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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.20 - Quer durch die Südsee

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 20:
Quer durch die Südsee

Nach zwei Nächten verließ mein Opa die Hafenstadt Suva und erreichte bereits nach zwei Tagen Apia, denn wegen des Passierens der Datumsgrenze hatte einer der Tage 48 Stunden. In Apia erfuhr mein Opa am 5. Mai vom Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten und dass die Flottenvorlage den Reichstag passiert hatte. Mit Sprüchen wie Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer und der Dreizack gehört in die deutsche Faust unterstrich Kaiser Wilhelm II. sein Ziel eines beispiellosen Rüstungswettlaufs, zu dem der Reichstag mit der Verabschiedung der Ersten Flottenvorlage von Admiral von Tirpitz den Startschuss gab. Kaiser Wilhelm II markierte damit eine neue Ära der deutschen Weltpolitik und festigte damit erfolgreich den aufkommenden Nationalismus.

Himmelfahrt feierte Opa mit seinen Kameraden im etwas außerhalb der Stadt gelegenen deutschen Biergarten Lindenau.

dunkelhäutigen Schönheiten
…drehten sich mit dunkelhäutigen Schönheiten nach den Rhythmen der Schiffskapellen.

Es gab in Apia sechs Spelunken und Bars, in denen man Gin, Brandy oder deutsches Bier (Flensburger und Pschorrbräu, die Flasche für eine Mark fünfzig in deutschem Geld) bekam. Etwas außerhalb der Stadt stand der deutsche Biergarten Lindenau, dessen Pschorrbräu immer dann angenehm kühl war, wenn das monatliche Postschiff aus San Francisco Eis mitgebracht hatte. Was für die Engländer und Amerikaner die Schnapskneipen, waren für die Deutschen die Biergärten. Lindenau lag mitten in einem Park am Fuße des Apiaberges und war in einem Viertelstündchen vom Zentrum erreichbar. Hier ging es an Sonn- und Feiertagen besonders lustig zu, wenn die Kapellen der Kriegsschiffe aufspielen durften. Bis zu dreihundert fröhliche, leicht beschwipste Blaujacken drehten sich mit dunkelhäutigen Schönheiten nach den Rhythmen der Schiffskapellen.

Neben »Falke« und dem Schwesterschiff »Bussard« lagen auch die beiden englischen Kreuzer »Porpoise« und »Ringdove« im Hafen. Am 23. Mai ging S.M.S. »Falke« in See, der deutsche Naturforscher Dr. Georg Thilenius, der spätere Leiter des Völkerkundemuseums Hamburg, machte die Reise mit, in Begleitung seines Dieners Henry, ein samoanisches Mischblut.

Der jetzige Teil der Reise führte meinen Opa über Suva nach Espiritu Santo, Shortland Insel, Faisi und Nissan wieder zurück nach Matupi. In Faisi wurde meinem Opa berichtet, dass der weiße Steuermann des auf dieser Insel lebenden englischen Händlers Tindal, auf einer Reise mit einem Schoner nach Buka, von Buka-Boys meuchlings ermordet und verzehrt wurde. Den Schoner sollten die Bukas geplündert und zerstört haben.

Schiffskapelle des S.M.S. »Falke«
Schiffskapelle des S.M.S. »Falke«

Am 12. Juni, einem Sonntag gab die Kapelle des S.M.S. »Falke« ein großes Konzert bei Tindals Beisetzung, die gesamte Besatzung hatte Landgang. Die hübschen Eingeborenen von tiefschwarzer Hautfarbe sperrten Ohren und Mund auf, als sie europäische Musik hörten. Die Ausfuhrartikel der Station Faisa sind Kopra, Trepang und Muscheln; die nächste Handelsstation Matupi.

Vor Nissan oder Sir Charles Hardy Island, einem Atoll, wurde gestoppt. Der Naturforscher Thilenius ging an Land. Dort traf er einen Landsmann aus Sachsen, welcher erst seit sechs Wochen hier als Trader wirkte. Auch hier erfolgte eine Aussage zum Kannibalismus, dass sein Vorgänger verzehrt wurde.

Im Bismarck Archipel zurück, war nicht viel Neues passiert, nur hatte die Neuguinea Compagnie einige Fahrzeuge verloren. Außer dem vorerwähnten Schoner bei Buka, war noch der Schoner »Welcome« auf ein Riff bei den Eremiten-Inseln gelaufen, ebenso scheiterte dort auch der Dampfer »Johann Albrecht«. Der neue Dampfer, welcher erst kürzlich von Hamburg gekommen war, wurde nach dem Wrack der »Welcome« entsendet, um zu retten, was noch zu retten war, blieb jedoch leider auf dem Riff sitzen, die Mannschaft wurde von der »Stettin« gerettet.

In Matupi ging das Besatzungsmitglied Mallema von Bord und kam nicht wieder.

Für meinen Opa gab es eine erneute Begegnung mit der Besatzung des S.M.S. »Moeve«, das aus Hongkong kam.

Die Kameraden wussten daher manches vom Kreuzergeschwader zu erzählen, an einem Sonntage machten sie eine sehr nette Segelpartie mit der zweiten GigAls Gig wird ein leichtes, schlankes, geklinkert gebautes Ruder-Beiboot mit einer Hilfsbesegelung der Segelschiffszeit bezeichnet. [41] von Herbertshöhe nach Matupi, welche gegen mittags mit einem kräftigen Pulling endete.

Am 27. Juni kam endlich die alte Schlurre »Stettin«. Die Ankunft des Städteschiffes war immer etwas Besonderes für die Soldaten, denn es bedeutete gleichzeitig Neuigkeiten aus der Heimat, Weltnachrichten und natürlich brachte sie die persönlichen Postsendungen, die einzige Verbindung damals zu Eltern, eigener Familie, Braut oder Freundin. Dieses Mal brachte die »Stettin« zugleich auch die für die Soldaten, wie mein Opa schrieb, nicht sehr erfreuliche Kunde, dass sie nach den Carolinen sollten, um deutsche Interessen da selbst wahrzunehmen.

Ein solcher Befehl bedeutete immer auf zur nächsten Bunkerstation, dieses Mal also Matupi, wieder um die 270 Tonnen Kohle zu übernehmen beziehungsweise den Kohlestauraum bis zur Decke mit Kohle aufzufüllen.

Hierfür verwendete mein Opa auch oft die Bezeichnung es wird gekohlt.

Der Kapitän hofft in vier Wochen wieder zurück zu sein.

Georg Christian Thilenius wurde später erster Direktor des Völkerkundemuseums in Hamburg. Er bereitete die Hamburger Südsee-Expedition vor, da er zu diesem späteren Zeitpunkt nicht mehr tropentauglich war, musste er selbst auf die Reise verzichten. Kurioserweise wohnt seine Enkelin in dem gleichen Dorf bei Schwerin, in dem auch ich lebe. Es bringt mich immer wieder in Erstaunen, dass solche Zufälle möglich sind, denn diese Frau und ich kennen uns seit vielen Jahren durch gemeinsame ehrenamtliche Tätigkeiten. Beide sind wir zudem nach der Wende 1989 von Westdeutschland nach Mecklenburg gezogen. Nach über fünfzehn Jahren stellten wir fest, dass unsere Opas sich vor über hundert Jahren an Bord des S.M.S. »Falke« begegneten. Gleiches gilt für die Enkelin von Linnemann (1906), die nahezu direkte Nachbarin von mir ist.


[41] Als Gig wird ein leichtes, schlankes, geklinkert gebautes Ruder-Beiboot mit einer Hilfsbesegelung der Segelschiffszeit bezeichnet.