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Washington DC

Erstaunlich, was alles in unserem Gedächtnis verborgen ist, um erst wieder aufzutauchen, wenn man ein älteres Foto vor Augen bekommt. Von meinem Freund Bob in den Vereinigten Staaten erhielt ich vor kurzem eine Aufnahme, die er in seinem Fotoarchiv gefunden hatte, auf der meine Frau und ich vor einem Auto zu sehen sind. Auf der Rückseite steht: Nelida and Ernesto on the way to Washington DC.

Sofort gliederten sich meine Gedanken: Ich bin ja schon öfters in Washington gewesen!. Mein erster Besuch dieser Metropole war in 1980. Während meiner Fahrt auf dem argentinischen Segelschulschiff Libertad hatte ich in Puerto Rico einige amerikanische Journalisten, die gerade dort auf Urlaub waren, kennen gelernt. Diese luden mich freundlicherweise nach Washington ein. Ich sollte unbedingt beim nächsten Hafenaufenthalt in New York die Gelegenheit nutzen, um einen Abstecher nach Washington zu machen. Mit der Bahn (Amtrack) wäre es eine einfache Sache.

Irgendwie ergatterte ich mir vom Zweiten Kommandanten der Libertad die Genehmigung, um mich mehr als 150 km von Schiff zu entfernen, um in die US Hauptstadt zu gelangen. Dort kam ich mit der Amtrack an der Union Station an. Dieser historische Bahnhof ist eine der Sehenswürdigkeiten Washingtons. Weiter lernte ich das moderne U-Bahn System (The Metro) kennen mit seinen langen Rolltreppen und überdimensionierten Bahnhöfen. Auch die Taxi-Tarif-Zonen sind mir aufgefallen, wobei die Fahrten nicht nach den gefahrenen Kilometern abgerechnet werden, sondern  nach überschrittenen Stadt-Bereichen.Den Anblick vom Reflecting Pool, der das Lincoln Memorial und das Washington Monument (Obelisk) verbindet, kann ich bis heute nicht vergessen.

Schon ein Jahr danach befand ich mich wieder in Washington. Ich hatte wieder mal eine Europa-Reise geplant, auf dessen Rückfahrt ich einen Abstecher nach Baltimore machen wollte mit der Absicht, einen Bericht über diesen wichtigen Hafen der Vereinigten Staaten für meine Zeitschrift Navitecnia zu schreiben. Aus praktischen Gründen buchte ich schon vor meiner Abfahrt in Buenos Aires ein Mietauto am Flughafen von New York, um von dort aus nach Washington zu fahren. Als ich, von Frankfurt kommend, im J.F.Kennedy Airport landete, stand das Auto schon bereit. Mir wurden die Eigenschaften des Autos erklärt — hauptsächlich, was den für mich ungewöhnlichen Umgang mit der automatischen Schaltung anbelangt. Aber dann sagte mir der Angestellte, dass er mir den Wagen nicht übergeben könnte, weil das Radio defekt war. Leider hätte er kein gleichmodelliges Auto zur Verfügung. Er könnte mir nur einen Pontiac anbieten. Und da ich schon Vorkasse geleistet hatte, bräuchte ich keinen Aufschlag zu bezahlen. Ohne zu zögern, bestieg ich den brandneuen Wagen und brauste ab.

Auf der mehrspurigen Autobahn vom Flughafen nach New York City kam ich nur langsam voran. Ich musste mich erstmal an die Technik des Autos und die Fahrweise der Amerikaner gewöhnen. Aber am schlimmsten war die Durchfahrt von New York mitten in der rush hour. Die Ampeln wurden nicht mehr respektiert und man wurde von (meist) schwarzen Polizistinnen über die Straßen- Kreuzungen, unter heftigen Armbewegungen durchgepfiffen. Erst nach dem Tunnel unter dem Hudson River, und schon im New Jersey Staat, begann der Verkehr, sich zu beruhigen, und ich konnte gemütlich nach Washington weiterfahren.

In der Hauptstadt wohnte ich in einem der Holiday Inn Hotels und fuhr täglich in einer knappen Stunde nach Baltimore, um Informationen für meinen Bericht zu sammeln. Groß war meine Überraschung (und Freude), als ich im Hafen die Fregatte Libertad erblickte. Ich ging sofort an Bord und meldete mich beim Kommandanten des Schulschiffes. Wie üblich, hatte eine neue Crew die Führung des Schiffes übernommen. Von meinen Kameraden des letzten Jahres war keiner mehr an Bord (außer dem Barkeeper). Trotzdem verbrachte ich schöne Tage in Baltimore und Umgebung in Begleitung der Offiziere der Libertad. Das nahe liegende Washington eingeschlossen.

