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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.13 - Samoa – unterschiedliche Eindrücke

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 13:
Samoa – unterschiedliche Eindrücke

Am 13. November kam ich zum ersten Mal in Apia an Land. Die ganze Stadt besteht aus vier Dorfschaften, die durch eine zwischen 20 und 40 Fuß breite, sich an der halbkreisförmigen Hafenbucht entlang ziehende Straße verbunden sind.

Apia um 1898
Apia um 1898

In der Mitte des Halbkreises liegt das eigentliche Apia, östlich davon der Ort Matautu mit den englischen und amerikanischen Konsulatsgebäuden, westlich das Dorf Matafele, welches fast ganz von der imposanten Faktorei der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee eingenommen wird. Daran schließt sich das auf schmaler Landzunge gelegene Mulinuu, mit dem Palaste des Königs Malitoa von Samoa, an.

Dass in Apia unter den daselbst Lebenden etwa 200 Weißen, das deutsche Element stärker als das englische oder amerikanische vertreten ist, erkennt man auf Schritt und Tritt. Von den Gasthöfen, Kneipen und Verkaufsläden ist weit über die Hälfte in deutschen Händen. Allerorts hört man deutsche Laute, liest deutsche Namen und sieht die schwarz-weiß-rote Flagge wehen. Sogar eine deutsche Schule ist vorhanden. Reich ist Samoa an lauschigen Badeplätzen, ein in der Nähe sich befindlicher Gebirgsfluss wurde oft von uns aufgesucht.

Die Inselgruppe wurde im Jahre 1768 von dem französischen Seefahrer Bougainville entdeckt, 1787 von La Perouse und vier Jahre später von Kapitän Cook besucht. Im Jahre 1830 landeten die ersten englischen Missionare und heute gibt es in Samoa keinen Eingeborenen mehr, der nicht wenigstens dem Namen nach Christ ist.

Das Hafenbecken von Apia um 1898
Das Hafenbecken von Apia um 1898

Merkwürdigerweise hat sich die Sitte der Beschneidung noch erhalten, auch ist es den Missionaren nicht gelungen die jungen Männer dahin zu bringen, dass sie auf die unmoralischen Tätowierungen ihrer Oberschenkel zu verzichten, auch wird diese Sitte von der edlen Weiblichkeit ebenso aufrecht gehalten. – Auf einem Spaziergang in die nächste Umgebung der Hauptstadt fand ich, dass die Vegetation echt tropisch ist. Neben der Hauptpflanze Kokospalme tritt in erster Linie der Brotfruchtbaum hervor, dann die Orange, der Mangobaum, die Papaya, die YackfruchtDer Jackfruchtbaum (Artocarpus heterophyllus) ist eine Pflanzenart in der Familie der Maulbeergewächse (Moraceae). [20] und die Banane. In den Niederungen TarowurzelnDer Taro (Colocasia esculenta) ist eine Pflanzenart in der Familie der Aronstabgewächse (Araceae). [21], Yams, Zuckerrohr und die Ananas, alles gedeiht in einer beispiellosen Üppigkeit.

Auf dem Wege zu unserem Badeplatz fand ich unter dem Schatten rauschender Palmen, umgeben von Bananen, Apfelsinen auf einem fahrbaren, kiesbestreuten Platze, die ersten samoanischen Hütten. Man denke sich ein regelmäßig gewölbtes aus den Blättern des Zuckerrohrs hergestelltes, doch von der Form eines Topfdeckels, welcher auf Dielen in die Erde gerammten Pfeilern ruht, an allen Seiten offen, den Boden von einer Schicht Korallen mit darauf liegenden glatten Steinchen hergestellt, so hat man das Bild eines samoanischen Hauses. Etwas Anheimelnderes könnte ich mir nicht denken.

Des Nachts wird das aus einem Raum bestehende Haus durch aus Palmenblättern bestehenden Jalousien geschlossen. Will der Samoaner schlafen, so zieht er sich hinter einem Lapa-Vorhang zurück, um den Stichen der Moskitos zu entgehen. Der Samoaner breitet dann einige Matten aus, holt seine halbe bis eineinhalb Meter lange und etwa 15 cm hohe Schlummerrolle. Sie besteht aus einem Bambusrohr, das auf Füßchen steht und als Kopfkissen dient. – O weh! dachte ich, auf Steinen nur mit einer Matte belegt, dazu dieses Patent-Kopfkissen, wie kann man da nur Ruhen! Als ich aber einmal selbst in solch einer samoanischen Hütte geruht hatte, wurde ich belehrt, dass man auf Steinen bequem ruhen kann, nur das Kopfkissen sagte mir nicht zu, ich fand, das sich auf einem solchen Lager vortrefflich ruhen ließ.

