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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.2 - Ankunft am Nordzipfel von New Britain

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 2:
Ankunft am Nordzipfel von New Britain

Die See wurde immer turbulenter, abends nahmen Wind und Seegang so zu, dass die S.M.S. »Falke« gezwungen war, beizulegen. Eines Nachts wurden der Wellenbrecher auf der BackEine spitzwinklig oder bogenförmig über der Back (Vorschiffdeck) laufende, leicht nach vorn geneigte Stahlwand zum Schutz gegen überkommende See., eine Rettungsboje und zwei Jollen weggeschlagen. Das Schiff schlingerte, wie mein Opa vermerkte, lustig um 35 Grad nach jeder Seite. Der 1. August, der zweite Sonntag auf See, wurde unvergesslich, denn beim Vorschoten des Mastes brach die Fockrah, alle Segel mussten geborgen und die Rah an Deck genommen werden:

Ein schönes Stück Arbeit am lieben, heiligen Sonntag.

Glücklich erreichte mein Opa zwei Tage später den Hafen von Matupi, in dem bereits die S.M.S. »Möwe« ankerte. Matupi ist eine kleine Insel, auf der die Firma Hernsheim & CoHernsheim & Co. waren eine deutsche Handelsgesellschaft im westlichen Stillen Ozean mit Hauptniederlassungen auf Jap (Karolinen), Jaluit (Marshallinseln) und Matupi (Bismarck-Archipel).Siehe Wikipedia.org ihren Sitz hatte. Die Insel war von besonderer Wichtigkeit für die kaiserliche Marine insofern, da sich hier eine Kohlenstation befand, die deutsche Schiffe versorgte. Opa:

Auf Matupi lebten außer den Herren von der Firma noch ein chinesischer TraderHändler [2] und eine Menge Kanaker(polynesischer) Bewohner der polynesischen und Südseeinseln von Neukaledonien; im 20. Jahrhundert von polynesisch: kanaka = Mensch entlehnt [3]. Die Kanaker leben in kleinen Hütten, die, sowohl wie überhaupt der ganze Kanaker, nicht sehr sauber aussehen.

Die Oberhoheit über den Bismarck-ArchipelDer Bismarck-Archipel (bis 1884: Neubritannien-Archipel oder New Britain Archipelago) liegt im westlichen Pazifik und gehört heute zum Staat Papua-Neuguinea.Siehe Wikipedia.org hatte die Neuguinea Compagnie, diese prägte Geld, vereinnahmte Zölle usw. Der Posten des Landesrichters wurde von der Regierung besetzt. Ihren Sitz hatte die Neuguinea Compagnie anfänglich in Finschhafen, später u.a. auch in HerbertshöheKokopo (bis 1919 Herbertshöhe) ist die siebtgrößte Stadt von Papua-Neuguinea und Hauptstadt der Provinz East New Britain auf der Insel Neubritannien., hier stand auch eine Schutztruppe in einer Stärke von 30 Mann, welche meist BukaboysBuka-Insel, Nordinsel der Bougainville-Inseln waren.

Bismarck-Archipel Karte ca. 1890
Karte aus dem Deutschen Koloniallexikon von 1920: die deutschen Besitzungen (1885–1918) im Stillen Ozean

Mein Großvater sparte leider oft an Worten bei Ortsbeschreibungen, der Beschreibung von Begegnungen, mit detaillierten Aussagen über das Leben oder Treiben der Südseebewohner. Die Insel Matupi lag vor der Gazelle-Halbinsel, im Norden der Insel New Britain, ehemals Neu Pommern. Die Insel ist heute von nur wenigen Einwohnern, die dem Stamm der Tolai angehören, bewohnt. Matupi wirkt wie ausgestorben; der Boden ist mit einer grauen Schicht aus feinstem Staub überzogen; die Palmen bestehen nur noch aus verkohlten Stämmen, die wie Streichhölzer abgebrochen scheinen; keine grünen Kronen sind sichtbar. Alles verbrannt, ein Produkt des seit vielen Jahren aktiven Vulkans Tavurvur. Auch heute raucht er stark, wenige Tage später, als ich erneut, diesmal mit einem Boot nach Matupi fahre, verhält sich der Berg ruhig, kein Wölkchen tritt aus ihm aus. Die heftigen Eruptionen von 1994, 2006 und 2010 haben ihre Asche über die Halbinsel Matupi hinaus auch auf die Spitze der Gazelle-Halbinsel geschleudert und den Flughafen von Rabaul verschüttet sowie weite Stadtteile unbewohnbar gemacht.

