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Teil 4: Leipzig 1870-1873 — Kap.26, Weihnachten in Leipzig

Teil 4 - Leipzig, 1870 bis 1873
Kapitel 26:
Weihnachten in Leipzig

Im kommenden Wintersemester sollte ich zum ersten Mal zu Weihnachten nicht nach Hause kommen. Da lernte ich das Leipziger KonviktDas Konvikt war ein historischer Bau der Universität Leipzig auf dem Gelände des ehemaligen Paulinerklosters, der von 1844 bis 1892 bestand. Mit Konvikt oder Konviktorium wurde an mittelalterlichen Universitäten der Raum bezeichnet, in dem meist ärmere Studenten ihre Essensversorgung erfuhren.Siehe Wikipedia.org [141] kennen, wo ich nebst einigen Freunden, die auch über Weihnachten blieben, mir um ein Billiges einen der vielen während der Weihnachtsvakanz frei werdenden Konviktsplätze kaufte.

Das Konvikt der Uni Leipzig vor 1892
Das Konvikt der Uni Leipzig vor 1892

Das Essen fand an quadratischen Tischen statt, deren jeder Platz für zwölf Personen bot, drei an jeder Seite. An jedem Platz lag neben Teller, Gabel und Messer der sogenannte Konviktsschinken, ein mehr als faustgroßes Brot. Herumgereicht wurde das Essen von Aufwärtern in großen zinnernen Schüsseln, in deren jeder zwölf Stück Braten in Sauce schwammen. Vermittels der Gabel nahm man sich ein Stück Braten heraus. Nun gab es Tische mit zahmem und solche mit wildem Stich. Beim zahmen Stich langte bescheidentlich einer nach dem andern in die Schüssel. Beim wilden fuhren alle zugleich in die Schüssel, und die Tendenz ging, besonders wenn etwa ein Platz am Tische frei war, dahin, das überzählige Stück für sich zu erobern. Es kam vor, dass der Aufwärter von einer Gabel in die Hand gestochen wurde, und man machte deshalb den Vorschlag, die Aufwärter an Tischen mit dem wilden Stich möchten sich mit Fechthandschuhen versehen. An unserm Tisch, an dem ein stud. paed. den Vorsitz führte, der mir schon im Kolleg dadurch auffiel, dass er aussah, als wüsche er sich in jedem Semester höchstens einmal, herrschte der wilde Stich, und wir mussten uns herzuhalten, dass wir nicht zu kurz kamen. Der betreffende Pädagog hatte zugleich die Liebenswürdigkeit, uns Weihnachtsferiengäste als Schnurranta zu bezeichnen, obgleich wir ehrlich unsere Mahlzeit bezahlten. Die Pädagogen, meist bisherige Volksschullehrer, die eine gewisse Gymnasialbildung besaßen und, um weiter zu lernen, das Recht des Besuchs der Vorlesungen erhalten hatten, zeichneten sich überhaupt durch möglichst unerzogenes Wesen aus und waren deshalb bei den übrigen Studenten ziemlich verrufen.

Kurz vor Weihnachten wurde ich zum Winterfest der ArionenDie Sängerschaft Arion-Altpreußen ist eine Studentenverbindung im Dachverband der Deutschen Sängerschaft. Sie führt die Traditionen der Leipziger Sängerschaft Arion fort.Siehe Wikipedia.org [142] eingeladen durch einen Neffen von Kahnis, der damals dessen Famulus und auch ständiger Mittwochsgast war und diesem akademischen Gesangverein angehörte. Besonders Furore machte die Ouvertüre, eine Aufzählung sämtlicher ordentlicher und außerordentlicher Professoren der Universität, deren Namen in Reime gebracht und auf die Melodie des Kutschke-PolkasDas Kutschkelied ist ein Soldatenlied aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Es beginnt mit dem Reim eines Jenaer Studentenliedes von 1814: Was kraucht dort in dem Busch herum? Ich glaub', es ist Napolium!, der dann auf den französischen Kaiser Napoleon III. bezogen wurde. Verfasser des Lieds war angeblich ein Füsilier Kutschke.Siehe Wikipedia.org [143], des damals modernsten Schlagers, gesetzt waren, frei nach dem Personalverzeichnis der Universität und den Universitätsberichten des Herrn Dr. Whistling, der im Tageblatt die Universitätsnachrichten brachte. Dieses Stück, mit Paukenbegleitung vorgetragen, übte eine geradezu explosive Wirkung aus.