Immer wieder wurde der Hafen von Apia von S.M.S. »Falke« und den anderen Schiffen verlassen, die deutschen Schiffe verholten meist nach Saluafataetwa 20 km südöstlich von ApiaSalufata, Karte [22], um dort Torpedo-Artillerie-Schießübungen abzuhalten oder stürmischer See zu entgehen.

Mein Großvater kam richtig ins Schwärmen. Er sah seinen Jugendtraum verwirklicht, einmal auf der Trauminsel Samoa zu sein. Die Beschreibung der Samoaner war überraschend emotional, nicht nur ihr Äußeres, selbst einen Hüftschwung stellte er als malerisch dar. Die Hervorhebung der Wäscherinnen als Adelsgeschlecht und die hohe Bedeutung des Wäschewaschens in dieser Kultur überraschte, unterstellte er doch gleichzeitig, dass andere Tätigkeiten nicht oder nur unter Vorbehalt ausgeführt wurden.

Welch große Überraschung! Hier erfahre ich mehr über die Hauptstadt Apia und über Behausungen, als in allen Aufzeichnungen zu anderen Orten, die mein Großvater besuchte. Aber auch seine Wertungen setzten mich in Erstaunen.

In der Nacht zum 22. Juli erreiche ich Apia. Auf dem Flughafen werde ich entgegen meiner Erwartung von niemandem abgeholt. Mit einem Taxi lasse ich mich zum Hotel Fehmarn fahren. In der Rezeption ist mein Kommen nicht bekannt, keiner weiß, dass ich hier gebucht habe. Der Mann am Empfang beginnt zu telefonieren, ohne mich einzuweihen, was er vor hat oder beabsichtigt, eine Verhaltensweise, die mir noch häufiger in diesem Lande begegnen wird. Sie ist im Grunde ein positives Zeichen, denn die Samoaner bemühen sich wirklich und redlich, der bittenden Person zu helfen. Für mich ist diese Handlung jedoch wenig Vertrauen einflößend, da ich nicht in das Tun einbezogen werde und wegen der mangelnden Sprachkompetenz nicht verstehe, dass mein Gegenüber sich voll ins Zeug wirft, um mir zu helfen.

Am nächsten Morgen um drei Uhr in der Früh liege ich in einem sauberen Bett eines Backpacker Hostels, nur unweit vom Hotel Insel Fehmarn entfernt. Fast im Morgengrauen, nach nur kurzem Schlaf, werde ich früh informiert, dass ich nun mein Zimmer im Hotel Fehmarn nutzen und auch dort frühstücken könnte.

Mein erster Gang in Apia führt mich mit dem Shuttlebus des Hotels in die Innenstadt. Mein Hotel liegt im Süden Apias, an der Falealili Street, der Ausgangsstraße nach Vailima, die in die Cross Island Road zur Südküste der Insel Upolu übergeht. Wichtig für mich ist es zunächst, einen Führer zu finden, der sowohl Samoa heute wie auch seine geschichtliche Entwicklung kennt. Im Visitors Bureau, dem Touristeninformationsbüro, das am Hafen in der Nähe des Regierungssitzes liegt, wird mir Chris von der Samoa Scenic Tours (SST) empfohlen, den ich in Aggie Grey's Hotel an der Beach Road finden würde. Das Touristenbüro ist in einem neuen, im klassischen Stil errichteten Fale untergebracht. Die Fales sind ganz typische offene, meist ovale Bauten, die durch die einheimische Architektur geprägt sind. Ein gleichkonstruiertes Haus befindet sich auch auf dem Dach des Regierungsgebäudes, als Versammlungsfale.

Ein kurzer Spaziergang entlang der Beach Road im Schatten heimischer Bäume führt mich in das, im kolonialen Stil errichtete und renovierte Aggie Grey's. Am Nachmittag warte ich im Coffee Shop. Kurz nach fünf kommt Chris, ein großer, muskulöser, schlanker Samoaner. Ohne ein Gramm Fett zu viel, steht er in seinem Lava-LavaEin Lava-Lava ist ein Männerrock, der traditionell in Polynesien, besonders auf Samoa getragen wird. [23], sehr kurzen Haaren, einem T-Shirt und breiter Tätowierung am Arm vor mir. Es strömt eine sehr angenehme Aura von ihm aus. Er wirkt sofort sympathisch auf mich.

