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Eiskalt in den Freihafen gesteckt

Nachdem ich als Vertretungspersonal in zwei von drei Touren in den Hamburger Freihafen eingewiesen wurde, kam die dritte dran. In diese Tour wurde ich leider nicht eingewiesen, da es zu diesem Zeitpunkt einen Personalengpass gab. Ich wurde eiskalt erwischt, denn ich kannte keine einzige der vielen Abgabestellen auf dieser längsten Tour durch den Freihafen. Das waren ungefähr 60 Kilometer von Altona, St.Pauli über Steinwerder bis zum Schuppen 91 und wieder zurück. Hier mussten auch die Auslandssendungen auf einem Zollübergabebogen schriftlich eingetragen werden. Das kannte ich zwar von den zwei anderen Touren. Aber hier hatte ich ja einen Experten von der Nachbar-Tour, den ich bei Problemen fragen konnte, und Ernst war für mich eine große Hilfe, denn wir bekamen die Sendungen von einer anderen Dienststelle zugeführt. Jetzt musste ich meine Sendungen nach der vorgeschriebenen Fahrtfolge zusammenstellen.

Natürlich hatte ich beim ersten Mal auf einer neuen Tour Lampenfieber. Es klappte aber alles sehr gut. Das Einladen dauerte am längsten. Von den drei Touren waren die meisten Sendungen für meinen Bezirk im Freihafen. Deshalb hatte die Dienststelle einen VW-Typ2-Hochraum-Kastenwagen für diese Tour im Einsatz.

Ich startete in Altona nach den St. Pauli Landungsbrücken fünf zum alten Elbtunnel. Der wurde 1911 eröffnet und war die allererste Flussuntertunnelung des europäischen Kontinents. Mit einer Länge von 426,5 Meter war er eine technische Sensation. Der Tunnel verbindet die Landungsbrücken am Nordufer der Elbe mit der Elbinsel Steinwerder.

An den beiden Einfahrten, im Norden und Süden, gibt es vier große Fahrkörbe. Hier können Menschen und Fahrzeuge bis zu einer bestimmten Achsbreite 24 Meter in die Tiefe befördert werden. Die Spurmaße für Fahrzeuge betragen in der Breite 1,90 Meter, in der Länge 9,50 Meter und in der Höhe 3,40 Meter. Lastkraftwagen dürfen den Tunnel nicht befahren und es besteht eine Entgeltpflicht von zwei Euro für eine Durchfahrt. Seit 2003 steht der Tunnel unter Denkmalschutz.

Der Einweiser vom alten Elbtunnel zeigte mir per Handzeichen, in welchen Fahrkorb ich mit dem Kastenwagen fahren sollte. Mit meinem Behördenfahrzeug brauchte ich keine Gebühr zu entrichten. Unten angekommen musste ich im Schritttempo durch die rechte Tunnelröhre fahren. Am Südufer der Elbe, auf Steinwerder, wurde ich wieder eingewiesen. Man zeigte mir, welchen Fahrkorb ich nehmen darf, um nach oben befördert zu werden. Bei der Ausfahrt musste man auf die Fußgänger aufpassen, die auch mit dem selben Fahrkorb befördert wurden und ihn vor den Fahrzeugen verließen.

Im Freihafen, Kräne an der Pier
Im Freihafen, Kräne an der Pier Foto: Dieter Scholz

Dann wurden nach einer bestimmten Fahrtfolge die Sendungen der Tour ausgeliefert. An der ersten Straße befand sich ein Hinweisschild auf die Warenannahme der großen Werft Blohm & Voss. In der alten großen Halle musste ich an die Rampe rückwärts heransetzen. Hier wurden alle Sendungen gezählt und von den Mitarbeitern der Werft entgegengenommen. Sendungen mit Gebühren und gegen Unterschrift mussten extra aufgeführt werden. Mit der Liste der zugestellten Sendungen musste ich in ein kleines, abseits stehendes Bürogebäude gehen. Dort erhielt ich die Zustellgebühren und Nachgebühren in D-Mark, was auch eine gewisse Zeit dauerte. Zum Schluss ging es noch zu einigen Abgabestellen von Fremdfirmen, die auch auf dem großen Werftgelände vertreten waren. Die Firmen waren aber auch gut ausgeschildert, doch ich durfte auf dem Gelände nur Schritttempo fahren, was nervte.

Allerdings hatten diese Firmen leider recht unterschiedliche Pausenzeiten. Auch herrschte auf dem Werftgelände viel Kranbetrieb. Manchmal wurden einzelne Schiffsteile im Rohbau versetzt. Dann wurde der Platz für mehrere Minuten gesperrt. Das war ein Schauspiel, was man nicht alle Tage zu sehen bekam. Am Ende hatte ich alle Sendungen auf dem Werftgelände zugestellt.

Das nächste Ziel war der Reiherdamm mit seinen vielen Firmen. Dann wurde ein großes Materiallager von Hapag Lloyd mit Post beliefert. Es war eine große Halle, in der sich ein großer Tresen befand, wo ich die Sendungen draufgelegte. An den Hochregalen waren die Schiffsnamen angebracht. Hier lagerten die vielen, teils sperrigen Ersatzteile für die Schiffsflotte. Weiter ging es in das Haupthaus an der Straße, wo einige Firmen ihren Sitz hatten. Als nächstes fuhr ich zu den nummerierten Schuppen, die als Lager für die vielen Waren dienten, die mit den Schiffen in Hamburg ankamen. Die Straßenzüge entsprachen den Schuppennummern, so war die Orientierung recht einfach.