Meine dritte Reise nach Washington war in 1983, anlässlich eines Kongresses des Pan American Institute of Naval Engineering (IPEN). Als Gründungsmitglied dieses in Rio de Janeiro stationierten Instituts habe ich mich alle 2 Jahre an den technischen Tagungen in verschiedenen Städten des Kontinents beteiligt. Bei dieser Gelegenheit logierte ich im Crystal City Hotel, in der Nähe vom Arlington National Cemetery. Dieses Hotel liegt genau  auf der Grenze zwischen dem Staat  Virginia und dem District of Columbia. Wenn man sich in der Bar  einen Drink bestellt, darf man diesen nur zu gewissen Stunden auf der einen oder anderen Seite der Linie, die die Barfläche trennt, genießen.

Als ich mich1987, zusammen mit meiner Frau Nélida und den Enkelkindern Pablo und Horacio - zurück von einer Reise nach Massachusetts (siehe auch Das Halloween Skelett) - noch in New York befand, entschloss ich mich, vor der Rückreise nach Buenos Aires meiner Familie die Schönheiten Washingtons zu zeigen.

Also mieteten wir uns ein Auto und los ging es den Turnpike entlang in Richtung der großen Weltstadt. Diese mehrspurige Autobahn ist eine der meistbefahrenen in den Vereinigten Staaten. Trotzdem verläuft der Verkehr zügig ohne die  in Deutschland üblichen Staus. Bei dieser mehr als fünfstündigen Fahrt machten wir etliche Pausen in den gemütlichen Rest Areas, die meistens von der berühmten Restaurantskette Roy Rogers bewirtschaftet werden. Auf dieser Fahrt beeindruckte uns ganz besonders die Chesapeake-bay-bridge. Hier führt die Autobahn, auf Stelzen gestützt, kilometerlang über die Chesapeake Bucht und man hat Gefühl, dass man im Auto über das Wasser gleitet.

Auf der letzten Raststätte vor Washington wollte ich für die Jungs etwas Popcorn kaufen. Die Verkäuferin fragte mich, ob ich eine besonders große Portion möchte, da es ja für zwei kids reichen sollte. Ich bejahte und bekam zu meinem Erstaunen, einen ganzen Eimer mit Popcorns gefüllt. Die Portion langte nicht nur für die Weiterfahrt, sondern auch für die nächsten drei Tage unseres Aufenthalts!

Am Stadtrand angekommen, bog ich in die New Hampshire Avenue ein, die uns quer durch Washington zu unserem Hotel, dem Holiday Inn, führen sollte. Wir waren schon eine Weile unterwegs, als Pablo mich fragte: Opa, was ist das große Gebäude da rechts hinter den Bäumen, mit der argentinischen Fahne auf dem Dach?. Ich erklärte ihm, es sei wohl die argentinische Botschaft. Wir fuhren weiter und kamen bald in den Kreisverkehr des Rondel Circle. Ich wurde von anderen Autos abgedrängt und konnte nicht rechtzeitig den Kreisel verlassen. Also drehte ich eine ganze Runde um diese Parkanlage, bis ich endlich wieder auf die New Hampshire Avenue kam. Wir waren eine kurze Strecke gefahren, da fragte mich Pablo erneut: Opa, gibt es hier zwei argentinische Botschaften? links von uns steht nämlich wieder so ein Gebäude. Da bemerkte ich sofort, dass ich falsch eingebogen war und wir nun in die entgegengesetzte Richtung fuhren. Ich suchte eine Kreuzung um umzukehren und so kamen wir zum dritten Mal an der argentinischen Fahne vorbei. Zum Spaß meiner Enkeln, die mich seitdem immer an die New Hampshire Avenue erinnerten, wenn ich an einer Straßenkreuzung zögerte.

Im Hotel angekommen, staunten die Jungs über das Valet Parking, bei dem das Auto von einem Hotel Angestellten (Valet) geparkt und auf Wunsch des Gastes dann wieder vorgefahren wird. Da in dieser Jahreszeit in den USA es nicht sehr üblich ist, mit Kindern zu reisen, wurden unsere Enkel vom Hotelpersonal besonders verwöhnt. Jeden Abend bekamen sie eine extra Portion Schokolade auf das Kopfkissen gelegt.

