© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Hannover, 1877-1880 — Tage des Abschiednehmens

Teil 8 - Hannover, 1877-1880
Kapitel 17
Tage des Abschiednehmens

Die folgenden Tage standen nun unter dem Zeichen des Abschiednehmens. Einspruch gegen meine Ernennung war in Moisburg nicht erfolgt, und so wurde meine Einführung auf den 4. Advent angesetzt. Am 3. Advent predigte ich zum letzten Mal in der Schlosskirche, am Schluss meiner Predigt mich mit wenigen Worten vor der Gemeinde verabschiedend. Hinterher war ich bei Uhlhorns zu Tisch. Im Stift hielt ich meine Abschiedspredigt am darauffolgenden Bußtag - auch meine erste Predigt in der Kapelle des neuen Hauses war eine Bußtagspredigt gewesen. An dem Tage war ich bei Freytags zu Tisch. Am Abend nach dem Gottesdienst wurde mir im Stift noch eine kleine Abschiedsfeier bereitet. Ich erhielt ein Bild vom Innern der Schlosskirche und eine von den Gehilfinnen gearbeitete Decke für Gartenmöbel. Auch mit Strümpfen wurde ich noch versorgt.

Am Tage darauf, Donnerstag den 16. Dezember, hielt ich morgens noch die Hausandacht in der Stiftskapelle, nahm von den Kranken, Kindern, Gehilfinnen und Vorsteherinnen Abschied, und hinaus gings, der ungewissen Zukunft entgegen.

Es waren, wenn auch nicht immer ganz leichte, so doch reiche und anregende Jahre, die ich in Hannover verlebt hatte. Ich fühlte, dass ich im Herzen der Landeskirche lebte, von der das Leben in die verschiedenen Landesteile hinausströmte und wohin es von da zurückströmte. Wie viel Anregung boten nicht allein die Vorträge des evangelischen Vereins, die jeden Winter im Vereinshause veranstaltet wurden. Erinnerlich ist mir u. a. besonders der Vortrag von Rotermund über Gregor VII., von August (Rabbel-)Meyer über Franz von Assisi, von Leimbach über Calvin, von Lyra über Melanchthon, von Rudolf Bückmann über die Mirakel der römischen Kirche sowie die beiden glänzenden Vorträge über Humanität und Christentum von Niemann. Auch Friedrich Ehrenfeuchter hielt einen Vortrag, und zwar über Erasmus. Die Krone aber war wohl doch der von Uhlhorn über die christliche Liebestätigkeit im Mittelalter. Onkel Wilhelm [Rogge] aus Barmen war bei diesem Vortrag gerade da und war auch ganz erfüllt von ihm. Er beauftragte mich hinterher, Uhlhorn zu fragen, woher er das Material zu demselben habe. Uhlhorn sagte mir, das Material habe er sich eben aus den verschiedensten Gebieten zusammengesucht, Vorarbeiten existierten über diesen Gegenstand noch gar nicht. Zugleich teilte er mir mit, wer in der Ausarbeitung eines Werks über die christliche Liebestätigkeit überhaupt begriffen sei. Auch auf Konferenzen oder bei andern Gelegenheiten machte er wohl Mitteilungen über das, was er in der patristischen und der kasuistischen Literatur des Mittelalters über diesen Gegenstand gefunden. Der evangelische Verein beschränkte sich übrigens bei den von ihm veranstalteten Vorträgen nicht auf die Landeskirche, sondern holte sich die Redner auch von außerhalb. So hörte ich einen Vortrag von Max FrommelMax Frommel (1830-1890) war ein evangelisch-lutherischer Theologe und Autor, Generalsuperintendent und Konsistorialrat in Celle.Siehe Wikipedia.org [64], damals noch in Ispringen, über Paulus, der große Apostel, sehr farbenreich und künstlerisch vollendet. übrigens hielt er diesen Vortrag, wie das seine Gewohnheit war, an verschiedenen Orten, diesen an nicht weniger als zwölf. Luthardt, der das gehört, hatte sich geäußert: Na, da wird er den großen Paulus wohl klein gekriegt haben. Einen sehr interessanten Vortrag hörte ich auch von Weber-Ilsenburg über die Sprache der Steine, in dem er uns durch die berühmtesten kirchlichen Bauten Deutschlands führte.

