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Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich — Kap.24 - Levuka, einstige Hauptstadt von Fidschi

Kanaken, Kannibalen, mein Opa und ich
Kapitel 24:
Levuka, einstige Hauptstadt von Fidschi

„Ende August 1898 dampfte S.M.S. »Falke« für einen Monat zurück nach Sydney. Hier wurden wieder Reparaturen durchgeführt, wie das Einsetzen eines neuen Großmastes.“

Die Aufenthalte erlaubten es meinem Opa mal wieder, wie er es nennt, kurze Zeit menschlich zu leben.

Am 1. Oktober erhielten sie den Befehl zurück nach Samoa. Dieses Mal verlief die Fahrt unter einer großartigen Schaukelei bei Böen von sieben bis acht Windstärken über Suva und Levuka nach Apia.

Auch ein Flug nach Fidschi kann ungeahnte Turbulenzen mit sich bringen. Wir starten in Port Moresby, der Hauptstadt von Papua-Neuguinea. Von der Stadt selbst habe ich gar nichts gesehen, da ich – aus Kokopo kommend – am Abend dort zwar landete, aber, aufgrund der problematischen Sicherheitslage in der Stadt selbst, direkt im Airways Hotel am Flughafen untergebracht war. Die touristischen Warnungen lauten: In Port Moresby sollte man nie allein – und erst recht nicht in der Nacht – auf die Straße gehen. Deshalb verbringe ich diese Nacht mit meiner Frau hier, wo wir keinen Mangel litten!

Ich komme mir hier reichlich dekadent vor. Gerade verließ ich die bescheidene, eher ärmliche Region New Britain, mit einer, in einer spirituellen Welt lebenden Bevölkerung. Hier steige ich unverhofft in diesem Hotel der Extraklasse ab. Mir begegnet eine Welt von Aktivisten und Kaufleuten der gehobenen Klasse, die ihre Geschäfte meist wohl nur profitorientiert und somit häufig zu Lasten der von mir soeben zurückgelassenen Bevölkerung mit ihren Urängsten und mythischen Geisterbeschwörungen tätigen. Das spricht nicht gegen das Hotel, sondern gegen die unsensible Wahl dieses Hotels, verglichen zu dem, was mir acht Tage auf der Gazelle- Halbinsel begegnete und über diese vielen Tage stark bewegt hatte.

Am nächsten Morgen führte mich der Flug von Port Moresby über die Salomon-Inseln, auf denen wir in Honiara zwischenlanden, nach Nadi, dem internationalen Flughafen auf Fidschi. Die Focker 100 ist von vielen sehr korpulenten Personen belegt. Mir sind noch nirgends auf der Erde so viele adipöse Menschen begegnet, wie auf Fidschi und Samoa. Als ich in Port Moresby ins Flugzeug einsteige, steht die Stewardess am Eingang des Flugzeuges und hält, für mich aus zunächst unverständlichen Gründen, Gurte in ihren Händen, wusste ich dieses anfangs nicht einzuschätzen. Doch sehr bald fällt es mir wie Schuppen von den Augen, als ich die vielen fetten Menschen sehe, die das Flugzeug besteigen. Die Gurte sind Verlängerungsstücke für die Sicherheitsgurte. Unwillkürlich hoffe ich im Geheimen, dass sich keiner dieser Menschen neben mich setzt. Ich bin mit meinem Stoßgebet sicherlich nicht allein! Neben der Verlängerung der Sicherheitsgurte zum Anschnallen empfangen mich die Stewardessen mit dem so typischen fidschianischen Grußwort BulaWillkommen, Hallo [49]. Es ist bewundernswert, wie diese beleibten Menschen, rund wie Sumoringer, sich überhaupt in die Sitze quetschen können. – Inzwischen gibt es Fluggesellschaften in der Südsee, die ihre Flugpreise nach Gewicht des Passagiers berechnen.

Die Linie Air Niugini verwöhnt nicht nur ihre Passagiere auf diesem Flug, sie überschüttet diese im wahrsten Sinne des Wortes mit Alkoholika. Drei Plätze neben mir, es gibt Gott sei Dank noch einen Gang dazwischen, sitzt ein junger Inselbewohner, der dieses Angebot sich auf gar keinen Fall entgehen lässt. Es stehen stets zwei gleichzeitig gefüllte Weingläser auf seinem Klapptisch und er trinkt Zug um Zug den Wein aus. Die Bedienungen schenken unentwegt nach. Sie beachten die sich immer deutlicher abzeichnende Wirkung des Alkohols auf den wenig geübten Trinker nicht.