Ich betrachte mit Chris meine Aufzeichnungen, in denen ich festgehalten habe, wo mein Großvater auf Samoa war. Er versteht, welche Orte ich aufsuchen will, weist auf Schreibfehler hin. Einige Orte vermag er jedoch nicht einzuordnen. Chris wirkt auf mich sehr kompetent, spricht ein exzellentes Englisch und weiß, was er, aber auch ich will. Er schlägt mir vor, am Sonntag eine Inselrundfahrt zu machen, auf der ich alle Orte sehen könnte. Beeindruckt ist Chris von den Fotos meines Großvaters, die ich gescannt hatte, um sie ihm auf meinem Notebook zeigen zu können. Aber sie sind nicht das ganz Besondere, wie ich einst glaubte. Der Fotograf Thomas Andrew hatte in Apia ein Fotogeschäft, in dem er Postkarten für die vielen See- und Kaufleute anfertigte. Die Südseemotive verbreiteten in Europa das Image eines Paradieses in der Südsee. Hieran war Andrew wesentlich beteiligt.

Trotzdem unterschieden sich meine Fotos von denen, die im Aggie Grey's Hotel oder in dem hiesigen Museum hängen. Deshalb würde Chris sich die Fotos gerne auf einen Stick kopieren. Wir verabredeten uns auf Sonntag um acht Uhr dreißig im Hotel Insel Fehmarn. Für 250 Samoanische Tala besorgt er einen Wagen mit Fahrer, diese Summe entspricht etwa 85 Euro. Auf die Frage an Chris, was er für den Tag bekommt, antwortet er: It's up to you. If you liked it, you decide about the amount.Es liegt an dir. Wenn es dir gefallen hat, entscheide selbst über den Betrag.

Ich gönne mir einen Blick auf den Vaisigano Fluss, an dem mein Opa vor über 100 Jahren stand und in dem er mehrfach badete. Die Landschaft sieht so aus, wie ich sie vom Foto her kenne. Der Fluss mündet direkt neben dem Aggie Grey's Hotel in den Pazifik. Zum Abendessen kehre ich mit meiner Frau zurück ins Aggie Grey‘s. Wir bestellen eine Fischplatte für zwei Personen, nach zwei unterschiedlichen Vorspeisen. Beide Vorspeisen waren akzeptabel, aber keineswegs herausragend. Die eine Fischplatte kommt auf zwei Tellern. Auf jedem Teller liegen drei in Fett geröstete Miesmuscheln, ein geröstetes Stück Fisch und drei aus Krabbenfleisch gepresste Pseudokrebse, mit je einem darin eingearbeiteten Scherchen, in Teig eingerollt. Dazu klassisch Englisch eine Portion Pommes Frites! In einem separaten Schälchen wird eine rosafarbene Sauce, nur nach fettiger Mayonnaise schmeckend, serviert. Auf meine Frage: It's the fish dish for one person, served on two plates?,Es ist das Fischgericht für eine Person, serviert auf zwei Tellern? wird mir dieses beteuert.

Noch während des Essens erhalte ich die Rechnung und werde gebeten, das Essen zwecks Zahlung zu unterbrechen. Wir unterbrechen auch, denn nun sind zwei Fischplatten zu zahlen, obgleich auf der Ursprungsrechnung nur eine Platte aufgeführt war. Die Originalrechnung war deutlich handschriftlich verbessert und in Anzahl und Preis verdoppelt. Meine Reklamation führt dazu, dass der Teller meiner Frau ersatzlos zurückgenommen wird und ich eine erneut korrigierte Rechnung erhalte, die ich aber erst nach Beendigung unseres Essens begleiche. In Aggie Grey's Hotel werde ich nicht noch einmal einkehren.


[20] Der Jackfruchtbaum (Artocarpus heterophyllus) ist eine Pflanzenart in der Familie der Maulbeergewächse (Moraceae). Die Frucht wird Jackfrucht, auch Jackbaumfrucht, Jakobsfrucht, im brasilianischen Portugiesisch jaca und auf Malaiisch nangka genannt. Die Trivialnamen sollen von dem Malayalam-Wort chakka herrühren.
[21] Der Taro (Colocasia esculenta) ist eine Pflanzenart in der Familie der Aronstabgewächse (Araceae). Taro ist als Nutzpflanze für den Menschen von Bedeutung. Die stärkehaltigen Rhizome werden gekocht oder geröstet verzehrt.
[22] Salufata liegt etwa 20 km südöstlich von Apia.
[23] Ein Lava-Lava ist ein Männerrock, der traditionell in Polynesien, besonders auf Samoa getragen wird.