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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.6 - Strafen und Eigentum

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 6:
Strafen und Eigentum

Wiederholt berichtete mein Großvater von Strafexpeditionen, die die deutschen oder englischen Truppen unternahmen, um sich an dem Vorgehen von Eingeborenen zu rächen. Auch das Wort Rache fand häufig Eingang in seinen Ausführungen. Tatsächlich waren die Strafexpeditionen bereits Diskussionsstoff der damaligen Beteiligten und nicht unumstritten. Nicht wenige hielten Strafexpeditionen für das verkehrte Mittel, denn es würden Unbeteiligte bestraft, die mit dem Anlass nichts zu tun hatten. Die Eingeborenen wurden vielfach durch das Vorgehen der Europäer provoziert. In diesem Zusammenhang kritisierte auch Gustav von Oertzen, erster kaiserlicher Kommissar auf Matupi, das törichte Benehmen von Händlern, wie Drohungen durch Kriegsschiffe sowie die Vollziehung von Züchtigungen. Trotzdem stellte die Kolonialjustiz grundsätzlich eine Rassenjustiz dar. Weiße wurden, wenn überhaupt, milder verurteilt, selbst in Mordfällen wurden nur Geringststrafen gegen Europäer verhängt. Der Ethnologe Richard Neuhauß schrieb am 1. Dezember 1912 in der Morgenausgabe des Berliner Tageblatts (Hiery 2001, S. 295 [7]):

Alle Aufstände und Europäermorde … sind ausschließlich der falschen Behandlung der Eingeborenen zuzuschreiben, … Noch vor zwei Jahrzehnten unumschränkte Herren des Gebietes, sehen sich die Eingeborenen allerwärts zurückgedrängt. Ihr Kulturland hat man ihnen abgekauft, d.h. für einige Messer und Beile abgenommen.

Berliner Tageblatt von 1912
Morgenausgabe des Berliner Tageblatts vom 1. Dezember 1912

Ferner schrieb er, dass Einheimische durch Weiße von ihrem ursprünglichen Land in andere Gegenden verpflanzt wurden. In der Südsee waren Grundeigentum und Verkauf von Grund und Boden in jener Zeit - teilweise heute noch – völlig unbekannt. Grund und Boden waren Eigentum der Stämme, das von den Individuen genutzt wurde. Eine Besitzübertragung gab es nicht, ganz zu schweigen von Grundbüchern, die von den englischen und deutschen Verwaltungen eingeführt wurden.

Aus Sicht der Einheimischen gab es keinen Landverkauf oder Landaufkauf. Die Überlassung von Grund und Boden an die Kolonialmächte war in den Augen der Urbevölkerung allerhöchstens eine temporäre Überlassung des Bodens zur Nutzung. In vielen Gesellschaften der Südsee ist bis heute der Erwerb von individuellem Eigentum an Land nicht denkbar. So kehren viele Intellektuelle und Kaufleute mit indischem Migrationshintergrund heute Fidschi den Rücken und suchen sich eine neue Zukunft in anderen Teilen der Welt, da sie als Zugereiste keinen Rechtsanspruch haben, eigenes Land auf Fidschi zu erwerben.

Die Verpflanzung der Bevölkerung bedeutete aber, dass neues Unrecht geschah. Neuhauß führte aus:

Nun muss man aber wissen, dass an der Küste von Neuguinea jeder Quadratmeter Land seinen bestimmten Besitzer hat (Red.: heute wissen wir, dass es Stammesbesitz war). Ein Verpflanzen ist nur möglich, wenn man anderen den Grund und Boden wegnimmt. Jetzt hat man also zwei Feinde, die Verpflanzten und diejenigen, auf deren Böden man diese ansiedelt. So wird Unfrieden über Unfrieden gesät, und als Ende vom Lied bleibt, dass eines Tages der Draht die Nachricht bringt über ein furchtbares Blutbad unter den Weißen. … Nun schickt die Regierung Strafexpeditionen aus, bei denen es wiederum zahlreiche Tote gibt und mehrere Dörfer in Flammen aufgehen. Nach den Gesetzen der Blutrache ist der nächste Weiße, der sich in jenen Gebieten blicken lässt, unfehlbar ein Kind des Todes. So geht das Töten weiter, bis der vordringenden Zivilisation keine weiteren Hindernisse in den Weg gelegt werden und das Land beruhigt ist, weil es nämlich Eingeborene nicht mehr gibt.

Auch vor einhundert Jahren gab es Mitmenschen, die in unserem heutigen Sinne menschlich dachten und die die sogenannte Zivilisation anprangerten. Doch auch damals wollte keiner die sogenannten Guten oder auch als Moralapostel titulierten, verantwortungsbewussten Bürger hören. Es ist bewundernswert, dass die Presse solche Gedanken und Mahnungen bereits 1912 abdruckte.

Erstaunlich, wie mein Großvater mit dem selbst erlebten Nachtreten vom 20. August zu einer abgeschlossenen Vergeltungsaktion umging. Er wertete sie nicht, machte aber deutlich, dass er innerlich eine differenzierte Haltung zu haben schien, indem er seine Überraschung kundtat und von ungeahnten Mengen Munition berichtete und festhielt, dass die Soldaten über Zweck und Vorgehensweise instruiert wurden! Es kam keinerlei Wertung auf, es galt nur Befehl und Gehorsam, die Matrosen auf S.M.S. »Falke« schrieben das Jahr 1897! Der Abschluss dieser Strafexpedition endete mit dem hoffnungsvollen, als nebensächlich bezeichneten Satz:

Ali ist ein sehr fruchtbares kleines Eiland.

Es bleibt die Vermutung, dass sich auch Matrosen fragten. Warum?


[7] Siehe Literaturnachweis: Neuhauß, Richard