Als wir mit unseren beiden Pickups über Rabaul kommend, auf die Insel zusteuern, werden wir durch dünne, über viele Meter gezogene Drähte zu einer Sperre geleitet. Ein Mann und eine Frau mit dunkelbrauner Haut und blondbraunen Kraushaaren, begleitet von einem kleinen, etwa vier Jahre alten Kind in Unterhose, stehen vor uns. Das Kind hält in seinen Händen eine rot umrandete Sonnenbrille. Es ist ebenso barfuß wie seine Eltern. Die Mutter trägt ein blaues Poloshirt mit den Nähten nach außen, und einen im Wind flatternden, anthrazitfarbigen Rock, um den Hals eine aparte Kette, die aus sich abwechselnden weißen, schwarzen und längeren braunen Muschelabschnitten besteht. Im linken Arm hält sie eine blaue, wie ein Durchschlagssieb durchlöcherte Plastikschale mit in Papier eingewickelten besonderen Eiern der Bismarckhühner. Die Bismarckhühner, Ngiok genannt, vergraben ihre Eier in der warmen Vulkanasche. Das erspart ihnen das direkte Brüten, verlangt aber trotzdem genügende Brutpflege, denn die Hühner müssen die Eier regelmäßig beobachten und entsprechend den Aschetemperaturen drehen und schieben.

Die Eier stellen für die Bewohner der Insel einen Wirtschaftsfaktor dar. Sie buddeln die Eier aus, um sie an Touristen zu verkaufen oder um den eigenen Proteinbedarf zu decken. Die Frau an der Sperre bietet uns diese Eier als besondere Delikatesse an. Da wir nicht einschätzen können, ob die Eier roh oder gekocht sind, hat niemand das Verlangen, sich auf das Geschäft einzulassen.

Hatte die Crew des »Falke« vor einhundert Jahren diese Eier probiert oder gab es genügend heiße Lava und Asche, in denen die Vögel ihre Eier ausbrüten konnten? Für diese Theorie spricht, dass sich die Bismarckhühner nicht so schnell einer neuen Gegebenheit anpassen, dauern doch Evolutionen sonst tausende von Jahren. Tatsächlich sind die Aktivitäten des Vulkans Tavurvur bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen.

Heute verbindet ein Damm diese in der Blanche Bucht liegende Insel mit dem Festland und dem Ort Rabaul, dem ehemaligen Paradies der Südsee, wie die Stadt auch genannt wurde. Die starken Eruptionen auf der vulkanischen Insel mit dem Ausstoß von riesigen Mengen Vulkanasche schafften die Verbindung mit dem Festland. Aufgrund ihrer zentralen Lage bildete diese Insel ab dem Herbst 1884 als Handels-, aber auch als Pflanzungsstation einen Mittelpunkt der kolonialen Versorgung für die Deutschen. Bereits im Jahre 1872 siedelte sich mit Nebensitz auf ihr die Hamburger Firma Johann Cesar Godeffroy an, die später unter dem Namen Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee AG (DHPG) mit Hauptsitz auf Samoa firmierte. Noch im gleichen Jahrzehnt ließ sich auch die Hamburger Firma Hernsheim & Co. in Matupi nieder.

Kurz nach acht landen wir unter dem Flug PX 393, einer Boeing mit zwei Propellern der Air Niugini in Port Moresby, wie diese Stadt auch schon vor über 120 Jahren hieß. Der Nachtflug konfrontiert uns nach einem traumhaften Zwischenstopp in Singapur mit der Realität eines der 50 ärmsten Länder der Welt. Der Stewardess scheint jeder Handschlag zu viel, die Fragen von gleich zwei Passagieren, warum die Leselampen an den Sitzplätzen nicht in Funktion seien, scheinen sie völlig zu überfordern. Zum Abendessen gibt es ein im Pappkarton angebotenes mit Thunfisch oder Hühnchenfleisch belegtes weiches, wabbeliges Brötchen und einen abgepackten Becher mit Saft. Zudem gibt es eine kleine Flasche mit französischem Wasser. Andere Getränke - ich hatte mich auf einen Rotwein für eine geruhsame Nacht gefreut - werden nicht angeboten, noch können sie käuflich erworben werden. Nach einer sehr kühlen Nacht an Bord, werde ich am Morgen um sechs Uhr Lokalzeit geweckt. Das Frühstück besteht alternativ aus Rührei und Kartoffelpuffer oder Hühnchenfleisch auf Reis und einem Tee oder Kaffee. Meine Bitte nach einem zweiten Kaffee verursacht ein langes Gesicht bei der Stewardess; doch sie kommt dem Wunsch nach.

