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Johannes Dittrichs Vorfahren — Kap.2, Die Familie Rogge (mütterlicherseits)

Die Vorfahren von Johannes Dittrich und Elisabeth Borchers
Kapitel 2:
Die Familie Rogge

Die Vorfahren meiner Mutter kann ich dank der Familienforschungen meines Onkels Bernhard Rogge bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts verfolgen. Doch kann ich auch hier nur mit meinen Großeltern anfangen, da ich höher hinauf kaum mehr als Namen und Daten anzugeben weiß.

Mein Großvater Samuel Wilhelm Rogge war den 12. Dezember 1790 geboren zu Pomehrendorf bei Elbing als Sohn des Pastors Daniel Samuel Rogge und seiner Frau Johanna Justina geb. Poselger. Die Poselgers waren eine angesehene Elbinger Familie, und der Vater meines Großvaters erhielt nachmals zwei Pfarrstellen in Elbing. Außer einer älteren Schwester [Dorothea Rogge], die in jungen Jahren starb, hatte mein Großvater vier jüngere Brüder, von denen der jüngste aber ganz klein starb. Von den andern habe ich einen öfter als Onkel Hans erwähnen hören. Ich erinnere mich z.B., dass meine Großmutter als ich nicht mehr Hans genannt sein wollte, mir diesen Bruder meines Großvaters vorhielt, der immer noch trotz seines Alters sich diesen Namen gefallen ließe. Er hat den Großvater noch um einige Jahre überlebt. Ein anderer [Karl Rogge] starb als Professor der Rechte in Tübingen an einer Wunde, die er als Leutnant der Freiwilligen Jäger in den Freiheitskriegen erhalten hatte, doch erst im Jahre 1827. Mein Großvater wurde, nachdem er als Freiwilliger Jäger, doch ohne ins Feuer gekommen zu sein, den ersten Einzug der Verbündeten in Paris mitgemacht hatte, im Herbst 1814 als Inspektor - womit wohl der wissenschaftliche Hilfslehrer bezeichnet wurde - an der Ritterakademie in Liegnitz angestellt, ging dann als Feldprediger 1815 wieder zur Armee, die der hunderttägigen Herrschaft Napoleons ein Ende machte, und zog mit derselben abermals in Paris ein, von wo er seiner jugendlichen Braut Auguste [Wolfram], Tochter des Regierungs- und Schulrats [Erdmann Wilhelm Alexander] Wolfram und seiner Frau Charlotte geb. von Roon, mit der er sich vor seinem Auszug verlobt hatte, das goldene mit Smaragden besetzte Kreuz mitbrachte, das jetzt in Theklasdie älteste Tochter des Autors [12] Besitz ist. Als Garnisonprediger in der Bundesfestung Mainz zog er nach der Hochzeit mit ihr im Frühjahr 1816 dorthin, kam aber schon 1818 als Divisionsprediger nach Frankfurt (Oder) und erhielt 1819 die unter dem Patronat des Johannesstifts zu Liegnitz (zugleich Patronatsbehörde der Ritterakademie) stehende Pfarre zu Groß Tinz, wo er bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Herbst 1870 blieb.

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Stammtafel Noah von Roon

Der Vater meiner Großmutter, Wilhelm Wolfram, war am 6. September 1760 im Forsthaus Förbau bei Schwarzenbach im Fichtelgebirge geboren, hatte Philologie und meines Wissens Mathematik studiert und war in jugendlichem Alter Inspektor am PädagogiumDas Pädagogium der Franckeschen Stiftungen zu Halle wurde 1695 als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem reichen Bürgertum gegründet. [13] des Hallischen Waisenhauses gewesen. In meinen Händen befindet sich ein auf Atlas gedrucktes Gedicht, das seine Schüler ihm bei seinem Abschied 1786 gewidmet haben und das ganz den schwärmerisch träumerischen Charakter, wie er der damaligen Zeit eigen war, atmet. Er scheint von da als Gymnasiallehrer nach Königsberg in der Neumark [heute Chojna] gekommen zu sein. Wenigstens ist dort meine Großmutter [Auguste Wolfram] als jüngstes seiner Kinder am 5. August 1799 geboren. In welchem Jahre er als Regierungs- und Schulrat nach Liegnitz gekommen ist, weiß ich nicht. Als Emeritus zog er mit seiner Frau in das Groß Tinzer Pfarrhaus, wo er noch die ältesten Kinder seiner Tochter unterrichten half, bis er am 28. Dezember 1828 starb.