Es nimmt seinen Lauf, wie von mir erwartet. Der Insulaner entleert sich über den Fußboden, auf seinem Platz festsitzend. Der süßsäuerliche Geruch breitet sich schnell im Flugzeug aus. Das Servicepersonal geht mit einer Sprühdose durch die Gänge und spritzt einen Duft durch die Kabine und in die Gepäckablagen. Der Sitznachbar des Rückwärtsessenden kümmert sich rührend um ihn. Von allen Seiten werden ihm Speisackerl, wie der Spuck- oder Kotzbeutel auf österreichisch heißt, Servietten und Papiertaschentücher gereicht.

Auf dem Flughafen Nadi, wo wir erst abends um sieben landen, kann ich schnell die Passkontrolle hinter mich bringen. Ein Mitflieger empfiehlt mir, mich in die Reihe der Einheimischen zu stellen. Tatsächlich, die Zollbeamten haben kein Problem damit, ruckzuck bin ich durch die Kontrollen und habe auch mein Gepäck unkontrolliert bei mir, als mich eine junge Fidschianerin empfängt. Sie streift meiner Frau und mir eine Kette aus kleinen Muscheln über und weist mir den Weg zum Domestic-Flughafen. Dort wartet Estar auf uns, um uns die notwendigen Vouchers für unseren Aufenthalt auf den Fidschis zu überreichen. Den Flug um viertel nach acht nach Suva erreichen wir locker und sitzen bereits eine halbe Stunde vor Abflug am Gate 10.

In der Hauptstadt Suva braucht der Taxifahrer in finsterer Nacht bei Vollmond bis ins Hotel eine gute halbe Stunde. Es liegt mitten in der Stadt, nur wenige Minuten vom Strand entfernt. Hier beziehe ich ein Zimmer mit herrlichem Blick auf die Reede von Suva. Nach einem Bier und der Abarbeitung meiner E-Mails – hier klappt der Zugang ins Internet endlich schnell und unproblematisch – gehe ich auf das Zimmer. Der kleine Uhrzeiger stand zwischen elf und zwölf.

Nach einer kurzen Nacht schrillt um sechs Uhr der Wecker. Ein Frühstück ist nicht mehr vorgesehen. Der Fahrer mit indischem Migrationshintergrund, der uns vom Flughafen ins Hotel brachte, steht bereits vor der Eingangstür, als ich um halb sieben in die Hotelhalle trete. Auf dem Flughafen muss ich mit meinem Rucksack auf dem Rücken beim Check-in auf die Waage, deshalb reisen wir mit nur leichtem Gepäck, die Koffer deponierten wir im Hotel. Der Lautsprecher meldet für unseren Flug nach Levuka eine Stunde Verspätung. In dem einzig existierenden Lokal auf dem Flughafen, mit Blick auf den Vorplatz, belegen wir einen freien Tisch, essen Chips, welche nach englischem Verständnis auch hier Pommes sind und ich nippe an meinem Pott mit braun gefärbtem Wasser ohne Kaffeegeschmack.

Eine kleine Maschine der Northern Air bringt uns von dem seit 1883 zur Hauptstadt erkorenen Suva nach Levuka, der ehemaligen Hauptstadt der Fidschi-Inseln auf der Insel Ovalau. Die Besatzung nimmt uns in Suva persönlich unsere E-Tickets ab, kontrolliert alle Angaben, zeichnet die Tickets persönlich ab und weist uns die Plätze in dem maximal sechs Passagiere fassenden Flieger an. Stewart, Pilot und Co-Pilot, alle Funktionen werden von den beiden jungen Männern wahrgenommen. Der kurze zwanzigminütige Flug in geringer Höhe bietet mir traumhafte Blicke auf die Inselwelt im Stillen Ozean, auf das blaue und türkisfarbene Meer, die weißen und teilweise mit Palmen bewachsenen weiten Strände bei schönstem Sonnenschein.

Mit einem am Flughafen stehenden Minibus, den auch Mitfliegende besteigen, fahren wir für wenige Fidschidollar in den Ort Levuka. Beim Passieren des Ortschildes stutze ich, denn es trägt neben einem Welcome, den Namen der ehemaligen Hauptstadt und der Jahreszahl 1874, den Zusatz: Nominated for UNESCO WORLD Heritage Status.

