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Unsichtbar

Hartmut KennhöferAls Kinder haben wir es uns oft gewünscht – Sie nicht auch? - unsichtbar werden zu können! Spätestens als Joanne K. Rowling ihren Harry Potter und sein Tarncape erfand, dass ihn unsichtbar werden ließ, haben wir uns an unsere Kinderträume erinnert. Seien Sie ehrlich, ging es Ihnen nicht auch so?

Nun – ICH habe es endlich geschafft! Aber freuen tut es mich nicht – ehrlich nicht! Die Erkenntnis, dass es kein Cape oder Zauber braucht kommt spät – für mich erst im Rentenalter!

Neulich an der Kasse: Rentner haben immer Zeit - mit diesen Worten drängelt sich eine jung dynamische mit ihrem übervoll gepackten Einkaufswagen an mir vorbei. Den Vorteil, dass Sie schneller laufen konnte als ich hat sie dabei gnadenlos genutzt – aber, sie muss mich noch gesehen haben, sonst hätte sie mich wohl nicht angesprochen. Nein, nein, habe ich zu ihr gesagt – die Würmer lassen sich noch ein wenig Zeit und die Vorfreude ist doch bekanntlich die schönste aller Freuden.

Heute aber, heute ist der Tag, an dem es passiert ist! Ich bin gänzlich unsichtbar geworden! Ganz ohne Tarnzelt, -kappe oder -cape!

Wie ich das angestellt habe, werden Sie fragen? Nun – ich war einfach mit dem Fahrrad im normalen Straßenverkehr unterwegs.

Nur noch schnell einen Brief an meine Krankenkasse einstecken – ein bisschen schwerer als sonst, deshalb zur Kinderpost am Markt – und weil ich keine 90 Cent-Briefmarke bei der Hand hatte. Also schnell aufs Fahrrad und die 5 Minuten zur Post, die jetzt in einem Schreibwarenladen untergebracht ist und nicht immer Briefmarken hat, weil sie gerade ausverkauft sind. Hätte ich auch nie geglaubt, das es so etwas mal geben würde!

Also, wie gesagt, aufs Fahrrad und den Brief zur Post gebracht, oder was von der noch übrig ist. In der Einfahrt zum Sportplatz in die linke Spur eingeordnet, Rechtsabbieger konnten so rechts an mir vorbei, ohne dass ich sie behindern würde, Linksabbieger müssten so wie so den fließenden Verkehr vorbeilassen, also würde ich sie auch nicht behindern.

Er floss, und floss, und floss – der fließende Verkehr – Rush Hour nennt man das heute – oder Berufsverkehr, jedenfalls ist die Stunde gemeint, in der der tägliche Wahnsinn auf der Straße tobt und Sie als Radfahrer oder Fußgänger völlig unsichtbar werden – besonders, wenn Sie im Rentenalter sind!

War die Straße von rechts endlich frei, kamen die Kolonnen von links und umgekehrt – die meiste Zeit tobte der Verkehr auf allen Fahrspuren. Hinter mir fuhr ein Autofahrer links neben mich, sicher konnte der bei diesem Verkehr das, was ich nicht konnte, links abbiegen! Und ganz sicher tat er es, weil er mich nicht sehen konnte - ich war für ihn unsichtbar!

Jetzt bog einer von der Straße kommend nach rechts in die Einfahrt, in der ich mit meinem Fahrrad stand. Auch er sah mich nicht, weil ich unsichtbar war und fuhr mir fast über den Fuß, den ich eilig beiseite nehmen musste, damit er nicht allzu platt gefahren wurde.

Nach einer gefühlten Stunde endlich die erhoffte Lücke und mit einem Spurt über die Straße. Hoffentlich schaffe ich das auch noch in 10 oder 20 Jahren mit dem Rollator!

Auf der Rücktour habe ich mich daran erinnert, dass ich ersten unsichtbar bin, zweitens im Rentenalter und Zeit habe und drittens, dass es in der Nähe eine Ampel gibt. Also, den Umweg nicht scheuend, an der Ampel die Straße überquert.

Ich bin davon überzeugt, dass der arme Autofahrer, den die Fußgängerampel gestoppt hatte, deren Sinn nicht verstanden hat, es war zwar Rot und er musste warten, aber niemand ging über die Straße!

 

Letzte Meldungen: - Ein Autofahrer ist im ostfriesischen Burhafe in eine Gruppe Radfahrer gerast und hat dabei einen 20-jährigen Mann und eine 42 Jahre alte Frau getötet. Sieben weitere Radfahrer wurden schwer verletzt, bei manchen ist der Zustand laut Polizeiangaben noch kritisch. Zudem gebe es mehrere Leichtverletzte.

Der schreckliche Verkehrsunfall in den Hamburger Vier- und Marschlanden, bei dem am Donnerstag ein 33-Jähriger ums Leben kam, löst vor allem unter Fahrradfahrern Bestürzung aus - aber auch Verärgerung. Ein Lastwagen war beim Überholen eines Radfahrers in eine Gruppe von Radrennradfahrern auf der Gegenfahrbahn gerast, dabei kam ein Radsportler ums Leben, drei weitere wurden verletzt.

Übrigens verunglückten im Jahr 2011 deutschlandweit mehr als 76.700 Radfahrer. Fast 400 Menschen kamen dabei ums Leben. Damit ist die Zahl der verunglückten Radfahrer im vergangenen Jahr ist wieder stark angestiegen, nachdem sie 2010 ihren Tiefstand nach zehn Jahren erreicht hatte.

Hartmut Kennhöfer, 18. August 2012