Seine Gattin Charlotte geb. von Roon überlebte ihn noch um 28 Jahre und ging am 3. April 1857 im Alter von 91 Jahren heim. Ich besinne mich nicht, sie jemals gesehen zu haben. Doch war in meinem Elternhause immer noch viel von der Ahne, wie meine Mutter sie uns gegenüber zu nennen pflegte, die Rede, und des Eindrucks, den ihr Tod auf uns machte, weiß ich mich noch sehr wohl zu entsinnen. Sie muss eine überaus tatkräftige, witzige und geistesfrische, bis in ihr hohes Alter tätige Frau gewesen sein, die sich durch ein sehr geregeltes Leben so lange munter erhielt. Ich entsinne mich noch einer Filet-TischdeckeDer Filet-Tüll bezeichnet einen Tüll mit annähernd quadratischen öffnungen und ist in der Regel zum Besticken geeignet. [14], die sie in den letzten Jahren ihres Lebens für meine Mutter gearbeitet. Meine Mutter hat uns noch manche derbe äußerung aus ihrem Munde wieder erzählt. Meine Eltern reisten im Frühjahr 1857 gelegentlich der Gastpredigt, die mein Vater aus Anlass seiner Berufung nach Bärsdorf hielt, nach Groß Tinz. Meine älteste Schwester [Eleonore Dittrich], damals ein Kind von drei Jahren, begleitete sie. Eines Morgens sah diese vom Frühstückstisch der Urgroßmutter nachdenklich in das faltenreiche Antlitz und fragte die Mutter: Mutter ist die Ahne alt? was natürlich allgemeine Heiterkeit am Tische hervorrief. Die Ahne aber antwortete fröhlich: Nein, die ist noch ganz jung.

Die Roons waren eine französische Refugié-Familie, die infolge der Hugenottenverfolgungen Ludwigs XIV, die mit Aufhebung des Edikts von Nantes ihren Höhepunkt erreichten, nach Deutschland ausgewandert war, und hießen ursprünglich de Ron. Wir haben aus dem Nachlass meiner Urgroßmutter noch Wäsche gezeichnet C.D.R. gehabt. In Deutschland sind sie wohl zunächst in Frankfurt am Main ansässig gewesen. Wenigstens ist dort ein, irre ich nicht, Noah von Roon Bankier gewesen. Später sind sie wohl weiter verstreut worden. Meine Urgroßmutter ist am 13. Januar 1766 in Berlin geboren und ihr Bruder Heinrich, Vater des nachmaligen Kriegsministers, hat ein Gut in Pleushagen, unweit Colberg besessen. Die Roons waren ursprünglich wohlhabend, verarmten dann aber, hauptsächlich wohl infolge von Lieferungen, die einer von ihnen, wohl der Vater meiner Urgroßmutter, aus Anlass des so genannten Bayrischen Erbfolgekrieges dem Staate machte und deren Bezahlung dann niedergeschlagen wurde. Die Mutter meiner Urgroßmutter, deren Bildnis in Pastell gemalt ich noch bei meiner Großmutter gesehen habe, nannte deshalb Friedrich den Großen den großen Spitzbuben. Freundlicher waren die Erinnerungen, die meine Urgroßmutter ihm bewahrte. Sie war als junges Mädchen bei einer Tante in Frankfurt (Oder) zum Besuch gewesen. Dort hatte sie eines Tages den König vorbeireiten sehen. Aufgeregt hatte sie die Tante herbeigerufen: Tante, der König! Friedrich der Große hatte das durchs offene Fenster gehört und freundlich herausgegrüßt. Das bewahrte sie als stolze Erinnerung und liebte wohl den Reim auf sich anzuwenden: Der König hat mich angelacht und mir ein Kompliment gemacht.

