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Pimpf und Hitlerjunge
Letzter Teil
Als der Krieg begann

Als der Krieg begann, waren wir alle sehr betroffen. Eine Begeisterung war nicht zu spüren. Gerade waren die persönlichen Verhältnisse einigermaßen in Ordnung, jetzt sollte alles wieder in Frage gestellt werden. Nachdem 1937 die beiden Rüstungswerke HAK-WerkIm Frühjahr 1935 begann man mit dem Bau der Hanseatischen Kettenwerke (HAK) am Weg 4, auch Karree Weg, der heutigen Essener Straße. Die Muttergesellschaft der Hanseatischen Kettenwerke war die Firma Pötz & Sand in Monheim am Rhein, die seit 1934 schon Granathülsen produzierte. Während die Hanseatischen Kettenwerke Geschosshülsen herstellte, stellte die Deutsche Messapparate GmbH Zündmechanismen her. Zusammengebaut wurden die Hülsen und die Zünder in Krümmel im Werk der Dynamit Nobel AG. und MESSAPDer zweite Rüstungsbetrieb, der am Weg 4 angesiedelt wurde, hieß Deutsche Messapparate GmbH (MESSAP) und war ein Tochterunternehmen der Schwarzwälder Uhrenfabrik Junghans aus Schramberg. am Stadtrand aus dem Boden gestampft worden waren, hatten viele, die bisher arbeitslos waren, Beschäftigung gefunden. Und die hübschen HäuserFür den Aufbau der MESSAP wurde Fachpersonal aus dem Stammwerk nach Langenhorn geholt. Um es das Einleben in der Fremde zu erleichtern und ihnen ein Heimatgefühl zu vermitteln entstand am Weg 4 eine Werksiedlung im Schwarzwaldstil. Der Architekt war Paul Richter, die Planung jedoch betrieb das Schwarzwälder Uhrenwerk. in der Essener Straße, die man extra für die aus dem Schwarzwald angeworbenen Uhrenhandwerker der Firma Junghans errichtet hatte, machten so einen friedlichen Eindruck.

Das man den Polen eines auf ihr loses Mundwerk haute, war schon richtig. Mit der Wiedererstellung Polens nach dem Ersten Weltkrieg durch die Alliierten hatte man einen Störenfried im Sinne einer Zeitbombe etabliert. Schon 1921 überfielen die Polen Russland und raubten sich Land. Ihr übersteigertes Nationalgefühl machte vor nichts halt, zumal sie sich auf die vertraglich zugesicherte Beistandspflicht der Engländer und Franzosen meinten berufen zu können. Ob Pilsudsky oder Beck ‒ es wurde gestänkert und die Übergriffe waren nicht nur Einzelfälle. Schon vor der Mobilmachung 1939 wurden junge Frauen und Männer mit deutscher Vergangenheit zusammengetrieben, wie Gefangene gehalten und zum Schanzen eingesetzt. Schwere Arbeit und Rücksichtslosigkeit forderten Opfer. Das war nicht nur Propaganda, sondern Realität, wie sich später herausstellte.
Dass nun auch England und Frankreich Deutschland den Krieg erklärten, ließ doch ein mulmiges Gefühl aufkommen. Das Gespenst eines neuen Weltkrieges zeichnete sich ab.

Mit Kriegsbeginn wurde vieles anders. Etliche der Jungen, die bisher als Führer in einer Einheit tätig waren, wurden eingezogen und andere mussten nachrücken. Im Jungvolk übernahm mein Klassenkamerad Bernhard Sommer das Fähnlein und ich fungierte als Hauptjungenzugführer, das war so eine Art Spieß bei der HJ. Er kümmerte sich mehr um die bürokratischen Angelegenheiten. Und da ich gerade meine Tätigkeit als Lehrling bei der Gemeindeverwaltung angetreten hatte, passte das zu mir.

