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Moisburg, 1880-1888 — Ein Unglück kommt selten allein

Teil 9 - Moisburg, 1880-1888
Kapitel 9
Ein Unglück kommt selten allein

Unmittelbar nach Ostern dieses Jahres hatten wir auch Uli wieder zu Besuch gehabt. Seines Bleibens in Afrika war nicht gewesen. An der für so viele todbringenden Westküste hatte auch ihn das Fieber gepackt, und zwar so heftig, dass der Chef ihn hatte schleunig auf das Schiff bringen lassen, damit er nur nicht an Ort und Stelle sterbe. Nach einer zuletzt überaus stürmischen und gefahrvollen Überfahrt war er im Herbst glücklich zurückgekommen und den Winter über bei unserer Mutter geblieben, auch dort noch hin und wieder von Fieberanfällen heimgesucht. Er war dann in einen kaufmännischen Verein eingetreten, der es ihm ermöglicht hatte, nach Valparaiso zu gehen. Auf dem Wege dahin besuchte er uns wieder. Dort ist es ihm dann ja auch gelungen, ein Geschäft und ein Haus zu gründen.

Gleich darauf war meine jüngste Schwägerin Martha mit ihrer Erzieherin Frieda Mirow einige Wochen in unserm Haus, allerdings aus einem bösen Anlass. Papa hatte in der Osterwoche einige Tage bei uns zugebracht und meinen Geburtstag mit uns gefeiert, war dabei auch mit Uli zusammengetroffen, für den er seit seinem Besuch in Stettin viel übrig hatte. Wenige Tage darauf erhielten wir eine Karte von ihm, dass sein Haus niedergebrannt sei, glücklicherweise am hellen Tage. Denn es war so schnell gegangen, dass er nur das Zeug, das er am Leibe trug, seinen Schlafrock, in dem er Mittagsruhe gehalten, hatte retten können. In einer einem Harburger Kaufmann gehörigen Villa im Dorfe hatten die Eltern vorläufig Unterkunft gefunden. Wir fuhren hinüber, meine Frau zum Sonntag, wo sie ihren Vater in einem geliehenen Chorrock hatte predigen hören, ich, nachdem ich in Altenwerder eine Vikariepredigt gehalten, am Abend nachkommend, und nahmen dann Martha samt ihrer Erzieherin mit, bis eine Wohnung für die Eltern, indem sie bis zum Wiederaufbau des Hauses bleiben konnten, hergerichtet worden war. Es vergingen Jahr und Tag, bis das neue Haus bezogen werden konnte, und wir haben noch manche gemütliche Stunde mit den Eltern in dem für sie hergerichteten Pfarrwitwenhause verlebt. Dass sie bei ihrer Heimsuchung viel Liebe erfuhren, versteht sich von selbst, und nicht nur aus Sinstorf und Harburg, sondern auch aus der früheren Gemeinde Eickeloh, die sich dankbar der Hilfe erinnerte, die von ihrem früheren Seelsorger einst bei einem dortigen großen Brande erwiesen worden war.

Im Jahre 1885, wieder gleich nach Pfingsten, machten wir dann eine Reise zu meinen Angehörigen. Die ersten Stationen waren Potsdam und Berlin. Dort besuchten wir Georg, der ein Kommando, ich glaube an der Schwimmanstalt, hatte, und ließen uns von ihm und Onkel Bernhard [Rogge], in dessen Hause wir natürlich auch verschiedentlich waren, an den historischen Stätten und in der herrlichen Umgebung herumführen. In Berlin besuchten wir Alexander, der zur Kriegsakademie kommandiert war, und mit dem wir Schloss, Zeughaus, Nationalgalerie usw. besuchten, auch das Aufziehen der Wache vor dem historischen EckfensterKaiser Wilhelm I. erschien stets am Eckfenster seines Arbeitszimmers im Alten Palais, um mittags die große Wachablösung an der schräg gegenüber liegenden Neuen Wache zu beobachten. [40] ansahen, ohne jedoch den Kaiser zu Gesicht zu bekommen. Man rechnete gerade damals mit der Möglichkeit seines baldigen Ablebens. Nicht ohne eine Regung des Neides sahen wir uns bei Georg die etwa ein Vierteljahr alte Ilse und bei Alexander die dreivierteljährige Erika an. Die erstgenannte sollte übrigens bald genug ihren Eltern wieder genommen werden. Von Berlin ging's dann weiter nach Swinemünde, wo ich am Sonntag predigte. In Stettin, wo Mutter in der Birkenallee eine freundliche Wohnung bezogen hatte, verweilten wir am längsten, machten dann aber noch einmal Station in BützowHier wohnte ihre Halbschwester Marie Borchers und ihr Mann Pastor Reinhold Gabert. [41]. Wie ich in Berlin, so begrüßte Elisabeth in Bützow ein Patenkind.