Ihrer Ehe mit [Wilhelm] Wolfram entsprossen vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Das älteste der Kinder war Minna, die, obgleich in ihrer Jugend eine große Schönheit, unverheiratet bei ihrer Mutter blieb bis zu deren Tode. Als Tante Minna spielte sie eine große Rolle bei den zahlreichen Neffen und Nichten. Sie zeichnete viel, arbeitete in Pappe. Meinen Bruder Alexander [Dittrich] und mich beschenkte sie einst mit großen von ihr gearbeiteten Pappschilden, deren jeder, da wir ja in Bärsdorf wohnten, als Wappenschild einen Bären führte. Ihre Zeichenvorlagen haben wir noch nach ihrem Tode benutzt. Sie war nach dem Tode ihrer Mutter in verschiedenen befreundeten Häusern, überlebte dieselbe aber nur um drei Jahre.

Der älteste Sohn Adolf [Wolfram] lebte zuletzt als Hauptmann a.D. in Schweidnitz. Er hatte wohl in seinem Alter wenig Verbindung mit dem Hause seiner Schwester, wenigstens habe ich ihn nie gesehen und der großen Armeereform seines Vetters [Albrecht von] Roon stand er nicht gerade freundlich gegenüber, obgleich derselbe durch ihn zuerst in das Haus seiner nachmaligen Schwiegereltern kam.

Der jüngere Sohn Julius [Wolfram] hatte als zweijähriges Kind im Scharlachfieber das Gehör und infolgedessen auch die Sprache verloren. Er lernte das Buchbinderhandwerk. Er verheiratete sich, war aber, als ich ihn persönlich kennen lernte, längst verwitwet. Von seinen drei Kindern war die ältere Tochter mit einem Kaufmann Wackernagel verheiratet. Eine Tochter aus dieser Ehe verheiratete sich später mit dem jüngsten Sohn meines Onkels Max. Eine jüngere Tochter Julius Wolframs war zeitweilig im Groß Tinzer Pfarrhause. In verschiedenen Stellungen, in denen sie sich versuchte, erwies sie sich als ziemlich unbrauchbar und wurde von unserer Großmutter meiner Schwester wohl als warnendes Beispiel vorgehalten. Was später aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Der einzige Sohn Erdmann ist verschollen.

Der Eintritt [Albrecht von] Roons in das Haus seiner nachmaligen Schwiegereltern beansprucht immerhin Interesse sowohl durch sich selbst als durch die begleitenden Umstände. Er machte als Premier-Leutnant das Königsmanöver des Jahres 1835 in Schlesien mit. Ob er damals schon Lehrer an der Allgemeinen Kriegsschule war, weiß ich nicht. Jedenfalls war er damals schon wissenschaftlich tätig. Er traf im Manöver mit seinem vorhin genannten Vetter Adolf Wolfram zusammen, hörte von demselben, dass er seine Mutter, die unweit in Groß Tinz wohnte, besuchen wolle, und beschloss, ihn dahin zu begleiten, um die dortigen Verwandten kennen zu lernen. Als sie in Groß Tinz vor den Pfarrhof kamen, fanden sie den Zugang zu demselben versperrt weil gerade der König mit seinem Gefolge denselben zu verlassen im Begriff stand.

