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Barskamp, 1889-1900 — Walters Tod

Teil 10 - Barskamp, 1889-1900
Kapitel 10
Walters Tod

Den tiefsten Schmerz aber brachte uns der Winter 1892/93 durch die Erkrankung und den Tod unseres Walter.Siehe auch ausführlicher Bericht des Autors über Walters Leben und seinen Tod (zurzeit noch nicht veröffentlicht) [32] Anfang Dezember hatte er mich noch nach Alt-Garge begleitet, wo ich eine todkranke Frau besuchte. Ich sehe ihn noch, wie er an der Stelle, wo kurz vorher die Straße geebnet und dadurch ein Hohlweg entstanden war - eine Arbeit, die er auch mit dem größten Interesse verfolgt hatte - die Böschung hinan kletterte und mir von oben zujubelte. Kurz darauf kam er eines Tages - es war Freitag der 9. Dezember - vom Eise, müde, sodass er den Kopf in den Schoß seiner Mutter legte. Den folgenden Tag hatte er Fieber und blieb deshalb im Bett. Als das Fieber am Sonntag noch nicht gewichen war, telegraphierten wir gegen Abend dem Arzt, der am Montag früh kam, die Krankheit für ein gastritisches Fieber erklärte und seine Medizin verordnete. Nachdem die Krankheit sich etwas über eine Woche auf gleicher Höhe gehalten, schien gegen Weihnachten Besserung einzutreten, so dass er am Heiligen Abend, wenn er auch zu seinem Kummer nicht in die Kirche durfte, auf sein und auf dem Sofa der Bescherung beiwohnen konnte. Auch der Arzt kam mehrere Tage nicht. Nach dem Fest verschlimmerte sich aber der Zustand. Als das Fieber auch der verschärften Medizin nicht weichen wollte, verordnete der Arzt das Auflegen von Eis. Ich bin manche Nacht aus dem Bett gekrochen, um in der grimmigen Kälte - es war der kälteste Winter, den wir seit zwölf Jahren gehabt hatten - das auf der Diele lagernde Eis zu zerklopfen und den Eisbeutel, den ich Walter auf den Kopf legen musste, zu füllen. Die Krankheit ging auf und ab, war nie sehr heftig, aber wollte nicht weichen. Walter betete noch jeden Morgen sein gewohntes Morgengebet Wie fröhlich bin ich aufgewacht, und wenn man ihn fragte, wie es ginge, antwortete er: Es geht schon besser. Die Geschwister, die nicht ins Krankenzimmer durften, gewöhnten sich allmählich an den Zustand und spielten kranker Walter. Eine Besserung schien einzutreten, als Hanna Gleiß von Hamburg herüberkam und uns die Pflege abnahm. Aber sie musste nach einiger Zeit wieder abreisen, und dann kamen Tage, wo die bisher stets erhöhte Temperatur unter den normalen Stand hinabsank. Die Lebenskraft war gebrochen und Freitag den 3. Februar, nachdem er eben noch die Fragen eines zweiten Arztes, den wir hinzugezogen, klar und verständlich beantwortet hatte, starb er unter unseren Händen ohne Todeskampf. Am 7. Februar trugen wir ihn in sein letztes Schlafkämmerlein, nachdem am Sarge Superintendent Jacobshagen, der auch während der Krankheit mit seiner Frau uns viel Anteilnahme bewiesen, über die Worte: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft gesprochen hatte. Als wir vom Grabe zurückkamen, fielen die ersten warmen Regentropfen auf die noch gefrorene Erde, als sollten wir erinnert werden an die Paul Gerhardtschen Verse Wenn der Winter ausgeschneiet, tritt der schöne Sommer ein. Also wird auch nach der Pein, wer's erwarten kann, erfreuet. Auf seinen kleinen Grabstein ließ ich ihm die Worte setzen, über die ich auf Wunsch meiner Frau bei seiner Taufe gesprochen: Sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Gott gab es uns, still zu werden. Aber die Worte: Wie man sich betrübet über ein Erstgeborenes wurden mir zu jener Zeit verständlich. Ein besonderer Trost war es uns, dass die liebe Großmama aus Gifhorn, die gleich zur Beerdigung kam, die ersten schweren Wochen mit uns teilte. Auch sonst erfuhren wir viel teilnehmende Liebe, auch in manchem Briefe.

