8Apr2021

Mensch der Woche

Michael Malsch

Anfang März 2021 sah ich mit meiner Frau zusammen die NDR-Sendung Mein Nachmittag an. Dort wird an jedem Donnerstag ein Beitrag mit dem Titel Mensch der Woche gesendet. In diesem Beitrag werden Menschen geehrt, die sich ehrenamtlich für eine gute Sache einsetzen.

Ich mache seit sieben Jahren in der Erinnerungswerkstatt mit, die im November 2004 gegründet wurde. Hartmut Kennhöfer ist der einzige, der seit Beginn dabei ist. Er ist der Motor der Gruppe und macht diese Aufgabe mit Herzblut und großem Engagement. Unzweifelhaft, dass ohne ihn die Gruppe nicht mehr existieren würde.

Als wir nun an jenem Donnerstag den Beitrag Mensch der Woche sahen, sagte meine Frau zu mir: Das wäre doch eine angemessene Ehrung für Hartmut. – Noch am selben Tag schrieb ich eine Mail an den NDR und schlug Hartmut als Mensch der Woche vor. Und bereits zehn Tage später bekam ich Antwort von Herrn Braun, Journalist beim NDR-Fernsehen, Programmbereich Zeitgeschehen. Er war sehr interessiert an meinem Vorschlag und blockierte auch gleich den Osterdienstag als Drehtermin, um Hartmut mit einem Blumenstrauß zu überraschen.

Inzwischen hatte ich zwei Komplizinnen, auch Redakteurinnen der Erinnerungswerkstatt, eingeweiht. Wir überlegten uns, wie wir es anstellen könnten, dass Hartmut nichts mitbekäme. Wir mussten sicherstellen, dass wir ihn am Drehtermin zu Hause antreffen. Hartmuts Frau konnten wir schwer erreichen, denn Hartmut war meist schneller am Telefon.

Herr Braun machte schließlich den Vorschlag der offenen Variante: Ich sollte Hartmut erzählen, dass das NDR-Fernsehen am Osterdienstag ein kleines Interview über die Erinnerungswerkstatt machen möchte.

 © NDR Mein Nachmittag, Sendung vom 8. April 2021  Mit freundlicher Genehmigung: C.Braun, NDR, Mein Nachmittag © 2021

Nun musste ich mir nur noch einfallen lassen, wie der Kontakt zum NDR zustande gekommen war, damit Hartmut keinen Verdacht schöpft. Ich wusste, dass Renate, die Freundin meiner Tochter Isabel, beim NDR arbeitet. So schob ich diese Verbindung vor und berichtete im internen Forum der Erinnerungswerkstatt, dass so der Kontakt zustande gekommen und der Wunsch nach einem kleinen Bericht über uns entstanden sei. Dann machte ich den Vorschlag, dass wir unser monatliches Treffen, das wir seit Pandemiebeginn als Videokonferenz abhielten, auf den Termin legen könnten. Alle stimmten zu, auch Hartmut. Er wollte zum Treffen einen Laptop in seiner überdachten aber nach drei Seiten offenen Laube aufbauen. So hätten wir bei schlechtem Wetter ein Dach über dem Kopf, aber trotzdem frische Luft, um dem Virus keine Chance zu geben.

Nun begann für mich die Vorbereitung. Herr Braun schlug vor, dass möglichst viele Gruppenmitglieder eine kurze Videobotschaft aufnehmen sollten, in der sie Hartmut ihren Dank für seine Arbeit aussprechen. Diese sollten in den Bericht eingebaut werden. Alle Angesprochenen waren sofort bereit und so hatte ich bald acht Videobotschaften zusammen, die ich Herrn Braun zuschickte. Außerdem wünschte er sich noch ein oder zwei Fotos aus ein paar unserer Zeitzeugengeschichten mit einem kurzen Audio-Text dazu, die in den Beitrag integriert werden sollten. Auch diesen Wunsch konnte ich mithilfe meiner Mitstreiter erfüllen.

In den folgenden Tagen machte ich mir Gedanken darüber, was ich sagen könnte, wenn Herr Braun mich vor der Kamera befragen würde, warum ich Herrn Kennhöfer zum Menschen der Woche vorgeschlagen hatte, denn ein guter Redner war ich noch nie. Aber Herr Braun beruhigte mich. Es sei das Beste, sich keinen Kopf zu machen sondern spontan zu antworten. Ich versuchte, es zu beherzigen. Und eigentlich war mir die Antwort klar: Hartmut ist der Gründer, Motor und Webmaster der Erinnerungswerkstatt, der die Gruppe mit viel Herzblut, Begeisterung und großem Engagement zusammenhält. Und das alles ehrenamtlich.

Endlich kam der Osterdienstag, alle Beteiligten waren getestet und negativ. Natürlich war Ich nervös, denn ich wollte, dass die Überraschung gut gelingt. Um zehn Uhr kam Herr Braun mit zwei Kollegen für Bild und Ton zu mir. Ich begrüßte die Herren an der Tür und dann setzten wir uns ins Wohnzimmer, um uns – was mich betrifft so zwanglos wie möglich – bei laufender Kamera zu unterhalten. Anschließend fuhren wir im Konvoi zu Hartmut. Der hatte schon allerlei Materialien zusammengestellt und war nun dabei, die Videokonferenz einzuleiten. Der Kaffee stand schon auf dem Tisch in der Laube. Das Wetter wechselte zwischen strahlendem Sonnenschein und dicken Hagelkörnern.

Die Unterhaltung verlief zwanglos. Herr Braun stellte Fragen und Hartmut berichtete über die Erinnerungswerkstatt und die von uns in fast 17 Jahren zusammengetragenen 1.700 Zeitzeugenberichte. Dann übergab Herr Braun Hartmut fast beiläufig sein Tablet mit den Worten: Sehen Sie sich das hier mal an. Alle waren still, nur die Kamera lief und auf dem Tablet liefen die von Herrn Braun zusammengeschnittenen Videobotschaften ab. – Für mich war es der bewegendste Moment des Tages.

Inzwischen war Herr Braun unbemerkt verschwunden und hatte einen sehr schönen Blumenstrauß mit lila roten Gerbera, Rosen und weißen Pfingstrosen aus dem NDR-Bus geholt. Den überreichte er Hartmut und erklärte ihm, was es mit dem Beitrag Mensch der Woche auf sich hat. Hartmut hatte tatsächlich keine Ahnung gehabt, dass das Interview nur Mittel zum Zweck war. Die Überraschung war vollständig gelungen.

Zwei Tage später lief der Beitrag Mensch der Woche in der Sendung Mein Nachmittag über den Sender. Und nun bin ich gespannt, wie sich der Beitrag auf die Zugriffszahlen auf unsere Homepage auswirken wird.

Michael Malsch, 8. April 2021