Nicht selten sah ich dann die Vortragenden vorher oder nachher auch am Vereinshaustisch, der überhaupt den Durchgangspunkt für allerlei durchreisende Leute bildete und mir manche interessante Bekanntschaft vermittelte. Einige habe ich schon erwähnt. Ein oft und gern gesehener Gast am Vereinshaustisch war Herr von Stoltzenberg-LuttmersenRudolph von Stoltzenberg (1832-1901) vom Rittergut Luttmersen war der Onkel seiner späteren Frau Elisabeth Borchers. [65], der sich sehr nett und freundschaftlich zu uns Kollaboratoren stellte und dessen FrauEleonore von Oheimb (1841-1928) [66] in Begleitung seiner jüngsten Schwester HermineHermine von Stoltzenberg (* 1838) war Stiftsdame im Stift Fischbeck. [67] eine Zeitlang im Vereinshaus Wohnung nahm, da sie eine Kur im Henriettenstift gebrauchte. Von den beiden Damen wurde mir meines jugendlichen Aussehens wegen der Name Hirtenknabe beigelegt. Seine älteste Schwester, die Oberin Irmgard von StoltzenbergIrmgard von Stoltzenberg (* 1827) war Diakonisse. [68], war wiederholt Gast im Friederikenstift, mit dessen Vorsteherinnen sie befreundet war. Ich freute mich jedes Mal über ihren Besuch, denn die Unterhaltung mit ihr war immer höchst anregend, und wir freundeten uns ordentlich an, nicht ahnend, dass wir später in nähere Beziehungen zueinander treten sollten. Auch die im ersten oder zweiten theologischen Examen Stehenden logierten vielfach im Vereinshaus, und ich lernte beispielsweise bei dieser Gelegenheit den nachmaligen Professor LoofsFriedrich Loofs (1858-1928) war ein evangelischer Kirchenhistoriker.Siehe Wikipedia.org [69] in Halle kennen, der - seit Bückmann der Erste - im ersten Examen die Eins erhalten und der mir schon damals durch sein gewandtes, liebenswürdiges Wesen auffiel. Häufige Gäste waren außerdem die Mitglieder der Subkommission zur Ausarbeitung des neuen Gesangbuchs, Direktor Ebeling aus Celle, Pastor Dieckmann aus Lehe, der nachmalige Superintendent in Verden und Pastor Wendebourg aus Lewe-Liebenburg, den ich übrigens schon im Sommer 1877 auf einem Missionsfest in Braunschweig, bei dem ich als Gast des Abts Thiele war, kennen gelernt hatte. Auch die Mitglieder der großen Gesangbuchskommission kamen gelegentlich nach Hannover, so Superintendent Beyer aus Lüneburg und Pastor HafermannMartin Hafermann (1833-1899) war Pastor in Victorbur. [70] aus Viktorbur, der Herausgeber des Kalenders Christopherus der Stelzfuß. Steinmetz logierte zwar nicht im Vereinshaus, aber er besuchte mich wohl im Friederikenstift, und hier wie in Göttingen, wo ich ihn wiederholt besuchte, konferierte ich mit ihm über die Gesangbuchsache, wobei ich Gelegenheit hatte, die Gründlichkeit zu bewundern, mit der er das Gebetbuch bearbeitete und mich unserer weitgehender übereinstimmung in Sachen des Gesangbuchs zu freuen.

übrigens durfte ich auch einige bescheidene KärrnerdiensteKärrner (Wagenzieher, von Karren) steht für harte körperliche Arbeit. Der Begriff wurde auf anstrengende, zähe körperliche Arbeit allgemein übertragen. Er wird aber auch im figurativen Sinne benutzt, wenn eine Problemlösung besondere Anstrengungen erfordert.Siehe Wikipedia.org [71] bei Schaffung des neuen Gesangbuchs tun. Uhlhorn beauftragte mich, eine Tabelle zusammenzustellen, in der neben den Liednummern des Gesangbuchentwurfs die Nummern der betreffenden Lieder in andern Gesangbüchern, teils der bisher im Hannoverschen gebräuchlichen, teils einer Anzahl neuerer anderer, Aufnahme fanden. Ich glaube, es waren 18 verschiedene Gesangbücher, die auf diese Weise verglichen werden mussten, und ich hatte zu diesem Zweck mehrere Wochen hindurch täglich einige Stunden auf dem Landes-Konsistorium zu tun.

Nach den Erfahrungen des KatechismussturmsDer neue Katechismus war Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen im ganzen Land. Der Widerstand entzündete sich inhaltlich vor allem an der Einzelbeichte mit Lossprechung durch einen Pastor.Siehe Wikipedia.org [72] von 1862 war man auf einen Gesangbuchssturm gefasst. Einige Sturmvögel zeigten sich auch. So eine Broschüre des Schulinspektors Backhaus in Osnabrück, der aus der Gesangbuchskommission, in die er mir unbegreiflicherweise hineingewählt worden war, ausgetreten war. So das so genannte Osnabrücker Flugblatt, das einige Kraftstellen des neuen Gesangbuchs, wobei bezeichnenderweise Paul Gerhardt besonders reichlich bedacht war, den Leuten zum Schaugericht und zur Erweckung gerechten Gruselns zusammenstellte und das verschiedenen Zeitungen beigegeben wurde, aber teilweise das Gegenteil des beabsichtigten Erfolgs erzielte. So wurde erzählt, dass ein altes Mütterchen seine Freude darüber ausgesprochen hätte, dass die Zeitung so wunderschöne Lieder gebracht hätte. Ein Sturmsignal schien auch die Verhandlung auf der Bezirkssynode Osnabrück zu sein, auf der Uhlhorn übel mitgespielt wurde und die dann ein Nachspiel für Pastor Regula in Osnabrück haben sollte. Aber der Sturm wurde glücklich abgeschlagen durch die kluge Taktik des Pastor Wendebourg, der sich mit einem ihm persönlich bekannten Mitgliede der Redaktion des Hannoverschen Kuriers, des stimmführenden Blattes des Hannoverschen Liberalismus, das überhaupt vor der Zeit eine bemerkenswert gemäßigte Haltung zeigte, in Verbindung setzte.