Erich, Ewald und ich standen an der Ohechaussee in Höhe der Einmündung des Stichweges zum Sandweg, wo Ewald wohnte, als plötzlich Norbert angeradelt kam. Wir begrüßten ihn freudig und merkten, dass ihn etwas belastete. Ich habe meine Einberufung bekommen, druckste er herum und schien darüber betroffen zu sein. Wir waren überrascht. Hatten wir doch angenommen, dass ein solcher Vorgang zur damaligen Zeit Begeisterung hätte hervorrufen müssen. Dem war nicht so und wir wurden sehr nachdenklich. Norbert wurde eingezogen zur Waffen-SS in die Germania-Kaserne. Im Kriegseinsatz verlor er ein Auge durch Feindeinwirkung, wie es so schön hieß. Sein kleiner Bruder Ulli ist meines Wissens gefallen. Ich traf ihn in Neumünster während meiner Rekrutenzeit auf der Weihnachtsfeier 1942. Da befand er sich schon in Marschvorbereitung. Auch Erich, der später in Italien als Soldat eingesetzt war, hat es erwischt. Er verunglückte tödlich bei einer Autofahrt in Süd-Italien oder Sizilien.

Bernhard meldete sich dann aber zur Unteroffiziers-Schule und der Posten als Fähnleinführer war wieder vakant. Bernhard hatte mich als Nachfolger vorgesehen, aber ich stand in Konkurrenz zu Manfred, der als Geldmops einen wesentlich besseren Draht zum Jungbann hatte. Ich stellte mich auf Vorladung dem Banngeschäftsführer vor, doch gegen Manfred hatte ich keine reelle Chance, zumal das Amt des Geldverwalters nicht mehr gefragt war. Manfred übernahm also das Fähnlein und ich war ohne Beschäftigung. Das gefiel mir eigentlich nicht schlecht, zumal ich in der Ausbildung war und dort genug zu tun hatte. Mich hat auch keiner zum Dienst aufgefordert.

Etwas muss ich noch nachtragen. Grundsätzlich kann ich eine Zuordnung der Vorgänge an bestimmte Jahre kaum vornehmen. Dafür ist alles zu lange her. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass auf einem Heimabend gleich zu Anfang des Krieges der HJ-Führer Karl-Heinrich aus der Nachbargemeinde Harksheide bei uns auftauchte und davon erzählte, wie er Zoll-Inspektor geworden sei. Das war für mich hochinteressant, hatte ich doch das gleiche Ziel in der Allgemeinen Verwaltung. Wer ihn und warum zu uns eingeladen hatte, Harksheide gehörte zu einem anderen Gebiet, entzieht sich meiner Kenntnis. Nun war er aber da und berichtete von seinen Ausbildungserlebnissen. Ich merkte schon, leicht war es nicht. Er wurde noch Zollamtmann und dann als Offizier eingezogen. Bei seinen Leuten war er bekannt dafür, immer mit der HDV (Heeres-Dienst-Vorschrift) in der Hand durch die Schützengräben zu laufen und zu kontrollieren, ob alles vorschriftsmäßig ablief. Er muss ein richtiger Militär-Bürokrat gewesen sein und das durfte auch ich einmal erleben. Da war ich schon selbst Soldat bei der Lehrgangskompanie in Lübeck und ein Besuch von dekorierten Offizieren war angesagt. Karl-Heinrich, Heini war auch dabei. Das erste, was er machte, war zu kontrollieren, ob die Richtung unserer Einheit auch stimmte.

Bei einer Geländeübung der HJ brauste Heini mit einem Motorrad durch den Wald, ließ uns herankommen, um im letzten Moment wieder abzubrausen. Daran hatte er seinen Spaß. Wir nicht. Karl-Heinrich ist als hochdekorierter Hauptmann, ziemlich zum Kriegsende, in Russland gefallen.

