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Kairo 1961-1966,
Kapitel 9
Neuer Wind im Schülerheim

In meinem zweiten Heimjahr 1962/63, ich war inzwischen 17 Jahre alt, kam nun auch mein eineinhalb Jahre jüngerer Bruder Thomas ins Schülerheim. Damit endete seine verlorene Zeit, wie er seine beiden Schuljahre in Jerusalem nannte. Ich konnte diese Sicht nie teilen, denn ich habe die Zeit in Jerusalem immer als Bereicherung empfunden. – Auch ich freute mich, dass er jetzt im Schülerheim in Kairo war.

Neben Thomas kamen noch einige andere Jungen ins Schülerheim, sodass ihre Zahl auf 23 stieg. Zusammen mit den fünf Mädchen waren wir also 28 Heimschüler. Damit war die Kapazitätsgrenze der alten Villa überschritten. So wurden die fünf Mädchen ausgegliedert. Die Schule mietete eine Wohnung ganz in der Nähe des Heims an, in der die Mädchen zusammen mit der Lehrerin Annemarie Preisser untergebracht wurden, die auch den Tanzkurs der Schule leitete. Die Mädchen aßen aber weiterhin im Heim und es gab gemeinsame Veranstaltungen.

Nicht nur wegen des Auszugs der Mädchen begann im Schülerheim ein neuer Wind zu wehen. Wir bekamen neue Heimleiter. Es war das Ehepaar Irmhild und Robert W., beide Ende dreißig, nebst Cockerspaniel aus Cuxhaven. Dort in der Nähe hatten die beiden bereits ein Heim geleitet, und das hatte sie wohl für diese Aufgabe qualifiziert. Außerdem waren beide Lehrer, sie lehrte Naturwissenschaften, er lehrte Kunst.

Frau W., die meine Klassenlehrerin wurde, war sehr nett und souverän. Aber leider konnte man das von Herrn W. überhaupt nicht behaupten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Herrn Oesterreich, der eine Persönlichkeit und stattlich von Gestalt war, war Herr W. körperlich eher klein, kleiner als seine Frau, und überhaupt nicht souverän. Obwohl wir für das Wecken den Gong hatten, lief er morgens mit dem Ruf Reise, Reise durchs Haus. Wir fanden das merkwürdig bis affig, und er hörte auch ziemlich bald damit auf. Später fand ich heraus, dass das wohl ein seemännischer Weckruf war, der sich von arise (aufstehen) ableitet.

Die Regeln im Heim wurden strenger. Wenn Herr W. ein verdächtiges Geräusch im Haus hörte, flitzte er im Affenzahn die Treppe hoch. Dann gab es eine Standpauke. Wir gewöhnten uns deshalb an, in solchen Fällen sofort das Zimmer oder besser noch das Stockwerk zu wechseln, sofern dafür die Zeit blieb.

Abends mussten wir pünktlich im Heim sein. Und wir durften nicht mehr außen am Balkon hochklettern, wenn die Haustür verschlossen war, sondern mussten klingeln. In der Ära Oesterreich wurde das Klettern noch toleriert. Zwei Schüler, die das trotzdem gemacht hatten, bekamen eine Standpauke von Herrn W. und er verkündete allen, dass derjenige, der das noch einmal tun würde, auf demselben Wege wieder mitsamt seiner Koffer hinausgehen würde. Damit hatte er sich selbst in die Zwickmühle gebracht.

Vor allem mit den älteren Schülern hatte er ein Autoritätsproblem. Als dann im Oktober zwei Schüler der Oberprima nach einer Party am frühen Morgen um halb eins von außen über den Balkon kletterten, war das Fass voll. Wohl um den Rest seiner Glaubwürdigkeit zu wahren, musste Herr W. nun darauf bestehen, dass sie das Heim verlassen. Alle Lehrer und die offiziellen Heimvorsitzenden waren zwar gegen den Rausschmiss, aber die Buschtrommel verkündete, dass Herr W. sie mit seinem Rücktritt erpresst hatte. So nahmen sich die beiden Oberprimaner dann eine Wohnung in der Nähe der Mädchenwohnung und zogen noch einen weiteren Heimschüler mit. – Wie sehr die nationalsozialistische Denke noch in den Köpfen steckte, zeigte die Reaktion des Vaters des einen Oberprimaners, eines deutschen Diplomaten. Er witzelte nach dem Rauswurf seines Sohnes über den jüdisch klingenden Nachnamen von Herrn W.

Unsere zwei Heimpartys pro Jahr blieben uns trotz Herrn W. erhalten. Die Faschingsparty war bei allen sehr beliebt, auch bei Schülern außerhalb des Heims, die wir dazu einladen konnten. Natürlich machten auch unsere Heimmädchen mit. Es war die Zeit, in der Cliff Richard mit seinen Songs A Girl Like You, Lucky Lips und Trini Lopez mit If I had a Hammer in waren, die Beatles aber mit Love Me Do und Twist and Shout schon ihren unaufhaltsamen Aufstieg begannen.

Für eine dieser Partys dichteten wir den Song von Cissy Kraner Aber der Novak lässt mich nicht verkommen in Aber der Robert lässt uns nicht verkommen um und bauten dabei allerlei ein, was Herr W. uns verboten hatte. Die Umdichtung wurde mit viel Applaus bedacht. Auch Herr W. nahm es schließlich mit Humor. Was blieb ihm auch übrig.