Auf dem Flughafen von Port Moresby stoßen wir auf lange Schlangen wegen der ausführlichen Ausweiskontrollen einschließlich der Visabeschaffung. Jeder ausländische Passagier muss sich ein Visum in einheimischer Währung kaufen. Der Schalter, um Visa zu erstehen, befindet sich hinter der Passkontrolle. Also, die Beamten kontrollieren die Pässe, stellen fest, dass das Visum fehlt - man hätte es ja auch vorab kaufen können, - behalten die Zollerklärung und bitten den Passagier, sich ein Visum zu kaufen. Dann möge der Passagier erneut zur Passkontrolle kommen, wo nun Pass und Visum erneut kontrolliert und gestempelt werden, zudem erhält der Reisende seine Zollerklärung zurück. Für 100 Kina erhalten wir eine dreimonatige Touristeneinreisegenehmigung. Diese Summe entspricht gut 33 Euro. Eine weitere Schlange bildet sich an der Zollkontrolle, da jeder Einreisende einer Einzelkontrolle unterzogen wird, die jedoch sehr unterschiedlich ausfällt. Die Einheimischen müssen ihr Gepäck durchleuchten lassen und teilweise ihre Koffer, Taschen oder Kartons öffnen, dieses trifft für einige wenige Ausländer auch zu. Wir werden nach der Kontrolle unserer Zolldeklaration und einer Frage nach der Menge mitgebrachten Alkohols durchgewinkt und können danach unser Gepäck gleich weiter einchecken für den Weiterflug zum Flughafen von Rabaul.

Hierdurch verlängert sich unser Zwischenaufenthalt auf der Loloata-Insel, zu der wir mit einem Bus vom Flughafen aufbrechen. Binnen einer halben Stunde erreichen wir einen Anleger. Nach kurzer Wartezeit werden wir hier mit einem Katamaran abgeholt, der uns zu einer kleinen, stark begrünten Insel transportiert. Ein langer Holzsteg, auf ein Kalkriff montiert, weist uns den Weg zum Loloata Island Resort. Nach einem Kaffee erhalten wir unsere Tageszimmer zugewiesen und haben Freizeit bis Mittag. Ich unternehme einen Spaziergang mit dem Ziel, die gesamte Insel zu umrunden. Der schmale, nur durch eine kleine mangrovenartige Baumreihe vom Wasser getrennte Weg ist betoniert und führt uns zunächst an einer Bude vorbei, die für Schreiner- und Schmiedearbeiten genutzt wird. Daran schließen sich Unterkünfte, zweigeschossige Holzhäuser an, in denen Bedienstete untergebracht sind. Der Weg wandelt sich danach zu einem PattwegPatt bedeutet in etwa kleiner Weg, Trampelpfad, unbefestigte Straße.. Hier fehlen jetzt die auf Eisenrohren installierten runden Glaskuppeln mit Beleuchtungskörpern. Immer wieder raschelt es in den Pflanzen. Ich sehe Baumkängurus und eine kleine Känguruart, die sich von mir gestört fühlen und sich auf Sichtweite von mir entfernen. Bald verengt sich der Pfad dermaßen, dass ich das Ziel, den Rundgang um die Insel, aufgebe und zurück zum Resort gehe.

Nun versuche ich in anderer Richtung weiter um die Insel herum zu laufen. Hier ist der Weg wieder betoniert, Lampen sorgen sicherlich für eine lauschige Stimmung in der Dunkelheit. Zum Meer hin versperrt kein Bewuchs den Blick auf das Wasser. Auf der anderen Seite begrenzt eine Steilwand den Weg. Sie zeigt mehrere Abrisse, die Geröll auf den Beton beförderten. Aus zeitlichen Gründen kann ich den Weg nicht weiter verfolgen, denn das Mittagessen ist für zwölf Uhr bestellt.