Am Wortdamm musste man sich erst an den Geruch in der Luft gewöhnen. Hier gab es zwei große Schmierstoffwerke und ein Werk für Paraffinwachse. Am Ellerholzdamm gab es eine Ölfabrik für chemische Erzeugnisse, auch hier roch es auch immer recht stark. Weiter ging es zu einer Reparaturschiffswerft sowie einer Taucherfirma und der Norderwerft. Natürlich warteten auch viele Hafenfirmen schon ungeduldig auf ihre Sendungen. Weiter ging es zur Buchheister Straße, wo auch einige Hafenfirmen ihren Sitz hatten. Heute ist hier nur noch das dritte Hamburger Kreuzfahrtterminal Steinwerder, mit den vielen Parkplätzen auf dem Gelände.

Die nächste Station meiner Tour war der Rossdamm Richtung Köhlbrandbrücke. Vor der Brücke aus ging es rechts in die Breslauer Straße und dann nächste Straße rechts rein, am Travehafen. Hier waren die Schuppen 80 und 81. Auf der Kaianlage von Schuppen 80 hatte die große Reederei Hamburg-Süd ihren Umschlagplatz. Die Schiffe erkennt man von weitem, auch die Container – alles in Rot. Im Großen Schuppen 80 befand sich ein Bürocontainer, wo ich die Sendungen abgeben konnte. Jetzt ging es zum Rossweg, hier gab es die bekannte Maschinenbaufirma MAN, die Großdieselmotoren und Dampfturbinen für Schiffe baute.

Gesprengter U-Boot Bunker in Hamburg
Ehem. U-Boot-Bunker im Hafen, Hamburg, Deutschland. Wahrscheinlich Elbe II auf dem ehemaligen Gelände der Howaldtswerke. Foto: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / "Hamburg, Gesprengter U-Boot-Bunker -- 1981 -- 0035" / CC BY-SA 4.0

Jetzt ging es zum Rossweg 20, wo sich die große Schiffswerft Werk Ross (ehemals Howaldtswerke Hamburg), befand. Bewacht wurde das Gelände vom Werkschutz, und ohne Anweisung kam niemand auf das Gelände, auch nicht runter. Alle Sendungen wurden an einer Stelle abgegeben und ich kassierte dort auch die Gebühren.

Der weitere Weg ging am alten gesprengten U-Boot-Bunker am Vulkanhafen entlang, der von einem Sicherheitszaun aus Metall umgeben war. Hier lagen unter dem zerstörten Beton noch lange nach dem Krieg Hitlers Wunderwaffen, drei U-Boote vom Typ XXIDie U-Boot-Klasse XXI, offiziell Typ XXI genannt, war eine deutsche U-Boot-Klasse, die von 1944 bis 1945 gebaut wurde. Diese Boote waren die modernsten ihrer Zeit und wurden wegen ihrer großen Akkumulatoranlage, mit der sie sehr viel länger als andere zeitgenössische Typen unter Wasser operieren konnten, als Elektro-U-Boote oder Elektroboote bezeichnet.Klick für Wikipedia. Der Vulkanhafen wurde 1999 bis 2003 zugeschüttet. Am Container-Terminal Tollerort wurden die Sendungen im Verwaltungshochhaus abgegeben.

Als nächstes fuhr ich zum Köhlbranddeich 1, dem Klärwerk Köhlbrandhöft. Die Hamburger Stadtentwässerung gibt es schon rund 160 Jahre. Auf dem Betriebsgelände waren viele Klärbecken, dort roch es nicht gut. So musste man die Scheibe von der Fahrertür immer hochkurbeln und geschlossen halten, denn Ende der 1970er Jahre, gab es noch keine elektrischen Fensterheber im Auto. Zehn der jeweils 8000 Kubikmeter fassenden, 30 Meter hohen Faultürme, sahen früher aus wie riesige Eier aus Beton. Heute sind sie mit einem silbernen Material verkleidet. – Dann ging es zum Köhlbranddeich 30, der Hafenfachschule, die heute einen anderen Namen hat. Über mir, hoch oben auf der Köhlbrandbrücke sah man die vielen LKW, die sich über die Brücke quälten.

War die letzte Sendung zugestellt und das Dienstfahrzeug leer, fuhr ich zurück von Steinwerder über die Neustadt, St.Pauli, in Richtung Altona zu meinem Postamt. Man hatte mich mit dieser Tour, so ganz ohne Einweisung, förmlich ins eiskalte Wasser geschmissen und ich war froh, dass ich diese neue Tour ohne größere Probleme bewältigen konnte. Den weiteren Arbeitsablauf nach Rückkehr in das Paketpostamt beschreibe ich hier nicht, weil ich mir nicht sicher bin, ob das nicht immer noch unter das Dienstgeheimnis fällt. Auch als Beamter im Ruhestand kenne das schöne Wort Dienstgeheimnis immer noch!