Bei der Sphinx am Fuße der Cheops-Pyramide wurde für die Touristen regelmäßig eine Show mit dem Titel Son et Lumiere veranstaltet. Vor der Sphinx war ein Block mit Stuhlreihen aufgebaut. Über riesige Lautsprecher beschallte ein Tonband die dort sitzenden Touristen mit der ägyptischen Geschichte, erzählt von der Sphinx persönlich, während gleichzeitig Sphinx und Pyramide in bunten Farben angestrahlt wurden. Ich empfand solche Veranstaltungen als hochgradig kitschig und habe deshalb die Show nie besucht. Die Cheops-Pyramide habe ich aber bestiegen, allerdings nur ein einziges Mal. Das war in diesem Schuljahr kurz vor Weihnachten. Wir bestiegen die Pyramide am Abend, sodass wir um 22 Uhr auf der Spitze waren. Von dort aus hatten wir einen grandiosen Blick auf das Lichtermeer von Kairo und uns zu Füßen die Sphinx im Mondlicht. Aber der Blick fast senkrecht nach unten ging mir direkt in den Magen. Erst wenn man oben ist, bekommt man ein Gefühl dafür, wie steil die Pyramide ist. Nach dem schweren Abstieg war ich froh, wieder unten zu sein.

Das diesjährige Zeltlager des Schülerheims fand Anfang Mai 1963 statt. Es ging nach El AlameinEl-Alamein (arabisch العلمين, DMG al-ʿAlamain) ist eine ägyptische Kleinstadt an der Küste des Mittelmeers, knapp 110 km westlich von Alexandria und 240 km nordwestlich von Kairo, mit 5786 Einwohnern (1996).Siehe Wikipedia.org, das westlich von Alexandrien an der Mittelmeerküste liegt. Dort gibt es eine etwa einen Kilometer breite Senke, die sich gut zehn Kilometer entlang der Küstenlinie erstreckt. Zwischen der Küste und der Senke liegt ein etwa 200 Meter breiter Sandstrand, der in leichten Dünen ins flache Meer übergeht. Dort bauten wir unser Zeltlager auf.

Das Mittelmeer war ein echtes Kontrastprogramm zum Roten Meer. Hier ein typischer Kinderstrand mit feinem Sand. Bis wir schwimmen konnten, mussten wir 100 Meter ins Wasser gehen. Keine Unterwasserwelt zum Tauchen und Schnorcheln. Dort ein steiniger Strand, schnell abfallendes Ufer, sodass man bereits nach wenigen Metern die Korallenwelt mit ihren bunten Fischen beobachten konnte.

Aber es gab auch Gemeinsamkeiten zwischen El Alamein und Ain Suchna: Der Strand war so heiß, dass man sich beim Barfußlaufen die Fußsohlen verbrennen konnte. Wer keine Badelatschen hatte, zog am Mittelmeer seine Füße maulwurfartig durch die kühleren Schichten des Sandes. Und beide Orte waren damals total einsam, es gab nichts als Wüste. Heute ist dort, wie ich im Internet feststellen konnte, alles mit riesigen Hotelkomplexen vollgebaut.

Es gehörte zum Pflichtprogramm, das zehn Kilometer nordwestlich unseres Zeltlagers unweit der Küste auf einer Anhöhe das 1959 erbaute deutsche Ehrenmal zu besuchen, ein oktogonales Kastell aus hellem Kalkstein. Die Gebeine von rund 4.000 gefallenen Deutschen wurden hier zusammengetragen. Auch das britische Ehrenmal gehörte zur Pflicht. Es befand sich etwa drei Kilometer von unserem Zeltlager entfernt jenseits der Senke, umgeben vom britischen Soldatenfriedhof, auf dem über 7.000 britische Soldaten liegen. Die Gedenkstätten waren sehr beeindruckend, aber die Dimension dieser Schlacht wollte keiner so recht an sich heranlassen. Für uns Schüler war viel interessanter, sozusagen die Kür von El Alamein, was sich jenseits der Küstenstraße befand: das Schlachtfeld der legendären Schlacht von El AlameinDie zweite Schlacht von El Alamein war eine entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz und fand zwischen dem 23. Oktober und dem 4. November 1942 bei El-Alamein in Ägypten zwischen Verbänden der Panzerarmee Afrika unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel und der britischen 8. Armee unter Lieutenant General Bernard Montgomery statt.Siehe Wikipedia.org. Dort lagen zerschossene Fahrzeuge, Panzer und Lafetten herum und man konnte noch Gefechtsstellungen erkennen. Aber wir wurden dringend angehalten, uns nur auf den ausgefahrenen Pisten zu bewegen, die durch das Schlachtfeld führten, denn man vermutete dort noch viele Blindgänger und Landminen. Dem Risiko wollte sich keiner von uns aussetzen.

Dann begannen endlich unsere dreimonatigen Sommerferien, und nach drei Jahren Auslandsaufenthalt im Vorderen Orient gab es für meine Eltern und uns Söhnen endlich Heimaturlaub (siehe hierzu meine Geschichte Breaking NewsIm Sommer 1963 flogen meine Eltern, mein Bruder und ich nach Deutschland, denn nach drei Jahren Auslandsaufenthalt…). Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als das Flugzeug über Frankfurt durch die Wolkendecke brach und die Sicht auf die Erde frei wurde. ‒ Es war alles grün! Ein überwältigend emotionaler Augenblick!