Auf Ovalau war für uns ein Zimmer im Royal Hotel reserviert, das direkt an der Seepromenade des Ortes liegt. Die Rezeption, die gleich links, neben dem aus der viktorianischen Zeit geprägten Gastraum, hinter einem kleinen, verwinkelten Garten liegt, stellt im ersten Moment eine dunkle Höhle dar. Der Raum macht einen wenig aufgeräumten Eindruck. Zwei freundliche Personen, die auf mich wie Reptilien wirken, sitzen darin. Diesen freundlich gemeinten Ausdruck Reptilien halte ich für sie bei.

Die Frau und der in einem hinteren Winkel des Empfangs sitzende Mann begrüßten sicherlich schon äußerst viele Gäste des Hauses und wiesen ihnen ihre Zimmer über viele Jahre zu. Ihre Gesichter sind von der Sonne, dem Wind, dem Regen und den Jahren mit langen und kurzen, tiefen Linien übersät, die dunkle Hautfarbe unterstreicht die gealterten Gesichter. Die Reptilien weisen mir einen der insgesamt sechs Gartenbungalows zu, der von der Strandpromenade nur durch eine rot und rosa blühende Hibiskushecke getrennt, mit einer Außenterrasse und viel Rasen und Dattelpalmen umgeben ist. Alle vorbeigehenden Sonntagsspaziergänger lassen es sich nicht nehmen, meine Frau und mich auf der Terrasse mit einem freundlichen Bula zu grüßen, was wir ebenso freundlich erwidern.

Das Royal ist das älteste Hotel auf Ovalau, das älteste aller Fidschi-Inseln und das älteste, noch betriebene Hotel im Süd- Pazifik. Es soll laut einem Flyer des Hotels 1860 erbaut worden sein. Andere wie das DuMont Reise-HandbuchSiehe Literaturnachweis: Schyma, Rosemarie, Reise-Handbuch Südsee, Dumont 2011 Südsee (2011) [50] wollen wissen, dass es bereits 1852 seinen Betrieb aufnahm. Ich vertraue den Reptilien! Tatsächlich stammt das von uns vorgefundene Haus aus der Jahrhundertwende, denn es war total abgebrannt und wurde von dem Kapitän Robbie eben um 1900 neu aufgebaut. Noch heute betreibt es die Familie Ashley in der dritten Generation. Wir treffen die in Britain verweilende Familie nicht an, sondern Bedienstete, die sie würdevoll vertreten.

Levuka, ein Straßendorf, streckt sich an der schmalen Ostküste der Insel, westlich der Küstenstraße entlang. Eine in die Tiefe gehende Bebauung ist aufgrund des schnell ansteigenden Bergrückens nur an wenigen Stellen möglich. Eine breitere Bebauung findet man zwischen dem Hotel Royal und der ältesten, aus dem Jahre 1858 stammenden katholischen Kirche der Fidschi-Inseln, der Sacred Heard. Das Besondere des Glockenturms ist seine französische Uhr, die mit einem Abstand von einer Minute jede volle Stunde zweimal schlägt.

An diesem Sonntag lädt uns ein Kirchenmitglied der methodistischen Kirche sehr herzlich zum Gottesdienst ein. Seine Kirche liegt am östlichen Ende des Ortes Levuka. Von allen Seiten strömen Personen in Richtung Kircheneingang: Frauen in kleinen Gruppen, einzelne Männer, Frauen mit Kindern. Wir setzen uns in eine hintere leere Bankreihe neben einander. Ein älterer Herr kommt auf uns zu, begrüßt uns, reicht uns ein Gesangbuch, uns zum Mitsingen auffordernd. Die Männer nehmen ihre Plätze in einem Block ein, einige Frauen bilden einen eigenen Sitzblock. Diese sind, wie ich im Laufe des Gottesdienstes bemerke, die Chorfrauen. In einem weiteren Block nehmen Frauen und Kinder gemeinsam Platz. Eine sehr sangesfreudige Gemeinde hat sich hier versammelt und gestaltet einen kurzweiligen Gottesdienst, der vor allem von Gesang und Liturgie geprägt ist.