Als unsere Jahrgänge noch nicht anstanden, einberufen zu werden, wurden Werbeveranstaltungen für Freiwillige abgehalten. Für eine solche Versammlung in der Gastwirtschaft Wegener hatte auch ich eine Einladung. Da traf ich viele alte Freunde aus der Schulzeit: Jürgen, Bruno, Georg und andere. Sie alle waren in der HJ und ich erzählte von meinem Werdegang. Mensch, komm zu uns. Das tat ich denn auch und nun war ich in der HJ. Gefolgschaftsführer war Jürgen, ein Jahr älter als ich. Mit Bruno und Georg gründeten wir im Einvernehmen mit Jürgen die Motor-HJ. Nach Rücksprache mit dem Chef der Flak-Batterie wurde uns eines der Häuschen im Neubau-Areal überlassen. Wir revanchierten uns mit einer netten Glückwunschkarte zur Hochzeit des Batterie-Chefs, die in der Stellung abgehalten wurde.

Wir fingen mit nichts an. Deshalb wurden erst einmal alle Firmen angeschrieben, die etwas mit Motorrädern und Benzin-Motoren zu tun hatten. Das Material floss wirklich reichlich und auch das örtliche Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) unterstützte uns mit Mobiliar für die Einrichtung. Es wurde richtig gemütlich in unserem Heim und es meldeten sich andere Jungen, die teilhaben wollten. Was fehlte, war ein Motorrad. Schorsch hatte eine Privatmaschine, die er vorläufig zur Verfügung stellte. Der fehlte aber der rote Winkel auf dem Nummernschild, das war die Zulassung für den Treibstoffbezug. Aber Benzin besorgte man sich und so düsten wir durch die Gegend, immer auf der Hut, nicht geschnappt zu werden. Wir betrieben aber an Hand des reichlich vorhandenen Materials vor allem theoretischen Unterricht. Bruno und ich verbrachten manches Wochenende im Heim, zumeist mit flotter Grammophon-Musik.

Als Jürgen eingezogen wurde, übernahm ich die Gefolgschaft und Bruno die Führung der Mo-HJ. Obwohl die Mo-HJ und eine inzwischen gegründete Flieger-HJ bestand, die im Zeichensaal der Schule Unterkunft fand, war an sich nicht viel los. Bei Dunkelheit musste ich außerdem per Fahrrad durch den Tangstedter Forst fahren, um die Verbindung nach Friedrichsgabe aufrecht zu erhalten. Dort existierte ein Jungzug, der von Joachim geführt wurde. Er war ein etwas grober bauernschlauer Typ. Er wollte Rundfunk-Mechaniker werden und war bei Paul Sellhorn im Postgebäude in der Lehre. Auch Joachim ist aus dem Krieg nicht heimgekehrt.

Meist hatte ich dabei das Kleinkalibergewehr mit, man wusste ja nicht, was im Krieg passieren kann. Wir waren inzwischen zwar gut mit Überfallhose, blauer Jacke, Mütze usw. uniformiert  aber die Gedanken waren meist auf andere wichtigere Dinge konzentriert. Hinzu kamen die immer zahlreicher werdenden Luftangriffe. Und das Geballer der Flak war auch nicht angenehm. Dann folgte irgendwann die Musterung und Ende 1942 wurde auch ich eingezogen. Auch Bruno und Georg mussten in den Krieg ziehen. Mein Nachfolger im Amt wurde ein Junge mit dem Zunamen Schreiber. Die Schreibers wohnten in dem kleinen Reetdachhaus an der Ohechaussee. Er, der Nachfolger, war im HAK-Werk beschäftigt. Das war das Letzte, was ich von der HJ erfuhr.

Der Heinz hatte sich aus Liebeskummer die Brust geritzt, das war alles. Obwohl in den Einheiten des Jungvolks und der Hitler-Jugend annähernd jeder Zweite ein Fahrtenmesser trug, das Ding sah ja so unverschämt gut aus, habe ich von missbräuchlicher Benutzung nie etwas gehört. Das soll nicht heißen, dass so etwas gar nicht vorgekommen ist, aber das war nicht der Regelfall, sondern wäre die absolute Ausnahme gewesen. Bei Geländespielen sind wir mitunter wütend aufeinander losgegangen, wir mussten doch siegen. Aber es flogen weder Fäuste noch wurde das Messer gezogen. So etwas gehörte sich nicht. Ja, man machte schon mal einen Spaß mit so einem Messer, um die Eltern etwas aufzuregen. Da wurde ein Junge mit seinem Einverständnis an einem Baum gefesselt und wehrte sich gegen diese Misshandlung, während ein Fahrtenmesser nach ihm geschleudert wurde, wie bei den Indianern. Das Messer hing natürlich an einem dünnen Faden in der Schleuderphase an einem Ast und das ganze Geschehen wurde dann fotografiert. Welcher Junge macht da nicht mit. Auch auf das Kleinkalibergewehr wurde aufgepasst, dass es ja nicht in unbefugte Hände gelangte. Da gab es durchaus etwas wie Verantwortungsgefühl, auch wenn wir noch jung waren.

