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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.5 - Mord in Papua-Neuguinea

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 5:
Mord in Papua-Neuguinea

Am nächsten Morgen hieß es wieder Anker auf, S.M.S. »Falke« dampfte an der Küste entlang und kam am folgenden Tage gegen Mittag in Stephansort an. Weiter ging es zum nur wenige Seemeilen entfernten Friedrich-Wilhelms-Hafen, dem heutigen Madang. Kaum geankert, erhielten sie die Nachricht, dass der stellvertretende Landeshauptmann von Hagen meuchlings am 13. August 1897 erschossen worden war. Curt v. Hagen befand sich auf einer Expedition in Begleitung einiger Männer der Schutztruppe zu den in der Umgebung liegenden Dörfern, er wollte die Kanaker bewegen, ihm die zwei aus den Gefängnissen entsprungenen Buka-Boys, namens Ranga und Opia, auszuliefern, welche in der Umgegend ihr Unwesen trieben.

Ranga und Opia waren beschuldigt im Jahre 1895 den deutschen Naturforscher Otto Ehlers ermordet zu haben. Ehlers hatte im Jahre 1895 eine Expedition in das Innere von Kaiser-Wilhelms-Land unternommen, außer seinem Diener begleiteten ihn noch einige Schwarze. Ehlers dachte in vier Monaten wieder zurück zu sein, hatte aber mit Fieber und weiteren Infekten sowie mit den schwer durchdringlichen Urwäldern zu kämpfen, so dass seine Reise bedeutend längere Zeit in Anspruch nahm. Zwei Kanaker machten sich gleich zu Beginn schon aus dem Staube, sein Häuflein wurde immer kleiner, zuletzt waren ihrer nur mehr sieben Häupter, darunter Range und Opia. Beim Durchwaten eines Flusses benutzten letztere nun den passenden Moment, sich des ihnen lästigen Weißen zu entledigen. Zwei Kanaker gingen zuerst in den Fluss, dann kam Ehlers und sein Diener. Diesen Augenblick nutzten nun die Buka-Boys um Ehlers und seinen Diener zu erschießen. Als die beiden anderen Kanaker die Schüsse hörten und die zwei Weißen fallen sahen, ergriffen sie die Flucht, wo der dritte Kanaker geblieben ist weiß man nicht, jedenfalls ist er auch ein Opfer der Mörder geworden. Ranga und Opia kehrten nach Stephansort zurück, wo sie nach längerer Zeit unter den Einflüssen der Wildnis gänzlich verwahrlost ankamen.

Hier erzählten letztere, dass die Kanaker alle an Fieber und sonstigen Krankheiten gestorben wären, sowie auch der Diener Ehlers. Ehlers, selbst sehr schwach vom Fieber, sei durch das Kentern eines Floßes, welches sie für ihn angefertigt hatten, ertrunken, sie selbst hätten sich durch Schwimmen gerettet. Dieser Bericht wurde als glaubhaft befunden, da aus einigen Schriften Ehlers, welche die Buka-Boys mitbrachten, hervorging, wie sehr er unter den erwähnten Verhältnissen gelitten hatte.

Vor längerer Zeit nun kamen auch die beiden Kanaker zurück, welche bei der Erschießung entflohen waren und erzählten den Tod Ehlers wie vorstehend. Hierauf wurden die beiden Buka-Boys gefangen genommen, entflohen aber wieder auf unerklärliche Weise, erschlugen einen Chinesen, beraubten ihn seines Gewehrs und der Munition und trieben sich in den Dörfern umher. Bei der zuvor erwähnten Expedition des Herrn v. Hagen, sind sie beide dann, dem Herrn v. Hagen zuvorgekommen und erschossen ihn aus einem Hinterhalt.

Am Morgen des 17. August wurde die sterbliche Hülle des Curt von Hagen bestattet, ein Missionar hielt die Leichenandacht, viele Offiziere sowie eine Ehrenkompanie von S.M.S. »Falke« erwiesen ihm die letzte Ehre. Dann führte mein Opa aus:

Jetzt galt es für uns den Tod des v. Hagen sowie des Ehlers zu rächen. Wir waren gegen neun Uhr zu den Dörfern gedampft, welche den Mördern Schutz boten. Die Dörfer, etwa sieben Kilometer landeinwärts liegend, wurden von Bord des S.M.S. »Falke« aus, zunächst mit Granaten beschossen, dann landeten 45 Mann der Schutztruppe. 20 Mann waren von Stephansort ausgerückt, welche von dem Landesrichter Assessor Dr. Hahl, einigen Herren von Stephansort und den Unteroffizieren der Truppe geführt wurden. Diese insgesamt 65 Mann besetzten die Dörfer, plünderten sie und steckten die Hütten in Brand, die Kanaken waren vorher schon aus den Dörfern geflüchtet. Als ihnen die Granaten den Morgengruß boten, muss es ihnen jedenfalls unheimlich in den Hütten geworden sein, da sie so schnell verduftet waren. Die Schutztruppe brachte viele Waffen, Götzen etc. als Beute mit, unter anderem auch zwei Gefangene als Geiseln.