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Stammtafel Daniel Rogge

Zur Erklärung dieses Ereignisses muss ich ein wenig zurückgreifen. König Friedrich Wilhelm III. hatte zuletzt Quartier in Liegnitz bei dem Kurator des Johannesstifts Herrn von Briesen gehabt. Bei der Feststellung des nächsten Marschtages, dessen Ziel Neumarkt, auf halbem Wege zwischen Liegnitz und Breslau war, war in Frage gekommen, wo Mittagsrast zu halten sei. Der König äußerte den Wunsch, nicht auf einem Gutshof einzukehren weil die betreffenden Gutsbesitzer es sich dann zur Ehre gerechnet hätten, den König zu bewirten. Darauf hatte Herr von Briesen dem König das Pfarrhaus in Groß Tinz genannt, das gerade auf halbem Wege läge. Dahin war nun HoffourierDer Fourier (aus dem frz. fourrier, Futter = Verpflegung) ist eine in überwiegend militärischem Umfeld bei der Logistik tätige Person.Siehe Wikipedia.org [15] und was zur Königlichen Küche gehörte vorausgeschickt worden, um alles zum Empfang der Herrschaften - den König begleitete seine Gemahlin, die Fürstin von Liegnitz - vorzubereiten. Man kann sich denken, welche Aufregung das im Pfarrhofe hervorrief. Die immer noch ziemlich jugendliche Pfarrfrau [Auguste Wolfram] hatte hier Gelegenheit, ihre große Tatkraft und Umsicht zu beweisen. Meine Mutter erzählte mir, dass sie vor allen Dingen vom frühen Morgen die Fensterläden des Zimmers, das zur Aufnahme der königlichen Herrschaften bestimmt gewesen, habe schließen lassen, um der noch immer heiß brennenden Septembersonne den Zutritt zu wehren - es war am 2. September [1835] - und sie besinne sich noch, mit welchem Ausrufe angenehmer überraschung die Fürstin von Liegnitz die erquickende Kühle des Zimmers nach der jedenfalls recht heißen Fahrt begrüßt habe. Zur königlichen Tafel wurde natürlich nur der Hausherr zugezogen. Aber er durfte seine Frau und die Orgelpfeifenreihe der acht lebenden Kinder auf der Terrasse vor dem Hause den Herrschaften vorstellen, von denen dieselben dann auch mit gnädiger Zusprache beehrt wurden.

Die beiden unerwarteten Gäste betraten nun die vom Kirchhofe in das Haus führende Hintertür, als die Herrschaften eben zum Hause hinaus waren, und der neue Vetter der Hausfrau verließ es nicht eher, als bis er sich mit dem ältesten Töchterlein [Anna Rogge], das gerade in den Tagen sein 17. Lebensjahr vollendet, verlobt hatte. Am 2. September 1836, dem Jahrestage des königlichen Besuchs und des ersten Eintritts des Schwiegersohns in das schwiegerelterliche Haus wurde im Groß Tinzer Pfarrhaus die erste Kindeshochzeit gefeiert.

Bis zum Jahre 1855 folgten dieser noch drei Tochterhochzeiten, indem am 13. Januar 1848 die zweite Tochter Clara den Kaufmann Koffmahn aus Warschau, am 14. Februar 1850 die dritte, unsere Mutter unsern Vater und am 11. Oktober 1855 die jüngste, Laura, den Pastor Lang zu Stonsdorf im Riesengebirge, die Hand zum Ehebunde reichte. Die sechs Söhne verheirateten sich natürlich in den Häusern, denen ihre Bräute angehörten.