Und noch etwas ist mir eingefallen. Zum Zeitpunkt, als Bernhard Fähnleinführer war, fungierte Eberhard aus Ellerbek als Jungstammführer. Das Ellerbeker Heim war manchmal Anlaufpunkt für Treffen. Der Stammführer war ein großer grobschlächtiger Kerl mit schlechten Manieren. Bernhard und er konnten sich nicht riechen. Bernhard hat sich sogar einmal eine Ohrfeige von ihm eingehandelt. Der Nachfolger als Jungstammführer war Karl-Heinz, unser Schulkamerad. Mit dem war ein besseres Auskommen. Einen positiven Zugang erhielten wir 1938/39 durch Kurt und den Kleinen Klostermann, wie wir ihn immer nannten, sie bereicherten unsere Einheit. Beide waren sehr aufgeschlossen. Kurt wurde Führer einer Gruppe und der Kleine Klostermann brachte Schwung in den Laden. Er war ein quirliges Talent und lehrte uns manches Lied. Jeder ist in der Familie, ein musikalisches Genie. Wir spielen täglich ohne Noten, die allerschönste Melodie. So lautete der Anfang und dann erfolgte eine instrumentale Aufteilung auf die Familienmitglieder und jeder versuchte, seinem imaginären Instrument möglichst viel Stimme zu geben. Das brachte Spaß und Stimmung. Und solche Sachen hatte er noch mehr auf Lager. Die beiden verzogen irgendwann wieder und man verlor sie aus den Augen. Kurz bevor wir eingezogen wurden, hatten wir unser Heim auf dem Brümmerschen Gelände in der Tannenhofstraße und dort auch eine Abschiedsfeier.

1938 erfolgte der Anschluss Österreichs. Einige bedürftige Ostmärker Jungen  waren zur Erholung bei Gasteltern in Garstedt. Gasteltern erlaubten den Jungen die Teilnahme an einem Lager in einer Baracke unserer Einheit auf dem Gelände des Fliegerhorstes Uetersen. Jugendgenosse Harry, ein bekannter Flegel, ärgerte die Jungen. Da war Heimweh im Anmarsch. Es musste etwas unternommen werden. Die Heimleitung rief den Heiligen Geist. Dieser kam um Mitternacht. Ganz in weiße Bettücher gehüllt und bestrafte Harry. Schwarze Schuhwichse zierte seinen ganzen Po. Anschließend musste er unter die kalte Dusche und sich mit einer Bürste unter Aufsicht reinigen. Anschließend durfte er wieder ins Bett und der Spuk war vorbei. Fortan herrschte Ruhe im Lagerleben. Wofür Geister doch gut sein können.

Ich wäre ohne HJ ausgekommen und groß geworden. Vermutlich hätte ich sie nicht einmal vermisst. Aber Schaden habe ich durch sie sicherlich nicht genommen. Angesichts der im Krieg gebliebenen Kameraden sind mir die nachfolgenden Zeilen eingefallen. Ernst ist am 13. Februar 1942 für Führer, Volk und Vaterland gefallen.

Anmerkung:
In dem Buch Fahnen brennen im Wind von Reinhold Friedrich fand ich eine ähnliche Beschreibung der Jugendzeit in der HJ. Auch er war Jugendführer, aber zuständig für den musischen Teil, insbes. für den Gesang. Deshalb enthält das 2002 im Verlag S. Bublis erschienene Buch (ISBN 3.926584-5) viele Liedertexte und Noten. Etliche davon haben auch wir gesungen.