Doch unser Leben ging nicht in Besuchsreisen auf. War die Gemeinde auch klein und füllte die Arbeit an ihr die Kraft nicht aus, so wollte dieselbe doch getan sein. Da ging mir meine Frau vor allen Dingen in Sammlung der konfirmierten Jugend zur Hand. Im Jahre 1884 war die Zahl der Konfirmanden größer als sonst, und gerade aus der Schule Moisburg hatte ich eine Reihe besonders netter Mädchen. Die sammelten sich Sonntagsnachmittags mit ihren Handarbeiten um meine Frau, die ihnen vorlas. Am ersten Sonntag jedes Vierteljahres wurden die Konfirmierten des letzten Jahres zum Abendmahl eingeladen. Dann kam ich wohl zu der Nachmittagsversammlung und erzählte etwas. Für die entfernter Wohnenden, denen der Besuch des Sonntagsgottesdienstes schwer wurde, richtete ich im Winter Bibelstunden ein, die ich an einem Wochenende abends, ich glaube am Dienstag, auf einer Bauerndiele in Pippensen hielt und die zur Zufriedenheit besucht wurden. Als der Besuch der Missionsstunden im Konfirmandenzimmer nachließ, vereinigte ich sie mit dem Nachmittagsgottesdienst in der Kirche, nachdem ich auf Drängen des Generalsuperintendent en bei der Visitation für die Katechismuslehre durch Kirchenvorstandsbeschluss einen solchen eingerichtet und denselben aus dem Vormittagsgottesdienst herausgenommen hatte. Allerdings war die dadurch erzielte Besserung des Besuches nur eine zeitweilige, wie auch die Katechismuslehre selbst nach dieser Neuerung nur in der ersten Zeit von einer erheblichen Zahl Erwachsener besucht wurde. Im Sommer 1883 veranstaltete ich auch wieder ein Missionsfest, zu dem ich als Festprediger in der Kirche Hauptpastor HofmeierBesuch bei Gustav Hofmeier, Hauptpastor an St. Jacobi in Lübeck, siehe Teil 4 (Leipzig), Kapitel 25 [42] aus Lübeck, den ich an meinen Besuch bei ihm im Sommer 1872 erinnerte, gewann, und der so kräftig und eindrucksvoll predigte, dass Plathner, der bei der Nachmittagsfeier eine Ansprache halten sollte, auf die Erstattung des Reisegeldes verzichtete, da diese Predigt, wie er sagte, allein die Reise wert sei. Plathner sprach dann nachmittags auf dem Eichenkamp von Oelkers in Emmen (zwischen Moisburg und Hollenstedt) überaus packend.

