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Fritz Schukat

Erinnern Sie sich immer richtig?

Natürlich, werden Sie sagen. Aber so natürlich ist das leider nicht. Da hat sich vor einiger Zeit eine hochkarätige Forschungsgruppe im Westen unserer Republik formiert, die dieses Thema aufgegriffen hat und wollte untersuchen, "…wieso erinnern sich die Menschen?"
Viel Neues erfährt man da eigentlich nicht, denn die kürzlich veröffentlichten Forschungsergebnisse bekräftigen nur das, was wir schon längst wissen: Jeder erinnert sich anders.
Natürlich sind die Einzelergebnisse schon interessant, denn Forscher gehen solche Dinge ganz anders an. Sie analysieren nicht nur Fragebögen, in denen sie schlaue Fragen stellten, sie versuchen auch, die Hirntätigkeit mit komplizierten Geräten zu untersuchen. Sie können mit ihren Wundergeräten sogar die Hirnregionen lokalisieren, wo Erinnerungen abgespeichert werden und ziehen dann daraus ihre Schlüsse.
Interessant ist das Ergebnis, das als erstes genannt wurde, denn es befasst sich mit dem frühesten Erinnerungspotential. Das autobiografische Gedächtnis entsteht erst nach den ersten drei Lebensjahren - "…davor fallen alle Erlebnisse der so genannten kindlichen Amnesie zum Opfer". Hier bekommen endlich einmal die Verfechter der "Realos" eine wissenschaftliche Unterstützung, die schon immer behaupteten, man könne sich an noch frühere Kindheitserlebnisse nicht erinnern - alles andere wäre "Nachgeplabbere". Es wäre sogar noch wünschenswert gewesen, nach Geschlechtern zu unterscheiden. Da meine ich, dass dies zugunsten der Mädchen auslaufen müsste.
Wenn ältere Männer behaupten, sie können sich sogar minutiös an Ereignisse erinnern, als sie noch nicht drei Jahre alt waren, bekomme ich immer "son Hals!" und behaupte weiterhin, dass dies nicht nur unwahrscheinlich ist, sondern schlichtweg eingebildet.
Je älter der sich erinnernde Mensch wird, so eine weitere These, umso abgeklärter wird seine Erinnerung an die frühesten Erlebnisse, das Gehirn verarbeitet diese schließlich sogar wie Faktenwissen, daher verändern sich die inzwischen zurecht gelegten Folgeabläufe nicht mehr und es wird schwierig, Fehler in diesem Erinnerungsbild nachträglich durch echte Fakten zu berichtigen.
Je weiter die Erinnerung in der Vergangenheit liegt, desto mehr distanziere man sich von ihr auf der emotionalen Ebene. "Erinnerungen verändern sich mit jedem Abruf", meint einer der Forscher, aber das ist nach unseren Erfahrungen durchaus nicht immer so. Wir jedenfalls haben autobiografische Berichte von Gruppenmitgliedern gehört, die beim Vorlesen ihrer eigenen Geschichte nicht nur ins Stocken kamen sondern sogar darum baten, ein anderer möge das Manuskript weiter vorlesen, weil die Autoren durch ihre Emotionen übermannt wurden. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich dies wiederholen würde, wenn sie diese Geschichten an anderer Stelle nochmals vortragen würden.

Was hier allerdings mit großer Genugtuung nachvollzogen werden kann, ist die Behauptung, dass man  von seinem eigenen Gedächtnis auch gefoppt werden kann. Unter der Überschrift: "Illusionen des Gedächtnisses sind durchaus normal" behauptet eine US-amerikanische Studie, jeder vierte Erwachsene habe falsche "Erinnerungen" aus seiner Kindheit erfunden. Je schlechter das Gedächtnis sei, desto größer sei auch das Risiko, sich vergangene "Erlebnisse" einzubilden.
Auch das könnten wir empirisch belegen. Bei der Vielzahl der von hier bereits redigierten Geschichten kamen immer wieder einmal seltsame Behauptungen zu Fall, davon ist niemand ausgenommen.

Eine kleine Liste mag das belegen:

Die Liste könnte beliebig fortgesetzt werden.

Fritz Schukat, Lentföhrden im März 2008