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Moisburg, 1880-1888 — Die Inspektion Harburg und ihre Geistlichen

Teil 9 - Moisburg, 1880-1888
Kapitel 5
Die Inspektion Harburg und ihre Geistlichen

Wir waren nämlich inzwischen definitiv zur Inspektion Harburg geschlagen worden. Hollenstedt war post tot discrimina rerumNach so vielen Unterschieden in den Dingen. Gemeint ist wohl: nach so viel Unruhe. [15] im Sommer wieder besetzt worden. Dreimal hatte sich das Landeskonsistorium einen Korb geholt. Die große Arbeit und die geringe Einnahme schreckte die Bewerber ab. War die Dotation ohnehin nur mäßig, so wurde dieselbe noch durch die Abgabe an den Emeritus beschnitten. Dass hier aber ein Missverhältnis zwischen Arbeit und Arbeitslohn obwaltete, war dem Kirchenvorstand nicht so leicht begreiflich zu machen. Pflegt doch zumal den Landgemeinden die Auffassung im Blute zu liegen, dass ihre Pfarrstelle von allen die beste und Begehrenswerteste sei. So war ich auch anfangs mit der Anregung, die Einnahme wenigstens auf 800 Taler zu bringen, nicht durchgedrungen. Erst als der Erstgenannte abgelehnt hatte, bequemte sich der Kirchenvorstand zu dem erforderlichen Beschlusse und wäre, als weitere Ablehnungen erfolgten, auch noch bis zu 900 Taler gegangen, wenn nicht zur guten Stunde ein wieder Ernannter angenommen hätte. Das war Pastor Rudolf BorchersRudolf Borchers (1852-1912), Halbbruder seiner späteren Frau Elisabeth Borchers [16] in Eldingen, den ich von früher her flüchtig kannte. Ich hatte bei seiner Ordination assistiert. In der ganzen Landeskirche bekannt war aber sein Vater [Rudolph Borchers]Rudolph Borchers (1820-1887), Vater seiner späteren Frau Elisabeth Borchers [17] Pastor in Sinstorf bei Harburg. Schuster hatte seiner in seiner Schrift über das Loccumer Hospiz, die er während meiner Loccumer Zeit herausgegeben, besonders rühmend Erwähnung getan, weil er wiederholt besonders tüchtig vorgebildete Kandidaten erhalten hatte, die vorher durch das Borchersche Haus gegangen waren. Außerdem war Pastor Borchers bekannt als einer der wärmsten und tätigsten Freunde der Hermannsburger Mission. Ich hatte ihn nur einmal flüchtig gesprochen, als er als Vormund der Kinder des verstorbenen Pastors Hoffmann in Harburg in Hannover bei Uhlhorn vorsprechen wollte, um dessen Hilfe zur Herausgabe von Predigten aus Hoffmanns Nachlass zu erbitten und weil er Uhlhorn nicht antraf, mich ersuchte, denselben dafür zu interessieren. Die Sache hatte übrigens keinen Erfolg gehabt, da Uhlhorn meinte, bei der Fülle der Predigtliteratur werde es schwer halten, einen Verleger zu finden, noch mehr einen namhaften Ertrag für die Hinterbliebenen zu erzielen. Ich sah ihn dann bei der Einführung seines Sohnes am 21. August wieder und benutzte die zwei Tage später in Winsen an der Luhe stattfindende Wahl zur Landessynode, um auf dem Rückwege von da, weil ein mehrstündiger Aufenthalt in Harburg mir es ermöglichte, in Sinstorf Besuch zu machen. Gehörten wir doch jetzt zu einer Inspektion, und abgesehen von Harburg selbst war Sinstorf von uns aus der am leichtesten zu erreichende Ort der alten Harburger Inspektion. Dazu hatte Kastropp stets mit solcher Verehrung von dem Borchersschen Hause gesprochen, dass ich begierig war, dasselbe kennen zu lernen. Ich fand meine Erwartungen auch voll bestätigt. Schon die Lage des Pfarrhauses, eines übrigens alten Strohdachhauses hinter einem geräumigen mit mächtigen Eichen bestandenen Hofe, gegenüber der auf der anderen Seite des Weges hoch gelegenen altertümlichen Kirche, machte einen überaus anheimelnden Eindruck. Weit mehr aber zog mich die Bewohnerschaft des Hauses und der ganze Geist und Ton, der in ihr herrschte, an. Die Frau Pastor, die uns auf der Diele empfing, eine geborene von Stoltzenberg, erinnerte mich in Aussehen und Wesen lebhaft an ihre Schwester, meine alte Freundin vom Friederikenstift her. Der Pastor, den ich nun erst in seinem Hause kennen lernte, waltete wie ein Patriarch darin. Eine ziemlich große, breitschultrige Gestalt mit einem Lutherkopf verband Energie und gemütvolles Wesen. Er hatte eine Art an sich, die einen ganz in Beschlag nahm. Seine Meinung äußerte er mit einer Entschiedenheit und Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch aufkommen ließ, und die doch nichts Verletzendes hatte, so dass der Einfluss, den er auf viele jüngere Theologen geübt, wohl verständlich war. Auch damals hatte er einen jungen Theologen im Hause, der auf der einen Seite die jüngste, damals achtjährige Tochter [Martha] unterrichtete, mit dem er aber auf der anderen theologisch arbeitete, um ihn zum Examen zu bereiten. Er war eine vorwiegend praktisch gerichtete Natur, hielt sich aber auch in Fühlung mit den Bewegungen in der theologischen Wissenschaft, wenn er auch nicht mehr eigentlich wissenschaftlich arbeitete. Dem Hause gehörten außer den erwähnten noch zwei erwachsene Töchter an, von denen die ältere [Wilhelmine] damals kurz vor ihrer Hochzeit mit Pastor Emil von Hanffstengel stand, dessen ich mich auch noch von der Universität her erinnerte, wenn ich ihn auch nicht mehr kennen gelernt hatte. Er war WingolfitDer Wingolfsbund ist ein Dachverband christlicher, überkonfessioneller, farbentragender, nicht schlagender Studentenverbindungen. Er ist der älteste Korporationsverband (seit 1844) in Deutschland und gilt als eine der ersten interkonfessionellen, ökumenischen Gemeinschaften.Siehe Wikipedia.org [18]. Außerdem traf ich noch einen Sohn [Friedrich Borchers], stud. theol., der seine Universitätsferien zu Hause verlebte, und der mir von Tübingen, wo er zuletzt studiert hatte, berichtete und mir gleich einem äußerst sympathischen Eindruck machte. Nach dem wir den Kaffee im Hause eingenommen hatten, ging der Pastor mit uns in den Garten hinter dem Hause und sprach mit uns über theologische und kirchliche Sachen, während der weibliche Teil der Familie im Hause blieb, wohl mit Aussteuerarbeiten für die ältere Tochter beschäftigt. Zum Abendessen konnten wir - mein nunmehriger Hollenstedter Nachbar [Rudolf Borchers] war auch mit herausgekommen, um seine Eltern in seiner neuen Stellung zu begrüßen - auch noch bleiben. Der Pastor präsidierte. Ich saß zwischen ihm und seiner ältesten Tochter, der älteste Sohn [Friedrich] mir gegenüber neben der Mutter. Auch bei Tisch war die Unterhaltung sehr lebhaft, und auch mein Hollenstedter Nachbar, der von Natur etwas Steifes hatte, taute auf.