Auch auf auswärtigen Missionsfesten habe ich öfter geredet. Ich habe nie zu den eigentlichen Modepredigern für Missionsfeste gehört, die von Fest zu Fest gejagt wurden, so dass die Gefahr des sich Auspredigens vorlag. Aber einige Male wurde ich doch in jedem Jahr aufgefordert, so dass die Teilnahme an Missionsfesten und die Mitwirkung auf ihnen jedes Mal eine neue Anregung gewährte und eine Freude blieb. Zuerst forderte mich Gleiß im Jahre 1883 auf, auf seinem Barmbecker Missionsfest zu reden. Ein mit Gleiß befreundeter Hamburger Geistlicher wollte mich nach meiner Ansprache bewegen, mich um das durch RöpesGeorg Heinrich Röpe (1836-1896) war ein evangelischer Geistlicher und Theologe. 1883 wurde er zum Hauptpastor an St. Jacobi gewählt.Siehe Wikipedia.org [43] Ernennung zum Hauptpastor an der Jacobikirche erledigte Diakonat an derselben zu bewerben. Ich erwog die Sache bei mir, konnte mich aber doch nicht zu einer Bewerbung entschließen, da nichts mich von Moisburg wegtrieb, wo ich ja kaum warm geworden war. Übrigens wäre ich schwerlich gewählt worden, da Leute von ganz anderem Gewicht als ich in Frage kamen. Gewählt wurde damals von BroeckerArthur von Broecker (1846-1915) war ein deutscher Theologe.Siehe Wikipedia.org [44], der dann eine der Hauptzugskräfte Hamburgs wurde. Ich redete in demselben Jahr noch auf einem anderen Missionsfest im Hamburger Gebiet, in Curslack in den Vierlanden, dann in Apensen, und schließlich in Wilhelmsburg. 1884 erhielt ich keine Aufforderung, dagegen redete ich 1885 in Scheeßel und in Hollenstedt, außerdem auf einer Feier für Innere Mission in Harburg, auf der ich zum ersten Mal den lieben alten Generalsuperintendent GöschenAdolf Göschen (1803-1898) war ein lutherischer Theologe und Generalsuperintendent der Generaldiözese Harburg.Siehe Wikipedia.org [45] sah, der nach seiner Emeritierung zuerst nach Hoya zu seinem Sohn, dem dortigen Kreishauptmann, gezogen war, nun aber nach Einführung der Kreisordnung und Ernennung seines Sohnes zum Landrat in Harburg mit demselben dahin zurückkehrte, um fortan die Geschäfte des weltlichen Kirchenkommissars zu besorgen. 1886 redete ich in Natendorf bei Elisabeths Vetter Oeltzen, in Meyenburg und schließlich in Sinstorf, 1887 in Barskamp, wo ich Paulsen aus Kropp, den damals wohl beschäftigtsten Missionsfestredner in ganz Nordwestdeutschland, kennen lernte - er predigte vormittags in der Kirche und redete nachmittags plattdeutsch im Freien, - in Amelinghausen und in Oldendorf bei Stade. In Amelinghausen erlebte ich erst, wie Oepke, damals Kondirektor der Hermannsburger Mission, HacciusGeorg Haccius (1847-1926) war ein Theologe und von 1890 bis 1926 Direktor der Hermannsburger Mission, zunächst gemeinsam mit Egmont Harms. Nach dessen Tod 1916 leitete er die Mission allein.Siehe Wikipedia.org [46] zu seiner ersten Visitationsreise warb, die für die ganze Hermannsburger Mission so erfolgreich werden sollte.

Wenn es anging, besuchte ich auch das Missionsfest in Lüneburg und die am Vorabend stattfindende Pastoral-Konferenz, die von Superintendent Raven geschickt geleitet wurde. Einmal in der Zeit, wo mein Schwager Friedrich Borchers Gehilfsprediger - so lautete die offizielle Bezeichnung - beim Ministerium in Stade war, auch das dortige Missionsfest nebst der sich daran schließenden Pastoral-Konferenz. Alle diese Gelegenheiten gaben mir erwünschte Anregungen und Abwechslung, besonders auch, weil ich dabei wertvolle Bekanntschaften machte oder erneuerte und befestigte. So trat ich auf den Missionsfesten Haccius nahe, mit dem ich ja häufig zusammentraf, auf den Lüneburger Konferenzen von Lüpke-Drennhausen, der eins der regelmäßigsten und eifrigsten Mitglieder derselben war, selbstverständlich auch den Lüneburger Geistlichen Superintendent Beyer, Pastor Frossel und Ubbelohde. Einmal besuchte ich bei der Gelegenheit auch Freund Bartels in Kirchgellersen. Seine Frau, die mir von der Hochzeit her als eine blühende Erscheinung im Gedächtnis war, trug damals schon die Spuren ihres Leidens auf dem Angesicht - zu meiner Hochzeit hatte er sie deshalb schon nicht mitgebracht, - das ihres frühen Todes Ursache wurde. Er selbst blieb auch nicht mehr lange in Kirchgellersen, da er an die Lamberti-Kirche in Hildesheim gewählt wurde.


[40] Kaiser Wilhelm I. erschien stets am Eckfenster seines Arbeitszimmers im Alten Palais, um mittags die große Wachablösung an der schräg gegenüber liegenden Neuen Wache zu beobachten.
[41] Hier wohnte ihre Halbschwester Marie Borchers und ihr Mann Pastor Reinhold Gabert.
[42] Besuch bei Gustav Hofmeier, Hauptpastor an St. Jacobi in Lübeck, siehe Teil 4 (Leipzig), Kapitel 25
[43] Georg Heinrich Röpe (1836-1896) war ein evangelischer Geistlicher und Theologe. 1883 wurde er zum Hauptpastor an St. Jacobi gewählt.
[44] Arthur von Broecker (1846-1915) war ein deutscher Theologe.
[45] Adolf Göschen (1803-1898) war ein lutherischer Theologe und Generalsuperintendent der Generaldiözese Harburg.
[46] Georg Haccius (1847-1926) war ein Theologe und von 1890 bis 1926 Direktor der Hermannsburger Mission, zunächst gemeinsam mit Egmont Harms. Nach dessen Tod 1916 leitete er die Mission allein.