Von den verschiedenen Ablegern, die so aus dem Groß Tinzer Pfarrhause hervorgingen, sind uns wohl am bekanntesten geworden das Haus Lang in Stonsdorf [heute Staniszów] mit dem selbstverständlich, so lange wir im Riesengebirge wohnten, kaum eine halbe Stunde von Stonsdorf entfernt, ein reger Verkehr gehalten wurde, und das Haus des Onkels Max Rogge, des zweiten Sohnes des Groß Tinzer Pfarrhauses, der als Zimmermeister in Breslau sich ein blühendes Geschäft gegründet hatte. öfter noch als wir in Breslau waren, kamen die Verwandten von dort zu uns nach Bärsdorf, oder wir trafen uns mit ihnen in Groß Tinz, wohin der Onkel Max in eigenem Gespann sich leicht befördern konnte. Wir beiden ältesten, Alexander und ich, schlossen uns besonders an die beiden einige Jahre älteren Basen Martha und Clara an. Später wurden wir auch mit den Gliedern der Familie Koffmahn bekannt, da dieselben, leider aus traurigem Anlass, da der Onkel Koffmahn in Warschau sein Vermögen infolge des Krimkrieges und seiner Nachwirkungen verloren hatte, in verschiedene der GeschwisterhäuserMehr zu der Familie Koffmahn in den Erinnerungen von Johannes Dittrich Teil 2, Kapitel 7Siehe Erinnerungswerkstatt.de [16] verteilt wurden und sie nach Deutschland kamen.

Als eine überaus ehrwürdige und liebenswerte Gestalt steht mein Großvater [Wilhelm Rogge] mir vor Augen. Er war nicht groß. Aber sein freundliches Gesicht eingerahmt von wallendem, bis ins hohe Alter vollem, weißen Haar machte einen ehrfurchtgebietenden Eindruck. Er war wohl keine sehr selbstständige Persönlichkeit, sondern vielen Einwirkungen zugänglich, und die Großmutter, die weltlicher gerichtet, aber wohl auch nüchterner und zeitbewusster war, klagte wohl über die vielen neuen Ideen, denen ihr Mann zugänglich war. Aber unbeugsam fest stand er, seit er zum bewussten Glauben gekommen war, zu allem, was die Ehre seines Herrn erforderte. Die suchte er im lutherischen Bekenntnis. Ich weiß nicht, ob er in allen Dingen ein glaubensfester Lutheraner war. Aber weil das lutherische Bekenntnis ihm Ausdruck des unbedingten Glaubens an den Herrn war, hielt er zu ihm. Die suchte er auch, indem er sich der damaligen Enthaltsamkeitsbewegung anschloss. Dabei war er ein vorbildlicher Seelsorger, der das Seelenheil seiner Gemeindeglieder auf betendem Herzen trug und ihnen mit suchender Liebe nachging. So ernst er im Leben war und so sehr ihn jedes frivole Wort anwiderte, so brauchte er auch gelegentlich in seiner Seelsorge die Waffe des Humors. Einem Schneider, der ihm sagte, er könne sich in der Beichte zu dem Ich armer elender sündiger Mensch nicht verstehen, erwiderte er, er könne, wenn ihm das vorgesprochen würde, ja nur in seinem Herzen dazu sagen: Ich hochmütiger Schneider. Dass er bei seinem entschiedenen Bekenntnis nicht ohne Anfechtung blieb, kann man sich denken. Die vierziger Jahre brachten auf katholischer Seite den DeutschkatholizismusDer Deutschkatholizismus war eine seit Mitte der 1840er Jahre in den Staaten des Deutschen Bundes für einige Jahre aktive religiös-politische Bewegung, die sich gegen den von ihren Anhängern als starr und reaktionär empfundenen Dogmatismus der althergebrachten christlichen Konfessionen richtete.Siehe Wikipedia.org [17], in der evangelischen Kirche das LichtfreundtumDie Lichtfreunde waren eine rationalistisch geprägte protestantische Gruppierung mit Schwerpunkt in Mitteldeutschland. Sie setzten sich für ein vernunftgemäßes, praktisches Christentum ein, was auf längere Sicht zu einer Abkehr von den evangelischen Landeskirchen führte. Der Name Lichtfreunde beruhte auf einer spöttischen Bezeichnung durch die Gegner, die sich jedoch schnell durchsetzte und bisweilen auch als Selbstbezeichnung übernommen wurde. Siehe Wikipedia.org [18] mit sich. Er schrieb um diese Zeit unter sein Bildnis die Worte: Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht. Der Schwindelgeist fand auch in seiner Gemeinde Eingang. Besonders in Groß Tinz selber, einem wohlhabenden Bauerndorf, ließen sich gerade verschiedene von den angesehensten Bauern, deren sattem Sinn das schlichte Evangelium nicht zusagte, ergreifen. Sie ließen sich vom Konsistorium die Erlaubnis geben, in einer benachbarten Kirche, deren Pastor ihnen mehr zusagte, ihre Erbauung zu suchen und fuhren dann des Sonntags in langen Wagenreihen, an dem am Ende des Dorfes bei der Kirche gelegenen Pfarrhause, an dem ihr Weg sie in das fremde Kirchspiel vorbei führte, vorbei und versäumten nicht, beim Pfarrhause mit den Peitschen zu knallen, damit nur ja ihr Vorbeifahren an Kirche und Pfarrhaus gehört wurde. Doch wurde nach einigen Jahren die Pfarre dort mit einem Pastor besetzt, der eines Sinnes mit dem Großvater war. Die abtrünnigen Gemeindeglieder sahen wohl mit der Zeit auch ein, was sie an ihrem Pastor hatten, und so kehrten sie nach und nach zu ihrer Kirche zurück und der Pastor durfte erfahren: Um den Abend wird es licht sein.