Eine große Freude war es uns, dass im Sommer darauf auch meine Mutter [Meta Rogge] für mehrere Wochen uns besuchte. Sie war ja wegen der viel größeren Entfernung längst nicht so oft bei uns wie meine Schwiegermutter. Ihr Besuch war dafür immer ein viel größeres Ereignis. Sie hatte uns wieder einmal von Stettin aus besucht im Frühjahr 1891, nachdem ich im Herbst in Stettin gewesen war, um Veras Konfirmation mitzufeiern, wobei ich zum letzten Mal auch die alte Tante Berta [Dittrich] sah, die nach Tante Emilie [Dittrich]s Tod noch mehrere Jahre in Bärsdorf geblieben, aber, als sie infolge zunehmender Gebrechlichkeit nicht mehr allein bleiben konnte, nach Stettin zu meiner Mutter gezogen war. Sie war nun im letzten Winter, wenige Tage vor Walter, in Finkenwalde bei Stettin, wohin Mutter übergesiedelt war, gestorben. Mutter kam mit der inzwischen herangewachsenen Vera. Auch Grete kam für kurze Zeit. Da nun auch Martha bei uns war, und Emmi Wilhelmi, die eine Zeitlang in Stettin gewesen war und sich mit Grete angefreundet hatte, auch auf einige Tage von Moisburg herüberkam, hatten wir eine ganze Schar von jungen - und späten - Mädchen in unserm Hause. Wir reisten dann im August, nachdem aller Besuch fort war, nach Moisburg, wohin Mercker mich zu seinem Missionsfest eingeladen hatte. Da Wilhelmis uns einluden, teilten wir uns, meine Frau logierte bei Wilhelmis, ich bei Merckers, und verlebten in beiden Häusern ein paar schöne Tage. Von da fuhren wir weiter nach Hamburg, um Thekla, die von den Gleiß-Tanten, die uns auch in Barskamp besucht hatten, mitgenommen war, wieder abzuholen. Thekla hatte inzwischen in der Stadt allerlei Wunderdinge gesehen, besonders im zoologischen Garten, die sie mir in den ersten zehn Minuten unseres Wiedersehens höchst aufgeregt erzählte, von jedem einzelnen Stück sich von mir bestätigen lassend, dass es wirklich so wäre, wie sie sagte, da sie fürchtete, dass Gerhard es ihr nicht glauben werde. Als sie alles dann Gerhard wieder erzählte, sagte dieser: Thekla möchte ich wohl sein.

Am 2. Mai 1894 wurde dann Gretchen geboren. Es war auch ein Tag mancher Nöte und Ängste. Wir hatten sie an dem Tag noch nicht erwartet. Meine Frau wollte Wäsche halten und die Waschfrau war da, als die Notwendigkeit sich herausstellte, zur Hebamme zu schicken. Magdalene, die schon am Tage vorher sich nicht wohl gefühlt, fieberte, und als ich ihr in den Hals sah, zeigten sich die weißen Diphteritis-Flecken. Vierzehn Tage vorher hatte sie schon einen Anfall gehabt und der Arzt hatte sie mit seiner Medizin innerhalb sechs Tagen kuriert. Den wollte ich nun nicht auch noch im Hause haben. Ich bettete sie daher in die Kammer hinter meiner Studierstube und gab ihr abwechselnd Akonit und Mercurius cyanatusEisenhut und Quecksilbercyanit, zwei hochgiftige Substanzen! [33]. Um zwölf Uhr, als der kleine Ankömmling das Licht der Welt erblickt hatte, konnte ich meiner Frau zugleich melden, dass bei Magdalene der weiße Belag im Halse sich zu lösen beginne, und um vier Uhr nachmittags, um die Zeit, wo ich nötigenfalls den Doktor hätte kommen lassen, war der Hals rein, so dass ich nun nur noch die Desinfizierung des Zimmers vorzunehmen brauchte und im Übrigen an meine Himmelfahrtspredigt gehen konnte. Denn es war Mittwoch vor Himmelfahrt. Am 2. Pfingsttage konnte ich Gretchen taufen und am Tage darauf, weil alles gut ging, als Delegierter des Lüneburger Vereins nach Leipzig reisen.

Großmutter Meta Dittrich geb. Rogge, Mutter des
Autors, mit ihren Enkeln 1888 in Swinemünde
Walter Dittrich †,
Johannes Dittrichs Sohn
Joachim Dittrich,
Alexander Dittrichs Sohn
Erika Dittrich,
Alexander Dittrichs Tochter
Susanne Dittrich,
Alexander Dittrichs Tochter
Gerhard Dittrich,
Johannes Dittrichs Sohn

Swinemünde 1888; Großmutter Meta Dittrich geb. Rogge (Mutter des Autors) mit ihren Enkeln

Im Herbst darauf besuchte ich Mutter in Cassel, wo sie auf einige Zeit bei Georg zum Besuch war, der dorthin als Lehrer an der Kriegsschule kommandiert war. Ich genoss dort einige Tage die Gastfreundschaft der Geschwister, lernte mein Patenkind Renate kennen, die ihnen als Ersatz für ihr früh verstorbenes Töchterchen geschenkt war und besichtigte mit Mutter die Bilder der Galerie, die besonders viele Rembrandts enthielt. Ich konnte mir die Reise gestatten, da ich sie bis Hannover, wo ich auf der Rückreise die Jahresversammlung des Evangelischen Vereins besuchte, als Agent für die Inspektion freie Reise hatte. Übrigens machte ich erst noch in Göttingen Station, wo ich mich bei Steinmetz angemeldet hatte, und auch die Familie Etienne besuchte. In Hannover hörte ich zur Eröffnung der Jahresversammlung eine vortreffliche Predigt von Hoppe und bei derselben einen Vortrag von Uhlhorn über die Stellung der Kirche zur sozialen Frage, in dem er denselben Standpunkt vertrat wie in seiner Schrift Katholizismus und Protestantismus gegenüber der sozialen Frage. Dramatisch wurden die Verhandlungen, als Pastor Schall aus Bahrdorf an der Besprechung sich beteiligte und mit dem Satz anfing, dass mit diesem Vortrag der Herr Abt an die Spitze der christlich-sozialen Bewegung sich stelle - meines Erachtens der beste Beweis, dass Uhlhorn seinerzeit von den christlich Sozialen falsch verstanden worden war.


[32] Siehe auch ausführlicher Bericht des Autors über Walters Leben und seinen Tod (zurzeit noch nicht veröffentlicht)
[33] Eisenhut und Quecksilbercyanit, zwei hochgiftige Substanzen!