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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.31 - Heimreise des S.M.S. »Falke«

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 31:
Heimreise des S.M.S. »Falke«

„In Leonka übernehmen wir Kohle und ich habe die Möglichkeit die Familie der Schwester Tanus zu besuchen. Abends kamen sie zu uns an Bord. Weiter ging die Heimreise über Sydney, etwa 180 Seemeilen davor nahmen Wind und Seegang so zu, dass wir beilegen mussten, es brach uns beim Raffen die Mastrah. Der Wind erreichte die Stärke elf. Nachdem das Schiff überholt und die Rah repariert war, erhielten wir am 26. Juli 1899 das Telegramm zur Heimreise. Sofort hissten wir unseren Heimatwimpel.“

Unter strömendem Regen und leichter Brise traten wir am Nachmittag des 2. August unsere Heimreise an. Der Lotse für die Torres-Street kam von Sydney mit. Die Abschiedsfeier von den englischen und amerikanischen Kriegsschiffen, die im Hafen lagen, war mehr als sehr mangelhaft, da der Alte sich schleunigst drückte. Unter Führung des Lotsen fuhren wir immer dicht an der Küste durch die schwierigsten Passagen, die Szenerie war sehr abwechslungsreich, wir hatten viele Gegensegler, darunter zwei englische Kriegsschiffe, deren eines Schießübungen machte. Im Norden trafen wir häufig Perlfischerflottillen. Die Perlen werden aus Tiefen von über 60 Metern an die Oberfläche gebracht. Die Japaner sollen sich vorzüglich zu dieser Arbeit bewähren. Im letzten Zyklon im Februar des Jahres gingen ca. 60 Boote mit diesen Fischern zu Grunde.

Über Thursday-Island, Timor, dem Malayschen Archipel ging es weiter nach Batavia. Am Nachmittag fuhr ich nach Batavia auf Urlaub. Batavia ist die Hauptstadt von Niederländisch-Indien, die ich von der Hafenstadt Tandjong-Priok nach etwa zwölfstündiger Eisenbahnfahrt erreichte. Batavia mit vielen kleinen Kanälen, breiten Straßen, Straßenbahnen und sonstigen vielen Verkehrswegen und -mitteln macht zuerst den Eindruck einer Chinesenstadt, deren es hier auch nicht wenige gibt, aber es fehlt auch nicht an Gebäuden europäischen Stils. Um schnell einen großen Überblick über die Stadt zu bekommen, stieg ich in ein mit einem reizenden Java-Pony bespanntes Wägelchen und ließ mich einige Stunden in der Stadt umher fahren. In dem Gewühl der Menschen erkannte ich, dass die Stadt hauptsächlich von Chinesen, Japanern, Javaner, Malaien und Europäern bewohnt wird. Ich hatte in verschiedenen Werkstätten, die alle nach der Straße zu offen sind, Gelegenheit, die Kunst, namentlich die chinesische zu bewundern. Hervorzuheben seien Seidenweberei, Stickerei und Modellierarbeit. Geht man in der Stadt zu Fuß, so wird man jeden Augenblick zum Kaufen herangelotst. Mit der liebenswürdigsten Miene zieht einen der Chinese mit in seinen Laden und im Augenblick hat er eine Menge seiner Waren ausgepackt, wofür er natürlich das Dreifache des Wertes fordert, denn jeder Weiße – das scheint bei dieser Gesellschaft abgemachte Tatsache zu sein – ist ein Krösus. In Batavia sind auch holländische Truppen stationiert, welche die Ruhe unter den Eingeborenen, namentlich auf Sumatra, aufrecht zu halten haben. Von hier aus wird auch noch viel Schmuggel betrieben. Nachdem ich mich auch noch an einer Flasche deutschen Bieres, der Preis ist ja nur 70 Cent, gelabt hatte, musste ich mich auch wieder zur Bahnstation bequemen, um sechs Uhr fuhr der letzte Zug nach Tandjong Priok.

Der Rückweg führt uns weiter über Colombo, wo ich Gelegenheit hatte Museen, Buddha- und Hindutempel sowie verschiedene öffentliche Plätze und Stadtteile zu besichtigen. Ich unternahm diese Spazierfahrt in einer Rikscha. Auf der Weiterfahrt bekamen wir an Bord Nachwuchs. Unsere beiden, anfänglich zum Speisen von Sydney mitgenommenen Säue warfen sechs und neun Ferkel, was auf einem deutschen Kriegsschiff wohl noch nicht vorgekommen sein mag.

