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Kriegsjahre in der Rhön
aus der Kinderlandverschickung in den Feuersturm

Es ist 1941. Ich bin zu der Zeit acht Jahre alt. Häufig war in den Nächten Vollalarm und es wurde auch mal hier und da bombardiert. Aber ebenso oft gab es auch nur Voralarm und nach einer gewissen Zeit wieder Entwarnung. Diese stete Wiederholung, ohne dass etwas Grundsätzliches geschah, war sicherlich einer der Gründe, warum mein Vater häufig bei Alarm im Bett blieb, während meine Mutter und ich in den hauseigenen Luftschutzkeller gingen.

Wir wohnten in Hamburg-Eilbek, Eilbeker Weg 82, dritter Stock. Neben unserem Haus war ein Gemeindehaus, dort ging ich sonntags zur Sonntagsschule. Daneben stand ein großer Luftschutzbunker. An Tagen nach nächtlichen Angriffen und nach Schulschluss schnappten die Jungs sich ihre Zigarrenkisten und suchten nach Granatsplittern, die zum Teil irre aussahen. Für uns Kinder war das ganz schön spannend.

Ich glaube, meine Eltern sahen das etwas anders. Sie hatten für mich eine sichere und ruhigere Gegend gewählt, in der ich fernab von den Bombenalarmen wohnen und zur Schule gehen konnte. Ich kam zu einer Lehrerfamilie, die selbst einen Sohn in meinem Alter hatte, in ein kleines Dorf in der Rhön, nach Silges an der Wasserkuppe, im Landkreis Fulda. Bald kamen noch vier weitere Jungen aus deutschen Landen hinzu.

In dem großen Haus war die Dorfschule mit mehreren Klassen untergebracht. Die andere Hälfte des Hauses war für die Familie Sykula und die Oma, der Mutter der Frau Sykula, Oma Le Holiele aus Hanau. Wir Kinder schliefen alle in einer Reihe an einer Dachschräge, und im Winter, wenn es kalt war, glitzerte die Wand wie Kristall von unserem Atem. Wir wurden in der Schule von Herrn Sykula unterrichtet.

Vor dem Unterricht gab es Frühstück. Das hieß sich beeilen, um eine große Schnitte Brot zu bekommen, denn die Brotscheiben waren schon geschmiert, geschnitten von einem runden Brotlaib, und lagen auf einer großen Platte, die kleinen Scheiben unten und die großen oben.

Nach dem Unterricht Hausaufgaben machen und ein Mal pro Woche nach Hause schreiben. Im Anschluss daran wurden Aufgaben um das Haus herum verteilt. Im Gemüsegarten gab es für jedes der Kinder eine Fläche zur Pflege.

Wir hatten Hühner, Gänse, Enten, Schafe am Haus und Schweine beim Bauern nebenan. Weitere Möglichkeiten, den Tag zu gestalten, waren: Die Tiere füttern, Ställe säubern, bei den Hühnern die Eier einsammeln, spielen oder dummes Zeug machen, mit den Gänsen auf die abgeernteten Felder ziehen, um diese zu stoppeln. Nachdem sich die Tiere einen dicken Kropf angefressen hatten, stieß der Ganter plötzlich einen gellenden Schrei aus und breitete seine Flügel aus. Alle Gänse taten das Gleiche. Mit gewaltigem Lärm, Geschrei und Brausen flogen sie davon. Das Feld lag auf einer Anhöhe und ich konnte sehen, wo sie landeten: Am Fluss, der durch das Dorf floss, die Elster. Mir wurde angst und bange, ich rannte völlig kopflos ins Dorf. Was war passiert? Die Dorfkinder fanden das spaßig, ich hatte versäumt, einen Eimer Wasser mitzunehmen, denn die Tiere hatten furchtbaren Durst von dem Getreidefutter.