Inzwischen war auch die Generalsuperintendentur Harburg neu besetzt worden, und der neue Generalsuperintendent , der nach Aufhebung der Inspektion Hollenstedt zugleich unser Ephorus war, bisher Superintendent zu Neustadt am Rübenberge, lud wenige Wochen später die Geistlichen seiner Inspektion zu einer Konferenz in sein Haus. Wir sahen ihm mit etwas gemischten Gefühlen entgegen. Er war eines der Häupter der Mittelpartei und galt als gewaltiger Streber. Kastropp und ich, die wir zusammen hinfuhren, gingen erst eine Weile vor der Generalsuperintendentur auf und ab, ehe wir uns entschlossen, in die Höhle des Löwen einzutreten. Wir waren die ersten, und er empfing uns freundlich, kam gleich auf persönliche Beziehungen zu Kastropp zu sprechen und redete mich auf mein Verhältnis zu Uhlhorn an, den er als seinen Freund zu bezeichnen liebte. Auch als eine größere Anzahl der Geistlichen beisammen war und die Unterhaltung einen allgemeineren Charakter annahm, machte seine Aussprache keinen ungünstigen Eindruck. Er gab sich jedenfalls nicht als den unbedingten Staatskirchler zu erkennen, als den das Vorurteil bei uns einen Mittelparteimann bezeichnete. Er verabredete mit uns Konferenzen, die bei einer Tasse Kaffee in seinem Hause stattfinden sollten. Vor allen Dingen wurde der Termin des noch in diesem Herbst stattfindenden Konvents bestimmt, sowie der Verhandlungsgegenstand, zudem er mir, wie ich bereits erwähnt, das Referat übertrug. Mich behielt er dann auch zum Abendessen da, wobei er mich seiner Frau, einer sehr korpulenten, gutmütig aussehenden Dame, als Uhlhorns Kollaborator vorstellte.