Zum Weihnachtsabend selbst war ich zu Kahnis eingeladen. Nachdem ich den Kindern meiner Wirtsleute eine kleine Weihnachtsfeier veranstaltet hatte, ging ich mit Freund Stempel, der mit mir eingeladen war, sieben Uhr abends in die Wohnung des Domherrn, zu der ich übrigens damals nur wenig Schritte hatte, da Kahnis wegen eines leichten Schlaganfalls, der ihn infolge der sonnigen Wege, die er im Sommer zum Kolleg zu machen hatte, schon im Sommer 1871 betroffen hatte, sich genötigt gesehen, sein Haus in Reudnitz zu verkaufen und eine Stadtwohnung zu beziehen. Der Abend war ebenso weihevoll als traulich. Nach einer Weihnachtsandacht, die Kahnis mit einem innigen Gebet beschloss, öffnete die Frau Domherr die Flügeltür zum anstoßenden Zimmer, aus dem uns Christbaumglanz entgegenstrahlte. Hier lernte ich beispielsweise Rosen und Lilien als Christbaumschmuck zum ersten Mal kennen. Wir wurden reich beschenkt, ich mit einer Ausgabe des codex vaticanus, einem Bande des Hofmannschen Kommentars und einem Bande von Kahnis' Predigten, einem großen Weihnachtsstollen - die Leipziger Stollen sind ja berühmt - und noch allerhand niedlichen und nützlichen Sachen. Der Weihnachtsabend verging, wie ich es auch zu Hause gewohnt war, und als die Frau Domherr von mir auf Befragen erfuhr, dass ich zum ersten Mal Weihnachten fern von zu Hause verlebe, konnte ich das Bedauern, das sie mir deshalb aussprach, wirklich nicht teilen.