Mit sechs anderen Geistlichen bildete mein Großvater die so genannte Siebenerkonferenz, die ohne sich von der Landeskirche zu trennen innerhalb derselben das Recht des lutherischen Bekenntnisses vertrat. Die Wände seines Studierzimmers schmückten die Bildnisse der gleichgesinnten Geistlichen. Vor allen Dingen aber sah man Luthers Bild in verschiedenen Situationen. An die Innenseite der Zimmertür war ein Papierstreifen geklebt mit den Worten: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

Persönlich war er ungemein mild und freundlich. Wir Enkel liebten ihn alle zärtlich und begleiteten ihn, wenn wir in Groß Tinz waren, gern auf seinen Wegen in seine Gemeinde, die er an seinem Rohrstock mit dem goldenen Knopf machte und auf denen er uns in seiner freundlichen Weise nach verschiedenen Seiten belehrte, immer auf unsere kindlichen Fragen und Bemerkungen eingehend. Zum Geburtstag ihm zu schreiben war für uns nicht, wie das sonst wohl bei Briefen der Fall ist, die Kinder pflichtmäßig schreiben müssen, eine Qual sondern eine Freude, weil wir wussten, welch warmes Interesse er für alles hatte, was uns betraf. Und die Weihnachtszeit, die unmittelbar auf seinen Geburtstag folgte, hinderte ihn nicht, jeden der zahlreichen Enkelbriefe einzeln und auf ihn eingehend zu beantworten.

Die Großmutter [Auguste Wolfram] wurde von den Enkeln wohl mehr gefürchtet als geliebt, da sie den Enkeln mehr die strenge als die liebevolle Großmutter zeigte. Während es stets als Vorrecht der Großmütter gilt, mildernd für die Enkel einzutreten, wenn es die Eltern in der Erziehung allzu genau nehmen, kam hier gelegentlich das Gegenteil vor, dass eine Mutter entschuldigend uns mildernd gegenüber der Strenge der Großmutter eintrat. Meine Mutter habe ich sagen hören, sie wolle es mit ihren Enkeln einmal nicht so machen; sie wolle sich ihrer Enkel freuen, das Erziehen wolle sie den Eltern überlassen. Ob nicht doch gelegentlich auch bei ihr die Verhältnisse sich stärker erwiesen haben als die gefassten Vorsätze?

Im September 1864 feierte Großvater sein 50-jähriges Dienstjubiläum unter großer Beteiligung der Gemeinde und herzlicher Anerkennung vonseiten der Behörde. Am 28. März 1866 hätte dann die goldene Hochzeit sein sollen. Da aber dieser Tag gerade in die stille Woche fiel, wurde die Feier verschoben und schließlich am 20. März des folgenden Jahres nachgeholt. Ich war nicht dabei, weil ich, ebenso wie mein Bruder Alexander, dicht vor der Konfirmation stand. Die Feier verlief aber mit Hinzufügung von ein Zehntel Diamant sehr großartig.