Nach dem Genuss des guten, mit warmen und wirklich leckeren Fisch- und Fleischspeisen bestückten Buffets ziehe ich mich zur kurzen Siesta auf mein Zimmer zurück, wo ich sehr schnell, nach der knappen Flugnacht, in den Schlaf falle. Danach fliegen wir mit dem Katamaran über das Wasser und ein kleiner Bus bringt uns zurück zum Flughafen.

Mit einer Propellermaschine, Bombardier 100, starten wir in Richtung Rabaul auf die Insel New Britain. Hier werden wir herzlich und mit sehr freundlichen Umarmungen durch unsere Kustodin bereits auf dem Rollfeld begrüßt. Tatsächlich befindet sich der Flughafen nicht in Rabaul. Aufgrund des Ausbruchs des Vulkans Tavurvur im Jahre 1994 und erneut 2006 wurde er in die Nähe von Kokopo verlegt.

Das Kokopo Beach Resort soll für die nächsten Tage unsere Unterkunft sein. Einst stand an diesem Ort das Hotel Deutscher Hof, von dem aus jenen Tagen nichts mehr zu erkennen ist. Die Anlage besteht heute aus einzelnen, mit grünem Wellblech bedeckten Wohneinheiten mit großem Schlaf-Wohnraum, integrierter Küchenzeile mit Kühlschrank und Abwaschbecken, einem kleinen Duschbad und einem überdachten etwa acht Quadratmeter großen Balkon. Auf unserem Schlüssel ist neben der Nummer ein WF vermerkt, welches für Water Front steht. So habe ich einen herrlichen Blick auf die See. Vom Balkon streift der Blick über einen gepflegten Rasen, eine Blütenpracht von gelben, roten, weißen und rosafarbigen Hibisken, grünen Farnen, weißen und roten Phloxen, gelb-orangefarbigen Strelitzien sowie tropischen Bäumen, wie Akazien mit ihren breit ausladenden bizarr verzweigten Ästen, dem Baum des Reisenden oder diversen Palmenarten. Diese Pracht habe ich aber erst am nächsten Morgen sehen können, denn bei unserer Ankunft im Hotel war es bereits dunkel. Die Dunkelheit setzt hier sehr plötzlich ein, ein längerer Übergang von Dämmerung bis Dunkelheit fehlt wie in allen Ländern, die nahe dem Äquator liegen.

Ein rundes, offenes, nur mit einander überlappenden Streifen der Palmenwedel gedecktes Dach bildet das Zentralrestaurant der Anlage. Hier nehmen wir an einem langen Tisch unser Abendessen á la carte ein und trinken dazu das einheimische South Pacific, kurz SP-Bier. Unsere Ethnologin macht uns sehr neugierig auf den nächsten Tag, an dem wir bereits um viertel nach fünf an den Strand fahren wollen, um die Ankunft der Tumbuaneauch Tumuane genannt; Geister der Südsee, in den kunstvoll bemalten Masken präsent. [5]zu erleben, das sogenannte Kinavai.

Von einer solchen Wissbegier war in den Aufzeichnungen meines Opas wenig zu verspüren. Im Gegenteil, er schrieb zunächst, welche Weißen auf der Insel lebten, um dann kurz die zahlenmäßig überwiegenden Kanaken in nur einem Satz zu erwähnen. Neben der Bezeichnung Kanaken, die heute in uns negative Assoziationen mit diesen Menschen verbindet, ist seine wichtigste Information, dass ihre kleinen Hütten und sie selbst eben nicht besonders sauber aussahen. Eine Aussage, die ich so allgemein heute nicht bestätigen kann. Auch wenn das Wort Kanaken zu seiner gemessen wurde. Nicht nur mein Großvater, auch die Gesellschaft, hatte diese Bezeichnung genutzt, wie sie auch von Mohren, Hottentotten oder Negern gesprochen hatte. Es macht deutlich, dass die Bevölkerung der Südsee oder Schwarz-Afrikas eben nicht als gleichberechtigte Menschen galten, sondern bestenfalls als Sonderlinge der Menschheit klassifiziert wurden, die das europäische Menschsein nie erreichen würden.

[2] Händler
[3] (polynesischer) Bewohner der polynesischen und Südseeinseln von Neukaledonien; im 20. Jahrhundert von polynesisch: kanaka = Mensch entlehnt
[4] Buka-Insel, Nordinsel der Bougainville-Inseln
[5] auch Tumuane genannt; Geister der Südsee, in den kunstvoll bemalten Masken präsent.