Bei Tages Grauen des 20. August liefen wir in Berlinhafen ein, er wird von den dreien unter der Küste liegenden Inseln Ali, Leles und Tamara gebildet. Als wir geankert hatten, hieß es alle Boote klar zum Landen, die Boote wurden ausgerüstet, jeder zum Landungskorps gehörende Mann versah sich feldmarschgemäß. Munition wurde in ungeahnten Mengen ausgegeben. Dann wurden wir über den Zweck der Landung instruiert und wie wir uns verhalten sollten.

Die Bewohner von Ali hatten vor einiger Zeit, als S.M.S. »Möwe« zu Vermessungszwecken dort lag, eine gänzlich unbewaffnete Bootsbesatzung, welche zu Beobachtungen auf Ali landete, überfallen und mehrere Matrosen teils leicht, teils schwer verwundet. Die »Möwe«, um solche Gemeinheit zu rächen, hatte dann auf der Insel aufgeräumt und alle Hütten niedergebrannt, die Kanaken hatten nichts Gutes ahnend, als so viele Boote landeten, wohlweislich in ihren Kanus das Weite gesucht.

Unsere Aufgabe war es, eventuell gemachte Ansiedlungen wieder zu zerstören und die Kanaker zu vertreiben. Als das Landungscorps S.M.S. »Falke« landete, wurde ausgeschwärmt und die ganze Insel durchstöbert, wir hatten weder einen Kanaker gesehen, noch waren wir einer Ansiedlung begegnet.

In Übereinstimmung mit den Darstellungen meines Opas berichtet Hiery (2001), dass der Mörder Curt von Hagens der ehemalige Bukapolizist Ranga war. Er hatte nach Überzeugung von Hagen zusammen mit dem Buka-Polizeisoldaten Opia den Tod der Deutschen, dem Forschungsreisenden Otto Ehlers und dem Unteroffizier der Polizeitruppe Wilhelm Piering, während einer Forschungsexpedition im Jahr 1885 zu verantworten. Ranga und Opia flohen aus der Haft in Stephansort. Bei ihrer Verfolgung wurde von Hagen erschossen.

Im Norden der Insel Bougainville liegt die Insel Buka, von hier wurden junge Männer rekrutiert und mit ihnen die Polizeigruppe aufgebaut, vermutlich, weil man diesen Menschenschlag für zuverlässiger hielt als die Stämme im Bismarck-Archipel. In einem Artikel aus dem Berliner Lokal-Anzeiger vom 12. Dezember 1897 (aus Hiery, s.o., S. 292) wurde die Bestrafung der Mörder wie folgt dargestellt:

Am Morgen des 18. August hatten sich alle Tamuls aus der Gegend der Gogolmündung und die von Maraga aufgemacht, um den Beiden zu Leibe zu gehen. Dicht am Gogolfluss stießen sie mit den Bukas gegen acht Uhr morgens zusammen. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit soll es Ranga verstanden haben, durch geschicktes Ausweichen den von allen Seiten auf ihn herab sausenden Speeren und Pfeilen zu entgehen. Fast ein Dutzend derselben hatten die Tamuls angeblich schon verschossen, ohne ihn zu treffen; schon schwankten einige und wollten an Zauberei glaubend, zurückweichen, als Opia, zuerst am Bein und gleich darauf durch einen Speer in die Brust getroffen, zusammenstürzte.

Nun drangen sie von neuem alle auf Ranga ein, der bald auch aus mehreren Pfeilwunden blutete. Ein Pfeil traf ihn in den Leib. Mit diesem im Körper, sprang er in den nahen Fluss, um sich durch Tauchen und Schwimmen zu retten. Aber der Gegner waren zu viele, und er erschöpft. Sobald er aus dem Wasser herauskam, erlitt er eine weitere Schwere Wunde am Kopf. Noch lebend wurde er an das Land gezogen, wo alles über ihn herfiel. 23 Pfeile sollen in seinem Körper gesteckt haben, und er eine Lebenszähigkeit bewiesen haben, die selbst den Tamuls imponierte.

Die Tamuls brachten die beiden Leichname nach Maraga. Von hier holte ein Beamter die Köpfe der beiden Verbrecher und brachte sie nach Stephansort. An zwei vor dem Gefängnis errichteten Pfosten wurden dieselben dann aufgehängt und den Rest des Tages über, allen Arbeitern zur Schau gestellt, als warnendes Beispiel und zur Nachricht, dass von Hagens Tod nun gesühnt sei.

Am 17. September 1897 notierte mein Opa in seinem Tagebuch, dass bei Tagesanbruch die Stettin auf Reede kam und die Nachricht überbrachte, dass Ranga und Opia im Gogolfluß von den erbosten Kanaken überfallen und erschlagen wurden.

So ist also der Tod des von Hagen gerächt.