Im Winter 1868/69 erkrankte die Großmutter an Gelenkrheumatismus. Da ihr kräftiger Körper Widerstand leistete, zog sich die Krankheit sehr lange hin. Verschiedene Male konnte man die Hoffnung haben, dass er durchhalten würde. Aber am 25. August trat der Tod ein, nachdem sie einige Tage vorher ihr 70. Lebensjahr vollendet. Der gute alte Großvater war ganz zerbrochen. Es wird wohl bei uns nach dem Psalmwort gehen, äußerte er: Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es 80 Jahre. Die Mutter ist 70 geworden; ich werde mit 80 Jahren abgerufen werden. Einige Wochen später besuchte er uns, von Tante Anna Roon [geb. Rogge] hergeleitet. Drei Jahre vorher hatte ich ihn noch in ungebrochener Kraft gesehen; jetzt war er eine Ruine. Beweglich aber war es, wie er am letzten Abend des Beisammenseins gegen Ende der Abendandacht, die Vater hielt, sich erhob und Gottes Segen auf unser Haus herab flehte.

Ich habe ihn dann noch einmal gesehen, ein Jahr später, als ich auf dem Wege zur Universität die schlesischen Verwandten besuchte. Großvater war nach seiner Versetzung in den Ruhestand kurz vorher nach Bunzlau [heute Bolesławiec] übergesiedelt, wo damals Onkel Lang Waisenhaus- und Seminar-Direktor war. Er hatte jedoch seine eigene Wohnung, in der er wie ein verwunschener Prinz nach seinem eigenen Ausdruck mit seinem alten Mädchen hauste, das 15 Jahre seinem Hause angehört hatte.

Als ich dann etwas über zwei Monate später, zum ersten Mal von der Universität nach Hause kam, empfing mich Mutter mit der Nachricht, dass der Großvater allem Anschein nach im Sterben liege. Am andern Tage, als wir am Mittagstisch saßen, kam das Telegramm, das seinen Tags zuvor - es war der 22. Dezember - eingetretenen Tod meldete. Es war so gekommen, wie er es ein Jahr zuvor bei der Großmutter Tode gesagt. Denn zehn Tage zuvor hatte er sein 80. Jahr vollendet.


[12] die älteste Tochter des Autors
[13] Das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen zu Halle wurde 1695 als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem reichen Bürgertum gegründet.
[14] Der Filet-Tüll bezeichnet einen Tüll mit annähernd quadratischen öffnungen und ist in der Regel zum Besticken geeignet.
[15] Der Fourier (aus dem frz. fourrier, Futter = Verpflegung) ist eine in überwiegend militärischem Umfeld bei der Logistik tätige Person.
[16] Mehr zu der Familie Koffmahn in den Erinnerungen von Johannes Dittrich Teil 2, Kapitel 7
[17] Der Deutschkatholizismus war eine seit Mitte der 1840er Jahre in den Staaten des Deutschen Bundes für einige Jahre aktive religiös-politische Bewegung, die sich gegen den von ihren Anhängern als starr und reaktionär empfundenen Dogmatismus der althergebrachten christlichen Konfessionen richtete.
[18] Die Lichtfreunde waren eine rationalistisch geprägte protestantische Gruppierung mit Schwerpunkt in Mitteldeutschland. Sie setzten sich für ein vernunftgemäßes, praktisches Christentum ein, was auf längere Sicht zu einer Abkehr von den evangelischen Landeskirchen führte. Der Name Lichtfreunde beruhte auf einer spöttischen Bezeichnung durch die Gegner, die sich jedoch schnell durchsetzte und bisweilen auch als Selbstbezeichnung übernommen wurde.