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Kairo 1961-1966, Kapitel 6

Freizeit in Kairo

Etwa 100 Meter südlich des Schülerheims begann das Gelände des Gezira Sporting ClubsLogoDer Gezira Sporting Club (arabisch نادى الجزيرة الرياضى, DMG Nadi al-ǧazyrah al-reyādī) ist das größte Freizeitgelände Ägyptens. Es befindet sich auf der Insel Gezira in Kairo und hat eine Fläche von 0,6 km2.Bild: Früheres Logo des Clubs, siehe auch Artikel der Wikipedia.org, von uns einfach nur der Club genannt. Er hat große, immer grüne, mit Nilwasser bewässerte Rasenflächen, gesäumt von Akazien und Eukalyptusbäumen, auf denen sich Milane, Aaskrähen und Wiedehopfe tummelten. Ein Leichtathletikplatz, ein 50-m-Schwimmbad, Tennisplätze und ein Golfplatz nahmen einen großen Teil des Areals ein. Auch einen Center Court gab es, in dem internationale Tennisturniere stattfanden. Ich kann mich noch erinnern, dass dort im März 1963 ein Turnier stattfand, an dem auch bekannte deutsche Tennisspieler teilnahmen. Ich erinnere mich an den damaligen deutschen Tennisstar Wilhelm Bungert. Und ein paar hübsche Tennisspielerinnen waren auch dabei.

Die Schule hatte einen Vertrag mit dem Club geschlossen, um dort den Sportunterricht durchzuführen. Auch die Bundesjugendspiele, die wir als Schüler einer deutschen Schule nach bundesdeutschem Reglement durchführten, wurden dort ausgetragen. Außerdem bekamen alle Heimschüler für zehn LE pro Jahr eine Mitgliedschaft. Das war ein echter Freundschaftspreis. So verbrachten wir hier einen Großteil unserer Freizeit. Wir konnten schwimmen gehen (Bild 2) oder Tennis oder Volleyball spielen. Wir konnten aber auch einfach nur im Lido sitzen, einen arabischen Kaffee mit Kardamom schlürfen und den Tag genießen. Das Lido ist ein Bereich mit Restaurant und Schwimmbad, der mitten im Club liegt. Dort habe ich ein Trauma bekommen, und das kam so: Den arabischen Kaffee trinke ich gern mit viel Zucker. Der Zucker stand dort in einem Zuckerspender auf jedem Tisch. Arglos kippte ich mir Zucker in den Kaffee – und plötzlich hatte ich eine Zigarettenkippe in der Tasse. Seitdem gucke ich den Zuckerspendern immer in den Hals, bevor ich Zucker nehme.

Bis November einschließlich war es noch warm genug zum Schwimmen. Es kostete zusätzlich eineinhalb Piaster für 15-jährige, ab 16 Jahren fünf Piaster. Anfangs habe ich mich noch als 15-jähriger durchgemogelt, obwohl ich schon 16 war. Aber mein Vater schrieb mir, dass er die dreieinhalb Piaster für die Wahrheit gerne dazu zahlt und gab mir mit auf den Weg, nicht kleinlich zu sein.

Einmal überredete mich ein Heimschüler, uns heimlich Mopeds auszuleihen und damit durch Kairo zu düsen. Ich besaß damals noch keinen Führerschein, aber den brauchte man für ein Moped auch nicht. Wir sausten die Corniche runter, dann am Hilton und am Ägyptischen Museum vorbei, in dem ich viel zu selten war, obwohl es quasi vor der Tür lag, und bogen auf die Qasr-el-Nil-Bridge ab. Neben mir fuhr ein LKW, der mich in dieser Rechtskurve immer weiter an den Kantstein drängte. Ich weiß nicht mehr, wie ich aus dieser prekären Situation rausgekommen bin. Es muss mir aber gelungen sein, irgendwie zu bremsen und einen Zusammenprall zu vermeiden. Dass mir dieser Vorfall noch heute in den Knochen steckt, zeigt, wie kritisch dieses Erlebnis war.

Unsere Freizeit konnten wir auch im Deutschen Kulturinstitut verbringen, so wurde das Kairoer Goetheinstitut genannt. Dort gab es regelmäßig kulturelle Veranstaltungen (Bild 3 Eintrittskarte). Es gab Ausstellungen, Lichtbildervorträge, Filme wurden gezeigt oder Lesungen und Konzerte von deutschen Künstlern angeboten. Ich erinnere mich noch an Namen wie Hans Magnus Enzensberger, Kurt Edelhagen, Klaus Doldinger und andere. Natürlich sind wir auch in die örtlichen Kinos in die Filme in englischer Sprache gegangen. Der Programmablauf war typisch englisch: Erst kam die Nationalhymne, dann zwei Filme hintereinander. Aber das Angebot an interessanten Filmen war nicht so berauschend.

Und wenn wir schon mal im Stadtteil Bab el-Luq waren, besuchten wir gern das GroppiGroppiBy David Lisbona from Haifa, Israel (The famous Groppi's cafe in Talaat Harb square) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons am damaligen Soliman-Pascha-Platz (heute: Talaat-Harb-Platz), das traditionsreiche Café eines Tessiners, der sich in den späten 1920er Jahren in Kairo niedergelassen hatte. Oder wir gingen ins Löwenbräu.

Im März 1963 haben wir sogar mehrmals im Rahmen der Saison Lyrique Italienne die Kairoer Oper besucht. Einer der Heimschüler, dessen Vater für die UNRWA tätig war, hatte nämlich einen UN-Ausweis. Mit dem kam er günstig an die Opernkarten. Auf diese Weise haben wir The Seven Beauties, Aida (Autogrammkarte 5), La Bohème, La Traviata und den Barbier von Sevilla gesehen. Verstanden habe ich kein Wort – denn alles war auf Italienisch. Aber hinterher haben wir uns von den Akteuren Autogrammkarten geholt. – Zum Opernfan hat es aber nicht gereicht. Ich habe nie verstanden, warum sich die handelnden Personen stundenlang ansingen, statt zu Potte zu kommen.

Ein Unterschied zu einem gewöhnlichen Internat bestand auch darin, dass wir Tiere halten durften. Zwei Schüler, deren Eltern in Khartum lebten, hatten sich eine Voliere gebaut, in der sie Wellensittiche, Zebrafinken und andere exotische Vögel aus dem Sudan hielten. Auf dem Club-Gelände fingen sie einmal zwei junge MilaneLesen Sie auch: Unsere Menagerie ein, die sie mit Kamelfleisch aufpäppelten (Bild 6), und ich fing eine junge Aaskrähe ein, die Hackfleisch bekam (Bild 7). Ich kann mich nicht mehr an deren weiteres Schicksal erinnern. Ich hoffe, dass wir sie schließlich in die Freiheit entlassen haben. Auch ein Bienenschwarm legte einen Zwischenstopp auf dem Dach des Heims ein. Erik und ich fingen ihn ein und gaben ihm auf dem Dach ein Zuhause. – Und ein anderer Schüler hatte einen Skorpion im Terrarium.

Der Milan (Mai 1962)

Bild6: Der Milan (Mai 1962)
Die Aaskrähe (Mai 1962)

Bild7: Die Aaskrähe (Mai 1962)