Die schwere See vor Sydney schildert mein Opa knapp als solche, auch der Aufenthalt in der australischen Hafenstadt und die Aussicht, bald in die Heimat zurückzukehren, wirken nicht sichtlich entspannend. Mir scheint, dass die Gefahr noch nicht endgültig gebannt war, vielleicht doch noch einmal zum Einsatzort Samoa zurück zu müssen. Es schien ein knapper, banger Monat zu sein, bis das befreiende Telegramm aus der Heimat kam, in dem die Rückreise befohlen wurde.

Aber kein großer Bahnhof in Sydney, keine Salutschüsse, die Kohlen für den nächsten Reiseabschnitt waren bereits vor der Kenntnisnahme vom Telegramm gebunkert. Fast symbolisch verließen die beiden Schiffe, die »Pylades« und »Goldfinch« Sydney in Richtung zweier Extreme, nämlich ersteres nach Samoa und das andere in Richtung Heimat. »Goldfinch« von Kapelle und Hurrarufen begleitet. Nur der »Falke« verlässt am Nachmittag des 2. August den Hafen von Sydney bei strömenden Regen. Nichts von Salut oder musikalischer Verabschiedung!

Mit dem Verlassen des Hafens von Sydney ändert sich der Gemütszustand Opas: Er wirkt wie ausgewechselt. Er genießt scheinbar das nahende Ende seines Militäreinsatzes. Er berichtet begeistert von BataviaBatavia (Niederländisch-Indien), als frühere Handelsniederlassung zu Zeiten der niederländischen Kolonisation, heute die indonesische Hauptstadt Jakarta [74], dem heutigen Jakarta. Er wirkt unternehmungslustig, fährt mit dem Zug, lässt sich von einem Java-Pony im Wagen durch die Stadt ziehen, in Colombo nutzt er die Rikscha, selbst der Hinweis auf das fruchtbare Lebensmittel Sau an Bord des »Falke«, all das zeigt uns, dass mein Opa eine andere Seite besitzt, die während des militärischen Einsatzes sicherlich aufgrund von körperlichen Anstrengungen nur latent und meist verdeckt vorhanden war.

Bei der Ankunft von S.M.S. »Falke« im Hafen von Port Mahé auf den Seychellen erhält der Kommandant ein Telegramm aus Berlin. Es wird laut an Bord verlesen: Seine Majestät teilt mit, dass wir den »Falke« am 18. Oktober in Hamburg sehen möchten! Na dann man Volldampf!

Über Aden mit einer maximalen Tagesleistung von 326 Seemeilen und Bab-el-Mandeb kamen wir nach Suez, wo wir erst am nächsten Tag, den 24. September in den Kanal kommen konnten, da wir den Lotsen zu spät bestellt hatten. Mit einem Lotsen und zwei französischen Sanitätsbeamten an Bord, gehen wir gleich in den Kanal. Bald nach Suez müssen wir schon festmachen, da bei der Einfahrt in den großen Bittersee der holländische Postdampfer »König Wilhelm« mit zehn Seemeilen Fahrt dicht vor uns auf DreckDer Postdampfer hatte Grundberührung fuhr. Wir blieben bis zum Nachmittag des Folgetages vor Anker liegen und fuhren dann an dem Holländer vorbei. Noch abends passierte uns dicht hinter Ismāilia die »Bayern« vom Norddeutschen Lloyd und begrüßte uns mit riesigem Hallo, das ganze Deck war schwarz von Passagieren. Port Said verließen wir erst am Mittag des 25. September. Über Valetta, der Hafenstadt von Malta, Gibraltar, Lissabon, Cap Finistoa, Dover kam schließlich am 13. Oktober das Feuerschiff »Borkum« in Sicht und mit dem Lotsen an Bord ging es die Elbe Strom aufwärts.

Nachdem das S.M.S. »Falke« in der Werft von Blohm & Voss überholt worden war, kommt am 18. Oktober mittags, der Generalinspekteur Admiral Köster an Bord, um einen Sicherheitscheck durchzuführen, denn um 15:40 Uhr betritt Seine Majestät der Kaiser die Reeling. Um 16:40 Uhr ging Seine Majestät der Kaiser von Bord. Es folgte darauf der Stapellauf des Linienschiffes »Kaiser Karl der Große«, das bei Blohm & Voss gebaut wurde.

Für meinen Großvater endete die Reise in Kiel. Der letzte Befehl am 20. Oktober 1899 lautete: Reservisten Kleidersäcke packen! Um 16:00 Uhr von Bord und Opas letzte Eintragung: Reserve hat Ruh


[74] Batavia (Niederländisch-Indien), als frühere Handelsniederlassung zu Zeiten der niederländischen Kolonisation, heute die indonesische Hauptstadt Jakarta.