Steile, zementierte Treppen verbinden nahe der Sacred Heard die Wohnhäuser, den Sportplatz Nasau Park, den Ovalau Club, das Rathaus, die Levuka Public School und die Ruinen des verfallenen Freimaurer- Tempels, Masonic Lodge, der in den frühen Morgenstunden des 10. Juli 2000 abgefackelt wurde. Ursache hierfür waren politische Unruhen, die Fanatiker zu dieser Tat veranlassten. Der Ovalau Club, einer der ältesten Gesellschaftsclubs Fidschis, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gegründet, besitzt einen kostbaren Schatz, einen Brief des deutschen Grafen von Luckner. Der Brief wird in einem breiten, schwarzen, hölzernen Rahmen unter Glas aufbewahrt und jedem Interessenten von Mrs Taylor gerne aus der Ecke geholt und zum Lesen hingehalten. Die Ecken des Bilderrahmens sind angestoßen und zeigen helles, rohes Holz, die mit viel Staub versetzten blumigen Ornamente des Rahmens könnten es gut vertragen, mit einem feuchten Lappen abgewischt zu werden.

Der Schatz stammt aus dem Jahre 1917. Er wurde angeblich von dem englischen Schriftsteller Max Pemberton verfasst, der sich auf einer sportlichen Kreuzfahrt im Pazifik befand. Tatsächlich war dieser Max Pemberton niemand anders als der aus Dresden stammende Felix Nikolaus Alexander Georg Graf von Luckner alias Seeteufel. War er wirklich der Seeteufel? Denn er erreichte Ruhm während des Ersten Weltkrieges als Kapitänleutnant und Kommandant des Hilfskreuzers S.M.S. »Seeadler«Hilfskreuzer S.M.S. »Seeadler«, eines motorisierten Segelschiffes, als er als ehemaliger Artillerieoffizier die Seeblockade der Engländer im Skagerrak durchbrach. Luckner ist nicht nur als militärischer, sondern auch als räuberischer Seeteufel in die Geschichte eingegangen. Viele nannten ihn Pirat des Kaisers, denn seine Kapernfahrten durch die Südsee sind insbesondere für die englischen Truppen unvergesslich. Als sein »Seeadler« im August 1917 auf ein Riff lief und ausbrannte, rettete er sich mit einigen Matrosen, Offizieren und Gefangenen auf eine kleine Insel der Fidschis. Mit einer vergleichsweise kleinen Nussschale begab sich Luckner mit fünf Mann erneut auf eine lange Fahrt durch die Südsee.

Auf dieser waghalsigen, tausende von Seemeilen langen Fahrt kam er auch auf die Insel Katafaga, einer Nachbarinsel von Ovalau. Hier versorgten sich Luckner und seine Männer mit Nahrung und Getränken; auch soll ein Truthahn zu seiner Beute gehört haben. Da sich der Seeteufel von den Briten verfolgt sah, er aber als Gentleman keinen Diebstahl an einfachen Leuten begehen wollte, erfand er die Lüge, dass er auf einem sportlichen Schiffstörn mit seiner Frau sei, er der britische Autor Max Pemberton sei und hinterließ neben dem Schreiben zwölf Schilling, um seine Schulden zu begleichen. Der Brief soll von dem Großvater der Mrs. Taylor auf seine Echtheit überprüft und von ihm mit auf die Insel Ovalau gebracht worden sein. Die englische Marine stellte angeblich fest, dass der Autor des Briefes das deutsche SDeutsche Kurrentschrift verwandt hatte, welches dazu führte, dass Graf Luckner schließlich von dem Englischen Dampfer »Iris« bei der Macauleyinsel, nördlich Neuseelands, gefangen und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs interniert wurde.

Eine berühmte Persönlichkeit, die vielen Bewohnern noch in Erinnerung ist, hat vor einiger Zeit Ovalau und die Stadt Levuka am Tag der Unabhängigkeitserklärung der Fidschi-Inseln besucht. Es war kein geringerer als Prince Charles, wie auch aus einer Tafel am Cession Stone hervor geht. Weiß lackierte Anker, wie eine Fahnenstange mit der hellblauen Landesflagge, unterstreichen die Bedeutung dieses Platzes, an dem die Unabhängigkeit der Fidschi-Inseln 1970 in Anwesenheit des würdigen Vertreters des britischen Könighauses proklamiert wurde. Gegenüber diesem kleinen Park liegt die Price Charles Bureovales Wohn- oder Versammlungshaus auf Fidschi [51] mit seinem türkisgrünen Wellblechdach, das im traditionellen Baustil der Fidschianer als Unterkunft für Prince Charles und sein Gefolge errichtet wurde. Das charakteristische Merkmal einer Bure ist ein an beiden Seiten des Giebels überstehender Balken.


[49] Willkommen, Hallo
[50] Siehe Literaturnachweis: Schyma, Rosemarie, Reise-Handbuch Südsee, Dumont 2011
[51] ovales Wohn- oder Versammlungshaus auf Fidschi