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Als Student in den Strafvollzugsanstalten
Halle und Torgau in den Jahren 1952 bis 1955

Kapitel 13 – Wie Ich die Haftzeit so gut überstanden habe

Auf die Frage, wie und warum ich diese schwere Zeit so gut überstanden habe, kommen mir verschiedene Antworten in den Sinn:
– Ich war ein bewusster Gegner dieses totalitären Staates nach den bösen Erfahrungen mit dem Hitlerreich. Es war zwar ein Zufall, dass ich zu dieser Gruppe stieß, aber früher oder später wäre ich ohnehin mit diesem Regime kollidiert oder hätte mich nach Westdeutschland absetzen müssen. Ich habe meine Taten nie bereut, was ich bei meinem Auftritt vor Gericht zum Ausdruck brachte, in dem ich es im Schlusswort des Angeklagten unterließ, die gewünschte Formel „ich bereue meine Taten“ zu sprechen.

Die Verurteilung und Strafe habe ich akzeptiert und in meinem Schlusswort nicht für eine milde, sondern nur für eine gerechte Strafe plädiert. Außerdem habe ich versucht, einen in mir aufkommenden Hass gegen das SED-Regime zu bekämpfen. Sie waren die Machthaber, und in der Haft einen Widerstand fortzusetzen, wäre selbstzerstörerisch gewesen. Ich hatte mich mit meinem Schicksal abgefunden und konnte so den Stress der Haft abbauen.

Langeweile habe ich nie aufkommen lassen, sondern habe mich mit den sehr geringen Möglichkeiten, besonders in der Einzelhaft, immer bemüht, mich intensiv geistig zu beschäftigen, was ohne Bücher, Zeitschriften, Papier und Bleistift nicht leicht war. Auch sonst habe ich alle Gelegenheiten genutzt, mich zu beschäftigen, in Arbeitskommandos zu arbeiten oder auch Mithäftlinge zu Gesprächen anzuregen.

Das relativ geringe Strafmaß und meist gleichgesinnte Haftkameraden haben dazu beigetragen, weniger Verzweiflung aufkommen zu lassen. Auch die Vorfreude auf die zu erwartende Entlassung (in zwar mehr als drei Jahren) und der feste, unerschütterliche Glaube an ein neues und schöneres Leben in der Freiheit Westdeutschlands trugen mich über die harten Zeiten. Sicher spielte auch mein jugendliches Alter eine Rolle, so dass es mir leichter fiel als meinen meist älteren Mitgefangenen, auf den Zeitpunkt der Entlassung mit großer Geduld zu warten

Eine wichtige Lehre aus den harten Kriegs- und vor allem Nachkriegsjahren war für mich auch früher schon, auch aus einem Unglück positive Erfahrungen zu ziehen. Mit der Maxime carpe diem versuchte ich mich mit meinem Wissen zu beschäftigen, meine Lebenskenntnisse zu erweitern, von anderen Lebensläufen zu lernen, den Tag zu nutzen.

In der Freiheit habe ich allen, die sich dafür interessierten, vor allem meinen Kommilitonen in Tübingen, von meinen Erlebnissen berichtet. Insbesondere spielte die Geborgenheit in der Familie zuerst mit Mutter, Bruder und Großmutter und dann mit meiner Frau Elke und unseren Kindern Ulrike, Anke und Frank eine wichtige positive Rolle. Oft habe ich auch meinen Studenten in Hamburg auf Exkursionen am Lagerfeuer und im Freundeskreis in Norderstedt und bei vielen anderen Gelegenheiten von dieser Zeit erzählt und habe mich durch diese Gespräche von bedrückenden und belastenden Eindrücken selbst befreien können. Ich hielt es für wichtig, meine Erfahrungen, deren ich mich nie geschämt habe, weiterzugeben. Sie waren ein integrierter Teil meines Lebens.

Die vorausgehende Erfahrung oder vielleicht auch ererbte Struktur, dass man Schicksalsschläge überwinden kann, sich im Ernstfall auf das Schlimmste gefasst machen und sich darüber freuen kann, wenn das Schicksal dann doch nicht so hart zuschlägt, hat mich innerlich gefestigt. Andererseits erfüllte mich eine unbändige Sehnsucht nach der Freude an der Natur, nach Wissen und Beruf und der unerschütterliche Glaube und Wille, meine Ziele zu erreichen, es doch zu schaffen, mein Leben gegen alle Widerstände zu meistern.