Toll war auch, wenn wir bei den Bauern auf dem Feld mithelfen durften, beispielsweise das Heu mit großen Holzrechen wenden oder auf dem Hof mit anfassen. Dann durften wir beim Essen mit am Tisch sitzen, mit der Familie, den Mägden und uns, die wir geholfen hatten. Zuerst das Tischgebet und dann kam ein großer Topf oder eine Schüssel mitten auf dem Tisch und dann hieß es: guten Appetit. Das war so ganz anders als unser Essen in der Schule. Am Ende des Dorfes war ein kleines Backhaus. Dort haben auch unsere Oma und Frau Sykula mitgebacken. Große flache Backbleche mit Kuchen (Plaaz). Das waren schöne Tage.

Die kleine Kirche war mitten im Dorf, dorthin gingen wir jeden Sonntag zur Andacht. Einkäufe und Besorgungen, soweit sie von uns Jungs erledigt werden konnten, wurden in Hünfeld getätigt. Der Weg dorthin war eine einfache Landstraße ohne Autoverkehr, manchmal ein Pferd mit Wagen. Auf beiden Seiten der Straße standen große Maulbeerbäume, da vertrödelte man ganz viel Zeit.

Die Schulferien verbrachten wir Kinder zu Hause bei den Eltern. Weihnachten bekam jedes Kind von der Oma ein Paar Schafwoll-Roll- oder Krempel-Socken. Das war das Größte für uns. Man trug sie über den Kniestrümpfen und krempelte sie über die Schnürstiefel, das sah sehr gut aus, und warm waren die Füße auch. Von Oma selbst gestrickt von unserem Schaf Betty. Für die Eltern gab es eine Gans und irgendwelche Lebensmittel. Die Freude war riesig.

In der kalten Jahreszeit war Schlachtzeit. Wurde ein Huhn geschlachtet, musste man es mit beiden Händen fest umfassen, mit Hals und Kopf auf einen Hauklotz halten und der Bauer schlug mit einem kräftigen Schlag mit dem Beil den Kopf ab. Jetzt bloß nicht loslassen, sonst fliegt es noch davon.

Wenn ein Schwein geschlachtet wurde, waren alle auf den Beinen, das war der Höhepunkt überhaupt. Mit dem Bolzenschussgerät wurde es getötet. Riesige Waschzuber mit kochendem Wasser standen bereit, jede Hand wurde gebraucht, es ging rund.

Der nächste große Ferienblock waren die Sommerferien. Meine Mutter und meine Tante, die Schwester meiner Mutter, hatten sich angekündigt, mich abzuholen. Wir fuhren mit Pferd und Wagen nach Hünfeld, von dort mit dem Bummelzug bis Fulda und von dort mit dem Schnellzug bis Hamburg-Hauptbahnhof. Es war der 24. Juli 1943. Kurz vor Hamburg sah ich schon riesige Scheinwerfer den Himmel absuchen.

Als wir am Hauptbahnhof auf die Straßenbahn warteten, setze Voralarm ein. Die Straßenbahn kam und wir fuhren die Wandsbeker Chaussee bis Ritterstraße. Den Rest des Weges musste man zu Fuß gehen bis zum Eilbeker Weg 82. Mutti sagte zu mir: Hoffentlich ist Vati aufgestanden und angezogen, denn meistens blieb er im Bett.

Ich stürmte die Treppe hoch in den dritten Stock, Vati war angezogen, ich lief ins Wohnzimmer, meine Spielecke begucken und den Kaufmannsladen, alles war da. Jetzt Vollalarm – Meine Mutter nahm die Ledertasche mit allen wichtigen Unterlagen, die immer griffbereit stand. Meine Tante war mit der Straßenbahn bis Friedrichsberg weitergefahren.

Wir gingen gemeinsam in den Hauskeller, um abzuwarten. Plötzlich eine gewaltige Detonation, die alles erschütterte, irgendwie hatten alle Angst aber waren auch ganz still. Die Tür wurde aufgerissen, der Luftschutzwart kommt rein und sagt laut aber bestimmt: Das Haus ist getroffen und es brennt, bitte alle rüber in den Luftschutzbunker.

Vati versuchte noch, ins Treppenhaus zu gelangen, aber er kam nicht weit. Mein schönes Spielzeug, alles auf einen Schlag weg! Keine Wohnung mehr. Was nun?