Beim Konvent lernte ich dann die ganze Inspektion Harburg kennen. Es waren meistens alte Herren, und da die Verbindung von unserer Hollenstedter Ecke nicht günstig war, ist es zu einem Verkehr zwischen uns und der alten Harburger Inspektion, so lange ich in Moisburg war, nicht gekommen. Ich bin, außer, wie gesagt nach Sinstorf sowie zu Archidiakonus Meyer in Harburg, einem feinen Mann, der um diese Zeit aus Eutin nach Harburg zu Beer in Wilhelmsburg kam, dem Bruder meines Vorgängers im Friederikenstift, und zu den beiden Hittfelder Geistlichen, zu niemand ins Haus gekommen. Auch meinen Freund Holscher, der als Kollaborator in Finkenwerder stand und mich von da aus auch einmal in Moisburg überfiel, habe ich nicht wieder besucht. Es war allerdings gerade dorthin zur Winterzeit wenigstens kaum zu kommen, und ehe der Frühling wieder ins Land kam, hatte Hollscher längst eine eigene Pfarre nahe seiner Heimat. In Hittfeld war erster Geistlicher Lauernstein, Vater meiner beiden Universitätsbekannten, nicht ganz so kolossal wie seine Söhne, aber immerhin eine stattliche Erscheinung und ein wirklich schöner alter Mann, der es liebte, mit ungedecktem Haupt, den Hut in der Hand, einher zu gehen, wobei der von einer Fülle langen, weißen Haares geschmückte Kopf wirksam zur Geltung kam. Er war ein Universitätsfreund Bismarcks, und er soll 1866 bei ihm erwirkt haben, dass den Hannoverschen Geistlichen der Huldigungseid in einer für dieselben wenig drückenden Weise auferlegt wurde. Der zweite Geistliche, Heidemann, war weder stattlich noch schön, aber ein barmherziger, treuer und selbstloser Mann.

Da meine kleine Gemeinde meine ganze Kraft nicht in Anspruch nahm, fing ich diesen Winter an, wissenschaftlich zu arbeiten. Ich hatte schon bei meinem Abgang von Hannover in Voraussicht dieses nach der Besetzung von Hollenstedt eintretenden Umstandes Uhlhorn gebeten, mir ein Gebiet zu nennen, das ich bearbeiten könnte. Er hatte mir die Erbauungsliteratur der lutherischen Kirche genannt. Ich schaffte mir deshalb jetzt auf Steinmetz' Empfehlung das aus Cossacks Nachlass herausgekommene Buch über die ascetische Literatur und das Cubachsche Gebetbuch an und setzte mich in Verbindung mit der Hamburger Bibliothek. Bin ich auch leider aus später zu erwähnenden Umständen zu nichts Ganzem gekommen, so habe ich doch manchen Einblick in die Gebetsschätzte der lutherischen Kirche gewonnen.

Daneben lebte ich mich selbstverständlich mehr in meine Gemeinde ein, hielt weiter Missionsstunden, die auch mit Eintritt des Winters wieder besser besucht wurden, und suchte die konfirmierte Jugend zu sammeln, empfand aber gerade hier die Kleinheit der Gemeinde als einen Schaden. Es kamen eben zu wenig, nicht nur aus mangelndem Interesse, sondern weil eben, nachdem ein Teil in auswärtige Gemeinden in Dienst oder Lehre gegangen war, zu wenige überblieben, um einen Stamm zu bilden. Zum Teil mag's ja freilich auch an mir gelegen haben, dass ich den rechten Ton nicht fand, der die jungen Leute anzog.

Auch der Posaunenchor wollte deshalb nicht in Blüte kommen, sondern schlief allmählich ein. Schmied Albers, der sonst ziemlich exklusiv war, ließ sich's deshalb auch gefallen, dass bei dem von mir geplanten Christabend-Gottesdienst der Dorfmusikus Beck mit seinen Musikanten mitwirkte. Albers war von Hermannsburg beeinflusst und hatte die dortige gesetzliche Art des Christentums angenommen, hatte überhaupt etwas Finsteres an sich, so zuverlässig und aufrichtig er auch war. Er konnte wohl, als er später einmal in mein Haus kam - an einem Sonntag - und meine Frau bei einer Handarbeit beschäftigt sah, ironisch fragen: So fleißig? Sympathischer waren mir im Allgemeinen seine alten Eltern, die aus einer vorhermannsburger Zeit stammten. Der Vater war seinerzeit von dem Kandidaten Ehlers, der damals wegen seiner mystischen Richtung vom Stader Konsistorium nicht angestellt worden war und deshalb erst zur Judenmission, dann zur preußischen lutherischen Freikirche gegangen war, dem Vater meines Leipziger Universitätsfreundes, geistig erweckt und angeregt worden und hatte mehr die Art der ersten Erweckungszeit an sich. Auch die junge Frau Albers hatte etwas Sonnigeres und Fröhlicheres an sich als ihr Mann. Ich ärgerte mich manchmal über ihn, wenn er andere Leute, die auch regelmäßige Kirchenbesucher waren, nicht wollte gelten lassen. Immerhin aber gab es mir zu denken, dass gerade in diesen Familien die jüngere Generation andere Bahnen einschlug.

