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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.21 - Die Blanche Bucht

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 21:
Die Blanche Bucht

Am 11. Juli kreuze ich die Blanche Bay, um nach Matupi zu gelangen, an den Fuß des heute schweigenden Vulkans Tavurvur. Er hat seinen freien Tag eingelegt, nicht der geringste Rauch steigt auf. Ob der Tavurvur auch Rauchzeichen gab, als das S.M.S. »Falke« hier in Matupi Kohlen nahm, wird von meinem Opa nicht berichtet.

Tavurvur hinter verbrannter Erde
Tavurvur hinter verbrannter Erde, 📷 W.Kelle 2011

Phosphat am Fuße des Tavurvur
Phosphat am Fuße des Tavurvur, 📷 W.Kelle 2011

Das Wasser am Fuße des Vulkans ist ocker- bis rostig-braun gefärbt, schwefelige Dämpfe steigen auf. Die Landschaft selbst ist von einer grauen Staub- und Sandmasse überzogen, aus der abgebrannte Palmenstämme herausragen. Diese stammen von einem ehemaligen Kokoshain. Die Lavamassen des Tavurvur haben den Wald verkohlt. An einzelnen Stellen gibt es die ersten grünen Sprossen, die sich aus der grauen Masse abheben. Kokosnüsse dürften durch ihre hohe Feuchtigkeit und ihren dicken Panzer die Aschen überlebt haben und treiben jetzt aus. Der fruchtbare Lavaboden wird die weitere Entwicklung befördern. Nur wenige Menschen leben noch hier. Sie sind teilweise damit beschäftigt, die Eier des Bismarckhuhns aus der Lavaasche auszubuddeln. Bis zu zwei Meter tief müssen sie graben, um an diese Eier heranzukommen. Die Bismarckhühner nutzen, wie bereits erwähnt, die Wärme der Lava aus, um ihre Eier auszubrüten.

Am Fuße des Tavurvur verlassen wir die Hausboote des Kokopo Beach Bungalow Resorts. Wir sind längst von Kindern gesichtet worden, die uns seltenen Touristen, Handarbeiten feilbieten. Hierzu haben sie einen langen, weiten Weg über die heiße, graue Asche zurückgelegt.

Kinder preisen Handwerksarbeiten an
Kinder preisen Handwerksarbeiten an

Anpreisung von Eiern des Bismarckhuhns
Anpreisung von Eiern des Bismarckhuhns

Am Boot angekommen, grüßt mich ein elfjähriges Mädchen und ruft: Hallo, Walter! How are you? Erstaunt erkenne ich das Mädchen von gestern. Ich hatte sie bereits angetroffen, als wir mit dem Pick-up hierher über Rabaul gefahren waren. Es ist Rita, die mich anspricht und mit der wir am Tag zuvor über ihre Geschwister gesprochen hatten. Wir kaufen den Kindern, fast alle haben typische deutsche Namen, heute nichts ab und tuckern mit unseren Booten von Matupi aus auf die in der Bucht liegenden Felseninseln zu. Die Felsen ragen wie Bienenkörbe aus dem Meer vor Simpson Hafen heraus, daher auch ihr gleichnamiger Name. Mein Großvater hatte diese Felsen ebenfalls gesehen und ein Foto hiervon mitgebracht. Auf den Felsen sitzen einige reiherartige Vögel, die mir die Besatzung zunächst als Bismarckhühner verkaufen will.

Hiernach geht es volle Pulle zurück zur Hotelanlage nach Kokopo. Ich stelle mich in die Mitte des Bootes, umklammere mit den Händen Rohre, an denen das Sonnensegel befestigt ist. So kann ich die harten Schläge des Bootes auf die Wasseroberfläche besser als im Sitzen abfangen und meine Wirbelsäule ein wenig entlasten.

Der Exkurs zu den Carolinen führte über den Äquator. Hier fand erneut die Äquatortaufe statt, dieses Mal für diejenigen, die sich auf der »Stuttgart« seinerzeit gedrückt hatten. So etwas vergisst kein Seemann! Außerdem mussten die Soldaten getauft werden, die neu an Bord waren.

Nach einem kurzen Stopp vor Anker im Atoll Saluit zum Kohlen, hier lebte derzeit der von Samoa verbannte König MataafaMataafa Josefo (* 1832, † 1912) war Oberhäuptling und Stammesführer in Samoa zur deutschen Kolonialzeit.Siehe Wikipedia.org [42] mit seinem Hofstaat, erreichte mein Opa nach 14 Tagen KusaieKarte von Kusaie, die östlichste der CarolinenKarte von Mikronesien. Hier liefen sie mit einem Lotsen in den sicheren, landschaftlich sehr schönen Hafen ein. Das Volk war hellfarbig mit schönem dunklem Haar, ähnlich den Samoanern, aber kleiner wie diese an Gestalt. Sie waren äußerst entgegenkommend und liebenswürdig, viele verstanden Englisch; schienen aber, nach Mitteilung meines Opas, von den Spaniern sehr wenig zu halten. Als des Abends die Musik auf dem S.M.S. »Falke« spielte, kam eine ganze Gesellschaft mit ihrem King an der Spitze an Bord. Die Tracht dieses Volkes war ziemlich europäisch beeinflusst. – Mein Opa sah wunderschöne Webarbeiten, welche mit kleinen einfachen Webstühlchen von den Frauen hergestellt wurden.

In Ponape, der mit 872 Metern höchsten und größten Insel der Spanischen Karolinen, ankerte »Falke« vor der deutschen Plantage. Der Hafen bestand aus mehreren Buchten, vor dem Hafen lagen mächtige Riffs, das Fahrwasser war schwer zu finden, da alle Seezeichen entfernt waren. Ponape war eine spanische Garnison, belegt mit 400 Mann Marine-Infanterie, befestigt und mit einem Wall umgeben, auf welchem fortwährend Posten patrouillierten. – Zwei spanische Kanonenboote, die »Kuiros« und die »Villalobos«, versteckten sich in einer Bucht aus Angst, dass die S.M.S. »Falke« ein amerikanisches Schiff sei.

Mein Opa schrieb, dass an Land alles ziemlich verwildert und verbummelt aussah, nichts stände unter Kultur. Die Eingeborenen, sagte er, bekriegten sich fortwährend und beschossen sich mit Gewehren, welche ihnen die humanen Amerikaner mit den Walfischfängern eingeschmuggelt hätten, gegenseitig über den Haufen.


[42] Mataafa Josefo (Ali'i Sili (hoher Herr); * 1832 auf Savaiʻi; † 6. Februar 1912 in Apia) war Oberhäuptling und Stammesführer in Samoa zur deutschen Kolonialzeit. Er war wichtigster Politiker der samoanischen Selbstverwaltung, wie sie Gouverneur Wilhelm Solf begründet hatte.