf Grund meiner langen Beine einen Sitzplatz am Türeingang ergattert. Uns gegenüber befanden sich die Klappsitze, an denen sich die Stewardessen beim Start und Landen anschnallen konnten. An deren versteinerten Gesichtsausdruck konnten wir den Ernst der Lage erahnen...

Plötzlich fielen wir in ein so genanntes Luftloch und spürten, wie das Flugzeug in wenigen Sekunden stark an Höhe verlor und wir gegen unsere Sicherheitsgurte nach oben gedrückt wurden. Alles geschah so schnell, dass wir keine Zeit hatten, Angst zu verspüren. Nur das Wasser kam uns ungeheuer rapide entgegen!

Meine Frau fragte mich noch kurz: Hast Du überhaupt den Scheck unterschrieben? Ich verstand sofort, was sie meinte. Wir hatten nämlich die Angewohnheit, vor jeder Auslandsreise einen unterschriebenen Blankoscheck unseren Töchtern dort zu lassen, damit sie im Ernstfall über das nötige Bargeld verfügen könnten.

Ich beruhigte meine Frau, dass alles in Ordnung wäre, und wir sahen voller Anspannung unserem Schicksal entgegen.

Als wir schon den Aufprall auf dem Fluss befürchteten, fing sich die Maschine auf einmal wieder  und begann, langsam an Höhe zu gewinnen. Am Wendepunk hörten wir aus dem Catering Bereich den Krach des Geschirrs, das dort aus den aufgesprungenen Fächern heraus fiel und zu Bruch ging. Kaum hatte sich die Lage beruhigt, schnallten sich die Flugbegleiterinnen los und bemühten sich um die verängstigen Passagiere. Überall in der Kabine lagen Kleidungsstücke und Handgepäck herum. Sonst war aber nichts Schlimmeres passiert. Zu meiner Überraschung reichte man mir meine Brille zurück, die beim freien Fall der Maschine aus meiner Jackentasche vier Sitzreihen nach hinten geflogen war.

Bald landeten wir auf dem internationalen Flughafen von Montevideo, wo wir erst einmal Getränke gereicht bekamen, während das Flugzeug wieder in Ordnung gebracht wurde. Der Pilot bedankte sich noch ausdrücklich für das vorbildliche Verhalten der Crew und auch der Passagiere.

Dann starteten wir zum Weiterflug nach Rio de Janeiro, wo wir nach knapp 3 Stunden auf dem Galeao Flughafen landeten. Der Anblick der Cidade Maravilhosa (Wunderbaren Stadt), hell beleuchtet bei Nacht, ließ uns schnell die Schrecken der vergangenen Stunden vergessen.

Noch 'n Fall

In den 1980-Jahren flog ich mit meiner Frau wieder einmal zu einem Kongress nach Hamburg, um anschließend unsere Verwandten und Freunde in anderen Städten Deutschlands zu besuchen. Wir saßen in einer Lufthansa-Maschine, und zwar auf einer der hintersten Sitzreihen, da wo der Rumpf sich verengt und es nur zwei Sitze (statt die üblichen drei) am Fenster gibt. Hier hatten wir mehr Ellbogenfreiheit und es fiel mir auch leichter, öfters aufzustehen, ohne einen dritten Passagier belästigen zu müssen.

Das berüchtigte Schaukeln des Schwanzteils der Maschine haben wir bewusst in Kauf genommen, da es ja meist während unserer Schlafzeit geschah.     

Nach reibungslosem Flug über dem Atlantik wurde uns die Ankunft in Frankfurt angekündigt. Der Pilot setzte zur Landung an und alles schien routinemäßig zu verlaufen.

Plötzlich spürten wir einen starken Ruck und schon lagen wir buchstäblich auf dem Rücken. Der Pilot hatte das Flugzeug beschleunigt und steil nach oben gezogen. Für unendliche Sekunden befanden wir uns in einer ungemütlichen Lage und merkten, wie die Maschine gen Himmel schoss, bis sie dann langsam in eine breite Schleife einschwenkte.

Wir kreisten so eine Weile auf großer Höhe, bis sich der Pilot endlich meldete. Er erklärte uns, dass er hätte durchstarten müssen, da ein Flugzeug der KLM-Linie plötzlich die Landungspiste gekreuzt hätte. Jetzt mussten wir auf eine erneute Landegenehmigung warten und dann bekamen wir die üblichen Beruhigungsgetränke gereicht...

Als uns endlich das Knirschen der Fahrwerke die Landung auf dem Flughafen Frankfurt ankündigte, brach ein spontaner Applaus in der Kabine aus, als Erleichterung unserer Gefühle, uns in Sicherheit zu befinden, aber auch als Anerkennung für die schnelle Reaktion unseres Piloten, der uns vor einer Kollision mit der holländischen Maschine bewahrt hatte.

Kleinere Zwischenfälle

Abgesehen von den hier beschriebenen Ereignissen bei meinen Flugreisen, habe ich noch etliche kleinere Zwischenfälle erlebt, die aber lange nicht so gravierend gewesen sind.

So erzählte ich schon in meiner Geschichte Feuer an BordLesen Sie jetzt: Feuer an Board, wie ein technischer Defekt an Bord einer PanAm-Maschine einen Schwelbrand in einer Sitzlehne erzeugt hat, der aber schnell von der Crew gelöscht werden konnte.

In meinem Bericht Jenseits der AndenLesen Sie jetzt: Jenseits der Anden erwähnte ich, wie der chilenische Pilot unserer Chartermaschine den Zielflughafen verfehlte und einfach weiter flog, bis er seinen Irrtum erkannte und einen Teil der Strecke zurückfliegen musste.

Wenn man also viel in der Luft ist, kann einem schon so manches passieren. Die Hauptsache ist aber, man übersteht es in guter Verfassung, um eine Geschichte daraus zu machen. Ich möchte jedoch abschließend bemerken, dass die meisten meiner Flugreisen normal und ohne Probleme verlaufen sind.