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Jerusalem 1960 — 1965
Kapitel 4:
Im Herzen Jerusalems

Die von Kaiser Wilhelm II. gestiftete ErlöserkircheDie Erlöserkirche ist eine deutsche evangelische Kirche in Jerusalem. Sie wurde auf den Grundmauern der Kreuzfahrerkirche St. Maria Latina errichtet.Quelle: Artikel der Wikipedia und die PropsteiSüdlich der Kirche wurde 1910 durch den Berliner Regierungsbaumeister Robert Leibnitz das Propsteigebäude errichtet.Quelle: Artikel der Wikipedia liegen mitten im Herzen der Jerusalemer Altstadt im Muristan (Foto 07), nur 100 m von der Grabeskirche entfernt. Man erreicht sie nur zu Fuß. Die Propstei wurde 1910 südlich an die Erlöserkirche und westlich an die Reste des mittelalterlichen Klosters (Kreuzgang, Johanniterkapelle, Refektorium) angebaut. Dort wohnten wir im ersten Stock. Wenn man die Treppe rauf kam, war links das Kirchenbüro, rechts war das Arbeitszimmer meines Vaters. Geradeaus kam man in unsere Wohnung. Durch das Badezimmerfenster, das auf der Kreuzgangseite lag, konnten wir über eine kleine hölzerne Freitreppe auf das Dach des zweistöckigen Kreuzganges klettern. Die Dachterrasse des Kreuzganges (Foto 08) und die umliegenden Dächer dienten zum Auffangen des Regenwassers, das in großen, 10 m tiefen Zisternen im Innenhof des Kreuzganges gespeichert wurde. Aus den Zisternen bezogen wir damals unser Trinkwasser, das in große, auf dem Dach befindliche Metallbehälter hochgepumpt wurde und von dort aus die Versorgungsrohre speiste.

Von der Dachterrasse aus hatte man einen grandiosen Blick auf die aus Kalkstein gemauerten, damals noch antennenfreien Kuppeldächer der Altstadt. Wenn man sich auskannte, konnte man weite Strecken über die Dächer zurücklegen. Dahinter erstreckte sich der Tempelplatz mit dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee vor der Kulisse des Ölbergs (Foto 09). Die Dachterrasse war etwa 5 m breit und der Innenhof des Kreuzgangs etwa 25 m im Quadrat. Man konnte um das ganze Kreuzgang-Quadrat herumgehen. Außer vom Kirchturm aus konnte man diese Dachterrasse nicht einsehen. Eine Tante von mir nahm dort einst ein Sonnenbad und wurde dabei von einem Boulevard-Reporter vom Turm aus geknipst. In der Zeitung stand später unter dem Foto: Lutherische Nonne im Badeanzug.

Skobusberg

Foto 09: Blick zum Ölberg mit der neu vergoldeten Kuppel des Felsendoms — Foto: Michael Malsch 1962

An der Ostseite des Kreuzgangs befand sich im mittelalterlichen Kloster das Refektorium. Dieser Raum war verfallen. Ein Dach gab es nicht, sodass man vom Kreuzgangdach in den Raum hineinsehen konnte. Nur die Mauern standen noch und in ihren Ritzen hatten sich Kapernbüsche eingenistet. Meine Mutter hatte aus diesem Raum ein Paradiesgärtchen gemacht. Im Innenraum standen Blumenkübel und rundherum an den Wänden befanden sich Beete, die etwa einen halben Meter hoch und breit waren. Sie waren durch eine kleine auf den steinernen Boden gesetzte Mauer begrenzt, auf der man balancieren oder sitzen konnte. Es wuchsen dort einheimische Pflanzen wie Agaven, Mittagsblumen, Mimosen und Bougainvillea, aber auch Rosen. Heute ist der Raum wiederhergestellt und wird als Gemeindesaal genutzt.

An der Südseite des Kreuzgangs liegt die Johanniterkapelle. Dort wurden allabendlich Abendandachten gehalten, zu denen auch mein Bruder und ich antreten mussten, was mir damals schon sehr widerstrebte. Im Raum unter der Kapelle, also auf der Ebene des Kreuzganginnenhofes, gab es damals eine alte Sammlung ausgestopfter heimischer Vögel und Zugvögel, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort lebten. Nach der Fertigstellung des Neubaus der Martin-Luther-Schule im Jahr 1964 zog dort der Kindergarten ein, der von Elisabeth Bawarschi geleitet wurde. Sie hatte in jungen Jahren Kinderlähmung gehabt, aber trotz ihrer Gehbehinderung hatte sie den Laden voll im Griff.