Als erstes machten wir eine Rundfahrt durch die Stadt und bewunderten die breiten Avenues. Wir kamen natürlich am Weißen Haus, am Capitol, am Edgar Hoover Building (FBI) und anderen Sehenswürdigkeiten der Weltmetropole vorbei. Dann besuchten wir am National Mall das Smithsonian National Air and Space Museum. Unzählige Flugzeuge und Raumschiffe sind hier zu sehen. Unter ihnen das Flugzeug  der Gebrüder Wright,  , das Flugzeug Spirit of St.Louis, mit dem Charles Lindbergh als erster den Atlantik überflog, die Apollo 11-Kommandokapsel, das Apollo-Soyuz Test Project und so viele andere. Sogar einen Stein vom Mond durften wir berühren. Erstaunlich ist, dass diese größte Sammlung und das meistbesuchte Museum der Welt keinen Eintritt erhebt.

Am nächsten Tag besuchten wir den Zoologischen Garten (National Zoological Park). Auch hier ist der Eintritt frei, man muss nur einen geeigneten Parkplatz finden (und hinterher das Auto wiederfinden!). Die Vielfalt der Tiere, die man in diesem ältesten Zoo Amerikas zu sehen bekommt, ist enorm. Am meisten waren unsere Enkel vom amerikanischen Adler begeistert. Dieser wurde mit lebendigen weißen Mäusen gefüttert, die durch ein Rohr in die Volière eingeführt wurden. Die Jungs liefen unermüdlich von einem Gehege zum anderen. Als wir am Abend wieder im Hotel waren, musste meine Frau mir eine Blase am Fuß versorgen.

Der Arlington Friedhof (Arlington National Cemetery) liegt am anderen Ufer des Potomac Flusses, im Bundesstaat Virginia, in der Nähe des Pentagons. Als wir ihn besuchten, fand gerade eine der berühmten Wachwechselzeremonien statt Umgeben von tausenden von weißen Kreuzen, standen wir inmitten einer Gruppe Amerikaner und empfanden eine große Emotion ,als die Soldaten die Gefallenen ehrten. Auch das Grabmal von J.F.Kennedy mit seiner ewigen Flamme konnten wir besichtigen. Ein beeindruckendes und unvergessliches Erlebnis.

Zum Abschied besuchten wir noch die Marineakademie (U.S.Naval Academy) in Annapolis. Wir bekamen eine Sonderführung durch einen im Ruhestand befindlichen Marine Offizier, den ich von früher kannte. Pablo und Horacio strahlten vor Begeisterung. Die historischen Gebäude, in denen ca.4.400 Offiziersanwärter ihre Marineausbildung erhalten, glänzten vor absoluter Sauberkeit. Ausgestattet mit den modernsten technischen Einrichtungen, bietet die USNA den Studenten auch eine umfangreiche Lehre und Forschung auf wissenschaftlicher Grundlage und gilt als eine der renommiertesten Hochschulen des Landes. Auch im sportlichen Bereich ist das Institut führend in den USA. Im amerikanischen Fußball schlägt die Navy Mannschaft fast jährlich ihren Erbfeind, die Military Academy in West Point. Das Maskottchen der Naval Akademie ist ein ausgewachsener Steinbock, Bill the Goat, der kurz vor unserem Besuch und zum Ärger der Marine Kadetten, entführt worden war. Man verdächtigte natürlich die Leute aus West Point, gegen die das nächste Fußballspiel bevorstand. Später erfuhren wir, dass Bill noch zeitig wiedergefunden wurde und die USNA das Spiel gewann.

Auf einem der Rundgänge durch die Akademie begegnete uns ein weiblicher Offizier, dessen weißer Uniformrock nicht verbergen konnte, das etwas im Kommen war. Unser Begleiter bemerkte ironisch: Einen schwangeren Fregattenkapitän gab es in unserer alten Marine nie.

Vollbeladen mit allerlei Impressionen, verließen wir Washington,um in New York unsere Rückreise nach Argentinien anzutreten. Die Erfahrungen, die unsere Enkel in diesen Wochen in Europa und in den Vereinigten Staaten gewonnen haben, übertrafen reichlich die ausgefallenen Schultage ihres Sonderurlaubs in der Schiller Schule von Buenos Aires.

Meine letzte Reise nach Washington stand im Zusammenhang mit einem Auftrag der Hamburg Messe (Siehe auch meine Geschichte Mission impossible), der mich zum U.S.Naval Academy Museum in Annapolis, Maryland führte.