Zum Weihnachtsabend ließ ich mir, da das Lüneburger Gesangbuch schon wegen der gräulichen Verhunzung des Vom Himmel hoch, aber auch wegen anderer Mängel in keiner Weise genügte, Texte drucken und ordnete den Gottesdienst nach Schöberlein, dessen Ordnung etwas vereinfachend. Ins Haus lud ich mir, da ich den Abend doch nicht wieder wie voriges Jahr ohne Christbaum feiern wollte, ein Christbaum für mich und das Mädchen allein mir aber deplaciert vorkam, die Konfirmanden ein, hielt mit ihnen eine kleine Weihnachtsfeier und beschenkte sie mit einigen Kleinigkeiten. Ich habe das auch in den folgenden Jahren, als ich schon verheiratet war, beibehalten.

Auch der Schule nahm ich mich fleißig an. Da eine Lehrerkonferenz mit meinen beiden Lehrern, dem Moisburger und dem Daenser kaum gelohnt hätte, tat ich mich mit meinem Nachbar [Rudolf] Borchers in Hollenstedt zu einer solchen zusammen.

Mein Vorgänger Wittkopp sandte mir in diesem Winter das Manuskript einer von ihm verfassten Geschichte Moisburgs, das er verkauft, jedoch mit der Bestimmung, dass er dasselbe, wenn er es irgendwie veröffentlicht, der Pfarrerregistratur übergebe. Er teilte mir zugleich mit, wo ich noch mehr Material finden könnte, und meinte, dass ich damit ja einsame Stunden würde ausfüllen können. Allerdings, fügte er hinzu, gibt es noch eine schönere Einrichtung im Leben, die wenigstens für eine Zeit ihren Reiz behält. Dieses für eine Zeit war charakteristisch für ihn. Ich dachte jedenfalls stark an diese schönere Einrichtung. Bestärkt wurde ich darin noch durch die Veränderung, die inzwischen mit Elly vor sich gegangen war. Vater schrieb mir wenige Wochen, nachdem er sie mir entführt, sie würde nicht zu mir zurückkommen, denn sie sei - Braut. Ganz unerwartet kam mir diese Mitteilung nicht. Vater hatte mir bereits bei seinem Besuch in Moisburg angedeutet, dass jemand Elly zu begehren scheine und dass dieser Jemand seinen Besuch angekündigt hätte. Die Eltern hatten deshalb darauf bestanden, dass Elly von mir nicht direkt nach Crobnitz, sondern erst auf einige Zeit nach Hause ginge. Hellmuth Wiesener hieß dieser Jemand und war erster Geistlicher in Swinemünde. Vater hatte ihn auf seinen Revisionsreisen kennen gelernt, und Mutter hatte mir damals schon - ich war noch in Hannover - geschrieben, wie gut es ihm auf der Insel Usedom gefallen hätte und wie liebenswürdig der Pastor Wiesener gewesen wäre und ihm die Schönheiten der Insel gezeigt hätte. Auf Vaters Frage, was ich zu dieser Verlobung sagte, antwortete ich, da er sie mir im Zusammenhang mit der Benachrichtigung, dass Elly nicht wieder zu mir zurückkehren würde, mitgeteilt: Hellmuth war ein Friedensstörer. Ich bekam kurz darauf von demselben einen sehr liebenswürdigen Brief, in dem er mir schrieb, dass er mir gegenwärtig wohl als Friedensstörer erscheinen werde, er aber von mir hoffe, dass ich diese Friedensstörung zum Anlass nehmen würde, auch für mich den dauernden häuslichen Frieden zu suchen.


[15] Nach so vielen Unterschieden in den Dingen. Gemeint ist wohl: nach so viel Unruhe.
[16] Rudolf Borchers (1852-1912), Halbbruder seiner späteren Frau Elisabeth Borchers
[17] Rudolph Borchers (1820-1887), Vater seiner späteren Frau Elisabeth Borchers
[18] Der Wingolfsbund ist ein Dachverband christlicher, überkonfessioneller, farbentragender, nicht schlagender Studentenverbindungen. Er ist der älteste Korporationsverband (seit 1844) in Deutschland und gilt als eine der ersten interkonfessionellen, ökumenischen Gemeinschaften.