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Der Kastanienbaum bei uns zu Hause

Schon im Dezember hatte der Kastanienbaum kleine blanke Knospen. Doch wenn es erst Februar oder März war, welch eine Freude! Die Knospen wurden größer und größer, waren schön blank und glänzten in der Sonne. Wie viele Freuden hatten wir zu Hause in Masuren, doch der Kastanienbaum war alleine schon genug Freude für uns Kinder.

Willi, mein Bruder verübte seine Kletterkünste auf ihm und ich bewunderte ihn dafür. Es ging also mit meinem Bruder, der ein Jahr jünger als ich war, rauf und runter auf den Baum, und das fast täglich. Erst kletterte er auf den Zaun, der gleich daneben stand und dann ging’s in die Äste, höher und höher!

Eines Tages sagte ich zu Willi: Ich bewundere Dich, wie du auf den Kastanienbaum rauf und runterkletterst! Ach, sagte mein Bruder, das ist gar nicht so schwer, komm, ich werde dich anleiten, dass du auch da rauf kommst! Gesagt - getan!
Also, sagte Willi, du steigst erst einmal auf den Zaun und dann auf den ersten Ast. Und es ging ganz gut, jedoch als ich in den ersten Ästen war und herunterschaute, packte mich die Angst. Ich fand es zu hoch und ich fing an zu schreien. Unsere Leute holten rasch eine Leiter und stellten sie an den Baum, damit ich langsam heruntersteigen konnte. Das war ein richtiger Schock für mich, und ich bin nie mehr auf irgendeinen Baum gestiegen!

Im März und April knackten die dicken Knospen auf und die frischen grünen Blätter zeigten sich. Von da an dauerte es nicht mehr lange und der Kastanienbaum zeigte seine schönen Blütenkerzen. Für mich war es immer wieder ein Wunder, wie es mit dem Kastanienbaum dann weiter ging. Bald wurden die kleinen grünen Kugeln mit den Stacheln immer dicker und dicker. Groß war die Freude für Willi und mich, wenn sie dann im Herbst aufbrachen und die blanken, braunen Kastanien herunter fielen. Des Morgens beeilten wir uns dann immer, der erste zu sein, der die Kastanien aufsammelte, und dann bastelten Willi und ich allerlei Spielzeug aus den braunen Kastanien.

Der Kastanienbaum war für uns Kinder eine große Freude und ich musste mein ganzes Leben an diesen schönen, gesunden Baum denken.

In den 1970er Jahren nahm ich Verbindung zu Mariechen D. auf, die ich noch aus meiner Kindheit kannte. Sie war mit einem Polen verheiratet, wohnte in Olsztyn, also in Allenstein/Ostpr., das heute zu Polen gehört und hatte einen Haufen Kinder. Sie wohnten zwar in einer sehr kleinen Wohnung, trotzdem schickte sie mir - ich glaube so um 1972 - eine Einladung, die ich auch gerne annahm.

Ich fuhr im Winter los. Der Zug jenseits der Grenze war sehr schmuddelig, leider bekam ich auch keinen Sitzplatz. Ich hatte so ein Heimweh, ich musste meine alte Heimat einfach noch einmal sehen, dafür nahm ich vieles in Kauf, auch das ständige Anbetteln im Zug! Am Bahnhof in Allenstein verständigte ich mich mit einem Taxifahrer ein wenig auf Russisch und kam so nach kurzer Zeit bei Mariechen an. Es war schon ziemlich spät und dunkel. Am nächsten Tag sah ich mir die Stadt an, aber es war ein fremdes Land für mich. Hinter den Fenstern wohnten jetzt Polen, und keine Deutschen.

Am darauf folgenden Tag fuhren wir nach Burdungen, meinem Heimatdorf und zu unserem Grundstück. Die Leute dort bewirteten uns in der Wohnküche mit Kaffee, der für mich nach Seife schmeckte. Mariechen merkte das wohl und fragte mich später, wieso ich ihn dennoch runterschlucken konnte. Ich sagte nur, ich sei ja Gast und mir blieb nichts anderes übrig.

Im Haus guckte ich mich nur ein wenig um, es war alles anders als in meiner Kindheit, nur die Türklinken und die gusseisernen Ofentüren waren offenbar noch dieselben wie früher, aber außer dem alten Kastanienbaum, der noch immer im Hof steht, gab es keinerlei Erinnerungen, die mir die Heimat irgendwie näher brachten.

Bei meiner Abfahrt zurück nach Deutschland bat ich Mariechen, die Kinder mögen mir doch bitte im Spätsommer Kastanien sammeln und nach Norderstedt senden. Ich wollte sie hier in meinem Zimmer in eine Glasvase füllen. So würde ich immer ein Stück Heimat bei mir haben. Doch als dann ein Päckchen aus Polen bei mir ankam, war die Enttäuschung groß. Die Kastanien waren klein und verschrumpelt und hatten keine Ähnlichkeit mit den wunderschönen Kastanien aus meiner Kindheit.

Der Kastanienbaum ist alt geworden.
Auch ich werde alt.