Am ersten Weihnachtstag fuhr ich, nachdem ich Ahlfelds Weihnachtspredigt über das Evangelium gehört, nach Buckau bei Magdeburg, wohin Onkel Hermann zwischen von Egeln übergesiedelt war. Dorthin war ich auch zum Weihnachtsabend eingeladen gewesen, hatte die Einladung aber erst erhalten, nachdem mich Kahnis schon eingeladen hatte. So feierte ich denn den Rest des Weihnachtsfestes dort und erhielt nochmals eine Weihnachtsbescherung, unter anderem Augustins ConfessionesDie Bekenntnisse (lat. Confessiones) sind autobiographische Betrachtungen des christlichen Kirchenlehrers Augustinus. Sie entstanden in den Jahren von 397 bis 401.Siehe Wikipedia.org [144]. Ich traf dort auch mit Vetter Otto Koffmahn zusammen, der, früher bei Onkel Hermann erzogen, damals schon Kartograph bei PerthesJohann Georg Justus Perthes gründete im September 1785 in Gotha Justus Perthes' Verlagsbuchhandlung. Diese wurde im Januar 1953 durch den Rat der Stadt Gotha (DDR) entschädigungslos enteignet.Siehe Wikipedia.org [145] in Gotha war. Interessant war mir dort besonders auch, dass ich die Bekanntschaft des RepetentenRepetent ist ein fortgeschrittener Studierender, Gehilfe oder bereits Graduierter, der die in den Kollegien vorgetragenen Stoffe mit den jüngeren Studenten wiederholt.Siehe Wikipedia.org [146] Lemme aus Göttingen machte, der die Weihnachtstage bei seinem Bruder, dem zweiten Geistlichen in Buckau, verlebte und mit diesem einen Abend bei Onkel eingeladen war. Er war damals eifriger Anhänger DornersIsaak August Dorner (1809-1884) war ein protestantischer Theologe.Siehe Wikipedia.org [147] und wollte die Leipziger nicht gelten lassen. Unsere Aufmerksamkeit wurde auch in Leipzig damals erregt durch einige junge Theologen, die dort auf die akademische Laufbahn sich vorbereiteten und die später einen großen Namen erhalten sollten. Der eine war Julius KaftanJulius Wilhelm Martin Kaftan (1848-1926) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er wurde in Leipzig 1872 promoviert und habilitierte sich dort 1873.Siehe Wikipedia.org [148], der schon einige Monate Hilfsprediger im Holsteinischen gewesen war, nun aber sich in Leipzig zu weiteren Studien sich aufhielt. Dass er damals erst 24 Jahre alt war, sah man ihm nicht an, denn er hatte schon eine vollständige Platte. Seine philosophische Doktorpromotion hatte Aufsehen gemacht. Der alte Drobisch sollte von ihm gewaltig ins Gedränge gebracht worden sein. Kaftan predigte auch in jenem Winter einige Male, und seine Predigten fanden großen Zulauf. Durch Klarheit und Schärfe der Gedankenentwicklung fesselten sie. Der andere war Adolf HarnackAdolf von Harnack (1851-1930) war ein protestantischer Theologe und Kirchenhistoriker mit dem Schwerpunkt Dogmengeschichte. Außerdem wirkte er als Wissenschaftsorganisator in Preußen.Siehe Wikipedia.org [149], der im Gegensatz zu Kaftan noch sehr jugendlich aussah. Als ich von Buckau zurückkehrte, traf ich mit Delitzsch zusammen, der eben von einer Predigt des jungen Harnack kam, und sehr davon angetan war. Ich selbst habe ihn nicht predigen hören. Wohl aber sah ich beide, Kaftan wie Harnack, oft mit Schürer zusammen.


[141] Das Konvikt war ein historischer Bau der Universität Leipzig auf dem Gelände des ehemaligen Paulinerklosters, der von 1844 bis 1892 bestand. Mit Konvikt oder Konviktorium wurde an mittelalterlichen Universitäten der Raum bezeichnet, in dem meist ärmere Studenten ihre Essensversorgung erfuhren.<
[142] Die Sängerschaft Arion-Altpreußen ist eine Studentenverbindung im Dachverband der Deutschen Sängerschaft. Sie führt die Traditionen der Leipziger Sängerschaft Arion fort.
[143] Das Kutschkelied ist ein Soldatenlied aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Es beginnt mit dem Reim eines Jenaer Studentenliedes von 1814: Was kraucht dort in dem Busch herum? Ich glaub', es ist Napolium!, der dann auf den französischen Kaiser Napoleon III. bezogen wurde. Verfasser des Lieds war angeblich ein Füsilier Kutschke.
[144] Die Bekenntnisse (lat. Confessiones) sind autobiographische Betrachtungen des christlichen Kirchenlehrers Augustinus. Sie entstanden in den Jahren von 397 bis 401.
[145] Johann Georg Justus Perthes gründete im September 1785 in Gotha Justus Perthes' Verlagsbuchhandlung. Diese wurde im Januar 1953 durch den Rat der Stadt Gotha (DDR) entschädigungslos enteignet.
[146] Repetent ist ein fortgeschrittener Studierender, Gehilfe oder bereits Graduierter, der die in den Kollegien vorgetragenen Stoffe mit den jüngeren Studenten wiederholt.
[147] Isaak August Dorner (1809-1884) war ein protestantischer Theologe.
[148] Julius Wilhelm Martin Kaftan (1848-1926) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er wurde in Leipzig 1872 promoviert und habilitierte sich dort 1873.
[149] Adolf von Harnack (1851-1930) war ein protestantischer Theologe und Kirchenhistoriker mit dem Schwerpunkt Dogmengeschichte. Außerdem wirkte er als Wissenschaftsorganisator in Preußen.