Von zwei anderen ins kirchliche Leben spielenden Ereignissen, aber nur persönlicher Art, wurde in dieser Zeit, von dem einen ich, von dem andern das Friederikenstift berührt: Das eine war der Anschluss des lieben, trefflichen Alpers an die apostolische Gemeinde. Alpers, eine anima candida im besten Sinne des Wortes, hatte von jeher etwas Schwarmgeistiges. Einst, als ich ihn gelegentlich der Pfingstkonferenz als Logiergast in das Friederikenstift mitbrachte und wir in Gegenwart der Damen lebhafte Diskussionen gehabt hatten, machten mir dieselben am andern Tage das Kompliment: Sie kamen uns ordentlich alt und vernünftig vor gegen Pastor Alpers. Er war damals zweiter Pastor in Gehrden und verheiratet mit der Tochter des irvingianischen Professors Wigand in Marburg. Sein Spezialkollege Lyra äußerte, als ich mit ihm über Alpers sprach, seine Frau spräche sich eigentlich viel nüchterner aus als er. Ich lernte sie im Lyraschen Hause bei einem Missionsfest in Gehrden kennen. Alpers lehnte in einer Erwiderung die von der Pastoralkorrespondenz gebrachte Nachricht, dass er zur Sekte der Irvingianer übergetreten sei, mit dem Bemerken ab, das wäre ebenso Unrecht als wenn man von den Israeliten, die sich der durch Johannes den Täufer angefachten Bewegung angeschlossen, gesagt hätte, sie seien aus der Gemeinde Israel zu einer Sekte übergetreten, eine Sekte der Irvingianer kenne er nicht. Ich suchte ihn einmal auf das Unzutreffende dieses Vergleichs aufmerksam zu machen. Er erwiderte mir, wenn ich Predigten in der apostolischen Gemeinde gehört hätte, würde ich anders urteilen. Hier sei Heiliger Geist, während in den gewöhnlichen Predigten der Landeskirche Kunst und Mühe sei. Er wurde von der Kirchenbehörde eine Zeitlang getragen. Als er eine Weihe in der apostolischen Gemeinde angenommen hatte, war das nicht mehr möglich.

Der andere Fall, den ich meine, war der gleichzeitig erfolgte übertritt des Pastors EversGeorg Gotthilf Evers (1837-1916) war ein lutherischer Pfarrer, der zur katholischen Kirche konvertierte und sich dann als Schriftsteller betätigte.Siehe Wikipedia.org [73] in Urbach, zufällig eines Sohnes eines früheren Gehrdener Geistlichen, zur römischen Kirche. Uns berührte der Fall, weil Evers eine Schwester meines Vorgängers Müller zur Frau hatte. Müller war in der Angelegenheit in Hannover beim Konsistorium und besuchte uns im Friederikenstift. Er war natürlich ganz zerbrochen. Erfolg hatten seine Bemühungen wie bekannt nicht. Evers wurde in der Folge einer der giftigsten Verleumder Luthers und übertraf selbst einen Janßen noch an Bösartigkeit.


[64] Max Frommel (1830-1890) war ein evangelisch-lutherischer Theologe und Autor, Generalsuperintendent und Konsistorialrat in Celle.
[65] Rudolph von Stoltzenberg (1832-1901) vom Rittergut Luttmersen war der Onkel seiner späteren Frau Elisabeth Borchers.
[66] Eleonore von Oheimb (1841-1928)
[67] Hermine von Stoltzenberg (* 1838) war Stiftsdame im Stift Fischbeck.
[68] Irmgard von Stoltzenberg (* 1827) war Diakonisse.
[69] Friedrich Loofs (1858-1928) war ein evangelischer Kirchenhistoriker.
[70] Martin Hafermann (1833-1899) war Pastor in Victorbur.
[71] Kärrner (Wagenzieher, von Karren) steht für harte körperliche Arbeit. Der Begriff wurde auf anstrengende, zähe körperliche Arbeit allgemein übertragen. Er wird aber auch im figurativen Sinne benutzt, wenn eine Problemlösung besondere Anstrengungen erfordert.
[72] Der neue Katechismus war Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen im ganzen Land. Der Widerstand entzündete sich inhaltlich vor allem an der Einzelbeichte mit Lossprechung durch einen Pastor.
[73] Georg Gotthilf Evers (1837-1916) war ein lutherischer Pfarrer, der zur katholischen Kirche konvertierte und sich dann als Schriftsteller betätigte.