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Der beste Weihnachtsbraten !

Senioren Weihnachtsfeier 2009

Was ist eigentlich das Besondere in der Weihnachtszeit und am Weihnachtsfest in den Familien? Sicherlich wird in jeder Familie und jeder für sich selbst das Weihnachtsfest so gestalten, wie man es einmal kennen gelernt hat, bei seiner Familie und in vielen Familien wird die Tradition von den  Großeltern über Eltern  in die neuen jungen Familien getragen und jeder Partner bringt seine Tradition mit und dann wird gemischt. Sei es beim Ablauf des Heiligen Abends: Wird in die Kirche gegangen und wenn ja,  wann? Wird erst die Bescherung vorgenommen oder wird erst gegessen. Muss unter dem Tannenbaum ein Gedicht aufgesagt werden, singt die Familie ein, zwei, drei oder gar kein Weihnachtslied? Wie werden die Weihnachtstage gestaltet mit der Familie, mit Freunden oder geht man auf die Piste, weil man den ganzen Rummel leid ist?

Also wie Sie auch immer Weihnachten verbringen, eins glaube ich, haben wir alle gemeinsam: Wir erinnern uns an vergangenen Weihnachten, Weihnachten in der Kindheit, Weihnachten als junge Familie und das letzte Weihnachtsfest – vielleicht – mit den Kindern und Kindeskindern.

Bei mir zu Hause wird noch sehr viel über Weihnachtserlebnisse aus der Vergangenheit erzählt und wie es dann so üblich ist, gibt es kleine Ereignisse, die jedes Jahr wieder erzählt werden,  und so möchte ich Ihnen heute die Geschichte vom Weihnachtsbraten 1945 erzählen, eine Zeit, an die wir uns vielleicht noch alle erinnern, weil wir sie noch selbst erlebt haben.

Mein Vater war noch in der Kriegsgefangenschaft – ich hatte ihn noch nicht kennen gelernt.
Meine Mutter und ich wohnten bei meiner Großmutter in ihrem wunderschönen Reetdachhaus im Blankeneser Treppenviertel. Dieses Haus hatte eine große Diele von der drei Zimmer abgingen.  Oma, Mutti und ich wohnten in dem größten Zimmer, eine Tante mit ihrem Mann in dem kleinsten Zimmer und ein ausgebombter Junggeselle von 60 Jahren im dritten Zimmer. Übrigens kein Zimmer war größer als 16 qm. Meine Mutter und ich waren im Sommer des Jahres 1945 aus der Evakurierung in die Lüneburger Heide zurückgekehrt und meine Mutter musste feststellen, dass ihr Kolonialwarengeschäft von einem Radio-Unternehmer beschlagnahmt worden war und ihr erst wieder am 1. Januar 1946 überlassen werden sollte.

So nun zum Weihnachtsbraten 1945 – in unserer damaligen WG war beschlossen worden, wie die Aufgaben zur Beschaffung von Essbarem zum Weihnachtsfest aufgeteilt werden sollten. Meiner Mutter war es aufgetragen worden, für Fleisch zu sorgen, das hieß in der damaligen Zeit, Beziehungen, Schwarzmarkt oder was auch immer, spielen zu lassen. Fünf Tage vor Weihnachten kam meine Mutter jubelnd nach Hause, sie hatte einen Rossbraten von einem Schlachter versprochen bekommen und sollte ihn am 23. Dezember abholen. Was ein Braten in dieser Zeit bedeutete, können wir uns noch vorstellen. Die Freude meiner Mutter wurde ganz schnell getrübt, denn meine Großmutter war entrüstet. Pferdefleisch würde sie niemals essen, dann lieber gar kein Fleisch, aber Pferdefleisch kommt bei ihr nicht in die Röhre, geschweige denn auf den Tisch. Die Überredungskünste unserer WG verhallten bei meiner Großmutter, sie ging sogar so weit, dass sie sagte, sie würde uns alle aus ihrem Hause vertreiben, wenn wir ihre Wünsche bezüglich des Pferdefleisches nicht akzeptierten. Meine Mutter war schrecklich unglücklich, weil sie keine andere Alternative hatte. Sie versprach aber, den Pferdebraten abzubestellen und zu versuchen, etwas anderes zu finden oder auch einzutauschen. Am 23. Dezember ging sie sehr früh aus dem Hause, um irgendwo einen Fleischausgleich zu ergattern. Spät am Abend kehrte sie mit strahlenden Augen zurück und präsentierte meiner Großmutter und unseren Mitbewohnern einen riesigen Rinderbraten von so einer wunderbaren Farbe, dass uns allen bei dem Gedanken an ein großes Stück Fleisch das Wasser im Munde zusammenlief.

Meine Großmutter war unwahrscheinlich beeindruckt über die Geschäftstüchtigkeit ihrer Tochter und sie versprach, ihre ganze Kochkunst in die Zubereitung dieses Bratens zu stecken. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie wir am ersten Weihnachtstag 1945 geschwelgt haben. Jeder bekam eine große Scheibe Fleisch mit einer prächtigen Soße und es blieb auch noch etwas für den nächsten Tag übrig. Es war, als ob sich alle zum ersten Male seit vielen Monaten wieder richtig satt gegessen haben. Meine Mutter wurde gelobt für ihre Beschaffungskünste und meine Oma für ihre Kochkünste.

Unsere damalige WG verbrachte natürlich auch Silvester zusammen und nachdem wir um Null Uhr das neue Jahr mit einem Schluck Selbstgebrannten angestoßen hatten, sagte meine Mutter: Es ist ein aufregendes Jahr zu Ende gegangen: Wir hatten Krieg, wir haben Waffenstillstand, wir haben Verbindung zu meinem Vater; ich werde morgen mein Geschäft und unsere Wohnung zurückbekommen und wir hatten einen wunderbaren Braten zu Weihnachten und meine Mutter (sprich meine Oma) hat zum ersten Male in ihrem Leben Pferdefleisch genossen. Ich sehe heute noch das erschrockene Gesicht meiner Großmutter vor mir. Es ist eben alles eine Frage des Verkaufens und Servierens.